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Heinz Wewer: Spuren der Vernichtung

Rezensiert von Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann, 28.02.2022

Cover Heinz Wewer: Spuren der Vernichtung ISBN 978-3-95565-428-3

Heinz Wewer: Spuren der Vernichtung. Stationen der „Endlösung“ im Zeugnis postalischer Dokumente. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2021. 232 Seiten. ISBN 978-3-95565-428-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Hinführung

Heinz Wewer arbeitet im Folgenden mit Postkarten, Briefen, Briefmarken nicht nur als postalische Dokumente, sondern rekonstruiert an diesen Dokumenten den sozialen und historischen Kontext. In der Philatelie wird dieses Verfahren social philately genannt (http://sites.google.com/site/yorkps/​guidelines-for-social-philately). Postalische Dokumente werden bei diesem Verfahren thematisch geordnet und zum Beispiel für Ausstellungen vorbereitet. Das bedeutet, dass es nicht nur um die postalischen Dokumente also solche geht, sondern dass sie – wie andere Medien (z.B. Bilder, Filme usw.) auch – Botschaften transportieren. Wewer gelingt es mit seinem insgesamt vierbändigen Werk, die Ideologie des Nationalsozialismus und die entsprechenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht nur via postalische Dokumente zu belegen, sondern auch in eine zeitliche Abfolge zu bringen und die Inhalte der Postkarten und Briefe diesem Weg des Grauens zuzuordnen und so das Leiden und den Tod unzählig vieler Menschen zu erinnern. Die Herangehensweise Wewers ist jedoch sehr aufwändig, um die sozialen Kontexte zu rekonstruieren. Unbedingt nötig ist auch, Handschriften entziffern zu können, was ein Hindernis zur Rezeption des Bandes darstellen könnte.

Autor

Heinz Wewer, geb. 1935, arbeitet als Redakteur von „Diskussion – Zeitschrift für Fragen der Gesellschaft und der deutsch-israelischen Beziehungen“ und auch für andere Zeitschriften für den WDR; Heinz Wewer war für RIAS-Berlin Beobachter des Eichmann-Prozesses in Jerusalem.

Aufbau

Das Buch gliedert sich wie folgt:

Einleitung (S. 7–10)

  1. Der Apparat des Terrors (S. 11–21)
  2. Mobile Mordkommandos (S. 22–39)
  3. Bevölkerungsverschiebung (S. 40–59)
  4. Das Ghetto Litzmannstadt (S. 57–76)
  5. „Sterben ist doch jetzt ein Luxus“. Ghettos von Warthbrücken bis Grajewo (S. 77–118)
  6. Orte der Vernichtung (S. 119–134)
  7. „… von Westen nach Osten…“.Durchgangsstationen zur Vernichtung (S. 135–148)
  8. Grüße vom Rande des Abgrundes. Die „Briefaktion des RSHA (Juden)“ (S. 149–181

Resümee (S. 182–184)

Anmerkungen (S. 185–209)

Anhang (S. 210–228)

Inhalt

Ad Einleitung

Der Name „Auschwitz“ bezeichnet einmal einen Ort, an dem fast eine Million Menschen ermordet wurden und zum anderen steht Auschwitz als Chiffre für die Ermordung vieler Millionen anderer durch das NS-Terror- und Gewaltregime oder allgemein für die Shoah bzw. Genozid an Juden und Sinti und Roma und anderen Gruppen. Außerhalb von Auschwitz wurden jedoch sehr viel mehr Menschen von SS-Sondereinheiten, Polizei und nichtdeutschen Hilfstruppen ermordet (S. 7) als in Auschwitz selbst. Heinz Wewer geht den Weg des Genozids bzw. des Völkermords nach, den Spuren der mobilen Mordkommandos, der „Germanisierung“ Polens, den Ghettos in Polen, den Mordzentren/​Vernichtungslagern, den Durchgangsstationen der Massendeportationen. Methodisch gehört das Buch in die Tradition der sog. Social Philately, d.h. der gesellschaftshistorischen Philatelie. Briefe, Postkarten, Briefmarken, also Dokumente der postalischen Kommunikation, werden als Objekte der Alltagskommunikation in ihren sozialen und historischen Kontexten wahrgenommen und diese Kontexte werden so auch greifbar: „Postalische Zeugnisse werden hier als Spuren der Zeitgeschichte interpretiert“ (S. 7). Der Fokus des Buches liegt auf der Ermordung vor allem jüdischer Menschen. Die Spurensuche ist pädagogisch ausgerichtet, ähnlich dem Gang durch ein Museum. Wewer stellt dabei folgende Forschungsfragen:

„1. Sind postalische Dokumente „authentische Dokumente“, die geeignet sind, historische Sachverhalte und Zusammenhänge anschaulich zu machen, den Betrachtern näher zu bringen? Sie sie geeignet, das Verständnis von Geschichte zu fördern?

