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Schule Schloss Salem e.V. (Hrsg.): Schule Schloss Salem 1920-2020

Cover Schule Schloss Salem e.V. (Hrsg.): Schule Schloss Salem 1920-2020. Beständigkeit und Wandel. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 464 Seiten. ISBN 978-3-17-038006-6. 49,00 EUR.
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Thema

Das Thema des vorliegenden Buches ist die hundertjährige Geschichte einer Privatschule mit Internat, die in ihrer Frühzeit eines der bedeutendsten deutschen Landerziehungsheime war, als einer der Leuchttürme der deutschen Reformpädagogik gilt und von deren Gründungsfiguren zumindest Kurt Hahn als eigenwilliger Pädagoge historisch Interessierten und (Erlebnis- und Sozial-)Pädagog(inn)en sehr wohl bekannt – auch außerhalb Deutschlands. Das ist eine mögliche Sicht auf „Salem“, wie die 1920 am namensgebenden Ort Salem in Südbaden oberhalb des Überlinger Sees gegründete pädagogische Einrichtung meist genannt wird; ich kann dieser Sichtweise einiges abgewinnen (Heekerens, 2019).

Eine andere, und der gewinne ich genau so viel ab, auch im Februar 2021 in ZEIT-online geboten:

„Der Name Salem ist abgeleitet vom hebräischen Schalom und bedeutet Frieden.Diesen Frieden bekommt man für rund 45.000 Euro im Jahr. Frieden für die Kinder, weil sie behütet in einer Blase aufwachsen, fernab äußerer Probleme. Und elterlichen Frieden, vielleicht nicht mit sich selber, aber für sich selber, denn so lassen sich gewisse Phasen outsourcen, wie die Pubertät, der auch reiche Kinder nicht entkommen können, wohl aber reiche Eltern. [...]

Der Bildungsweg von Schülern einer staatlichen Schule unterscheidet sich deutlich von dem eines Salemers. Während in anderen Klassen bis zu 30 Kinder sitzen, sind es in einer Klasse im Internat nur halb so viele. Auf einen Lehrer kommen sechs Schüler. Dadurch entstehen Bindungen – 'die einem dann manchmal auch deutlich weiter helfen', sagt Dittrich ['Salem'-Schüler in der ganzen Gymnasialzeit]. 'Wie meineDeutschlehrerin, die gesagt hat: 'Wenn du Lust hast, schreib eine Gedichtanalyse und ich korrigiere sie dir übers Wochenende.'' Wer selbst Mehrleistung erbrachte,wurde von den Lehrern immer unterstützt – außerhalb des Stundenplans. […]

Während der Internatszeit gibt es Austausche mit Schulen auf der ganzen Welt, Klassenfahrten nach Norwegen, Exkursionen nach China, Debattierclubs, Kreativ-AGs, mehrjährige Karriereberatung, den traditionellen Schulsport Hockey, den auch Dittrich intensiv betrieben hat, und vieles, vieles, vieles, vieles mehr“ (Westerkamp, 2021).

Wem die zwei Sichtweisen unvereinbar scheinen, wer die Ausgewogenheit der gemütlichen Mitte liebt, lese den online verfügbaren ZEIT-Artikel „Das Internat als Staat“ (Stark, 2020) vom April 2020, dem für die 100-Jahr-Feier geplanten und wegen Corona abgesagten Termin. Am Ende des Artikels findet sich der Transparenzhinweis: „Der frühere Chefredakteur der ZEIT, Robert Leicht, war bis 2019 Vorsitzender des Trägervereins der Schule Schloss Salem.“ Das ist formal notwendig, der Sache nach aber überflüssig: Zu Schönfärberei hat Robert Leicht sicherlich nicht gedrängt. Er war es doch, der als erster verantwortlicher ZEIT-Redakteur öffentlich darauf hinwies, auch DIE ZEIT habe mitgewirkt daran, dass an einer anderen Leuchtturmschule der deutschen Reformpädagogik, dem – in traditioneller Sprache: – Landerziehungsheim Odenwaldschule in Ober-Hambach (OSO) über Jahre systematische Pädokriminalität betrieben und deren Aufdeckung verhindert werden konnte (Leicht, 2011). Er, „Salem“-Schüler der Jahre 1954 – 1963, sprengte die Fesseln, die Marion Gräfin Dönhoff der ZEIT auferlegt hatte. Die hatte schon früh die Landerziehungsheime im allgemeinen und „Salem“ im besonderen glorifiziert und unter Artenschutz gestellt; von niemand anderem als ihr kann der ohne Autorenangabe veröffentlichte ZEIT-Artikel „Die Schule der Selbstbewährung“ (Anonym, 1948) vom Januar 1948 stammen.

