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Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals

Cover Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. 327 Seiten. ISBN 978-3-518-12746-9. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2746.
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Thema

Die globale kapitalistische Produktionsweise hat eine multiple Krise verursacht, deren soziale und ökologische Folgen die Menschheit und die Natur auf existenzielle Weise gefährden. Diese verheerende Gegenwartsanalyse nimmt Zelik als Ausgangspunkt und schlägt eine radikale Transformation in eine postkapitalistische Produktionsweise vor: Einen grünen und demokratischen Sozialismus. Dafür setzt er sich kritisch mit dessen Vergangenheit auseinander, charakterisiert einen neuen Sozialismus und skizziert, wie dieser verwirklicht werden könnte.

Autor

Raul Zelik ist Politikwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer. Er war Associate Professor für internationale Politik an der Nationaluniversität Kolumbiens in Medellín und lehrte politische Theorie an den Universitäten in Bogotá, Berlin und Kassel. Darüber hinaus ist er seit vielen Jahren in sozialen Bewegungen aktiv.

Aufbau und Inhalt

Das Essay ist insgesamt in sieben Teile untergliedert. Es beginnt mit einem Vorwort (S. 9–15), welches zu einem Zeitpunkt entstand als die Corona-Pandemie gerade Europa erreichte. Auch wenn die Folgen dieser Pandemie bis dato noch nicht abschätzbar waren, verdeutlicht Zelik daran exemplarisch die Vulneralibität des Kapitalismus sowie dessen Absurdität, die Finanzmärkte und Konzerne finanziell bevorzugt zu unterstützen, anstatt die Gesundheitssysteme. Gleichzeitig eröffnet er eine Perspektive, welche diese krisenhafte Epoche als Chance begreift, um konkrete gesellschaftliche Probleme anzugehen oder sogar postkapitalistische Gesellschaftsverhältnisse zu realisieren. Um Letzteres zu untermauern, beschreibt er drei wesentliche Aspekte des Istzustands während der Pandemie:

  1. Der wachstumsorientierte Kapitalismus kann zum Stehen kommen.
  2. Die Menschheit ist global vernetzt und muss dementsprechend handeln.
  3. Das Leben und dessen Erhaltung bleiben essentiell, egal welche Produktionsweise vorherrscht. Zelik beschreibt deshalb die Corona-Pandemie als „Scheideweg – entweder wir entscheiden uns für ein Projekt des Lebens oder für eines der beschleunigten gesellschaftlichen Zerstörung“ (S. 15).

Im ersten Kapitel (S. 16–61) entwickelt der Autor zu Beginn eine mehrfache Zombie-Analogie. Einerseits beschreibt er den Kapitalismus als die Herrschaft des Untoten, des Kapitals. Andererseits vergleicht er die Menschen im Kapitalismus mit Zombies, denn Erstere seien genau so fremdgesteuert und kontrolllos wie Zweitere. Diese Hegemonie des Untoten bezeichnet er auch als „weltumspanndende Zombification“ (S. 29). Gleichzeitig macht der Autor jedoch Folgendes deutlich: „Das tote Kapital ist immer nur so mächtig, wie wir, die Lebenden, es zulassen“ (S. 28).

Sein Begriff der Zombification umfasst darüber hinaus eine weitere Ebene. Und zwar die Wiederkehr politischer Monster. Mit dieser Metapher versucht Zelik die Rückkehr reaktionärer Ideologien in der Politik zu beschreiben, die sich auf dem Globus epidemisch auszubreiten scheinen. Als Ursache dieser Tendenz analysiert er die neoliberale Entwicklung des Kapitalismus mit seinen zunehmenden Kommodifizierungstendenzen und die gleichzeitige Schwäche der Arbeiter:innenparteien und Wohlfahrtstaaten.

Um diese globale Entwicklung zu verändern, sei es notwendig die Machtressourcen des Kapitalismus – die hegemonialen Eigentumsverhältnisse – zu analysieren und zu transformieren. Zelik schlägt dafür vor, den Sozialismusbegriff zu revitalisieren. Für eine Wiederverwendung des Begriffs nennt er zwei Gründe. Erstens sei der Sozialismusbegriff als historischer Erfahrungsschatz zu verstehen, aus dem für zukünftige antikapitalistische Gesellschaftsprojekte gelernt werden kann. Zweitens „war die sozialistische Bewegung aber auch die einzige Kraft, die erkannte, welche Bedeutung der Eigentumsfrage zukommt“ (S. 37). Zelik schlägt deshalb ein Sozialismusverständnis, beruhend auf einer dreifachen Bewegung vor: Als Stärkung des Gemeineigentums, als gesellschaftliche Demokratisierung von Produktion, Konsumtion und Entwicklung sowie als eine kritische Auseinandersetzung mit dem Eigentumsbegriff. Das Kapitel endet mit der Entwicklung eines Katalogs an „normativen Zielen“ (S. 44), die nach ihm ein linkes Gesellschaftsprojekt versuchen sollte umzusetzen.