2. Können postalische Dokumente unsere Kenntnis historischer Fakten erweitern, können sie als Quellen gelten?“ (S. 7)

Wewer erforscht grundsätzlich die institutionellen Rahmenbedingungen der Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Im Abschnitt „semantische Konventionen“ problematisiert der Autor die Begriffe „Holocaust“, „Shoah“ u.a.m. – er entscheidet sich gut begründet für „Völkermord“ bzw. „Genozid“ (S. 8) und nimmt Theodor W. Adornos Gedanken aus dessen Rundfunkrede im Hessischen Rundfunk (1966) „Erziehung nach Auschwitz“ auf: „Die Schwierigkeiten, die manche Menschen mit der Benennung des Ungeheuerlichen haben, liegen im Ungeheuerlichen selbst.“ (S. 9) auch der Begriff „Vernichtungslager“ ist ambivalent – diese Orte hatten den Zweck, in kurzer Zeit, zahlreiche Menschen zu ermorden (S. 8). Zutreffend sind die Termini „Mordstätte“, „Vernichtungsstationen“, „Extermination Center“ u.a.m.

Ad 1: Im ersten Kapitel des Buches führt Heinz Wewer in die Organisationsstruktur der NS-Tötungsmaschinerie ein (S. 11). Das Zentrum war „Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern“ (S. 11). Diese Funktion ist Heinrich Himmler am 17.6.1936 direkt per Erlass durch Adolf Hitler übertragen worden. In Korrespondenzen wird der volle Name selten genannt, der heißt es entweder „Der Reichsführer SS“ oder schlicht „Firma“. Eine staatliche normengebundene Institution (Polizei) wurde mit einer normenunabhängigen Institution (SS) verbunden, um so ein Herrschaftssystem gegen innere und äußere Feinde aufzubauen. Das ganze Gebilde bekomme, so der Autor, aber die „Fiktion der normativen Legitimität“ (S. 11). In diesem neuen Konstrukt kam der SS Vorrangstellung zu (S. 12). Am 26.9.1939 wurde die Sicherheitspolizei/​Kriminalpolizei/​Gestapo und der Sicherheitsdienst der SS (SD) zum sog. Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengelegt, an dessen Spitze Reinhard Heydrich stand. Nach dessen Tod übernahm zunächst Himmler selbst und dann ab 29.1.1943 Ernst Kaltenbrunner die Leitung. Das RSHA steuerte und organisierte die Terror- und Vernichtungspolitik des Dritten Reiches (S. 12). Die neue Behörde verwaltete nicht nur, sondern führte auch direkt aus: „Seine Mitglieder waren keineswegs „Schreibtischtäter“, sondern Aktivisten, deren Tätigkeit zwischen der Verwaltung von Terror und Mord und der Ausführung von Terror und Mord in den Einsatzgruppen oder in der Besatzung wechselte.“ (S. 12) Die Führung des RSHA war akademisch gebildet: „Das Reichssicherheitshauptamt bildete den theoretischen wie praktischen Kristallisationspunkt einer spezifisch nationalsozialistischen Polizei, die ihre Aufgaben politisch verstand; ausgerichtet auf rassische ‚Reinhaltung‘ des Volkskörpers sowie die Abwehr oder Vernichtung der völkisch definierten Gegner, losgelöst von juristischen Beschränkungen – die Exekutive der rassistischen ‚Volksgemeinschaft‘.“ (S. 12) Das RSHA war die Schaltzentrale des Völkermords. Die Gestapo war der „Exekutivarm“ des RSHA (S. 13); ein weiteres Terror-Instrument war das Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) (S. 14). Zugeordnet waren dem RSHA Schutzpolizei, Gendarmerie, Feuerwehr und Luftschutzpolizei: „Polizeieinheiten waren an zahlreichen Massenmorden in Polen und in der Sowjetunion beteiligt.“ (S. 15) Am 6.10. 1939 verkündete Hitler die „ethnografische“ Neuordnung und setzte so die NS-Rassenpolitik durch (S. 16). Dem SS-Führungshauptamt oblag die Verwaltung der Waffen-SS und war somit für die Lebensbedingungen der Gefangenen zuständig. Die zugehörigen postalischen Dokumente belegen die penible Organisation der Menschheitsverbrechen durch die SS; noch erschütternde ist indes die Durchführung der Mordbefehle, was ebenfalls dokumentiert ist (S. 18). Deutlich wird, dass sowohl ranghohe als auch rangniedere SS- und Polizeiführer „es nicht an Verfolgungseifer fehlen ließen“ (S. 21).