Herausgeber und Mitarbeiter(innen)

Herausgeber der Festschrift (so wird das Buch auf S. 5 charakterisiert) zum 100. Geburtstag von „Salem“ ist der gemeinnützige Verein „Schule Schloss Salem e.V.“, Träger der „Schule Schloss Salem“ gGmbH sowie des „Salem Kolleg“ als eigenständiger Betriebsgesellschaft.

So einfach man es bei der Herausgeberschaft hat, so schwer beim Benennen der Mitarbeiter(innen). Das hat v.a. mit Dreierlei zu tun: Zum einen haben sehr viele Menschen in der Festschrift ihre Spuren hinterlassen, und zum anderen ist es schwer möglich, die Bedeutung einzelner Beiträge nach Sach-Gesichtspunkten zu gewichten und schließlich muss auch offen bleiben, wie viel Gewicht einzelnen Personen zuzumessen ist. Zu den Schwierigkeiten nur kurze Anmerkungen zu den drei Aspekten. Zunächst zum Punkt „viele Beiträger(innen)“. Die Festschrift selbst führt 24 Autor(inn)en auf, aber es gibt noch weitere 16 Personen, die Beiträge „Zum Geleit“ geleistet haben; mir fehlt jedes Kriterium nur die ersten, nicht aber die zweiten für „wichtig“ zu halten – und das nicht nur deshalb, weil das erste Geleitwort von Winfried Kretschmann stammt.

Was die Bedeutung einzelner Beiträge anbelangt, so gibt es kein einheitliches Maß, das man anlegen könnte.

Was ist wichtiger: „Unordnung und früher Streit: Golo Mann probt den Aufstand. Eine Quellenerkundung“ (Konrad Krimm) oder „Salemer Prägungen“ (Robert Leicht)? Ich selbst habe beide Beiträge, der erste aus der Gruppe der „Abhandlungen“, der zweite zu den „Erinnerungen“ gehörend, mit Lust und Gewinn gelesen, aber ich kenne Menschen, die entweder dem einen oder dem anderen aus unterschiedlichen, aber jeweils respektablen Gründen eindeutig den Vorzug geben. Was letztlich die Bedeutung einzelner Personen anbelangt, so muss auch hier die Bewertung höchst subjektiv bleiben. Den Prof. Dr. h. c. Robert Leicht kennen wohl alle aus der „Salem“-Community und viele aus seinen Zeiten als ZEIT-Redakteur oder als prominenten und öffentlich aktiven Protestanten. Wer aber weiß von Brigitte Mohn, die an gleich zwei bedeutsamen Buch-Beiträgen mitgewirkt hat, die uns die Geschichte von „Salem“ eindrücklich vor Augen führen? Wenige innerhalb und kaum welche außerhalb von „Salem“ dürften sie kennen – außer jenen Wissenschaftler(inne)n aus aller Welt, denen sie das Kurt-Hahn-Archiv im Kreisarchiv Bodenseekreis kenntnisreich und tatkräftig zu nutzen hilft; denn nach archivalischen Standards als „erschlossen“ kann dieses weltweit bedeutendste Archiv zu Leben und Werk Kurt Hahns noch immer nicht gelten.

Aufbau und Inhalt

Man muss sich vor einem Blick in das Buch vergegenwärtigen, dass es sich um eine Festschrift handelt – und zwar um eine, die sich von ihrem äußeren Erscheinungsbild her auch als solche präsentiert: groß (280x245 mm), dick (310 mm), solide gebunden und mit großem Farbbild auf der vorderen Einbandseite. In meinen Bücherregalen hat so etwas überhaupt nur Platz und dort den richtigen, wo edle Reiseführer und teure Ausstellungskataloge stehen. Natürlich passt zu dieser äußeren Aufmachung das Layout. Was nicht von vornherein zu erwarten war, aber eine freudige Überraschung ist: Das Buch enthält 268 Abbildungen! Viele davon sind dem historisch Interessierten Genuss.

