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Hans Brügelmann, Annemarie von der Groeben u.a.: Bildung gegen Spaltung

Cover Hans Brügelmann, Annemarie von der Groeben, Hilbert Meyer, Renate Nietzschmann, Susanne Thurn: Bildung gegen Spaltung. Eine Streitschrift. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 176 Seiten. ISBN 978-3-95414-169-2. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Debus Pädagogik.
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Thema

Lange Zeit war es still um Leitpositionen in Bildungstheorie und Didaktik, die wesentliche Debatten sowie Studiengänge der Pädagogik über Jahrzehnte prägten. Diskurse, die von Herwig Blankertz und Wolfgang Klafki eingeleitet worden waren, konfrontierten kritisch mit Sinnfragen von Pädagogik und setzten auf Bildungsreform mit dem Ziel von mehr Bildungsgerechtigkeit. Diese Ausrichtung schien nicht zum Zeitgeist von Post-PISA, Drittmittel-Empirismus sowie neo-liberalem Utilitarismus zu passen. Es setzten Inhalts- und Ortsverschiebungen kritischer Fachdiskurse um Bildung ein. Es wirkt(e?), als läge die Bedeutung von Didaktik vorrangig nur noch in einer Methodenlehre. Die zunehmend klarer in der Bildungsberichterstattung hervortretenden Brüche zwischen Kultuspolitik und der Form von ihr verantworteter Schule einerseits sowie den Lebenslagen sozial-strukturell abgespaltener Heranwachsender andererseits schienen sich von der Schulpädagogik zunehmend in die Bildungssoziologie, etwa Richard Münch, und in die Sozialpädagogik, etwa DJI, zu verlagern. Statt des Glaubens an mehr Bildungsgerechtigkeit durch Schulreform, der immerhin Generationen von Lehrkräften prägte, verfestigten sich vielfach Resignationen und Rückzüge. Vieles, was diese kleine Schrift bietet, ist nicht neu – und hierin liegt die eigentliche Stärke. Anknüpfend an alte Fachdebatten und diese aktuell kontextualisierend, wird Schulreform als zentrales Motiv reanimiert, da ohne entschiedene Reform mehr Bildungsgerechtigkeit nicht erreicht werden kann.

Autorinnen und Autoren

Hans Brügelmann, Annemarie von der Groeben, Hilbert Meyer, Renate Nietzschmann, Susanne Thurn – beim Lesen dieser Namen, und der mit ihnen verbundenen Reformmodelle, werden Erinnerungen geweckt: Grundschule, Laborschule Bielefeld, Didaktik, Stadtteilschule Bergedorf und wieder die Laborschule Bielefeld. 

Entstehungshintergrund

Heute stehen die Autorinnen und Autoren für die Initiativgruppe Bildungsgerechtigkeit. Dies ist ein wachsender Kreis aus Bildungstheorie und Schulpädagogik, in dem die gegenwärtige soziale Spaltung durch die Ausrichtung und Organisation des Bildungssystems als Skandal bewertet wird. Der Name dieser Initiativgruppe ist Programm. Die eigentliche Texterstellung war vor der Corona-Pandemie abgeschlossen, wurde jedoch von der aktuellen Entwicklung eingeholt. Die Autorinnen und Autoren sehen die Zielsetzung der Publikation durch die Corona-Folgen bestätigt (S. 9).

Statt Überregulierung und Bürokratisierung in den Standards der KMK werden schulpädagogische Standards formuliert, die sich an Menschen- bzw. Kinderrechten sowie der besonderen Vulnerabilität Heranwachsender ausrichten. Fortgeführt werden damit auch Debatten vergangener Dekaden um die Demokratisierung und Humanisierung der Strukturen des Bildungssystems.

Aufbau und Inhalt

Die Struktur ist klar und übersichtlich gehalten. Der Stil ermöglicht ein Lesen auch bei hohen Alltagsbelastungen. Die Aussageführung ist frei von Schnörkeln und erleichtert die Lektüre.

  • Ein Vorwort bietet einen Einstig zur Ausrichtung und zu den Zielen der Initiativgruppe Bildungsgerechtigkeit. Hieran schließt der 1. Klartext an. In diesem Abschnitt werden in drei Schritten Grundfragen geklärt.
  • Im Folgeabschnitt wird unter 2. ein „Stufenkoffer der Bildung“ mit Blick auf Alter und Entwicklung Heranwachsender gepackt.
  • Das 3. Kapitel dient dem Ausweisen eigentlicher pädagogischer Standards, die konträr zu den Setzungen der KMK ausgerichtet sind.
  • Kapitel 4 konkretisiert Bausteine.
  • Im 5. Kapitel wird der Blick auf die Lehrer*Innenbildung gelenkt.
  • Das 6. Kapitel verweist exemplifizierend auf die Bedeutung von Utopien für Pädagogik. Die Ausrichtung folgt dem pädagogischen Optimismus, der bekannten „Schritte, die beim Gehen entstehen“.
  • Im 7. Kapitel wird zu einem Bildungsrat für Bildungsgerechtigkeit aufgerufen; ein Kreis, dem sich bereits auch zahlreiche namhafte Unterstützende angeschlossen haben.
  • Die Schrift endet mit Literaturhinweisen sowie Informationen über die Autorinnen und Autoren.

Die Darstellung ist ausgesprochen kompakt und klar gehalten. Bekanntes der Autorinnen und Autoren wird in dieser Neuaufbereitung gebündelt und pointiert im Sinne kritisch-konstruktiver Didaktik den Formen von Schulentwicklung unter den Vorzeichen von KMK entgegengestellt.