Ad 2: Ziel des Überfalls bzw. der Angriffskriege gegen Polen und die Sowjetunion war die Vernichtung bestimmter Bevölkerungsteile, darunter die politische Führungsschicht (S. 22). Dazu kamen Umsiedlungen in den Warthegau durch die Operation „Heim ins Reich“, Deportation der Juden, Sinti, Roma in das Ghetto Litzmannstadt und in das sog. Generalgouvernement; Ausplünderung der Wirtschaft Polens; Versklavung der Bevölkerung, Ghettoisierung und Ermordung der nach Polen deportierten Juden/Jüdinnen. Gegen die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“) (22.6.1941) war die Zerschlagung der eingebildeten „jüdisch-bolschewistischen Verschwörung“ (S. 22). In diesen „Weltanschaungskriegen“ ging es u.a. um die „Gewinnung von Lebensraum“ (S. 22). Das sowjetische Führungspersonal sollte ermordet werden, ebenso „erhebliche Teile der in deutsche Hände geratenen Roten Armee“, Ermordung der jüdischen Bevölkerung, Ausplünderung und Zerstörung besetzter Gebiete, Aushungern, Versklavung der verbliebenen Bevölkerung, Ermordung von sog. Partisanen. Der Krieg gegen Polen war der Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Mordaktionen wurden von 5 Einsatzgruppen mit insgesamt 12 Einsatzkommandos durchgeführt (ca. 2700 Personen). Die unbestimmte Definition des Auftrags ließ örtlichen Einsatzkräften viel Interpretationsspielraum, der auch genutzt wurde (S. 23): „Die Opfer von Einsatzgruppen wurden meist überfallartig festgenommen, zusammengetrieben und ermordet, nicht selten, nachdem sie zuvor ihre eigenen Gräber geschaufelt hatten. Sie hatten daher keine Chance, sich in schriftlichen Botschaften zu äußern.“ (S. 23) Von den Tätern ist kaum postalisches Material vorhanden, weil es vernichtet wurde. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurden in kurzer Zeit im Baltikum und in der Ukraine ca. 63.000 Menschen ermordet. Zwischen SS/SD und Wehrmacht und Geheimer Feldpolizei gab es eine breite Kooperation (S. 25). Die Mordstätten 1941 waren Ponary/​Vilnius, Rumbula/Riga, Kamenez-Podolsk/​Kamieniec-Podolski (Ukraine), Babi Jar/Kiew. Die Mörder führten genau Buch über die Zahl der Ermordeten. Im sog. „Jäger-Bericht“ werden 137346 ermordete Menschen aufgeführt. Am 4.7.1941 begann in Kauen die „Endlösung“ im Baltikum (S. 26) – statt Massenerschießungen griff man nun zum Mittel der Ermordungen in der Gaskammer, die man bereits im T 4-Euthanasie Programm „erprobt“ hatte. Postalisch sind vor allem Zeugnisse wie Postkarten (Dokumente des Einsatztrupps Drohobycz) vorhanden (S. 27). Felix Landau war einer der Mörder: „Landau war in hohem Maße korrupt und bereicherte sich hemmungslos an geraubtem Gut. Er führte das Leben eines Feudalfürsten. Zu seinem Lebensstil gehörte es, dass er sich seit dem Sommer 1941 einen „Leibjuden“ hielt, den er vor der Deportation schützte.“ (S. 28) Die SS rekrutierte zunehmend SS-Totenkopfverbände und SS-Reiterregimenter (S. 28), die dann in die Waffen-SS eingegliedert wurden. Diese Einsatzgruppen waren auch an der Ermordung von Menschen mit Behinderung/​psychischer-psychiatrischer beteiligt (S. 29). Auch Polizeieinheiten beteiligten sich an den Mordaktionen: Bekannt geworden ist zum Beispiel das Polizeibataillon 301, das an Erschießungen im Parlamentsgarten teilgenommen hatte und später auch im Warschauer Ghetto tätig wurde. Die verschiedenen Polizeibataillone wurden von einheimischen Hilfspolizei-Verbänden („Schutzmannschaften“) unterstützt (S. 38).

Ad 3: „Ethische Flurbereinigung“ war die rassistische Bevölkerungsverschiebung; hierbei ging es um die Ansiedlung von „Volksdeutschen“, „Lösung der Judenfrage“, „Germanisierung der Gebiete“ (S. 40). Im sog. „Generalplan Ost“ wurde die Ermordung Millionen Menschen, Vertreibung, Versklavung geplant und war so etwas wie die Generallinie der NS-Expansions- und Völkerverschiebungspolitik. Instrument war die Einwanderungszentrale in Posen und dann ab 1940 in Litzmannstadt. „Neusiedler“ wurden nach rassistischen Kriterien ausgewählt (S. 42) und die Bevölkerung ebenfalls in rassistische Kategorien eingeordnet. Bis zum 15.12.1939 hatten fast 50.000 Deutschbalten Lettland und 10.000 Estland verlassen (S. 43). In Polen wurde die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung ausgeraubt (S. 44). Im „Heim-ins-Reich“-Programm wurden ca. 600.000 ‚Volksdeutsche‘ umgesiedelt (S. 45). Zwischen der Ansiedlung von ‚Volksdeutschen‘ und der Ermordung besteht ein enger ideologischer Zusammenhang; denn wie im deutschen Reich wurde auch in Polen ein Netz polizeilicher Zwangs- und Arbeitslager errichtet, in denen Gefangene der entgrenzten Brutalität der Wächter ausgeliefert waren oder verhungerten (S. 48). Im Polizeihaftlager Fort VII Posen wurden Vergasungsexperimente mit Kohlenmonoxid und Zyklon B durchgeführt. Ähnliches passierte in anderen Polizeihaftlagern wie Hohensalza, Radegast, Litzmannstadt u.a.m. Aufgrund der Stationierung von hunderttausenden deutschen Soldaten verschärfte sich das Wohn- und Versorgungsproblem der Bevölkerung (S. 54). In den Lagern ließ man deswegen die Gefangenen verhungern erfrieren, an Krankheiten sterben oder ermordete sie durch andere Todesarten.