So kann man hier (auf S. 5) die im Freudenbergschen Unternehmens- und Familienarchiv in Weinheim dem öffentlichen Blick verwehrte Fotografie von Karl Reinhardt sehen, jenem Mann, der neben Prinz Max und Kurt Hahn in der Eigen- und Fremdgeschichtsschreibung zu „Salem“ geradezu unsichtbar gemacht wurde, ohne den aber der Schulbetrieb in „Salem“ 1920 nicht hätte aufgenommen werden können. Dann (auf S. 48) die Teilnehmer(innen) des Hockey-Duells der Salemer Hockeymannschaft gegen die Hockeymannschaft der Freiburger Schulen. Dieses fand im Oktober 1919 statt; der Sport in Salem ist älter als der Schulbetrieb dort! Auf dem Bild sieht man, für die Herausgabe markiert mit der Nr. 9, eine Frau: Marina Ewald. Die spielt in besagtem Duell für Salemer auf der zentralen Mittelfeldposition, früher hieß das „Mittelläufer(in)“, während Prinz Max den Tor-Hüter macht und Kurt Hahn den Rechts-Außen gibt. Mehr Symbolik geht nicht.

Schließlich gibt es Aufnahmen, die auf mich als geschichtlich interessierten Erlebnispädagogen tiefen Eindruck gemacht haben. Eine davon befindet sich auf S. 328. Da sieht man ein Gruppenbild mit Dame. Das Gros der Gruppe bilden 15 Jungen im Alter von plus/minus 16 Jahren, in kurzen Hosen mit Kniestrümpfen in knöchelhohen Schnürstiefeln. Die meisten haben irgendein Oberteil überm Hemd, einer steht im bloßen Hemd da und einer hat seine schwere Jacke bis oben hin zugeknöpft: Golo Mann, damals 16 Jahre alt. Vor den Jungs steht ein Herr im Anzug, auf dem Kopf eine Schirmmütze in der Machart einer Kapitänsmütze. Aber nicht dieser Vorsteher-Mann mit Führungsmütze leitet die „Salemsche“ Finnland-Expedition von 1925, sondern die Dame am linken Bildrand mit modischem Hut und wadenlangem hellen Mantel: Marina Ewald, von der in den Textstücken des Buches hie und da zu lesen ist.

Um welche Textstücke es sich im Einzelnen handelt, ist dem dreiseitigen Inhaltsverzeichnis zu entnehmen, das der Kohlhammer-Verlag komplett zur online-Einsicht bereit gestellt hat (https://www.kohlhammer.de/wms/instances/KOB/data/pdf/978-3-17-038006-6_I.pdf). Ich will versuchen, in die Großzahl der Schriftstücke, die von unterschiedlicher literarischer Gattung, verschieden in der Länge und stark variierend in der Thematik ein wenig Ordnung zu bringen. Aber mehr als ein paar Sichtschneisen in einem doch recht naturbelassenen Mischwald mit sperrigem Unterholz und respektablem Randgestrüpp kommt dabei nicht heraus.

Da gibt es zunächst Rahmungen: Vorn Widmung und Vorwort des „Salem“-Leiters, die ich (s.u. „Diskussion“) nicht einfach „überlesen“ habe; dort finden grundlegende Positionierungen statt. Hinten, im Anhang, findet sich ein genaues und hilfreiches Verzeichnis der vielen Abbildungen sowie informative Angaben zu den Autor(inn)en, unter denen man „Salem“-Schüler(innen) von heute weitgehend vermisst – dürfen, können oder wollen die nichts sagen? Ferner gibt es dort, informativ für geschichtlich Interessierte, zwei Beiträge zur (Organisations-)Geschichte von Salem, von denen vor allem Christian Niederhofers „Chronik 1920 – 2020“ von allgemeinem Interesse sein dürfte.

Dann sind da die bei einer Festschrift unentbehrlichen Geleitworte. Das scheint auf den ersten Blick eine uninteressante Angelegenheit. Auf den zweiten Blick aber ergeben sich Nachfragen. Ich nenne nur zwei mögliche. Die erste ist: Weshalb eigentlich ist unter den Geleitworten nicht das eine oder andere von den nationalen oder internationalen Outward Bound-Organisationen. Über diese erfahren mehr Menschen von „Salem“ als über alle anderen Wege zusammen? Will das heutige „Salem“ nichts mehr von Outward Bound wissen? Hält sie die Entwicklung der Kurz(zeit)schulen für einen Hahnschen Fehltritt? Und wenn ja, warum dann nicht die Gründung der Round Square-Schulen, zu deren Gründung Konstantin II., hier mit einem Grußwort vertreten auf der Seite 32, 1966 aufrief – in eben dem Jahr, da der unfähigste König, den Hellas je gesehen hat, Griechenland in eine innenpolitische Krise stürzte, auf die das Regime der Obristen ab April 1967 die Antwort war, die der windelweiche Monarch noch nicht einmal kommentieren konnte.

