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Hans-Christian Pfohl (Hrsg.): Betriebswirtschaftslehre der Mittel- und Kleinbetriebe

Cover Hans-Christian Pfohl (Hrsg.): Betriebswirtschaftslehre der Mittel- und Kleinbetriebe. Größenspezifische Probleme und Möglichkeiten zu ihrer Lösung. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2020. 6., neu bearbeitete Auflage. 489 Seiten. ISBN 978-3-503-19447-6. 49,95 EUR.

Reihe: Management und Wirtschaft Praxis - Band 44.
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Herausgeber

Hans-Christian Pfohl, Prof. Dr. Dr. h.c., studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität Darmstadt, promovierte zum Dr. rer. pol. und habilitierte sich in Betriebswirtschaftslehre. Von 1975 bis 1982 war er o. Professor für Organisation und Planung an der Universität Essen. Von 1982 bis 2011 hatte er den Lehrstuhl für Unternehmensführung und Logistik an der Technischen Universität Darmstadt inne. Seit 1997 ist er Professor für Management und Logistik am Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg (CDHK) der Tongji-Universität in Shanghai, China. 1996 verlieh ihm die Pannonia Universität in Veszprém, Ungarn, den Titel eines Ehrendoktors.

Entstehungshintergrund

Mit ihren spezifischen Eigenheiten, charakteristischen Stärken und Schwächen unterscheiden sich Klein- und Mittelbetriebe fundamental von Großunternehmen. Zwangsläufig erfordert daher auch die Führung dieser Unternehmen eine Betriebswirtschaftslehre, die auf ihre besonderen Belange zugeschnitten ist. Zu den Klein- und Mittelunternehmen, kurz KMU, werden gemäß einer Empfehlung der EU-Kommission aus dem Jahre 2005 Unternehmen gezählt, die bis zu 250 Mitarbeiter haben und deren Umsatz höchstens 50 Millionen € beziehungsweise 43 Millionen € Bilanzsummen beträgt. Viele Unternehmen der Sozialwirtschaft sind danach KMU, weshalb eine spezifische Betriebswirtschaftslehre durchaus auch für sie von Interesse ist. Aus Sicht der BWL ist die Publikation auch deshalb von Interesse, da sich die betriebswirtschaftliche Forschung überwiegend mit den Problemen von Großbetrieben beschäftigt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Bereiche. In Kapitel A »Grundlagen« geht es um die Abgrenzung der KMU von Großbetrieben, ihre volkswirtschaftliche Bedeutung auch für den internationalen Wettbewerb sowie die spezifische Unternehmensführung. Entsprechend der institutionellen Ausrichtung an einer übergreifenden Branche, den KMU, ist die funktionelle Gliederung des Kapitel B »Funktionale Entscheidungen« nur folgerichtig. Im abschließenden Kapitel C werden die »genetischen Entscheidungen«, also die Lebensphasen eines Unternehmens, dargestellt.

Inhalt

Kapitel A »Grundlagen« beginnt mit der Abgrenzung der KMU von Großbetrieben, wobei deutlich wird, dass die Zuordnung nicht immer einfach ist. Das nächste Unterkapitel widmet sich der Bedeutung der mittelständischen Unternehmen, wobei durchaus auch die Nachteile, die aus den politischen Rahmendaten resultieren, diskutiert werden. Sehr hilfreich ist das Unterkapitel zu den »Hidden Champions«, werden doch die Stärken und Robustheit dieser KMU sowie ihre Strategien anschaulich geschildert. An der Schnittstelle von Grundlagen und Funktionen setzt sich der Herausgeber als Autor mit der Unternehmensführung auseinander. Er unterscheidet hierbei zwischen dem normativen, strategischen und operativem Management.

Kapitel B »Funktionale Entscheidungen« beinhaltet schon in der Überschrift die beiden zentralen Elemente: Funktionen und Entscheidungen. Es geht also nicht nur um die organisatorischen Strukturen, sondern vor allem um die Kennzeichnung der einzelnen Entscheidungsbereiche. Die Darstellung orientiert sich am betrieblichen Ablauf. Es beginnt mit der »Beschaffung«, bei der vor allem die Marktmacht der KMU deutlich geringer als die von oligopolistischen Großunternehmen ist. Beschaffung hat oft nur eine geringe Bedeutung im Betrieb. Die »Produktion« konzentriert sich auf Produktionsunternehmen und ist daher für Dienstleistungsunternehmen, die sich bei den KMU vielfach finden, weniger interessant. Offensichtlich müssen KMU besondere Marketingstrategien verfolgen und haben nur eine beschränkte Auswahl an Marketinginstrumenten. Insofern ist die Schilderung des »Marketings« ein notwendiges Handwerkszeug für Führungskräfte. »Innovationen« werden in der Praxis und Forschung als die zentralen Erfolgsfaktoren für KMU angesehen und sind im Sinne Schumpeters das Kernobjekt unternehmerischen Handelns. Bei der Auseinandersetzung mit der Belegschaft spricht der Autor vom »Personal« und nicht, wie heute üblich, von HR. Dies ist insofern begründet, als in der Praxis von KMU gerade in diesem Entscheidungsbereich nicht immer systematisch vorgegangen wird. Man vermisst etwas die Personalentwicklung, Onboarding oder Talentmanagement – möglicherweise aber auch deshalb, weil es in KMU noch nicht verbreitet ist. Anstelle des Vertriebs wird die »Logistik« in KMU dargestellt und der entsprechende Bedarf legitimiert. Der Fokus liegt z.B. mit dem Supply Chain Management auch hier auf produzierenden Unternehmen. Die »Finanzierung« von Großunternehmen erfolgt in hohem Maße durch Beteiligungen; angesichts der für Externe oft geringen Transparenz und spezifischer gesellschaftsrechtlicher Strukturen ist diese Möglichkeit den KMU oft versperrt. Insofern spielen Innenfinanzierung und Bankkredite nicht selten eine dominierende Rolle. Der Autor schildert anschaulich, welche Alternativen der Finanzierung für KMU möglich sind. Die betrieblichen Funktionen werden mit dem »Controlling« abgeschlossen. Hierbei werden nicht nur die Aufgaben und ein operatives Controllingsystem geschildert, sondern auch die Konzepte und Tools.

