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Sarhan Dhouib (Hrsg.): Toleranz in transkultureller Perspektive

Cover Sarhan Dhouib (Hrsg.): Toleranz in transkultureller Perspektive. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. 325 Seiten. ISBN 978-3-95832-047-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

In den aktuellen politischen Debatten auf nationaler und internationaler Ebene spielt der Begriff der Toleranz eine große Rolle. Je vielfältiger eine Gesellschaft ist, umso wichtiger ist es, dass ihre Mitglieder diese Pluralität anerkennen und respektieren, sich also in Toleranz üben. Die Vorstellungen, was mit Toleranz gemeint ist, gehen dabei jedoch weit auseinander. Insbesondere zwischen der alltäglichen Verwendung des Begriffs und einer normativen Auslegung gibt es große Unterschiede. Toleranz hat im allgemeinen Sprachgebrauch eine vornehmlich positive Bedeutung. Der Begriff Toleranz kommt vom lateinischen Wort „tolerare“. Toleranz ist die Tugend der pluralistischen Gesellschaft. Das Wort kann aber auch Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisse ausdrücken.

Der vorliegende Sammelband widmet sich dem Thema Toleranz in transkultureller Perspektive und stellt das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Universität Kassel und der Universität Tunis dar. Mit dem Sammelband beteiligen sich deutsche und arabische Wissenschaftler/​innen an der Debatte um Toleranz und Intoleranz in transkultureller Perspektive. Durch den dialogischen Aufbau werden unterschiedliche philosophische Stimmen miteinander ins Gespräch gebracht. Dabei werden Begriffe und Auffassungen von Toleranz bzw. von Intoleranz, die Herausforderungen des Pluralismus für ein friedliches Zusammenleben und die Bedeutung der Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit in Zusammenhang mit dem Kanon der Menschenrechte auf nationaler sowie internationaler Ebene kontrovers diskutiert.

Die Beiträge dokumentieren die Akten der Tagung Toleranz in transkultureller Perspektive, die vom 25. bis 28. September 2013 in der Nationalbibliothek in Tunis stattfand. Diese Beiträge bieten Antworten auf die Fragen nach den Definitionen, Bedingungen, Prinzipien, Ausdrucksformen, aber auch Grenzen der Toleranz sowie nach dem Umgang mit dem kulturellen, politischen und religiösen Pluralismus in etablierten Demokratien sowie im Demokratisierungsprozess. Somit gewinnt die Problematik der Toleranz komplexe religiöse, politische und gesellschaftliche Dimensionen

Die Frage nach der Toleranz stellt sich stetig für das Zusammenleben der Menschen verschiedener Überzeugungen und Ansichten; sie wird innerhalb diverser Kulturen unterschiedlich gelebt und interpretiert.

Eine zentrale Bedeutung im vorliegenden Buch übernehmen die Begriffe und Konzepte von »Toleranz«, »transkulturelle Perspektive« und die davon abgeleiteten Kategorien. Zentral wird in der Arbeit der Begriff der Toleranz verwendet.

Herausgeber und Autor:innen

Sarhan Dhouib, seit 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Hildesheim. 2010–2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie an der Universität Kassel. Forschungsschwerpunkte: Deutsche klassische Philosophie, Politische Philosophie, Kulturphilosophie, klassische und moderne arabische Philosophie, Interkulturelle Philosophie. Veröffentlichungen (Auswahl): Gerechtigkeit in transkultureller Perspektive (Hg., 2016); Sprache und Diktatur. Formen des Sprechens, Modi des Schweigens (Hg., 2018).

