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Jan Erhorn, Jürgen Schwier u.a.: Bewegung - Spielraum für Bildung

Cover Jan Erhorn, Jürgen Schwier, Björn Brandes: Bewegung - Spielraum für Bildung. Chancen für bereichsbezogenes Lernen in der frühen Kindheit. transcript (Bielefeld) 2020. 246 Seiten. ISBN 978-3-8376-4071-7. D: 29,99 EUR, A: 29,99 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Bei der Fokussierung frühkindlicher Lern- und Bildungsprozesse wird den Phänomenen Bewegung, Spiel und Sport vielfach Bedeutung beigemessen. Denn betrachtet man Lern- und Bildungssituationen aus der Perspektive eines Kleinkindes, spielen Körper und Bewegung häufig eine zentrale Rolle für Prozesse der Selbst- und Umwelterschließung. Im Zentrum des Bandes steht daher die systematische Analyse von Bezügen zwischen Bewegung, Spiel und Sport sowie fachspezifischen Lern- und Bildungsprozessen im Bereich der Sprache, der Gesundheit, der ästhetischen Bildung und des mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens.

Herausgeber

Jan Erhorn (Prof. Dr.) lehrt Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Universität Osnabrück und ist Vorstandsvorsitzender des niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) und Mitglied des Center for Early Childhood Development and Education Research (CEDER). Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die empirische Unterrichtsforschung und Bewegung sowie Spiel und Sport in der frühen Kindheit.

Jürgen Schwier (Prof. Dr.) lehrt Sportpädagogik und Sportsoziologie an der Europa-Universität Flensburg und ist Mitglied der Studiengangsleitung des Master-Studiengangs »Leitung frühkindlicher Bildungseinrichtungen«. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die sportbezogene Jugendforschung, Mediensport und Trendsportforschung.

Björn Brandes ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bewegungswissenschaften und Sport der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die frühkindliche Bewegungsentwicklung und die Bedeutung der pädagogischen Interaktionsqualität zwischen Fachkraft und Kind in Bewegungssituationen.

Entstehungshintergrund

In den Bildungsplänen der Bundesländer für den Elementarbereich werden durchwegs Körper und Bewegung als ein bedeutendes Element der frühkindlichen Bildung festgeschrieben. Eine eigenständige (Fach-)didaktik ist aber bislang nur in Grundzügen vorhanden – obwohl die Bedeutung von Körper und Bewegung für die kindliche Entwicklung weitgehend anerkannt ist. Um dazu einen Beitrag zu leisten „versammelt der vorliegende Band elf Beiträge, die nicht nur verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zuzuordnen sind, sondern sich dem Feld der frühkindlichen Bildung auch aus unterschiedlichen methodischen Blickwinkeln nähern. Konstitutiv für alle Beiträge ist in dieser Sicht ein weites Verständnis von Bewegung, das inter- und transdisziplinäre Herangehensweisen herausfordert sowie beispielsweise für die ästhetische Bildung, fachspezifische Lernprozesse im Bereich der Sprache oder das frühe mathematische Lernen von Interesse sein kann“ (aus dem Vorwort).

Aufbau und Inhalt

In einem Grundlagenartikel für die folgenden Beiträge des Buches beschäftigt sich Björn Brandes mit dem Thema „Bewegung und Entwicklung“. Er beschreibt ein aktuelles Entwicklungsverständnis. Anschließend werden unterschiedliche Perspektiven auf den Phänomenbereich der Bewegung systematisiert und nachgezeichnet sowie daraus folgende Bezüge zur Entwicklung in der frühen Kindheit untersucht.

„Bewegung als Medium und Motor der Gesundheitsförderung in der frühen Kindheit“ ist der Titel des Beitrags von Jürgen Schwier. Er thematisiert die besondere Relevanz von Bewegung und stellt aktuelle empirische Befunde zu Bewegungsaktivitäten und zum Bewegungsmangel in der frühen Kindheit vor um dann die pädagogischen Perspektiven einer zielgerichteten Bewegungsförderung in frühkindlichen Bildungseinrichtungen zu diskutieren.

Nadine Madeira Firmino thematisiert im Beitrag den Zusammenhang von „Sprache und Bewegung in der frühen Kindheit“ aus verschiedenen Blickwinkeln und betont die besondere Relevanz für die Bildungspolitik. Dabei fließen aktuelle Erkenntnisse der bewegungsorientierten sprachlichen Bildung und Förderung in der frühen Kindheit ein.

Jan Erhorn und Hedwig Gasteiger eruieren in ihrem Beitrag „Bewegung und frühes mathematisches Lernen“ welche Möglichkeiten das Medium der Bewegung für das mathematische Lernen in der frühen Kindheit bietet. Sie stellen zentrale Kompetenzen frühen mathematischen Lernens dar und arbeiten heraus, welche Möglichkeiten Bewegung für das Lernen im allgemeinen und das mathematische Lernen im Besonderen bietet um daraus mögliche Forschungsperspektiven abzuleiten.

Andreas Brenne zeigt in seinem Beitrag „Bewegung und ästhetische Bildung- Möglichkeiten einer transdisziplinären Bildung/​Kunstpädagogik in der frühen Kindheit“ am Beispiel von drei Fallstudien, dass das „Ästhetische“ als ein „leibsinnliches Bezugssystem“ zu verstehen ist, in dem die Bewegung einen zentralen Aspekt ausmacht. Darauf aufbauend bestimmt er Implikationen für eine bewegungsförderliche ästhetisch-künstlerische Praxis.