Ad 4: Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Nachrichten über und aus dem Ghetto Litzmannstadt (S. 57ff); nach Angaben der Yad Vashem Holocaust Gedenk- und Forschungsstätte gab es wohl 1108 Ghettos, wobei die meisten auf das Gebiet Polens entfallen (unter Einschluss von Teilen Litauens, Weißrusslands und der Ukraine). Die meisten Ghettos waren „immer die ältesten, heruntergekommensten Stadtteile, manchmal in Außenbezirken, in denen es in der Regel weder gepflasterte Straßen noch Beleuchtung, entsprechende Kanalisation oder sanitäre Einrichtungen. Die Wohnungen in diesen Gebieten waren oft verfallen, oft verwüstet durch Bombardierungen, Plünderungen und Vandalismus.“ (Gudrun Schwarz (1996): Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt a.M., S. 130) (S. 57) die Deportation der jüdischen Bevölkerung sollte nach dem 21.9.1939 (Befehl Heydrich) schnell in die Ghettos erfolgen; letztlich wurden die Ghettos zur Vorstufe der Vernichtung, wie es dann am 20.1.1942 im Protokoll der Wannseekonferenz auch festgehalten wurde (S. 58). Die Ghettoisierung war so im Nachhinein Teil des Genozids (S. 58). Die von den Nazis in den Ghettos eingesetzten „Judenräte“ waren in die Repressions- und Ausrottungspolitik des NS-Regimes integriert (S. 58): „Judenräte, die nicht kooperieren wollten, erschossen die Besatzer“ (S. 58). Aus 27 Ghettos gab es Berichte über aktiven Widerstand, auch Deutsche, wie z.B. Hauptmann Wilm Hosenfeld, die Juden/Jüdinnen das Leben retteten (S. 59). Das Ghetto Litzmannstadt wurde in der Stadt Łódź errichtet (umbenannt am 11.4.1941 in Litzmannstadt). Das Ghetto wurde zum Ort unmenschlicher Behandlung und vor allem Ausbeutung; zudem beraubte die deutsche Besatzung die jüdische Bevölkerung ihrer wirtschaftlichen Lebensgrundlagen. Die jüdische Bevölkerung wurde nach dem 8.2.1940 ins Ghetto getrieben. Nach außen wurde das Ghetto am 30.4.1940 geschlossen (S. 61); im Ghetto selbst wurde ein System von Werkstätten errichtet, die dem Ausbeutungssystem der Besatzer dienten, d.h., tausende von Menschen mussten 10–14 Stunden unter schlechtesten Arbeitsbedingungen arbeiten (S. 62). Im März 1942 waren dort etwa 53000 Personen in Schneiderei, Sattlerei, Teppichherstellung, Unterwäscheproduktion u.a. beschäftigt. Die Sterberate unter der jüdischen Bevölkerung im Ghetto stieg steil an (S. 63): „Bald waren die Straßen übersät von Zeichen des Elends – bettelnden Kindern, ausgezehrten gestalten, Sterbenden und Toten sowie Karren, die über den Rand mit Leichen beladen waren. Das Klima der Angst unter den Bewohnern wurde verschärft durch Razzien und Mordaktionen der Gestapo.“ (S. 63) Zwischen dem 5. bis zum 9.11.1942 wurden Sinti und Roma nach Litzmannstadt deportiert, viele starben an Typhus oder verhungerten; die Überlebenden wurden nach Kulmhof (Chełmno) gebrsacht, wo sie ermordet wurden (S. 64). Zwischen Januar und März 1942 wurden ca. 55000 Menschen via Radegast-Litzmannstadt nach Chełmno gebracht, wo sie ebenfalls ermordet wurden (S. 65).

