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Susanne Umbach, Erik Haberzeth u.a.: Kompetenz­verschiebungen im Digitalisierungsprozess

Susanne Umbach, Erik Haberzeth, Hanna Böving, Elise Glaß: Kompetenzverschiebungen im Digitalisierungsprozess. wbv Media GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2020. 212 Seiten. ISBN 978-3-7639-5827-6.
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Thema

Das vorliegende Rezensionsexemplar erschien im Herbst 2020 und befasst sich mit lebenslangem Lernen und Weiterbildung von Beschäftigen. In sechs Fallstudien aus Logistik und Einzelhandel werden die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit und Bildung in Bezug auf die Kompetenzverschiebung und Kompetenzentwicklung untersucht (vgl. S. 13 ff). Die Autor*innen nehmen einen „Perspektivwechsel von einem anforderungs- hin zu einem personalorientierten Ansatz“ vor: Durch die Interviews werden „Erfahrungswissen und die Sichtweisen der Beschäftigten“ (S. 129) auf die zunehmende Digitalisierung am Arbeitsplatz und die damit verbundenen Kompetenzverschiebungen zugänglich. Die Fallstudien liefern Erkenntnisse für die Gestaltung guter Arbeit in Zeiten der Digitalisierung – bevor die Covid19-Pandemie die digitale Transformation prägte. Entstanden ist eine Detailstudie ohne Anspruch auf generalisierende Aussagen über Branchen und Betriebe hinweg (vgl. S. 18).

AutorInnen

An der Untersuchung wirkten neben Susanne Umbach, Erik Haberzeth, Hanna Böving und Elise Glaß wissenschaftliche Mitarbeitende der Universität Hamburg in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Zürich. Die Ergebnisse erschienen in der Reihe „Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen“ in der Rubrik Forschung & Praxis – herausgegeben von Professor*innen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Technischen Universität Kaiserslautern, der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg sowie der FernUniversität in Hagen.

Entstehungshintergrund

Das Projekt wurde ermöglicht durch eine Förderung im Rahmen des Förderprogramms „Innovative Ansätze zukunftsorientierter beruflicher Weiterbildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die E-Book-Ausgabe ist frei verfügbar.

Aufbau und Inhalt

Die Studie analysiert die Bedeutung von „Digitalisierungsprozesse[n] für Arbeit und Kompetenz sowie Weiterbildung“ (S. 175). Die zentralen Leitfragen lauten:

a) Wie hat sich die Arbeit durch Digitalisierung verändert und wie erleben die Beschäftigten diese Veränderungen?

b) Wie gehen die Beschäftigten mit diesen Veränderungen im Arbeitsalltag um?

Der Aufbau gibt zugleich Auskunft über das Untersuchungsdesign:

  1. Einführung: Kompetenzverschiebung aus Beschäftigtensicht
  2. Digitale Arbeit, Kompetenz und Weiterbildung (13 Seiten)
  3. Kompetenzverschiebung im Ebenenmodell als theoretischer Rahmen (17 Seiten)
  4. Methodischer Zugang: Betriebsfallstudien in Logistik und Einzelhandel (17 Seiten)
  5. Empirische Analysen 1 – stationärer Einzelhandel (27 Seiten)
  6. Empirische Analysen 2 – Logistik (29 Seiten)
  7. Kompetenzverschiebungen an digitalisierten Arbeitsplätzen (27 Seiten)
  8. Digitalisierung und betriebliche Weiterbildung: Ergebnisse der Fallstudien (17 Seiten)
  9. Fazit: Leitlinien eines personalisierten Ansatzes betrieblicher Weiterbildung im digitalen Wandel (25 Seiten)

Zunächst erfolgt eine wissenschaftliche Analyse der zentralen Termini Digitalisierung und Kompetenz. Die subjektorientierte Perspektive aus Sicht der Beschäftigten und ein ganzheitliches Kompetenzverständnis mit körperlich-sinnlichen Erfahrungen stehen indes im Fokus der Untersuchung. „Kompetenz wird […] nicht als anforderungsbezogen gefasst, sondern subjektbezogen als intrapsychische Handlungspotenziale definiert“ (S. 129).

Um die „Vielschichtigkeit der Veränderungsprozesse durch eine stetig voranschreitende Digitalisierung und Automatisierung […] beschreiben zu können (S. 61), beinhaltet das Forschungsdesign neben

  • Betriebsbegehungen,
  • leitfadengestützten Interviews mit Beschäftigten des Einzelhandels (Kassen- und Verkaufspersonal) und Beschäftigten in der Logistik (Kommissionierkräfte und Techniker*innen),
  • strukturierte Expert*inneninterviews mit Vertreter*innen der Leitungsebene und Verantwortlichen für Personalentwicklung und Weiterbildung.

