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Fiorenza Gamba, Marco Nardone u.a. (Hrsg.): COVID-19

Cover Fiorenza Gamba, Marco Nardone, Toni Ricciardi, Sandro Cattacin (Hrsg.): COVID-19. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive. Seismo-Verlag (Zürich) 2020. 364 Seiten. ISBN 978-3-03777-219-5. D: 33,00 EUR, A: 33,00 EUR, CH: 38,00 sFr.
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Thema

Die Aktualität des Themas liegt auf der Hand und selbstredend wird es auch sozialwissenschaftlich behandelt. So vermerken die Herausgeber*innen nach ihrem Vorwort in ihrer ausführlichen Einleitung: „Die folgenden Texte sind dazu da, den Reichtum und warum nicht, auch die Notwendigkeit einer sozialwissenschaftlichen Sicht auf unsere Gesellschaft und auf das, was sie heute und gestern charakterisiert, aufzuzeigen, um uns morgen besser orientieren zu können“ (S. 22). Das meint auch, dass „wir heute unter hohen Kosten (lernen), was morgen angesichts der epidemiologischen Herausforderungen als gewohnheitsmäßiges Verhalten erlebt werden wird“ (S. 21). Zu gewärtigen sei allerdings auch weiterhin: „Paradoxerweise erfordern komplexe Gesellschaften eine ständige Neugewichtung zwischen Konservatismus und Verhaltensänderung“ (S. 20). Im Buch soll hervorgekehrt resp. daran erinnert werden, „dass die biomedizinische Forschung auf gesundheitliche Herausforderungen reagiert, während die Sozialwissenschaften beobachten, erklären und dem, was wir erleben, Sinn verleihen: Sie tragen zum Verstehen bei“ und sie können durch „Beschreibung der Gegenwart mögliche Trends“ in oder für die Zukunft aufzeigen (S. 22 f.).

Die berechtigte Frage, was die Sozial- und Geisteswissenschaften, „die an den Rand der Entscheidungsprozesse gedrängt wurden“, „zur Analyse und zum Wissen und damit zum Management der COVID-19-Pandemie beitragen“ können und welche „spezifische Rolle (…) diese unterschiedlichen und zu den Life Sciences mit ihren biomedizinischen Ansätzen komplementären Disziplinen spielen“ können (S. 343), werden (u.a.) mit dem Hinweis darauf beantwortet, dass sie zur Beantwortung der Frage hinleiten, wie die in der Pandemie gemachten „Erfahrung in Zukunft zu einem Instrument der Orientierung werden kann oder (…) wie sie im sozialen Gedächtnis verankert werden kann“, wobei sich schon jetzt abzeichne, „dass Wege der Prävention und der individuellen Verantwortung für komplexe Gesellschaften geeigneter sind als staatliche Eingriffe in die individuellen Freiheiten“, deren Entzug zu „Misstrauen gegenüber den Institutionen“ führe. Nur folgerichtig dann der Schlusssatz: „Expertensysteme, selbst durch den Einbezug der Sozial- und Humanwissenschaften, können demokratische Prozesse nicht ignorieren, wollen sie nicht die Gefahr einer Rückkehr zur blinden Technokratie laufen“ (S. 354 ff.).

Die Autor*innen

Die Herausgeber*innen sind zugleich Verfasser*innen von Beiträgen des Sammelbandes und Professor*innen sowie Forscher*innen an der Universität Genf, wo auch die meisten, aber nicht alle Beiträger*innen beschäftigt sind, die an anderen Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig sind.

Inhalt

Das Buch besteht aus fünf Teilen mit jeweils mehreren Beiträgen, insgesamt einundzwanzig, nebst Vorwort und Einführung. Zahlreiche Mitarbeiter*innen haben zusammen mit den Herausgeber*innen zu speziellen Themenbereichen beigesteuert. Vorangestellt ist ein Verzeichnis der Abkürzungen. Gleich in der Einleitung ist ein Überblick über die einzelnen Beiträge zu finden.