Ad 5: Die postalische Dokumentation im 5. Kapitel gibt die Situation in den Ghettos von Warthbrücken bis Grajewo wieder (S. 77ff). Dokumentiert ist die „Dramaturgie von Verfolgung und Vernichtung“: „…Einfall von Einheiten der Wehrmacht, des SD, der Sicherheitspolizei und der Ordnungspolizei. Demütigung und Ermordung einzelner Juden. Einsetzung eines Judenrates, der für die Umsetzung der Befehle der Besatzungsmacht… zu sorgen hat; Ermordung der ersten Mitglieder des Judenrates. Erpressung von Kontributionen/Lösegeld … Zerstörung der Synagogen … In den größeren Gemeinden Zuzug geflüchteter oder unter Zwang umgesiedelter Angehöriger anderer Gemeinden. Errichtung eines Ghettos … Zwangsarbeit im Ghetto und in Außenlagern. Schießbefehl gegen alle Juden, die außerhalb des Ghettos angetroffen werden … In all diesen Stufen brutale Gewaltanwendung seitens der Deutschen … Nach der Liquidierung des Ghettos und der Ermordung der meisten Bewohner Aufräumen des Geländes durch eine kleine Gruppe von Juden. Dieses Aufräumkommando wird nach getaner Arbeit in ein Arbeitslager geschickt oder ermordet.“ (S. 77) Dokumentiert sind die Vernichtungen der Ghettos zum Beispiel von Koło oder auch von Będzin (Bendsburg). „Selektiert“ (= ermordet) wurden immer zuerst nicht Arbeitsfähige, Kleinkinder, Kranke und Alte (S. 79). Ähnliches wiederholte sich in allen anderen Ghettos. In Krakau gelang es dem Industriellen Oskar Schindler, mehr als 1000 Personen in seiner Emailfabrik/​KZ-Außenlager zu retten (S. 87); ähnlich half Julius Madritsch. Schindler und Madritsch wird heute in Yad Vashem als ‚Gerechte unter den Völkern‘ gedacht (S. 87). NS-Gräueltaten sind aus Bochnia, Brzesko, Tarnów, Debica, Reichshof/​Rzeszów, Stanisławów, Drohobycz, Opatów, Kielce, Tschenstochau/Częstochowa, Radom u.a. bekannt (S. 110). In Warschau gab es wohl mit 378.000 Personen jüdischer Zugehörigkeit die größte jüdische Community in Polen; am 12.10. 1940 wurde das Ghetto in Warschau errichtet (S. 110); am 1.5.1941 lebten dort ca. 500000 Menschen (S. 111). Das Polizeibataillon 61, bekannt als „Mord-Bataillon“, wurde als Wachmannschaft eingesetzt. Immer wieder wurden Menschen durch dieses Bataillon erschossen. Über die Ereignisse im Warschauer Ghetto berichtete die Gruppe um Emanuel Ringelblum; die Dokumente wurden in Metallbehältern/​Milchkannen versiegelt und vergraben und vor den Deutschen versteckt und dient heute als „Ringelblum-Archiv“ im historischen Museum Warschau als Quelle und ist Weltkulturerbe. Aus dem Ghetto und in das Ghetto sind viele postalische Dokumente vorhanden; bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion (1941) funktionierte die Ghettopost (S. 113). Ab dem 22.7.1942 begann die „große Deportation“ via „Umschlagplatz“ in Warschau nach Treblinka, wo die Deportierten, darunter Janusz Korczak und Stefania Wilczyńska und ca. 200 Waisenhauskinder, ermordet wurden (S. 113). Aus dem Warschauer Ghetto ist auch der Widerstand dokumentiert (S. 114) – ZOB (Żydowska Organizacja Bogowa = Jüdische Kampforganisation unter der Leitung von Mordechai Anielewicz). Der SS-Brigadeführer Jürgen Stoop liquidierte dann das Ghetto ab dem 19.4.1943 bis zum 16.5.1943. Bei diesem Aufstand im Warschauer Ghetto verloren ca. 10.000 Menschen ihr Leben. Nach Niederschlagung des Aufstandes und der Vernichtung des Ghettos wurden die Spuren vernichtet (S. 114). Auf dem Gelände des Warschauer Ghettos wurde dann das KZ Warschau errichtet; die KZ Insassen sollten die Spuren des Warschauer Ghettos und die Trümmer beseitigen. Aus diesem KZ sind nur zwei postalische Dokumente erhalten (S. 115).