Kapitel C widmet sich den »genetischen Entscheidungen«, also den Entscheidungen im Lebenslauf eines Unternehmens. Folglich steht an erster Stelle die »Unternehmensgründung«. Geschildert werden das Gründungsgeschehen sowie die Besonderheiten der Gründungsplanung und Gründungsfinanzierung; ein Thema, dem angesichts der damit verbundenen Risiken für den Gründer gar nicht genug Bedeutung geschenkt werden kann. Obwohl »Internationalisierung« in aller Munde ist, ist es sinnvoll, diesen Begriff und seine Sichtweisen erst einmal zu definieren. Gerade die Globalisierung mit ihren vielfältigen Handelsbarrieren ist eine erhebliche Herausforderung für KMU. Viele Jahre haben M&A, Mergers and Acquisitions, die betriebswirtschaftliche Diskussion beherrscht. Voraussetzung hierfür ist eine »Unternehmensbewertung«, die den wahren Wert des Unternehmens wiedergibt. Den Abschluss des Buchs bildet die »Unternehmensnachfolge«, also der Generationenwechsel. Anders als bei Großunternehmen, die fast immer Kapitalgesellschaften sind, finden sich bei den KMU häufig Personengesellschaften. Eine fehlende oder unzureichende Unternehmensnachfolge kann prekäre Folgen haben und ist daher entsprechend zu gestalten.

Diskussion mit begründeter Bewertung

Insgesamt ist das Konzept logisch, stringent und gut nachvollziehbar. Trotzdem bleiben einige Fragen offen. So ist der Titel des Buches nicht nachvollziehbar, weil auch im Textteil meistens der gebräuchliche Begriff »Klein- und Mittelbetriebe« genutzt wird. Ebenso will der Begriff »genetische Entscheidungen«, so verbreitet er bei der Gliederung der BWL auch ist, hier nicht recht passen. Internationalisierung und Unternehmensbewertung sind kaum genetische Entscheidungen. Im Sinne von Wöhe handelt es sich eher um die konstitutiven Entscheidungen.

Bei der Gliederung der einzelnen Funktionen orientiert sich der Herausgeber nachvollziehbar am Gutenberg´schen Modell und erweitert es um die heutigen Weiterentwicklungen wie Logistik und Controlling. Daher orientiert sich die Publikation weitgehend am produzierenden Gewerbe, was angesichts von Hidden Champions verständlich ist. Jedoch gibt es gerade bei den KMU viele Dienstleistungsunternehmen, denen man bei einer 7. Auflage vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit schenken könnte. Anzumerken ist auch, dass größere KMU ihr Rechnungswesen und den Jahresabschluss nicht ausgelagert haben, weshalb es durchaus Sinn machen würde, vor dem Controlling noch ein entsprechendes Kapitel einzufügen. Auch hätte man sich beim Kapitel »Unternehmensführung« noch eine elaboriertere Differenzierung zwischen Management und Leadership gewünscht.

Trotzdem ist dieses Buch auch für eine gemeinwohlorientierte Sozialwirtschaft durchaus anzuraten. Denn für gemeinwirtschaftliche Betriebe sind die Kenntnisse einer funktionalen Betriebswirtschaftslehre unverzichtbar, gerade weil sie sich oft im Spannungsfeld zwischen der Kameralistik öffentlicher Einrichtungen und kommerziellen Anforderungen befindet.

Fazit

Es ist ein Verdienst des Herausgebers und seiner Autoren, das Modell der allgemeinen BWL auf die KMU übertragen zu haben und dabei die Besonderheiten dieser Betriebsgattung herausgearbeitet zu haben. Zurecht bemängelt der Herausgeber die Konzentration der Betriebswirtschaftslehre auf die Probleme der Großunternehmen, denn das Rückgrat der Wirtschaft bilden die KMU – und auch die Hidden Champions mit ihrer enormen Innovationskraft finden sich hier. Somit ist es ein notwendiges Buch für die vielen Führungskräfte der KMU, in dem auf ihre Arbeits- und Entscheidungsbedingungen fundiert eingegangen wird.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 11.12.2020 zu: Hans-Christian Pfohl (Hrsg.): Betriebswirtschaftslehre der Mittel- und Kleinbetriebe. Größenspezifische Probleme und Möglichkeiten zu ihrer Lösung. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2020. 6., neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-503-19447-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27719.php, Datum des Zugriffs 19.09.2021.


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