Der Sammelband enthält Beiträge von:

  • M’hamed Ait Hammou,
  • Yvonne Albrecht,
  • Azelarabe Lahkim Benanni,
  • Mounira Ben Mustapha Hachana,
  • Claire Block, Sarhan Dhouib,
  • Franziska Dübgen,
  • Nadia El Ouerghemmi,
  • Stefan Gosepath,
  • Henning Hahn,
  • Steffi Hobuß,
  • Mareike Christine Kajewski,
  • Matthias Katzer,
  • Markus Kneer,
  • Mohamed Lachhab,
  • Georg Lohmann,
  • Jocelyn Maclure,
  • Fethi Meskini,
  • Soumaya Mestiri,
  • Salah Mosbah,
  • Walter Pfannkuche,
  • Hans Jörg Sandkühler,
  • Mongi Serbaji,
  • Dirk Stederoth,
  • Mounir Tibaoui,
  • Fathi Triki,
  • Mohamed Turki sowie Véronique Zanetti.

Aufbau und Inhalte

 Der vorliegende Sammelband greift zentrale Aspekte auf, die für den Umgang mit Toleranz in transkultureller Perspektive von Bedeutung sind. Er ist in drei Themenkomplexe eingeteilt.

Das Buch gliedert sich in die folgenden Themenkomplexe:

  1. „Toleranz und Intoleranz: Begriffliche Annäherungen“
  2. „Toleranz und die Herausforderung des Pluralismus“;
  3. „Toleranz, Freiheit und Menschenrechte“.

Im ersten Themenkomplex („Toleranz und Intoleranz: Begriffliche Annäherungen“) werden begriffliche und konzeptionelle Annäherungen an Toleranz und Intoleranz aus verschiedenen systematischen und ideengeschichtlichen Blickwinkeln geboten. Der Gegenbegriff zu Toleranz ist die Intoleranz, in der Bedeutung „Unduldsamkeit“ im 18. Jahrhundert aus dem französischen intolérance entlehnt. Hier werden zum einen die normativen Dimensionen des Toleranzbegriffes herausgearbeitet und sein Verhältnis zum Kompromiss analysiert. Zum anderen wird die Rolle von Übersetzungen in der Entstehung von Begriffen wie Toleranz und Intoleranz in interkulturellen und dekolonialen Ansätzen diskutiert. Damit kann eine neue Herangehensweise an die Behandlung dieses Themas ermöglicht werden, die sich von der auf den Islam zentrierten Diskussion löst und auch bisher wenig beachtete Aspekte in der arabischsprachigen Debatte beleuchtet. Ein zweiter Themenkomplex widmet sich der Toleranz und den Herausforderungen des Pluralismus, denn ohne kulturelle, religiöse, sprachliche und politische Differenzen sowie Konflikte gibt es keine Möglichkeit, Toleranz zu denken. Dabei werden diverse Facetten des Pluralismus herausgestellt und verschiedene Formen der Alterität reflektiert, ohne jedoch die Frage nach den Grenzen von Toleranz außer Acht zu lassen. In diesem Zusammenhang lässt sich der Pluralismus in verschiedenen Kontexten artikulieren, wie in der Multikulturalismusdebatte, im feministischen Diskurs, in der phänomenologischen Diskussion, aber auch in der Neudeutung der klassischen islamischen Ḏimmī-Konzeption; seine Bedeutung für die Toleranz und ihre Grenzen wird in unterschiedlichen Absichten bearbeitet.

Ein zweiter Themenkomplex („Toleranz und die Herausforderung des Pluralismus“) widmet sich der Toleranz und den Herausforderungen des Pluralismus, denn ohne kulturelle, religiöse, sprachliche und politische Differenzen sowie Konflikte gibt es keine Möglichkeit, Toleranz zu denken. Dabei werden diverse Facetten des Pluralismus herausgestellt und verschiedene Formen der Alterität reflektiert, ohne jedoch die Frage nach den Grenzen von Toleranz außer Acht zu lassen. In diesem Zusammenhang lässt sich der Pluralismus in verschiedenen Kontexten artikulieren, wie in der Multikulturalismusdebatte, im feministischen Diskurs, in der phänomenologischen Diskussion, aber auch in der Neudeutung der klassischen islamischen Ḏimmī-Konzeption; seine Bedeutung für die Toleranz und ihre Grenzen wird in unterschiedlichen Absichten bearbeitet.