Ad 6: Die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung wurde unaufhaltsam vorangetrieben (S. 119). Unter Karl Jäger wütete besonders die Einsatzgruppe 3 in Litauen. Zwischen dem 4.7.1941 und dem 1.12.1941 wurden 137346 Frauen, Männer und Kinder erschossen. Ab 1941 wurden in Chełmno Gaswagen zur Tötung eingesetzt; vorangegangen waren die Aktionen unter dem Decknamen T-4, d.h. psychisch Kranke, Behinderte, Prostituierte u.a. wurden in der zynisch „Euthanasie“ genannten Aktion ermordet. In Posen fand 1939 im Fort VII die erste „Probevergasung“ mit Kohlenmonoxid und vielleicht auch schon mit Zyklon B statt. In Danzig, Westpreußen, Pommern, Zichenau, dem Wartheland sind ca. 10.000 Menschen ermordet worden. Motivation für die Ermordung dieser Gruppen war Hitlers Euthanasie Programm, also „die biologistisch-rassistische Utopie einer gesunden, von allen Schwachen befreiten Gesellschaft“ (S. 120). Ab Oktober 1941 begann die Ermordung nicht arbeitsfähiger Menschen jüdischer Herkunft. Die entscheidende Genehmigung Hitlers sei, so die Holocaust Forschenden, auf Dezember 1941 zu datieren (S. 120). Anfangs holten Lastwagen Frauen, Männer, Kinder unter Polizeibewachung ab (S. 122), oder auch mit dem Zug nach Koło und dann weiter nach Chełmno. In Chełmno wurden die Menschen dann aufgefordert, sich ihrer Kleider zu entledigen, in die „Duschräume“ im Gaswagen zu treten. Wenn alle im Wagen angekommen waren, wurde er verschlossen, der Motor gestartet. Nach etwa 10 Minuten waren alle Menschen im Wageninnern erstickt (S. 123). Die Leichen wurden anschließend in einem etwa 4 km entfernten Waldlager in Gruben geschichtet; später wurden die Leichen wegen des sich verbreitenden Gestanks wieder ausgegraben und auf Scheiterhaufen in speziellen Öfen verbrannt. Bełżec war danach das Vernichtungszentrum mit stationären Gaskammern (S. 123). Relativ zeitnah wurde in der Nähe Lublins, in Sobibor, auch eine Vernichtungsanlage mit stationären Gaskammern errichtet (S. 126). Sogenannte „Arbeitsjuden“ mussten den Leichen Goldzähne usw. herausnehmen, die Leichen beerdigen oder verbrennen und wurden dann ebenfalls erschossen (S. 126). Bis Juli 1942 wurden in Sobibor ca. 100.000 Juden ermordet – später wurden die Gaskammern erweitert. Im Sommer 1943 kam es zum Aufstand in Sobibor – später wurde die Mordstätte Sobibor auf Befehl Himmlers dem Erdboden gleichgemacht und Spuren beseitigt (S. 128): „Treblinka war die größte und effektivste Mordanlage im Rahmen der Aktion Reinhardt“ (S. 128). Die Struktur Treblinkas glich Bełżec und Sobibor; die Neuangekommenen mussten sich entkleiden, Habe und Wertsachen abgeben, Frauen wurden die Haare abgeschnitten. Ab 1943 gab es ein ‚Totenlager‘, auch Verbrennungsroste zur Einäscherung der Leichen (S. 128). Ermordet wurden am Tag ca. 4000 Menschen (S. 129). Ab dem 23.7.1942 begann der „Vernichtungsbetrieb“ in Treblinka (S. 129). Bis zum 21.9. waren bis zu 253700 Juden aus dem Warschauer Ghetto ermordet. Wahrscheinlich sind insgesamt ca. 780863 Menschen in Treblinka getötet worden. Juden wurden wie an anderen Orten auch gezwungen, Postkarten an Verwandte/​Freunde zu schreiben, um mitzuteilen, dass es ihnen gut gehe (S. 129). Ende 1943 wurde die Mordanlage Treblinka abgebaut (S. 129). Auschwitz-Birkenau war Konzentrations-, Vernichtungslager und Industriekomplex in einem (S. 130). Ab dem 15.2.1942 wurden in Auschwitz Tötungen durch Gas vorgenommen. Zyklon B, ein Insektenvernichtungsmittel, wurde von der Firma Degesch/Frankfurter Degussa in Granulatform geliefert. An der „Rampe“ in Auschwitz-Birkenau wurden Angekommenen sofort „selektiert“, d.h., die größere Gruppe wurde ermordet und die Verbliebenen dann ins Arbeitslager gebracht. In den Krematorien wurden ca. 8000 Leichen am Tag verbrannt. Das Lager Majdanek war zuerst ein Straflager für die polnische Zivilbevölkerung, dann Zwangsarbeitslager für Produktionsbetriebe der Waffen-SS (S. 132) und schließlich Vernichtungslager für Juden und strukturell mit Auschwitz vergleichbar. Ca. 60000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ca. 19000 Nichtjuden ließen in Majdanek ihr Leben (S. 133). Am 3.11.1943 verübte die SS in Majdanek, Trawniki, Poniatowa und Dorohucza ein Massaker, zynisch als „Aktion Erntefest“ bezeichnet (S. 133). Die Schreie der Todgeweihten wurden durch Tanzmusik übertönt.