Im Beitrag „Fußball spielen beim Fußballspielen“ stellt Thomas Grunau die Frage nach der ästhetischen Dimension des Kinderfußballs. Er stellt zunächst sensibilisierende Konzepte vor mit denen die ästhetische Dimension im Kinderfußball beschreibbar wird um dann mit empirischem Material aus der ethnographischen Untersuchung eines Bambini-Teams diese Frage zu beantworten. Kern des Artikels ist eine ausführliche Beschreibung der Trainingseinheiten und deren Analyse.

Ziel des Artikels von Stefanie Pietsch „Dance and Competence Kompetenzentwicklung aus körperlicher Perspektive im Rahmen der kindheitspädagogischen Hochschulausbildung“ ist es, darzustellen, wie mit Hilfe des Tanzes als ästhetisches Medium mit all seinen Facetten körperbezogene Entwicklungsthemen in bildungsbereichsübergreifender Perspektive für Kinder und für Studierende herausgearbeitet werden können.

Doreen Scheiwe stellt die Ergebnisse der Studie „Schrittmessung im Vorschulalter Erhebung des Aktivitätsverhaltens von Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren in Mecklenburg-Vorpommern“ vor, in der das Ausmaß der körperlichen Aktivität von Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren auf der Basis der täglichen Schritte untersucht wurde – unter der Berücksichtigung des Lebensstils der Kinder und anthropometrischer Faktoren wie Körpergröße und Gewicht.

Miriam Seyda, Mats Egerer, Carl Philipp Hendricks und Anneke Langer beschreiben in ihrem Beitrag »Kindergarten in Bewegung« ein Projekt zur Steigerung von Bewegungs-, Spiel- und Sportmöglichkeiten im frühen Kindesalter. Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, welche Wirkungen eine wöchentliche Bewegungsstunde auf die motorische Entwicklung am Beispiel der Koordination der teilnehmenden Kinder entfalten und inwieweit die Sensibilisierung der Eltern die Bedeutung regelmäßigen Sporttreibens angestoßen hat.

In dem Beitrag „Interaktionsmomente zwischen Fachkraft und Kind in Bewegungssituationen Eine explorative Untersuchung von drei bis sechsjährigen Kindern in elementarpädagogischen Einrichtungen“ geht Catrin Wehrmann der Frage nach, inwiefern die Fachkraft die jeweiligen Lernprozesse in Bewegungssituationen unterstützt.

Christina Rothgaenger und Jan Erhom stellen in ihrem Beitrag eine explorative Untersuchung vor mit der Fragestellung, inwieweit „Kontaktaufnahme und Dialoganbahnung im Kontext von offenen Bewegungsangeboten für Kinder in der Krippe“ zur Geltung kommen. Ziel war es, herauszuarbeiten, auf welche Art und Weise dies im Kontext einer Bewegungsbaustelle erfolgen kann und welche Hinweise für die Praxis daraus abgeleitet werden können.

Diskussion

Dieser Sammelband setzt sich sehr ausführlich mit der Bewegung als Spielraum für Bildung auseinander und stellt dar, inwieweit daraus Chancen für ein bereichsbezogenes Lernen kreiert werden können. Es werden die wesentlichen Themen angesprochen, welche sich in den Bildungsplänen für die Kindertagesstätten aller Bundesländer wiederfinden. Im Vorwort wird bedauert, dass für diesen Bereich es an einer Fachdidaktik mangelt. Die Erwartung, dass dieser Mangel durch die Beiträge des Buches behoben wird, muss jedoch enttäuscht werden. Wir finden sehr sorgfältig und fundiert recherchierte Artikel, die einen hohen wissenschaftlichen Standard vorweisen. Beispielhaft zeigt dies der Artikel von Pietsch, in dem 20 Seiten Text 9 Seiten Literaturangaben folgen. Die ErzieherIn findet in diesem Buch jedoch nur wenig Anregungen für ihren pädagogischen Alltag in der Kindertagessstätte. Mit einem Blick in die Praxis hätte man bei dem Beitrag zum mathematischen Lernen auf das „Zahlenland“ von Prof. Preiß verweisen können, das vorzüglich aufzeigt, wie man Kinder im Vorschulalter in die Welt der Zahlen einladen kann (Zahlenland Prof. Preiß). Auch die Darstellung des Projekts „Kindergarten in Bewegung“ vermittelt den Eindruck, eine einmalige Idee zu sein. Es gibt aber inzwischen in vielen Bundesländern die Möglichkeit, Kindertagesstätten als „Bewegungskindertagesstätten“ oder „Psychomotorischen Kindertagesstätten“ zertifizieren zu lassen.

Beispiele dazu: www.bewegungskindergarten-nrw.de, www.bsj.org; www.bewegungskita-rlp.de; www.psychomotorik.com/zertifizierung-zur-psychomotorischen-Einrichtung; Zertifizierung psychomotorische Kita • Psychomotorik-Gütesiegel (psychomotorik-bonn.de)

Fazit

Hier wird ein kluges Buch vorgelegt, in dem zum Thema Bewegung in der frühkindlichen Bildung ein breites Feld ausgebreitet wird. Es eignet sich sehr gut für die Ausbildung an Fachhochschulen und Universitäten, die sich diesem Thema widmen, da es viele Anregungen gibt zum weiter Denken und weiter Forschen. Für die Hand der ErzieherIn müsste es angereichert werden mit zahlreichen Beispielen aus und für die Praxis.


Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 14.01.2021 zu: Jan Erhorn, Jürgen Schwier, Björn Brandes: Bewegung - Spielraum für Bildung. Chancen für bereichsbezogenes Lernen in der frühen Kindheit. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-4071-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27723.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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