Zu Beginn des zweiten Kapitels (S. 62–126) macht Zelik, unter Einbeziehung von Platonows Roman Tschewengur, deutlich, dass „radikale Brüche keine radikalen Veränderungen garantieren“ (S. 66). Stattdessen sei nach ihm entscheidend, wie sich normative Ziele politisch umsetzen lassen. Dafür charakterisiert er, auf Grundlage der im vorherigen Kapitel entwickelten normativen Ziele, einen linken Green New Deal.

Im Anschluss analysiert Zelik skizzenhaft die Herausforderungen mit denen Mitte-Links-Regierungen seit den 1970ern konfrontiert waren und an denen sie maßgeblich scheiterten. Daran versucht er zu verdeutlichen, dass eine Regierung alleine für eine sozialistische Transformation nicht ausreicht. Der Autor resümiert, dass die ungleich verteilten gesellschaftlichen Machtressourcen es linken Regierungen erschwere Politik entgegen der Kapitalinteressen zu betreiben. Diese Herausforderung sei demnach auch eine essentielle Herausforderung, um eine emanzipatorische Veränderung der Eigentumsverhältnisse dauerhaft zu realisieren. Zelik schlussfolgert außerdem, dass soziale Bewegungen, die nur auf Reformen abzielen, genau so unzureichend dafür sind, wenn sie nicht darauf abzielen die materiellen Verhältnisse zu verändern. Er plädiert deshalb für „weniger Symbolpolitik, mehr reale Umverteilung von Reichtum und eine klare Positionierung gegen die Interessen von Vermögenseliten“ (S. 112).

Der Autor beendet das Kapitel, indem er versucht zu beantworten, wie sozialer Fortschritt gelingen kann, trotz dieser ungleichen Machtressourcen. Dafür abstrahiert er fünf große Widerstände:

  1. Vermögenseigentümer:innen;
  2. Widerstand in den Staatsapparate;
  3. Gesetze und internationale Abkommen;
  4. informelle Netzwerke von ökonomischen und politischen Eliten;
  5. die Verfügung über Produktionsmittel.

Zelik kommt zu dem Ergebnis, dass sozialer Fortschritt immer als Resultat von sozialen Bewegungen der Subalternen erreicht wurde. Der Parlamentarismus wirkte dazu komplementär als Vermittlungsinstanz, um die Forderungen der Subalternen zu verwirklichen.

Im dritten Kapitel (S. 127–161) beschäftigt sich der Autor hauptsächlich mit zwei Fragen.Erstens: Was ist die gesellschaftliche Funktion von Revolutionen? Und zweitens: Wie haben sich die sozialistischen Revolutionen im 20. Jahrhundert entwickelt? Zur Beantwortung der ersten Frage nutzt Zelik den Roman Snowpiercer als metaphorische Analogie, um auf die geschichtsphilosophische These von Walter Benjamin zu verweisen, dass Revolutionen nicht die Lokomotiven der Geschichte seien (Marx), sondern ihr Griff zur Notbremse. Der Autor schließt sich der Benjaminschen Metapher an und schlussfolgert daraus, dass eine Revolution den wachstumsorientierten Kapitalismus zum stehen bringen müsste, um die multiple Krisenkonstellation aufzuhalten.

Zur Beantwortung der zweiten Frage des Kapitels, wie sich die sozialistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts entwickelten, beschreibt Zelik grob die Entstehung und Entwicklung des Sozialismus in Russland, in China und in Jugoslawien. Trotz ihrer unterschiedlichen Verläufe abstrahiert er drei Herausforderungen dieser real existierenden Sozialismen und beendet damit dieses Kapitel:

  • Alle beruhten „auf einem Modell extremer autoritärer und personalisierter Führung“ (S. 157 f.), in der demokratische checks und balances – externe Kontrollinstitutionen – fehlten.
  • Sie waren nicht in der Lage einen „dem Markt überlegenen Vergesellschaftungsmechanismus“ (S. 159) zu etablieren.
  • Es gelang den sozialistischen Ländern nicht, „eigenständige Kriterien der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu definieren und politische Mehrheiten dafür zu gewinnen“ (ebd.).