Ad 7: Am 20.1.1942 hatte Heydrich auf der Wannsee-Konferenz die „Endlösung“ beschlossen und durchgesetzt (S. 135). Die Deportation fanden vom Westen, Süden, Norden nach Osten statt und umfasste alle Gebiete, die im Einflussbereich des Deutschen Reiches lagen. Die Postkarten, die Deportierte schreiben mussten, glichen sich: „LIEBEN! HIER GUT ANGEKOMMEN. SIND GESUND MUNTER. VIELE BEKANNTE GETROFFEN: WENN SCHREIBET DANN KARTE WIE WIR: HOFFEN BEI EUCH ALLES IN ORDNUNG: GRÜSSEN HERZLICHST OTTO“ (S. 136). Deutsche Juden wurden oft zuerst nach Theresienstadt und später in die Vernichtungslager nach Polen gebracht. Ca. 118.000 nach Deportierte verloren ihr Leben, davon ca. 33500 in Theresienstadt selbst (S. 136). Viele Personen im besetzten Frankreich wurden nach Mauthausen/Österreich verschleppt (S. 137). Die Vichy Regierung richtete dann ein „Generalkommissariat für Judenfragen“ ein – später beteiligte sich die Vichy-Polizei an Razzien (S. 138); ausländische, inländische und staatenlose Juden wurden ausgeliefert und nach Auschwitz und Sobibor verschleppt (S. 138). In Frankreich selbst gründete sich die „Résistance“ (S. 140). Die Gestapo musste von da ab eigene Kräfte einsetzen oder die Hilfe der antisemitischen Polizeieinheit Milice Française in Anspruch nehmen. Alois Brunner wurde von Adolf Eichmann beauftragt, jüdische Franzosen/​Französinnen ausfindig zu machen: „Das Ende der deutschen Herrschaft in Frankreich bestand in blankem Terror. Die Gestapo verübte zahlreiche Massaker.“ (S. 140) ca ¼ der jüdischen Bevölkerung Frankreichs, also etwa 80000, fiel der „Endlösung“ zum Opfer (S. 141). In Belgien war die Situation ähnlich wie in Frankreich; es gab auch Razzien, bei denen Menschen gefangen und nach Auschwitz deportiert wurden (S. 142). In den Niederlanden gingen ab dem 13.7.1942 vom Sammellager Westerbork 99 Transporte ab (S. 143), ca. 102000 Juden aus den Niederlanden (zusammen mit nichtniederländischen Juden) sind ums Leben gekommen (S. 144). In Italien gab es eigentlich kaum Antisemitismus, der erst am Ende der Mussolini-Herrschaft aufkam: Ca. 40000 Juden waren in Italien gut in die Gesellschaft integriert. Ab 1938 vollzog das faschistische Regime Mussolinis jedoch eine radikale Kehrtwende, die deutschen „Rassegesetze“ (Nürnberg 1935!) wurden auf Italien übertragen (S. 144) und die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung erfolgte nach deutschem Muster. Im September 1943 wechselte Italien die Seite, und die Deutschen begannen Jagd auf die jüdische Bevölkerung zu machen (S. 146), wobei viele Italiener*innen sich jedoch weigerten mitzutun und sich mit der jüdischen Community solidarisch zeigten (S. 148).

Ad 8: Heinz Wewer stellt folgende These auf: „Die Nationalsozialisten organisierten den Massenmord an den Juden als ein von Gewalt und Terror zusammengehaltenes, sich selbst tragendes System, das nur weniger Impulse von außen bedurfte, um zu funktionieren. Die Opfer wurden gezwungen, systemrelevante Funktionen zu übernehmen. Sie wurden so zu Quasi-Tätern. Juden mussten bei der Organisation und Finanzierung der Deportationen und der Zwischenstationen mitwirken, bei den Massakern der Einsatzgruppen mussten sie ihre eigenen Gräber schaufeln, in den Orten des Todes die Ermordeten und die Spuren des Massenmordes beseitigen.“ (S. 149) Sichtbare Spuren wurden beseitigt und im Bewusstsein von Freunden, Verwandten usw. vertuscht. Die Vertuschungsaktionen firmieren unter der Bezeichnung „Briefaktion des RSHA (Juden)“ (S. 149). Die Kenntnis dieser Aktion geht auf zwei SS-Dokumente zurück, die heute im Museum Auschwitz-Birkenau aufbewahrt werden. Zur ‚Briefaktion des RSHA (Juden)‘ gab es Kraftfahrzeuganforderungen an die Standortfahrbereitschaft Auschwitz (S. 150). Die meisten Briefe dieser Aktion wurden jedoch von der SS vernichtet, um Spuren zu beseitigen. Jedoch existieren Zeitzeugenberichte aus der Perspektive der Opfer, namentlich Oliver Lustig, Primo Levi und Georges Wellers (S. 150). 1944 wurde Oliver Lustig in das Ghetto Kolozsvár (Klausenburg/Cluj) gebracht und dann mit seinen Eltern, Geschwistern nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Mutter und die drei kleinen Brüder wurden sofort vergast, der Vater nach Mauthausen gebracht, wo er ums Leben kam. Oliver Lustig wurde nach Kaufering/Außenlager Dachau gebracht. Befreit wurde Lustig 1945 von amerikanischen Soldaten. Primo Levi (geb. 1919 in Turin) war bis 1943 beim italienischen Widerstand (S. 151), wurde zuerst im Lager Fossoli di Capri festgehalten und 1944 nach Auschwitz gebracht; erst 1945 konnte er durch die Rote Armee befreit. Am 11.4.1987 beging er Suizid (S. 151). George Wellers ist 1905 in Koslow/​Russland geboren; 1941 wurde in Paris verhaftet, zunächst im Lager Compiègne, dann Drancy inhaftiert und danach 1944 ebenfalls nach Auschwitz III (Monowitz) und 1945 nach Buchenwald gebracht, wo er am 11.4.1945 von der amerikanischen Armee befreit. Er starb 1991 in Paris (S. 152). Die Häftlingspost wurde von den Nazis zur Verschleierung des Massenmordes missbraucht (S. 153). Am 13.8.1942 erhielt der „Judenrat“ in Amsterdam 52 Briefe verschleiernden und beruhigenden Inhalts (S. 153). Die Herkunft der Briefe war getarnt (S. 154). In der Regel wurden die Postkarten an „todgeweihte Häftlinge“ verteilt (S. 156). Die Karten waren Blanco Karten, vergleichbar mit Postkarten aus Schreibwarengeschäften. Die Karten wurden mit Kurieren transportiert; Häftlingsnummern waren nicht angegeben. Die Standardbotschaft lautete, dass es dem Absender/der Absenderin gut gehe (S. 156). Auf vielen Karten war ein Stempel für die Rückantwort, die über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland oder jüdischen Vertretungen in anderen Ländern zu erfolgen hatte. In Berlin wurden die Postkarten von der Gestapo zensiert: „Postkarten aus zahlreichen anderen Orten des Schreckens, vorwiegend aus Vernichtungsstätten, aber auch aus Ghettos und Konzentrationslagern, sind der „Briefaktion des RSHA (Juden)“ zuzuordnen.“ (S. 174). Diese Briefaktion zur Verschleierung der Gräueltaten wurde direkt vom RSHA organisiert, gelenkt und ausgeführt (S. 179) – die erhaltenen postalischen Dokumente „lassen den Schluss zu, dass es Schwerpunkte des Programms gab, in die genau definierte Gruppen von Verfolgten einbezogen waren.“ (S. 179)