Den Teil A: Gesellschaftliche Dynamiken eröffnet Toni Ricciardi mit einer historischen Rekapitulation von Gesundheitskrisen und ihre Bearbeitung sowie den Folgen. Auf dieser Folie kommt er zu dem Schluss, trotz allen Pessimismus bräuchten wir die „Kühnheit und den Weitblick, eine Welt geopolitisch neu zu denken“ (S. 43) Anschließend nimmt Sébastien Salerno kommunikative Aufnahmen von COVID-19 in der Spannbreite von Tweets der Schweizer Bundesbehörde bis zu fake news kritisch in den Blick und hält eine „allgemeine Intensivierung der Tweets aufgrund von COVID-19“ fest (S. 57). Marlyne Sahakians untersucht das Konsumverhalten, wie es sich während der Pandemie verändert hat und ggf. weiter verändern könnte. „Im Hinblick auf den Neustart unserer Gesellschaft ist es an der Zeit, über notwendige Grenzen und Konsumkorrekturen nachzudenken“ (S. 71), rät sie an. Was bedeuten Raum und Zeit für die Wirtschaft und somit auch für die Gesellschaft kreist Michel Bonvin ein und diskutiert, welchen Einfluss die Pandemie auf mögliche weitere Entwicklungen hat. Auch er hebt hervor, die jetzige Situation böte die Gelegenheit, „über die Art und Weise, wie wir funktionieren und wie wir unsere Gesellschaft gestalten, nachzudenken“ (S. 73). Diesen Teil abschließend konturiert Mathilde Bourrier die Probleme von Organisationen, die nach Maßgabe der Einschränkungen durch diese Krise gleichwohl ihre Aufgaben erfüllen müssen. Nach einer Reihe von kritischen Fragen schaut sie auf „Trends“ wie „Telearbeit, Fernunterricht oder E-Commerce“ und fragt weiter, ob „es sich hier letztlich um ein Geschenk des Himmels“ handelt, „um den sich abzeichnenden ökologischen Übergang zum Erfolg zu führen“ (S. 101)?

Im Teil B: Zugehörigkeit werden zunächst die während der Pandemie neu entstandenen Rituale von Fiorenza Gamba dargelegt und in ihrer Bedeutsamkeit und Wirkung erörtert. Schließlich würden wir ohne Rituale (wie sie auch während dieser Krise beobachtbar sind) nicht „leben, überleben oder sterben“ (S. 114). Zentral entlang der Begriffe Lockdown und soziale Distanz werden von Bernard Debarbieux die Konzepte der Epidemieeindämmung hinterfragt. Räumliche Normen, hält er fest, „und deren in Krisenzeiten entstehenden Bezeichnungen“ lehren uns „viel über die Räumlichkeit unserer heutigen Gesellschaft und verweisen auf mögliche Veränderungen zukünftiger Gesellschaften“ (S. 128). Die Restriktionen des Lockdown werden besonders in der Stadt spürbar, wirkten sich wie allenthalben auch hier auf soziale Beziehungen aus und verändert sie, was Maxime Felder vorstellt. „Die Abgeschottete Stadt“ (S. 131), so der Titel des Beitrages, wird uns nach der Krise den „Wert (…) von schwachen Banden“ (S. 173) erkennen lassen – also wie wichtig für uns die Begegnungen mit „unbekannten Bekannten“ sind, wie Genazino formulierte. Menschen mit Migrationshintergrund und entsprechenden Erfahrungen haben im Zusammenhang mit COVID-19 soziale Netzwerke in und mit ihren Herkunftsländern im Sinne transnationaler Unterstützung aufgebaut, deren Formen Ruxandra Oana Ciobanu darlegt und im Hinblick auf ihre Reichweite untersucht. Im Grunde ist davon zu lernen: „Hochmobile und Menschen mit einer Migrationserfahrung werden in diesem Kontext somit zu Agenten der sozialen Innovation, indem sie über das Know-how verfügen, Familien zu schaffen und Unterstützung auf Distanz zu leisten“ (S. 153).