Im vierten Kapitel (S. 162–266) beschäftigt sich der Autor mit der Frage, wie ein „neuer, grüner, aus der Gesellschaft heraus entwickelter, demokratisch-egalitärer Sozialismus“ (S. 162) aussehen sollte. Bevor er sich dieser Frage annimmt, kritisiert er die politische Ökonomie des Kapitalismus und sein immanentes Wachstumsparadigma auf zweifache Weise. Zum Einen sei Wachstum nicht durch Rationalisierung ins Unendliche steigerbar, weil Kapital dem Produktionsbereich entflieht und auf Finanz-, Immobilien- und Rohstoffmärkte ausweicht. Zum Anderen gefährde die Finanzialisierung den allgemeinen Wohlstand, da sie Konsumgüter nicht vergünstigt, sondern Lebenserhaltungskosten steigert. Dies bezeichnet der Autor als „rentistische Transformation“ (S. 171) des Kapitalismus.

Anschließend negiert Zelik die Möglichkeit einer grünen Transformation des Kapitalismus, indem er aufzeigt, dass die ökologische Krise mit dem zwanghaften Wachstumsparadigma dieser Produktionsweise kollidiert. Der Kapitalismus sei nach dem Autor zwar in der Lage, neuere technische Innovationen zu fördern, aber ist aufgrund seiner inhärenten Dynamik unfähig, seinen Warenausstoß zu reduzieren. Dies sei nach Zelik aber notwendig, um den Klimawandel zu stoppen. Daraus schlussfolgert er, dass die bestehenden Eigentumsverhältnisse nicht kompatibel seien, die ökologische Krise aufzuhalten.

Anschließend diskutiert er verschiedene transformatorische Ansätze und kommt zu dem Schluss, dass eine machtstrategische Perspektive notwendig sei, um andere Eigentumsverhältnisse zu etablieren. Das ist für Zelik der Grund, „warum eine ökologische Transformation ohne sozialistische Politik nicht durchsetzbar sein wird“ (S. 202). Außerdem diskutiert er in diesem Kapitel die unterschiedlichen wirtschaftlichen Regulationsmechanismen der Markt- und der Planwirtschaft. Er kommt zu dem Ergebnis, dass nicht die Plan- oder Marktwirtschaft der Schlüssel eines neuen Sozialismus seien, sondern hält stattdessen gesellschaftliche Demokratisierungsprozesse von unten für essentiell. Sozialismus wäre deshalb für ihn nicht ein bestimmtes Regulierungssystem, sondern eine „demokratisch-egalitäre Aneignungsbewegung [...], bei der auf ganz unterschiedliche Instrumente zurückgegriffen werden kann“ (S. 231).

Zum Abschluss des Kapitels diskutiert Zelik die Vor- und Nachteile des Liberalismus und der Rätedemokratie als politische Rahmenbedingungen eines modernen Sozialismus. Er kommt zu folgendem Schluss: „Weder das rätesozialistische noch das liberale Modell lösen das Demokratieproblem“ (S. 252). Beispielhaft veranschaulicht er dies in einem Exkurs über den Versuch eines Rätestaates in Venezuela. Er zeigt dabei auf, dass eine Rätedemokratie möglich sei, diese aber über politische Sonderinstanzen verfügen sollte, um einer Akkumulation politischer Macht entgegenzuwirken. Er plädiert daher für eine Kombination von Räten und staatlichen Strukturen, um dadurch mehr Demokratie von unten zu ermöglichen, aber gleichzeitig „nicht hinter die Errungenschaften des liberalen Staates zurückfallen“ (S. 265).

Im fünften Kapitel (S. 267–317) beschäftigt sich der Autor mit der Frage, wie ein neuer Sozialismus etabliert – durchgesetzt – werden könnte. Damit rückt er die Frage nach dem Machbaren und der transformatorischen Macht in den Mittelpunkt. Zur Beantwortung dieser Frage diskutiert Zelik zuallererst, ob die Natur des Menschen der Idee des Sozialismus nicht diametral entgegensteht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Verhalten des Menschen einerseits bestimmt ist „von Biochemie und neuronaler Architektur [...], die eine genetische Grundlage haben“ (S. 281). Gleichzeitig seien Subjekte auch immer Akteure bestimmter materieller Verhältnisse, die ihr Verhalten und Bewusstsein ebenfalls beeinflussen. Damit eröffnet er eine Perspektive, die es erlaubt, den Menschen als transformations- und assimilationsfähiges Subjekt zu verstehen und macht damit einen neuen Sozialismus verhaltenspsychologisch denkbar.