Die Interviews mit Beschäftigten beinhalteten Leitfragen zu den Themenbereichen:

  • Erfahrungen der Beschäftigten mit der Digitalisierung der Arbeit,
  • Kompetenzverschiebungen,
  • Gestaltungs-, Entfaltungs- und Identifikationschancen der Beschäftigten in der Arbeit,
  • Lernen, Weiterbildung und Personalentwicklung.

Es wurden gleichermaßen drei Großunternehmen im stationären Einzelhandel und in der Logistik im deutschsprachigen Raum untersucht.

Der Handel ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig und vereint 14 Prozent aller Beschäftigten. Zugleich ist der Anteil der Beschäftigten mit akademischem Abschluss mit fünf Prozent gegenüber 16 Prozent im Durchschnitt gering, der Anteil derjenigen mit fachfremder Ausbildung hingegen groß. Im Zuge vermehrter Ausstattung mit technischen Mitteln haben Anwendungskenntnisse digitaler Systeme und Tools sowie Problemlösungs- und Beratungstätigkeiten gegenüber Dritten – im Handel insbesondere gegenüber Kundinnen und Verbrauchern bei der Nutzung von Selbstbedienungsgeräten – zugenommen. E-Learning und andere Weiterbildungsangebote stehen im unterschiedlichen Ausmaß zur Verfügung, einen „großen Teil ihres technischen Wissens und Könnens erwerben die Beschäftigten allerdings informell“ (S. 75).

In der Logistik prägen „technisch-organisatorische Veränderungen“ (S. 111) die Arbeit und somit Weiterbildungsbedarfe. Gleichförmigkeit und Wiederholungen der Arbeitsprozesse sind Folgen der Automatisierung. Positive Effekte des Pick-by-Light-Systems im Verteilzentrum sind Kooperation und Zugehörigkeit zu einer Packgemeinschaft (vgl. S. 112 f).

Schließlich unterbreitet die Untersuchung Gestaltungsvorschläge für betriebliche Weiterbildungsangebote (S. 157 ff): Entwicklung von Soft Skills, Persönlichkeitsentwicklung, EDV-Kurse und IT-Anwendungen. Wesentlich sind dabei „arbeitsplatznahes Lernen“ sowie selbstorganisiertes und „informelles Lernen“ (S. 160).

Diskussion

Der präferierte subjektbezogene Ansatz wertschätzt „Kreativität, Intuition und Initiative“ (S. 18). Die Studie ist ein Beitrag zur „Diskussion über die vermutete disruptive Wirkung […] technologischer Entwicklungen“ (S. 50) und liefert konkrete Vorschläge für digitalisierungsbezogene Themen und Inhalte in der betrieblichen Weiterbildung.

Fazit

Digitalisierungsprozesse wirken sich auf Menschen, Organisationen und Technik aus. Die Studie nimmt die Binnenperspektive von Beschäftigten von Organisationen ein, die einen relativ hohen Digitalisierungsgrad aufweisen (vgl. S. 53) und unterschiedliche Anforderungen bewältigen. In puncto digitale Plattform-Ökonomie sind Einzelhandel und Logistik vereint, wie Amazon und Zalando demonstrieren. Während im Handel beratende Tätigkeiten ausgeprägt sind, ist die Automatisierung in der Logistik dominierend. Im Handel entstehen im Kundenkontakt mehr Freiräume und Rollenkonflikte, in der Logistik zeichnet sich durch die „Containerisierung – als Inbegriff für Standardisierung und Effizienzsteigerung“ (S. 104) der gegenteilige Trend ab. Gleichsam gewinnen „gelingende Kommunikation für die Aufrechterhaltung von technisch-organisatorischen Prozessen“ sowie „praktisches Erfahrungswissen“ (S. 141) sowie der „Bereich der reflexiven Kompetenz (S. 146) an Bedeutung.

„Erfahrungswissen [bleibt] auch im Zuge verstärkter Digitalisierung und Standardisierung bedeutsam, eher wird es noch wichtiger“ (S. 132).


Rezension von
Julia Hartwig-Selmeier
Dipl. Soz.Wiss., Projektmanagerin und Impact Coach
Homepage www.julia-hartwig.de
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Zitiervorschlag
Julia Hartwig-Selmeier. Rezension vom 07.05.2021 zu: Susanne Umbach, Erik Haberzeth, Hanna Böving, Elise Glaß: Kompetenzverschiebungen im Digitalisierungsprozess. wbv Media GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-7639-5827-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27730.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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