Der dritte Themenkomplex („Toleranz, Freiheit und Menschenrechte“) wendet sich der Diskussion um Toleranz, Freiheit und Menschenrechte zu. Hier wird einerseits das Verhältnis von Toleranz zur Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit kritisch betrachtet. Dabei können die Konflikte und Schwierigkeiten in der Legitimation einzelner Freiheiten besprochen und Anpassungsstrategien von Religionen an die Menschenrechte erläutert werden. Andererseits wird die Toleranz in Zusammenhang mit dem Kanon der Menschenrechte auf nationaler sowie internationaler Ebene untersucht. Im Zuge dessen wird neben spezifischen theologischen Perspektiven auch der Frage nach juristischen, menschen- und verfassungsrechtlichen Problemen, wie sie bspw. nach der Revolution in Tunesien diskutiert wurden, nachgegangen.

Zielgruppen

Der vorliegende Sammelband richtet sich an Praktikerinnen und Praktiker, denen Fragen der Toleranz und Intoleranz alltäglich begegnen, an Forscher*innen, die die Toleranzproblematik untersuchen, sowie darüber hinaus an all jene, die sich für Fragen nach den Definitionen, Bedingungen, Prinzipien, Ausdrucksformen, aber auch Grenzen der Toleranz sowie für den Umgang mit dem kulturellen, politischen und religiösen Pluralismus in etablierten Demokratien sowie im Demokratisierungsprozess interessieren. Der Band kann den Zielgruppen nur ausdrücklich empfohlen werden. Es dürfte ihnen eine wichtige Denk- und Arbeitshilfe sein.

Diskussion

Toleranz gilt als Maßstab demokratischer Gesellschaften und ist ein wichtiges Thema der öffentlichen Diskussion. Der vorliegende Sammelband setzt sich kritisch mit den Begriffen „Toleranz“ und „Intoleranz“ auseinander und regt zur Diskussion über Bedeutung und Grenzen von Toleranz an. Dieser Band ist das Ergebnis einer interdisziplinären und interkulturellen Zusammenarbeit, die von Prof. Dr. Walter Pfannkuche und Sarhan Dhouib am Lehrstuhl für praktische Philosophie initiiert und durchgeführt wurde. Der Sammelband bietet facettenreiche Reflektionen zur Debatte um Toleranz und Intoleranz in transkultureller Perspektive und bringt gegensätzliche philosophische Stimmen ins Gespräch. Der Band ist dialogisch aufgebaut, dadurch werden unterschiedliche philosophische Stimmen miteinander ins Gespräch gebracht. Er soll zur Dezentrierung des vorherrschenden islamozentrischen Fokus auf die Debatten um Toleranz beitragen und die asymmetrischen Wahrnehmungen unterschiedlicher philosophischer Traditionen und Kulturen kritisch hinterfragen.

Fazit

Alles in einem handelt es sich im Falle des vorliegenden Sammelbandes um ein sehr gelungenes und sehr zu empfehlendes Buch, das verschiedene Problemlagen und Lösungsansatze im Umgang mit Toleranz in transkultureller Perspektive darstellt. Er liefert in systematischer und gut strukturierter Form einen guten Überblick über die philosophische Diskussion zu Toleranz und Intoleranz, zitiert eine Vielzahl interessanter Studien und leistet einen inhaltlich interessanten Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Toleranz in transkultureller Perspektive. Die gesammelten Erkenntnisse machen den Band zu einer aufschlussreichen, wissenserweiternden und lohnenswerten Lektüre.


Rezension von
Dr. Olga Frik
Sibirisches Institut für Business und Informationstechnologien / Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 16.08.2021 zu: Sarhan Dhouib (Hrsg.): Toleranz in transkultureller Perspektive. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. ISBN 978-3-95832-047-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27704.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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