Darauffolgend analysiert der Autor Möglichkeiten der Überwindung des Kapitalismus. In Anlehnung an Harvey versteht er dies als einen Prozess, den die Linke in Verbindung mit verschiedenen politischen Transformationsstrategien begleiten sollte. Dafür geht er auch auf mögliche Widerstände ein, mit denen emanzipatorische Bewegungen konfrontiert seien könnten. Für ihn ergibt sich die Hegemonie des Kapitalismus aus seiner Perpetuierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Der Autor schlussfolgert deshalb, dass emanzipatorische Bewegungen in alle diese Bereiche wirken müssten, um erfolgreich zu sein. Gleichzeitig problematisiert er, „dass sie erst einmal nur über einen einzigen Ansatzpunkt verfügen: die Überzeugungen und Umgangsformen der Menschen. Erst wenn sich sehr viele organisieren und gemeinsam handeln, wirkt sich das auf die öffentliche Meinung, staatliche Struktur und Alltagskultur aus“ (S. 302).

Strategisch schlägt der Autor deshalb eine Kombination aus Poulantzas marxistischer Staatstheorie und Hirschs radikalen Reformismus vor. Ersteres für die Demokratisierung des Staates, zweiteres als Konzept einer außerinstitutionellen Bewegung. Trotz dieses strategischen Vorschlags stellt Zelik trocken fest, dass gegenwärtig ein gesellschaftlicher Aufbruch von links fehlt, der aber notwendig sei, damit Linksregierungen nicht von Oppositionellen destabilisiert werden. Dafür benötigt es nach ihm eine außerinstitutionelle Politik, die transformatorische Spielräume im Staat öffnet. Er plädiert damit für eine Überwindung des Widerspruchs zwischen Partei und Bewegung und schlägt stattdessen eine Synthese beider vor. Die Gegenmacht einer emanzipatorischen Bewegung besteht deshalb nach ihm aus einem Ensemble gesellschaftlicher Praktiken und Organisationsformen, die sich der Kommodifizierung entziehen und neue Alltagspraxen nach innen repräsentieren. Dies bezeichnet Zelik auch als „Kraftzentrum emanzipatorischer Macht“ (S. 317).

Mit dem Epilog (S. 318–326) beendet der Autor das Essay und beschreibt darin seine politischen und biografischen Erfahrungen im Rahmen eines Auslandsaufenthalt in Lateinamerika (Kolumbien) in den 1990ern. Dabei stellt er fest, dass auch kleine politische Gesten und Erzählungen eine große Wirkung entfalten und Menschen tief berühren können.

Diskussion

Das Buch wird seinem Ziel, einen Ausweg aus der krisenhaften kapitalistischen Moderne aufzuzeigen, ohne Vorbehalte gerecht. Die methodische Vorgehensweise des Autors ist sinnvoll und schlüssig. Besonders hervorzuheben ist dabei, seine „doppelte Sackgassenanalyse“ (Urban 2019:131), die sowohl den Kapitalismus als auch den real existierenden Sozialismus kritisch reflektiert, um daraus Schlussfolgerungen für einen zukunftsfähigen, neuen Sozialismus zu entwickeln. Dabei erinnert die Vorgehensweise von Zelik an den dialektischen Dreischritt: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (Zizek 2018: 7). In seiner Analyse und Entwicklung eigener Positionen bewegt sich der Autor sensibel zwischen Widersprüchen zwischen Reform und Revolution und nutzt konsequent eine materialistische Analyse, durch die er stets die Veränderung der Eigentumsverhältnisse in den Mittelpunkt rückt. In Kombination mit der Bezugnahme auf eine Vielzahl linker Theorien schafft er es, eine ernstzunehmende gesellschaftliche Alternative zum Kapitalismus zu entwickeln, ohne in eine romantisierende Retrospektive vergangener Sozialismen oder dem Idealismus zu verfallen. Dies gilt ebenfalls für den Weg dorthin. Das Essay kann dahingehend als komplexe Fundgrube linker Strategien und Perspektiven verstanden werden. Diese untermauert er argumentativ mit Bezugnahme auf aktuelle empirische Untersuchungen, ohne in seiner Darstellungsweise auszuufern.

