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Simon Volpers: Neue rechte Männlichkeit

Cover Simon Volpers: Neue rechte Männlichkeit. Antifeminismus, Homosexualität und Politik des Jack Donovan. MARTA PRESS (Hamburg) 2020. 197 Seiten. ISBN 978-3-944442-98-3. D: 24,00 EUR, A: 26,00 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Substanz.
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Thema

Im thematisch und disziplinär inzwischen breit gefächerten Forschungsfeld zum Rechtsextremismus/zur extremen Rechten werden geschlechtertheoretische Perspektiven und Fragestellungen inzwischen deutlich stärker einbezogen als dies noch vor zehn Jahren der Fall war. Dies ist nicht zuletzt der Erkenntnis geschuldet, dass diese zum Verständnis des Gegenstandes einen zentralen Beitrag leisten. Entsprechende Studien fokussieren bisher jedoch meist auf die diskursive Konstruktion von Weiblichkeit(en), die Rolle von Frauen in den entsprechenden Strukturen, spezifische Projekte wie die Kampagne 120 Dezibel oder die stärker an theoretische Perspektiven rückgebundene Frage, ob es einen ‚rechten Feminismus‘ geben könne. Fragestellungen, die sich mit Geschlechterkonstruktionen jenseits heteronormativer Perspektiven, mit Sexualität und Körperlichkeit sowie mit Vorstellungen von Männlichkeit befassen, sind bisher nur vereinzelt zu finden. Hier leistet die vorliegende Publikation einen wichtigen Beitrag, die sich mit dem US-Aktivisten Jack Donovan und dessen radikal maskulinistischen und antifeministischen Gesellschaftsentwürfen befasst.

Aufbau

Die Veröffentlichung dieser studentischen Qualifikationsarbeit folgt einer klassischen Struktur: der Einleitung mit Problemaufriss, Entwicklung der Fragestellung sowie knapper Begründung und Vorstellung der Methode (qualitative Inhaltsanalyse) (13-32) folgt zunächst eine Überblicksdarstellung zu Männlichkeitskonstruktionen in der extremen Rechten (33); hieran schließt sich ein umfangreicher empirischer Teil an, in dem Simon Volpers das Männlichkeitsbild Jack Donovans anhand dessen zentralen Publikationen untersucht (58-133). Einem interpretierenden und die empirischen Befunde kontextualisierenden Teil der Arbeit (134-159) schließen sich knappe Ausführungen zu Fragen der Mediennutzung (160-175) sowie ein Fazit (176-180) an. Schließlich findet sich neben dem obligatorischen Literaturverzeichnis, in dem auch die Quellen verzeichnet sind, ein hilfreiches Personen- und Sachregister.

Inhalt

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen eine Rekonstruktion des Männlichkeitsbildes von Jack Donovan, dessen Kontextualisierung mit Blick auf extrem rechte Konzeptionen von Männlichkeit in Geschichte und Gegenwart sowie die persönliche Inszenierung Donovans (24).

Nach einer kurzen Übersicht zur bisherigen Forschung zu Männlichkeitskonstruktionen in der deutschsprachigen extremen Rechten (33-57) stellt der Verfasser das Männlichkeitsbild Donovans systematisch vor. Dieser bezeichne sich zwar als „pro-white“, weist jedoch die Charakterisierung als „White nationalist“ zurück, da sein Fokus auf dem Merkmal der Männlichkeit liege. Anhand zahlreicher Zitate aus und Referenzen zu Passagen aus den Veröffentlichungen Donovans kann der Autor die Zentralität einer Vorstellung, dass männliches Leben Kampf sei (empirisch) und zu sein habe (normativ) und in diesem Kontext Mut, unbedingter Siegeswille und die Durchsetzung eigener Interessen zentrale Setzungen sind, in dessen Weltbildes nachzeichnen. Dabei spielt der Aspekt der Körperlichkeit, gekoppelt mit Durchsetzungswillen und Durchhaltevermögen, eine herausgehobene Rolle.