Teil C: Verletzlichkeiten ist eingangs Klassenverhältnissen und Stigmatisierungsprozessen gewidmet, was Sandor Cattacin entfaltet, und zwar in der Auswirkung, welche die Pandemie darauf hat. „COVID-19 hat Verwirrung bei der Strukturierung unserer Vorurteile gestiftet“ (S. 157), was auch heiße, dass für unveränderlich gehaltene Kategorien umkehrbar sind und die Frage anstehe, wie wir damit umgehen, d.h. Verhalten ändern. Eine mögliche Antwort ist, „dass Gleichgültigkeit es uns ermöglicht, in der Routine zu überleben, während Engagement besonders in Krisenzeiten zum Tragen kommt“ (S. 166). Im Zuge der Pandemie werden Beziehungen, auch familiale, fragiler, wobei auch Isolation als nicht alleinige Vulnerabilität eine Rolle spielt, was sich auch auf Elternschaft auswirkt, wie Eric Widmer, Vera de Bel, Olga Ganjour, Myriam Girardin und Marie-Ève Zufferey darlegen. All diese „neuen und unerwarteten Situationen, denen Familien in dieser Krisenzeit ausgesetzt waren“, werden, so die Prognose, „die Familienerinnerungen von morgen prägen“ (S. 187). Insonderheit ältere Menschen stehen in einer die Schweiz und Spanien vergleichenden Behandlung der Gesundheitskrise im Fokus, was Michel Oris, Diego Ramiro Farinas, Rogelio Pujol Rodríguez und Antonio Abellán García auf den Prüfstand stellen. Nach ihrer Darstellung kommen die Autoren summarisch zu dem – anmahnenden – Hinweis: „Es wird an uns liegen, nach dieser Pandemie, einen erschütterten Generationenvertrag neu zu schreiben“ (S. 202). Daniel Stoecklin analysiert die Debatten über die Gesundheit von Kindern unter der Bedrohung von COVID-19 und unterbreitet zielgerichtete Schutzmaßnahmen, die nicht ohne deren Teilhabe entwickelt werden sollten. Nach einer Reihe von Empfehlungen, die sich aus einer „begrenzte(n) Teilhabe von Kindern“ ergeben, resultierend aus den „sozialen Repräsentationen von Kindheit“ (S. 223), resümiert der Autor bündig: „Kinderrechte sind daher nicht nur ein Gut für Kinder, sondern für die gesamte Menschheit“ (S. 225). Einen Vorschlag unterbreitet Emilie Rosenstein, nämlich die Erfahrungen mit und aus der Quarantäne in die Optik einer Soziologie der Behinderung zu nehmen. Vielversprechend sei es, die „Soziologie der Behinderung mit einer Ethik der Fürsorge“ zu verbinden und gerade diese Krise veranlasse, „in diese Richtung zu denken“, in Richtung einer „gemeinsamen Zugehörigkeit“ (S. 239). Was COVID-19 für Inhaftierte und Vollzugsanstalten bedeutet und wie damit umzugehen ist, fragt und problematisiert Marco Nardone. Die durch COVID-19 sich bietende Gelegenheit gelte es zu ergreifen, „eine ernsthafte und kritische Diskussion über das Gefängnis, aber auch über andere zeitgenössische Formen des Freiheitsentzuges, wie die ausländerrechtliche Administrativhaft von Migrierenden oder die unfreiwillige psychiatrische Internierung, zu führen“ (S. 258). Wer mit illegalen Geschäften seinen Lebensunterhalt bestreitet wie z.B. Dealer, trifft im Zusammenhang von Eindämmungsmaßnahmen auf besondere Hindernisse, auf die Loïc Pignolo aufmerksam macht. Es zeigt sich (einmal mehr und deutlicher), dass die „Eindämmung der Illegalität (…) zu einer erhöhten Prekarität der illegal handelnden Bevölkerung“ beiträgt (S. 271).