Gemächlicher zugehen kann es bei Betrachtung der Beiträge unter dem, die ich als „Sachbeiträge“ werte und unter der Überschrift „Salem im Spiegel der Zeiten“ versammelt sind. Da finden sich zehn Beiträge, die nach Inhalt, Stil und Aufmachung sehr verschieden sind. Da steht etwa die gelehrte Abhandlung „E pluribus unum. Die Salemer Pädagogik der Anfangszeit in Internat und Schule“ von Martin Kölling, seit 1989 Lehrer für Deutsch und Geschichte in „Salem“, neben dem durch seine Bilder imponierenden Beitrag „Neun Standorte. Chronologie der von der Schule Schloss Salem im Laufe von hundert Jahren genutzten Gebäude“ der schon bekannten Brigitte Mohn und des langjährigen „Salem“-Lehrers Otto Seydel. Beide haben mein Bild von „Salem“ bereichert und abgerundet.

Den von mir so genannten „Sachbeiträgen“ gegenüber stehen ebenfalls zehn Beiträge, die unter der Überschrift „Salem – Erziehung zur Verantwortung“ stehen und die ich mit „Erinnerungen“ kennzeichnen möchte, weil hier „Salemianer(innen)“ über „Salem“ schreiben. Wessen „Erinnerungen“ einem dabei interessieren und welchen man vorab Bedeutung zubilligt, hängt sehr von vorherigem Kenntnisstand und vorgängigem Erkenntnisinteresse ab. Für mich waren, nach obigen Bemerkungen gut verständlich, Robert Leichts „Salemer Prägungen“ interessant und lehrreich. Und tief berührt hat mich der Beitrag der „Salem“-Stipendiatin Louisa Marie Sackewitz; er hat er mir vermittelt, was den Zauber von „Salem“ ausmachen kann.

Zwischen den „Sachbeiträgen“ und den „Erinnerungen“, gut in der Buchmitte liegend, findet sich ein Kapitel mit der Überschrift „Salem zwischen Beständigkeit und Wandel“, der doch sehr an den Buchtitel „Schule Schloss Salem 1920 – 2020. Beständigkeit und Wandel“ erinnert. Ob hier Absicht, Versehen oder Zufall vorliegt, ist nicht auszumachen. Jedenfalls kann man in diesem Buchteil, der von Brigitte Mohn und Alexander Kagerer, bis 2019 „Salem“-Lehrer verfertigt wurde, so etwas wie „die Mitte“ einer Festschrift, die auf eine 100-jährige Geschichte zurückblickt, sehen. „Zentrale Themen, Erziehungsgrundsätze und Leitbilder aus der Geschichte der Schule Schloss Salem stehen im Fokus der folgenden Beiträge: Ausgewählte Bild- und Textquellen – darunter historische Archivalien aus den Anfangsjahren ebenso wie Dokumente unmittelbar aus dem heutigen Schul- und Internatsalltag illustrieren dabei Beständigkeit und Wandel im Laufe von 100 Jahren“ (S. 215).

Diskussion

Es gibt Vieles an und in diesem Buch, das noch zu mehr Diskussion anregt, als bislang ja immer schon hie und da angeklungen ist. Ich will mich auf einen einzigen Punkt konzentrieren, weil man an ihm paradigmatisch zeigen kann, was man an dieser Festschrift zum 100. Geburtstag von „Salem“ loben und tadeln kann und muss. Es geht um die oben schon genannte Marina Ewald.

In vorliegender Festschrift werden uns eingangs (auf S. 5) vier Personen mit Bild vorgestellt. Drei davon sind Männer: „Diese Festschrift ist den mutigen Gründern der Schule Schloss Salem, Prinz Max von Baden, Kurt Hahn und Dr. Karl Reinhardt, gewidmet.“ Ich halte die Nennung von Karl Reinhardt als Mitgründer von „Salem“ für einen großen Fortschritt in der „Salemer“ Eigengeschichtsschreibung; ich kann nur hoffen, diese Erweiterung des Gründerkreises spricht sich herum. Auf obige Worte folgt dann nach Absatz dies: „In dankbarer Erinnerung verbunden wissen wir uns außerdem Marina Ewald. Sie baute Schule und Internat aufopferungsvoll mit auf und schlug nach der nationalsozialistischen Diktatur vor Ort die pädagogische Brücke in die Gegenwart.“