Beispielhaft für das kritisch-konstruktive Verständnis soll nachfolgend kurz Kapitel 2. „Stufenkoffer der Bildung“ skizziert werden.

Das Konzept für eine solche Bündelung von Leitthemen schulischer Bildungsinhalte nach Entwicklungskohorten wurde in der Laborschule Bielefeld entwickelt. Die Leitidee besteht darin, dass dieser Koffer für alle Kinder und Jugendlichen in ihrer Kita bzw. Schule grundlegende Bildungserfahrungen beinhalten soll, die dann von allen Schülerinnen und Schülern jeweils am Ende einer Altersstufe mitgenommen werden können. Er wird als systematisch aufgebautes Tableau verstanden, welches einerseits vergleichbare Orientierungen und andererseits flexible didaktische Gestaltungen ermöglicht. Dieses Gegenmodell zu typischen Lernzielkatalogen zielt auf soziale und sachliche Kontextualisierungen. Es ist damit als Steuerungsinstrument zur Überwindung der gewohnten Isolation von Fachdomänen gedacht, das grundlegende qualitative Gewinne für Lernwege der Begegnung und Aneignung eröffnet.

Hierbei werden drei Grunddimensionen besonders hervorgehoben, die in ihrer Bedeutung in der Tradition gewohnter Lernzielkataloge sonst eine deutlich geringere Berücksichtigung finden und zumeist weitgehend ohne konkretisierende Hinterlegung bleiben. Mit diesem Konzept wird zugleich ein überfälliger Diskurs wider die Tradition der Lernzielkataloge angemahnt. Die erste Grunddimension liegt in der „Entwicklung der Persönlichkeit“. Das „Leben und Lernen in der Gemeinschaft“ tritt als zweite, zu oft vernachlässigte Dimension hinzu. Und schließlich wird mit der dritten Dimension, der „Begegnung mit der Welt“ die Aufgabe von Schule als pädagogische Anstifterin zur aktiven Explorativen und Aneignung von Welt besonders betont.

Was dies nun bedeutet, wird jeweils für die 6-Jährigen, die 10-Jährigen, die 13-Jährigen und die 16-Jährigen mit eigenen und aufeinander aufbauenden Koffern beschrieben. Hierbei wird es gewagt, soweit curricular zu konkretisieren, dass Konturen und Profilelemente einer Vision von Schule in sozialer Verantwortung deutlich hervortreten.

Wie mit jedem Wagnis der Konkretisierung treten Ansatzpunkte für Fragen und Diskussion hervor. So kollidiert dieses Update einer Schule „vom Kinde aus“ mit den Leitlinien neo-liberaler und damit auch utilitaristischer Schulentwicklung. Fragen werfen beispielsweise die sozial-harmonistischen Leitlinien, die Gewichtungen von Arbeit-Wirtschaft-Technik in der Moderne sowie die möglichen Verknüpfungen unterschiedlicher Lern- und Lebensweltenwelten im Lebenslauf auf – aber dies sind Details, die der gemeinsamen diskursiven Klärung und Justierung bedürfen. Ausgeblendet bleiben sollte nicht, dass Kritik Grundlage des Diskurses ist und in dieser Publikation ausdrücklich zum Diskurs aufgefordert wird. Gerade in Kapitel 2 gewinnt eine andere und zugleich mögliche Schule an Kontur.

Diskussion

Nachhaltige Schulentwicklung im Sinne von Humanisierung und Demokratisierung lebt von Kontroversen, Pluralität sowie dem gemeinsamen Wagen von Experimenten. Zu lange waren die Debatten um Bildung, auch in Hochschulen, durch eine Selbstzensur der Hofartigkeit gekennzeichnet. Die Innovationspotenziale durch kritisch-konstruktive Denkfiguren in der Pädagogik schienen überlagert von alternativlosen Ausführungsbestimmungen. Diese Schrift vergegenwärtigt, dass es sich lohnt, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu streiten und auch, dass es wieder Zeit ist, Didaktik statt mit Chiffren kritisch-konstruktiv mit einer zivilgesellschaftlichen und damit allgemeinbildenden Bildungskultur der Teilhabe zu füllen. Ob nun die hier vorgeschlagene Strategie der Reanimation Erfolg bringen wird, bleibt offen. Entscheidend ist jedoch, dass Impulse gesetzt werden für eine Reanimation, solange diese noch möglich ist.

Fazit

Wie bedeutsam eine Reanimation der Bildungsdebatte gegenwärtig in Deutschland ist, mag vielleicht ein Rückgriff in vordemokratische Zeiten vergegenwärtigen. Statt einer Ausrichtung an einer Schulpolitik der „Regulative“ steht auch im Neo-Liberalismus eine Fokussierung auf die „Lebensfragen der Civilisation“ (Diesterweg) an.

Die hier vorgelegte Streitschrift schreibt Reformdebatten fort und bildet Brücken zur „existentiellen Konzentration“ (Weniger) und zu den „Schlüsselproblemen“ (Klafki); zu Reformansätzen, die heute fast schon so vergessen wirken, wie Leitdebatten des 19. Jahrhunderts. Die Schrift fokussiert auf das, was Schule eigentlich bieten und für wen sie vorrangig da sein sollte.


Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 13.08.2021 zu: Hans Brügelmann, Annemarie von der Groeben, Hilbert Meyer, Renate Nietzschmann, Susanne Thurn: Bildung gegen Spaltung. Eine Streitschrift. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-95414-169-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27725.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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