Im Teil D: Die Steuerung der Gesundheit geht es gleich im ersten Beitrag von Claudine Burton-Jeangros um Machtverhältnisse, die Akteure des Gesundheitsmanagements auf lokalen wie globalen Ebenen einbinden. Immerhin unterstreiche die „aktuelle Erfahrung“ trotz „Rückschritten bei der Bewältigung von Epidemien“ die „Fähigkeit von Gesellschaften, solche Krisen immer wieder zu überstehen – und dies jenseits der Vielfalt von Viren und Kontexten“ (S. 287). Die Gesundheit der Arbeitnehmer*innen sei entscheidend im Hinblick auf die Schließung von Unternehmen, was zu diskutieren gerade unter der pandemischen Bedrohung angezeigt ist, regt Nicola Cianferoni an. Sie hält vorab fest, dass es die „ungezügelte(.) Globalisierung des Handels“ ist, die „dem Virus die rasche Ausbreitung ermöglicht hat“ (S. 290). Unter dieser Krise sei zukünftig angezeigt, die „Arbeitsorganisation an die Gefahren von Krankheiten“ anzupassen und dabei „wissenschaftliche(.) Erkenntnisse“ zu berücksichtigen mit dem Ziel einer „grundlegenden(n) Erneuerung für den Gesundheitsschutz“ (S. 299). Methoden der Medizin als Wissenschaft und spezieller der Epidemiologie lotet Philippe Wanner aus und blickt ebenso kritisch auf die Einlassungen der Sozialwissenschaften, die dieses Forschungsfeld betreffen. Er zieht als Fazit im Hinblick vor allem auf möglicherweise neue Pandemien, dass „die Sozialwissenschaften Einiges von den Epidemiologen lernen“ können. „Um wirksame Instrumente der Datenerhebung und -analyse zu entwickeln, scheint der Weg der Zusammenarbeit vorgegeben“ (S. 312 f.). Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in der Spannbreite von Übernahme von Verantwortlichkeit bis zu kontraindiziertem Verhalten, was die Verbreitung des Virus betrifft, ist Thema von Thomas Abel. Es gelte, „die Erfahrungen der Bevölkerung ernst zu nehmen, systematisch aufzuarbeiten und für die Vorbereitung auf ähnliche Notstände zu nutzen, ganz im Sinne der Förderung von mehr Gesundheitskompetenz und ihrer Nutzung bei aktuellen Gesundheitskrisen“ (S. 322). Anschließend legt Toni Ricciardi dar, was grenzüberschreitende internationale Mobilität mit jener von ansteckenden Krankheiten zu tun hat und wie und dass Zusammenhänge zu erhellen sind. Was zu lernen ist, betont er (u.a.), ist, dass wir „die Flagge der Solidarität und der Gemeinschaft hissen“: „Was das sehr wahrscheinliche und stets latent vorhandene Risiko anbelangt, dass nach dieser Pandemie die gleichen Ängste gegenüber dem ‚Anderen‘ wieder auftauchen, sogar noch grösser als in der Vergangenheit, so sollten wir von diesem Virus lernen, das, wie die vorherigen, keinen Unterschied hinsichtlich Status oder Nationalität macht“ (S. 337).

Wie bereits oben zitiert, wird im Teil E: Fazit diskutiert und entworfen, in welcher Weise die Sozialwissenschaften für das Thema Pandemien und insbesondere jetzt für die COVID-19-Krise relevant beitragen können, worauf – auch im öffentlichen Bewusstsein – Biologie und Medizin optieren. Die Herausgeber*innen als Autor*innen machen hier auch für den Zweck des Vergleichs auf die von Greta Thunberg angestoßenen Diskussionen um den Klimawandel und sich schon abzeichnende katastrophale Entwicklungen aufmerksam, was zwar die Öffentlichkeit sensibilisiert, sich aber kaum auf Politik und Regierungshandeln ausgewirkt habe, eine Bedrohung, „die sich im Laufe der Zeit verwässert“ (S. 345). Anders als bei COVID-19, so die Autor*innen nicht expressis verbis, scheint das Thema nicht genügend auf den Nägeln zu brennen. Allerdings seien bei COVID-19 Fragen um Freiheit und Privatsphäre aufgeworfen und damit auch das Problem: „Kann der Ausnahmezustand zur Willkür werden?“ Und wie es um „Datenschutz“ und „Anonymität“ bestellt ist, steht zur Diskussion an; wie sind „soft ethics“ und „hard ethics“ auszubalancieren, d.h. erstere „nur dann zu Ergebnissen führen, wenn die Regulierung der digitalen Umgebung zunächst akzeptablen moralischen Prinzipien genügt“, also in der Formulierung von Gesetzen und Vorschriften (S. 352 ff.). Auch hier gelte dann, dass das „Management der Gesundheitskrise (…) die Beteiligung aller von ihr betroffenen Personen“ erfordert (S. 355).