„Aufopferungsvoll“ ist herablassender Chauvi-Sprech – zumindest werten frau und man(n) außerhalb von „Salem“ so. Das kann dort vielleicht egal sein, denn auch das „Salem“ von heute ist noch immer eine „Geschlossene Gesellschaft“. Aber es könnte sein, dass irgendeine kluge Management-Beratung darauf hinweisen würde, es sei geradezu geschäftsschädigend, wie die „Salem“-Leitung mit Marina Ewald öffentlich umgeht. Das wäre dann der Moment, da man ernsthaft darüber nachdenken könnte, ob man Marina Ewald nicht in den Rang der vierten Gründungsperson von Salem heben könnte. Dafür gibt es Legitimation und Begründung.

Fangen wir mit der Legitimation an. Die geschieht in vorliegendem Falle durch keinen geringeren als Kurt Hahn selbst. Im Kurt-Hahn-Archiv im Kreisarchiv Bodenseekreis befindet sich eine wohl von Jocelin Winthrop-Young besorgte Fotokopie eines Briefes (Hahn, 1968), dessen Original im Gordonstoun School Archive aufbewahrt wird: das Schreiben Kurt Hahns vom 14. August 1968 an den bekannten und politisch konservativen britischen Historiker Robert Skidelsky, der damals an dem Buch „English Progressive Schools“ arbeitete. Der war ein Gentleman und ließ Kurt Hahn nach Salem die entsprechenden Manuskriptseiten des geplanten Buches, das 1969 denn auch erscheinen sollte, für eventuelle Einwendungen zukommen. Kurt Hahn hatte Einwendungen und ließ sie den Autor in besagtem Brief wissen.

Eine dieser Einwendungen ist im vorliegenden Zusammenhang von Bedeutung: “On page 289 you quote an anonymous writer who says that I believe in the 'subservience of women'. This is the negation of the truth. Marina Ewald was a co-founder of Salem. She was a partner in all the major decisions – an educator in her own right.” Die Legitimationsfrage dürfte damit geklärt sein, und die Begründungsfrage unschwer zu beantworten. Ich verweise die „Salem“-Verantwortlichen zunächst einmal auf alle – stets positiven – Äußerungen zu Marina Ewald in der Festschrift. Dann bringe ich als Anstoß für weitere Erkundungen hier nur in Erinnerung, was Golo Mann-Kenner(innen) schon seit Langem wissen.

Im Dezember 1922 nahm Katja Mann zum zweiten Mal die Strapazen einer Bahnreise von München nach Salem auf sich, die diesmal beschwerlicher war als im Sommer 1921, wo es um Klaus ging; die letzten Kilometer zu Fuß führten durch weichen Schnee auf manchmal grundlosem Gelände. Kurt Hahn, den Katja aus Kindestagen am Wannsee kannte, wo beider Herkunftsfamilien standesgemäße Sommervillen hatten, und der sehr wohl wusste, dass die Manns US-Dollars hatten (wir sind in der deutschen Hyperinflation), erklärte sich am ersten Tag als vom „Salemer“ Tagwerk unabkömmlich, ließ Katja und Golo im „Schwan“, dem alten – und schlecht beheizbaren – Klostergasthof, Tag um Tag vor sich hin bibbern, um endlich damit rauszurücken: „Seine Mitarbeiterin, Fräulein Ewald, sei zurzeit in den Vereinigten Staaten [wo sie vor dem Krieg studiert hatte]– ich glaube, um Geld für die Schule zu sammeln – und ohne sie könnte er keine Entscheidung treffen“ (Mann, 1986, S. 121). Katja reiste mit Golo unverrichteter Dinge wieder ab – and she was not amused.