Die „ökonomisch-ökologische Zangenkrise“ (Dörre 2019: 21), welche der Autor als Ausgangspunkt für die Notwendigkeit eines neuen Sozialismus nimmt, ist nicht neu. Genau so wenig wie die Revitalisierung des Sozialismusbegriffs. Auch wenn Dörre und Schickert schon 2019 ein Sammelband veröffentlichten, in dem auch Zelik einen Beitrag hatte, bleibt im Essay offen, inwieweit der Sozialismusbegriff an sich überhaupt noch brauchbar und eine positive Rekonnotation möglich ist. Diese Frage bleibt auch in Zukunft eine wichtige in der Debatte, um postkapitalistische Gesellschaftsalternativen begrifflich fassbar zu machen.

Außerdem wäre zu klären, wie einem global agierenden Kapitalismus die Stirn geboten werden kann. Es ist naheliegend, dass auch sozialistische Alternativen global agieren müssen, um erfolgreich zu sein. Eine solche internationale Strategie birgt jedoch auch verschiedene Herausforderungen. Auch hier bietet das Buch zwar Ansatzpunkte, die jedoch noch weiterentwickelt werden müssten. Gleiches gilt für die Diskussion über alternative Regulationsmechanismen. Der Verweis auf einen Polanyischen Sozialismus, der demokratisch-egalitäre Verhältnisse fokussiert, statt sich auf Markt- und Planungsdebatten einzulassen, ist dafür ein erster Schritt. Es muss weiterhin diskutiert werden, wie plan- und marktwirtschaftliche Elemente sinnvoll kombiniert werden könnten, um alternative Regulationsmechanismen aufzuzeigen. Hier könnte beispielsweise an Frasers Vorschlag angeknüpft werden, eine moderne Planwirtschaft zu etablieren, die auch Marktmechanismen in bestimmte Bereiche implementiert (vgl. Fraser 2020: 126 ff.).

Auch die Frage nach der Ausgestaltung einer neuen politisch-demokratischen Struktur im Sozialismus kann weiter bearbeitet werden. Zeliks Vorschlag, Staat und Räte zu kombinieren und gleichzeitig externe checks and balances zu etablieren, bietet eine gute Grundlage dafür. Dazu wäre es auch möglich, andere Rätestrukturen, wie die von den Chiapas in Mexiko oder in Rojava, mit einzubeziehen.

Fazit

Insgesamt ist das Essay ein lesenswertes Buch für alle, die sich für postkapitalistische Alternativen der Gegenwartsgesellschaft interessieren. Der Autor schafft es den Sozialismusbegriff zu entstauben und ihm einen modernen Charakter zu verleihen. Dafür skizziert er einen Sozialismus, der auch gegenwärtig wieder anknüpfungsfähig seien könnte. Darüber hinaus bietet das Buch einen guten Überblick über linke Gesellschafts- und Transformationsstrategien, die differenziert diskutiert und auf ihre aktuellen Potenziale untersucht werden. Weil dies größtenteils holzschnittartig passiert, entstehen beim Lesen teilweise mehr Fragen, als Antworten gegeben werden. Dies erzeugt hin und wieder das Bedürfnis, tiefer in einzelne Aspekte eintauchen zu wollen. Hierfür ermöglicht jedoch die hohe Quellendichte, losgelöst von diesem Essay, eine selbständige Vertiefung vorzunehmen.

Besonders positiv hervorzuheben ist die immer wiederkehrende Verwendung von Metaphern aus Romanen und aktuellen Serien. Dadurch entwickelt das Essay eine spannende Dramaturgie, die eine lebhafte und abwechslungsreiche Gesamterzählung erzeugt. Außerdem lassen sich durch die metaphorischen Vergleiche die Zusammenhänge des Buches besser verstehen, wodurch die Fülle an Informationen für die Leser:innen greifbar und verständlich bleibt.

Literatur

Dörre, K. (2019): Neosozialismus. oder: Acht Thesen zu einer überfälligen Diskussion. In: Dörre, K./Schickert, C. (Hrsg.): Neosozialismus. Solidarität und Demokratie und Ökologie vs. Kapitalismus. München: oekom Verlag. S. 17–32.

Frazer, N. (2020): Was heisst Sozialismus im 21. Jahrhundert?. In Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis. H. 2. Jg. 2020. 2S. 120–127.

Urban, H. (2019): Es fehlt uns was, das keinen Namen mehr hat. Perspektiven im Interregnum. In: Dörre, K./Schickert, C. (Hrsg.): Neosozialismus. Solidarität und Demokratie und Ökologie vs. Kapitalismus. München: oekom Verlag. S. 129–144.

Zizek, S. (2018): Lenin heute. Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Darmstadt: Wbg Academic.


Rezension von
Christopher Grobys
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Zitiervorschlag
Christopher Grobys. Rezension vom 23.02.2021 zu: Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-518-12746-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27717.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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