Diskussion

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“, heißt es bei Max Frisch. Unterschwellig durchzieht dieser Gedanke, fast schon ein Bonmot, alle Beiträge, als und soweit sie von den Überlegungen getragen sind, was aus der gegenwärtigen Pandemie zu lernen ist, womit unterstellt ist – wie allenthalben –, dass sie überwunden werden wird, worauf zu hoffen ist und wofür es Anhaltspunkte gibt. Was aber, wenn nicht, wenn sie trotz anlaufender Impfkampagnen und Schielen auf Herdendurchseuchung in katastrophalem Ausmaß, das nicht nur „Beigeschmack“ (s.o.) ist, Todesopfer und gravierende Folgeerkrankungen hinterlässt? Doch bringen solches Unken und solche nicht ganz und gar abwegigen Schwarzmalerei nicht weiter und halten wir uns erst einmal mit Ricciardi an den neapolitanischen Spruch: „adda passà a nuttata (die Nacht wird vergehen müssen)“ (S. 338). Schon verlautbart von Seiten eines der Hersteller des Impfstoffes, COVID-19 würde uns noch länger zu schaffen machen, ggf. zehn Jahre. Wenn auch das Ausmaß, was zu hoffen ist und wahrscheinlich scheint, geringer werden wird, wenn es auch keine Dekade anhalten wird – es kann eine lange Nacht werden. Das hebelt keinesfalls aus, was die Autor*innen in ihren Beiträgen an überfälligen Veränderungen im sogenannten Kleinen und Großen (mehr oder minder dringlich) in Vorschlag bringen, Umorientierungen, auf die uns die gegenwärtigen Krisenerfahrungen mit Nachdruck aufmerksam machen – und die man hat schleifen lassen, wiewohl sie zum großen Teil schon längst auf der Agenda stehen, und zwar in der Spannbreite von bspw. wissenschaftlicher Interdisziplinarität und Kooperation bis zum Strafrecht.

Ob wir uns tatsächlich „mitten in der Aufklärung (befinden), in der, wie Immanuel Kant (1784) uns erinnert, der Mensch den Mut haben muss, seinen Verstand einzusetzen“, wie Ricciardi (S. 33; Hervorh. AS) bemerkt, darf man bezweifeln. Kant schrieb zwar, und zwar in Bezug auf seine Zeit, man befände sich im Zeitalter der Aufklärung, nicht aber in einem aufgeklärten Zeitalter. Wahrhaft aufgeklärt und durchdrungen davon, was auslösende Ursache auch dieser Pandemie als Krisenerscheinung ist, sind wir wohl nicht. Im Band wird allerdings in verschiedenen Beiträgen diese Tastatur angeschlagen, so von Nicola Cianferoni, die eine „Logik“ benennt, die sich „ersehnt (…), dass der Prozess der Kapitalakkumulation nie aufhört und bis ins Unendliche wächst, koste es, was es wolle (Marx 1883).“ Hier rückt sie die „ungezügelte Globalisierung des Handels“ in den Vordergrund, „was dem Virus die rasche Ausbreitung ermöglicht hat.“ Einen kleinen Schritt weitergedacht, kommt man darauf, dass diese „Logik“ sich auch auf die Ausbeutung von Natur und übrigens auch Mensch richtet, dabei auch die Form der Landnutzung und -wirtschaft ausrichtet. Die „zweite Logik“ nun ist dann das „Wohlergehen des Einzelnen, was die Integrität aller Mitglieder der Gesellschaft voraussetzt und die Gesundheit zum gemeinsamen Gut erklärt“ (S. 290) – was weltgesellschaftlich bekanntermaßen sehr im Argen liegt.