Donovan propagiert eine Form der Gemeinschaft, die dem Modell einer hierarchisch organisierten, in der Abgrenzung nach außen verbundenen Männerbande entspricht, deren Mitglieder durch einen spezifischen Ehrbegriff verbunden sind und die sich in der Gier nach Arbeit und Sex zusammenfinden. Im Rahmen einer solchen homosozialen Gemeinschaft sei dann auch eine spezifische Form von Homosexualität angemessen. Diese versteht Donovan als eine um die sexuelle Komponente erweiterte enge Männerfreundschaft. In dieser Androphilie verbinde sich die Zuneigung zu einem konkreten Mann mit der abstrakten Faszination für Männer und Männlichkeit, so Volpers über Donovan (115). Diese Vorstellung ist Teil eines umfassenderen Konzepts von Geschlechterarrangements, in dem Frauen als Objekte und Ressourcen betrachtet werden und ‚unmännliche Männer‘, zu denen er auch ‚Schwule‘ zählt, marginalisiert werden sollen. Trotz eines positiv besetzten spezifischen Verständnisses von Homosexualität bleiben die Vorstellungen Donovans daher vielfach anschlussfähig für die extreme Rechte. Zu Recht weist Volpers jedoch darauf hin, dass Donovans Weltsicht auch Eigentümlichkeiten aufweist, wie z.B. die geradezu sakral gesetzte Loyalität der Männer einer Bande oder auch die Favorisierung und Inszenierung von Körperlichkeit.

In den kontextualisierenden Abschnitten stellt Volpers Bezüge Donovans zum spiritualistischen Faschisten Julius Evola her, diskutiert den Neo-Tribalismus als eine Form der Auflehnung gegen die Moderne und verweist in ergänzenden Ausführungen zum Stellenwert der Homosexualität auf Hans Blüher (1888-1955) und Michael Kühnen (1955-1991). Letzterer hatte in einer eigenen Schrift Homosexualität und Männerbünde als Voraussetzung der Kulturbildung behauptet. Schließlich wird Donovan noch hinsichtlich seiner zahlreichen Aktivitäten in den social media vorgestellt.

In einem Resümee kommt Volpers zum Ergebnis, dass sich die ‚neue rechte Männlichkeit‘ Donovans insofern als wenig originell erweise als er lediglich bereits existierende Fragmente neu arrangiert habe. Insofern unterscheide sie sich „weder in ihrem Wesen noch in ihrer Praxis von ihren vermeintlichen Vorgängern: Sie richtet sich nach wie vor gegen Frauen, Homosexuelle, marginalisierte Männlichkeiten und all jene, die in ihrem Denken nicht vorgesehen sind. Sie ist Teil eines stramm rechten antifeministischen Backlashs, der sich entschieden gegen die Errungenschaften der Emanzipation wendet“ (179).

Diskussion

Wer eine konzise Einführung in die Gedankenwelt Jack Donovans sucht, ist mit der Ausarbeitung von Simon Volpers sehr gut bedient. Insofern leistet der Band auch einen sinnvollen Beitrag zur noch überschaubaren Forschung zu extrem rechten Männlichkeitskonstruktionen. Unzureichend ausgeleuchtet scheint mir jedoch die Rezeption der Schriften Donovans durch die extreme Rechte in Deutschland. Zwar wird exemplarisch gezeigt, dass Donovan zu Vorträgen eingeladen war und auf seine Ausführungen Bezug genommen wurde; ob und in welcher Weise dessen Perspektiven tatsächlich aufgenommen werden, bleibt offen. Wenn zudem nach der Überblicksdarstellung zu den Männlichkeitskonstruktionen der extremen Rechten im deutschsprachigen Raum die Ausführungen zu Donovan mit dem Satz eingeleitet werden, dass die „im vorausgegangenen Kapitel herausgestellten übergreifenden Geschlechtervorstellungen der extremen Rechten (…) die Basis [bilden] für das Männlichkeitsbild Jack Donovans“, so ist zumindest zu fragen, ob dieser Konnex tatsächlich sinnvoll so gesetzt werden sollte. Hier wäre m.E. zunächst eine Kontextualisierung mit Männlichkeitskonstruktionen in der extremen Rechten der USA sinnvoll. Mit den Milizen und dem christlichen Fundamentalismus ergeben sich dabei doch andere Bezugspunkte als dies in Deutschland der Fall ist.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung trägt in qualifizierter Weise zur Forschung über Männlichkeitskonstruktionen in der extremen Rechte bei. Sie bietet eine gelungene Analyse der Weltanschauung des antifeministischen Aktivisten Jack Donovan – und lädt zu weiterführenden Forschungen auch mit Blick auf den US-Kontext ein.


Rezension von
Prof. Dr. Fabian Virchow
Professor für Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns sowie Leiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf
Homepage www.forena.de
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Zitiervorschlag
Fabian Virchow. Rezension vom 29.12.2020 zu: Simon Volpers: Neue rechte Männlichkeit. Antifeminismus, Homosexualität und Politik des Jack Donovan. MARTA PRESS (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-944442-98-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27731.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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