Ad Resümee: Das vorliegende Buch stellt den Abschluss einer vierteiligen Dokumentation dar. Die drei vorangegangenen Teile sind:

  1. „Abgereist, ohne Angabe der Adresse“. Postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus“ (2017) = Band 1.
  2. „Postalische Zeugnisse zur deutschen Besatzungsherrschaft im Protektorat Böhmen und Mähren“ (2018) = Band 2.
  3. „Spuren des Terrors. Postalische Zeugnisse zum System der deutschen Konzentrationslager“ (2020) = Band 3.

Die systematisch-methodische Vorgehensweise ist der Social Philately zuzuordnen, d.h., Postdokumente werden auf ihre historische Aussage untersucht, um historische Sachverhalte zu verdeutlichen. Die postalischen Zeugnisse sind authentisch und können authentischen Orten zugeordnet werden und stammen aus 14 Ländern. Die Dokumentationsbände zeichnen den Weg nationalsozialistischen Denkens nach bis hin zu den Mordstätten im besetzten Polen und anderswo (S. 183). Die postalischen Dokumente geben den Opfern dieser menschenverachtenden Ideologie und des Genozids einen Namen und ein Gedächtnis zurück (S. 183).

Diskussion

Die von Heinz Wewer zusammengetragenen postalischen Dokumenten rekonstruieren den rassistischen Antisemitismus des Nationalsozialismus. In den Fokus rücken Täter*innen und Opfer und zeigen die Brutalität der nationalsozialistischen Ideologie, die Juden und Jüdinnen aus der menschlichen Gattung ausschloss und Menschen dieser religiösen Zugehörigkeit den Mord- und Gewaltaktionen preisgab. Das Buch Wewers rekonstruiert die moralische Zäsur, den Zivilisationsbruch des Holocausts/der Schoah (Dan Diner), den Inbegriff der Inhumanität (Zimmerman 2005: 87). Wenn man jedoch in einem Bildungskontext mit dem erschütternden Buch bzw. auch den anderen dreien aus dieser Reihe arbeiten wollte, wird man pädagogisch die Negation der Inhumanität (ebd.) sich erarbeiten müssen, was dann unweigerlich zu einer erinnernden Arbeit an den Menschenrechten führen wird. Die Gründung der Vereinten Nationen ist Reaktion auf diesen Zivilisationsbruch bzw. Erfahrung der Unmenschlichkeit, was dann pädagogische Leitidee im Umgang mit diesen Dokumenten sein sollte. Dass die historische „Aufarbeitung“ des Genozids nicht bei den Dokumenten stehen bleiben kann, liegt auf der Hand. Die Konfrontation mit dem Genozid muss gegen Unrecht und Verletzung der Menschenwürde sensibilisieren. Vor dieser Aufgabe endet jedoch die historische Arbeit Heinz Wewers, zielt aber letztlich auf die Menschenwürde.

Fazit

Die vorgelegten Dokumente erschüttern den Lesenden und ergeben eine Chronologie des Grauens, des Genozids und seiner Vorbereitung, Planung, Durchführung. Die postalischen Zeugnisse legen zumindest auch indirekt Zeugnis über die Vertuschungs- und Täuschungsaktionen des RSHA ab. Die Kälte und die Brutalität des Völkermords erschüttern auf jeder Seite des Buches. Dem Autor ist zu danken, dass er die Erinnerung an die Shoah wachhält und zum Erinnerungslernen motiviert. Das Buch eignet sich hervorragend, um Schritt für Schritt die NS-Mordaktionen nachzuvollziehen. Hier gebührt Heinz Wewer Dank für seine penible, historische Rekonstruktion des Völkermords an Juden, Sinti und Roma und anderen Gruppen; starke Nerven sind trotzdem von Vorteil.

Literatur

Zimmermann, Rolf (2005): Philosophie nach Auschwitz, Eine Neubestimmung von Moral in Politik und Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Es gibt 64 Rezensionen von Wilhelm Schwendemann.

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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 28.02.2022 zu: Heinz Wewer: Spuren der Vernichtung. Stationen der „Endlösung“ im Zeugnis postalischer Dokumente. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-95565-428-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27729.php, Datum des Zugriffs 03.10.2022.


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