Auch Bonvin (S. 75 ff.) schlägt diesen kritischen Ton an: Jenseits herrschender Trends zu weiterer Globalisierung regt er als wirtschaftliche Überlegung „eine räumliche Neuverankerung der Volkswirtschaften um Nationalstaaten und lokale Territorien herum“ an, empfiehlt, unsere „produktiven Logiken“ zu überdenken, eine „Wirtschaft der Nähe“ aufzuwerten, „zumindest für eine Weile.“ Insofern stelle das Virus das herrschende „Marktmodell in Frage“ und „Ziel der Wirtschaft“ müsste dann „nicht mehr unbedingt die Maximierung des Wohlstands“ sein. Der „Lockdown“ böte die Chance, „die Beziehung zur Wirtschaft zu überdenken“, die „Debatte über die Ziele der Wirtschaft neu zu eröffnen“, wie auch „soziale und kulturelle Einbettung“ zu reflektieren. Deutlicher werden Cattacin et al. (S. 23), die gar die Frage stellen, ob wir zukünftig in Gesellschaften leben werden, in denen „der Kapitalismus ein neues Gesicht erhält, oder markiert COVID-19 das Ende dieses Wirtschafts- und Sozialmodells?“  – Dass eine solche Frage bereits jetzt durch Verlautbarungen von Wirtschaftsvertretern und Politikern abgewinkelt wird, wonach frühstmöglich darüber nachgedacht werden soll, wie nach dieser Krise neues Wachstum generiert werden kann, bleibt ausgespart und auch, dass man analytisch präziser Ross und Virus identifizieren und zeigen kann, dass diese Pandemie mit ihren Folgen auf die Logik kapitalistischer Ökonomie zurückzuführen ist, die auch über einhegende Grenzziehungen ihren Zweck beibehalten wird, was Krisenerscheinungen zur Folge hat – ökonomische übrigens in Permanenz, worauf bereits Marx hinwies. Wodurch nun die COVID-19-Pandemie verursacht ist, legt Wallace in seinem Buch über COVID-19 und Agrobusiness über sehr umfängliches Material dar, dass es sich nämlich eben nicht um gleichsam eine Naturkatastrophe handelt, sondern diese Pandemie menschengemacht ist. Mit Nachdruck bestritten wird das nicht mehr. In seinem Abschlusskapitel „Nur eine andere Landwirtschaft hilft gegen Pandemien“ fordert er auf, wir „müssen die ökologisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick nehmen“ (was die Autor*innen des Bandes durchaus leisten), um pointiert mit dem Schlusssatz zu sagen: „Fünf Jahrhunderte voller Kriege und Seuchen beweisen, dass das Kapital, dem die Epidemiologie dient, durchaus bereit ist, über Berge von Leichen zu gehen.“ Der Übersetzer des Buches, Matthias Martin Becker, wird in seinem Vorwort deutlicher: „Die gegenwärtige Landwirtschaft stößt an Grenzen. Aber der Kapitalismus akzeptiert keine Grenzen. Er überwindet sie, muss sie überwinden“ (was die Autor*innen nicht hinsichtlich der Konsequenzen ausbuchstabieren). Ob es ihm immer und überall gelingt, steht aus, ist zwar stark zu bezweifeln, aber es gilt mit Nachdruck zu benennen, was letztlich Ursache dieses Seuchenzuges ist, was in einer – schon seit Jahrhunderten zu beobachtenden – Globalisierung i.S. der Ausweitung des Handels nicht aufgeht.