Kurt Hahn hatte gute Gründe dafür, den Groll selbst einer so hochwürdigen und einflussreichen Person wie Katja Mann in Kauf zu nehmen. Neben Fundraising und Management hatte Marina Ewald im „Salemschen“ Unternehmen offensichtlich noch eine weitere Funktion: die der Eignungsprüfung. Nicht nur weil irgendwelche Management-Fragen ohne „Fräulein Ewald“ ohne Schaden für „Salem“ keiner Klärung hätten zugeführt werden können, düpierte Kurt Hahn Frau Katja Mann. Sondern auch: Weil er Marina Ewalds diagnostischen Eingangsurteils bedurfte. Welche Kompetenz sie darin hatte und welch freie Hand, diese auch zu realisieren, zeigt ein auf den 11. August 1922 datierter Brief Marina Ewalds an Paul Geheeb, den Leiter der Odenwaldschule Ober-Hambach (OSO), wohin Golos älterer Bruder Klaus – wohl auf Rat der früheren OSO-Lehrerin Marina Ewald – verwiesen wurde, nachdem er – höchst wahrscheinlich nach Marina Ewalds Urteil für „Salem“ als untauglich beurteilt worden war.

Ich gebe hier die Zusammenfassung genannten Briefes wieder, wie sie beim Golo Mann-Biographen Tilman Lahme (2009) zu finden ist: „Der 'ungewöhnlich begabte und fein veranlagte Junge' schrieb Marina Ewald, Hahns Stellvertreterin, habe seine Kindheit und Natürlichkeit infolge alleiniger Beschäftigung mit Literatur eingebüßt. 'Manieriert', 'selbstgefällig' und 'frühzeitig gereift', habe Klaus 'das natürliche Interesse an seiner Umwelt verloren', kultiviere seine 'Unfähigkeit an allen Dingen des praktischen Lebens mit Eitelkeit' und bemäntele sie 'unter einer Verachtung der Welt der Tat und [des] Handelns'.“ (Lahme, 2009, S. 28) Man werfe mit diesen Worten im Gedächtnis den Blick auf Klaus Manns letzte Tage: Vom 5. bis zum 15. Mai 1949 verbrachte er einige Tage zu einer Entgiftungskur in einer Klinik in Nizza; wenige Tage später, am 21.Mai 1949, starb er nach einer Überdosis Schlaftabletten im nur 30 Autofahrtminuten entfernten Cannes.

Fazit

Das Buch ist etwas für Menschen mit archivalischem Sinn und/oder Liebhaber(innen). Bei Menschen mit archivalischem Sinn habe ich die für den Ankauf von Büchern in öffentlichen Bibliotheken zuständigen Personen vor Augen; sie werden wissen, dass vorliegendes Buch ein bedeutendes Zeitdokument darstellt. Bei den Liebhaber(inne)n ist es so, dass es sie größtenteils schon vorher gab: all die „Salemer(innen)“, Alt-Salemer(innen)“ und der sonstige „Salemer“ Freundeskreis. All jene, die wie ich nicht dazu gehören, sich aber für „Salem“ interessieren. möchte ich anregen, sich das Buch zu kaufen – oder es sich bei nächster Gelegenheit als Geschenk zu wünschen.

Literatur

Hahn, Kurt (1968). Brief an Robert Skidelsky vom 14. August 1968. Fundort: Der Brief befindet sich im Gordonstoun School Archive, Gordonstoun School, Elgin, Moray (Veevers, 2006, S. 135). Eine, wohl von Jocelin Winthrop-Young besorgte Fotokopie befindet sich im Kurt-Hahn-Archiv im Kreisarchiv Bodenseekreis; nach ihr wird im Text zitiert.

Heekerens, Hans-Peter (2019). 100 Jahre Erlebnispädagogik. Rück-, Rund- und Ausblicke. 2019. Goßmannsdorf: ZKS-Verlag. Verfügbar unter: https://zks-verlag.de/wp-content/​uploads/​FINAL-Heekerens_1.8PaperbackInnenteil.pdf.

Lahme, Tilman (2009). Golo Mann. Biographie. Frankfurt a.M.: Fischer.

Leicht, Robert (2011). Geschlossene Gesellschaft. DIE ZEIT, 34/2011 vom 18. August 2011. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/2011/34/Odenwaldschule/​komplettansicht.

Mann, Golo (1986). Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland (2. Aufl.). Frankfurt am Main: Fischer.

Stark, Manuel (2020). Das Internat als Staat. DIE ZEIT, 15/2020 vom 2. April 2020. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/2020/15/schloss-salem-internat-schule-100-jahre/​komplettansicht.

Westerkamp, Cara (2021). Der Unabsteigbare. ZEIT-online vom 15. Februar 2021. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/arbeit/​2021-02/​oberschicht-reichtum-privilegien-klasse-scheitern.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 06.05.2021 zu: Schule Schloss Salem e.V. (Hrsg.): Schule Schloss Salem 1920-2020. Beständigkeit und Wandel. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-038006-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27708.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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