Nicht ganz so viele Jahrhunderte lang sind Krisenerscheinungen der kapitalistischen Ökonomie mitsamt ihren häufig desaströsen gesellschaftlichen und individuellen Folgen zu beobachten. Bei allen Epidemien und grassierenden Krankheiten und Seuchen ist oder wäre näher zu bestimmen (gewesen), und dann bspw. über Virchow hinaus, der mit seiner Sozialanalyse des Fleckfiebers immerhin Politik anprangerte und gar zum Barrikadenkämpfer wurde, was nun das eigentliche Übel ist, nämlich nicht bloß falsche Politik, und man darf dabei schon wie Claudine Burton-Jeangros testieren, dass Gesellschaften fähig sind, „solche Krisen immer wieder zu überstehen“ (s.o.) – bislang und um den immensen Preis ungezählter Opfer. Sicherlich ist ‚persönliche Verantwortung‘ und sind ‚Verhaltensveränderungen‘ erst einmal Hebel, wie sie landauf landab den Konsument*innen für den Zweck angedient werden, dass die Ökonomie, prominent Handel und Landwirtschaft, sich verändere. Wie Bonvin kommt in Deutschland die niedersächsische Landwirtschaftsministerin angesichts der Pandemie, in der sie eine „agrarpolitische Chance“ sieht, zu der scheint‘s fortschrittlichen Aufforderung, ein „gedanklicher Reset“ müsse erfolgen, „was für eine Landwirtschaft wir in Deutschland eigentlich wollen“, ob es wirklich Aufgabe sei, „die ganze Welt zu ernähren“, ob nicht wir nicht „regionale Wertschöpfungsketten stärken sollten“. Das kann man populistisch oder fortschrittlich einstufen, zumal wenn es damit verknüpft wird, dass die Landwirte in der herrschenden Situation durch unbarmherzigen Konkurrenzdruck kaum jenem z.B. Gewässer- und Insektenschutz nachkommen können, mit dem auch die weitaus größeren Forderungen im Zuge des Klimawandels durch Symptombekämpfung, die allerdings notwendig ist, versuchsweise befriedet werden können. Die Frage, ob „der Landwirt in Niedersachen wirklich für den asiatischen Markt produzieren“ muss, ist ehrlicherweise nur so zu beantworten: Ja, so wie es ist, muss er.

Der Seitenblick in die niedersächsische Landwirtschaftsprovinz, schon im Würgegriff der Agrarindustrie, mag zum einen jenes Hintergrundrauschen kritisch aufsattelnder Reflexionen eher drastisch erhellen, wie sie im vorliegenden Band an vielen Gegenstandsbereichen vorgestellt werden. Zum anderen ist der Appell an persönliche Verantwortungsübernahme so richtig wie dann ins Leere laufend, wenn der von Kant geforderte Mut, sich seines Verstandes zu bedienen, zwar vorhanden sein mag, aber in einem Zeitalter feststeckt, das nicht wirklich aufgeklärt ist, in dem allzu viele Menschen mental retardiert (um es so zu umschreiben) verharren und auch durch die herrschenden Verhältnisse gehalten werden, was gerade im Hinblick auf das Verhalten während der Pandemie nicht nur kontraproduktiv, sondern blitzgefährlich sein kann bzw. ist. Gerade im Hinblick auf die Pandemie lässt Elke Büdenbender als ‚First Lady‘ der Bundesrepublik Deutschland in einem Interview verlauten: „Die Demokratie braucht den vernünftigen Bürger.“ Noch scheint viel Unvernunft durchs Land zu spazieren. – Was aus der Krise mit und durch COVID-19 folgt, könnte ein Lernprozess im Hinblick auf die nächste epidemische und/oder pandemische Krise sein, wie sie besser zu bewältigen ist, um dann schneller wieder zur Tagesordnung, vor allem der ökonomischen der Werteverwertung, übergehen zu können. Die Lernprozesse hinsichtlich eines Umdenkens, Umorientierungen, Veränderungen und überfälligen Verbesserungen, wie sie die Autor*innen des Bandes engagiert und plausibel vorstellen, sie sind – erst einmal – wünschenswert und es bleibt zu hoffen, dass sie Gehör finden und die Anregungen fruchten. In bester kurativer Absicht legen die Autor*innen die Finger in Wunden; vielleicht nicht tief genug.

Fazit

Das Buch ist nicht nur Sozialwissenschaftler*innen zu empfehlen, sondern allen Interessierten, die sich mit Hintergründen und Bewältigungsstrategien von COVID-19, mit Problem und möglichen Lösungen beschäftigen bzw. auseinandersetzen wollen, und zwar über naturwissenschaftliche Befassungen hinaus. Entgegen kommt, dass alle Beiträge so verfasst sind, dass man ihnen ohne umfassendere sozialwissenschaftliche Vorbildung folgen kann.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 04.01.2021 zu: Fiorenza Gamba, Marco Nardone, Toni Ricciardi, Sandro Cattacin (Hrsg.): COVID-19. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive. Seismo-Verlag (Zürich) 2020. ISBN 978-3-03777-219-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27706.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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