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Heinz Rüegger, Roland Kunz: Über selbstbestimmtes Sterben

Cover Heinz Rüegger, Roland Kunz: Über selbstbestimmtes Sterben. Zwischen Freiheit, Verantwortung und Überforderung. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2020. 205 Seiten. ISBN 978-3-906304-70-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: rüffer & rub cares.
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Zum Thema

Die Selbstbestimmung des Patienten ist in den letzten Jahrzehnten in der Medizin zu einem zentralen Wert geworden. Dies gilt nicht nur, aber besonders bei lebensverkürzenden Erkrankungen. Die Hospizbewegung, die Palliativmedizin und die Palliativpflege haben einen wichtigen Anteil daran, dass der sterbende Patient mit seiner Persönlichkeit stärker berücksichtigt wird. Noch vor einigen Jahrzehnten bestimmten weitgehend Ärzte über die Therapie bei lebensbedrohlichen Erkrankungen („Halbgott in Weiß“), Patienten wurde häufiger nicht über ihren Zustand informiert (vgl. Glaser und Strauss 1965). In Deutschland wurde durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26.2.2020 (BVerfG, Februar 2020) das Recht auf selbstbestimmtes Sterben sehr weit gefasst.

Die Autoren

Dr. theol. Heinz Krüger ist freischaffender Theologe, Ethiker und Gerontologe.

Dr. med. Roland Kunz ist Chefarzt an der Universitären Klinik für Akutgeriatrie und Zentrum für Palliativ Care in Zürich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat neben dem Vorwort acht Kapitel.

Im Vorwort stellen die Autoren unter anderem Fragen dar, die sich für Betroffene stellen. Die Möglichkeiten Sterbender, den Zeitpunkt des Sterbens und die Lebensqualität zu beeinflussen, werden als Zugewinn und Chance, für manche Betroffene aber auch als Zumutung für gesehen. Auch manche Ärzte seien bei Gesprächen über die Ziele und Prioritäten überfordert. Empfohlen wird, sich nicht erst am Ende des Lebens mit der eigenen Sterblichkeit zu befassen. Dadurch könne man intensiver und bewusster leben.

Das erste Kapitel zur Entwicklung des Sterbens beginnt mit dem „Sterben als fremdverfügtes Schicksal“ (S. 13–15). Im Unterschied zum Tod als Zustand des Totseins sei das Sterben von individuellen geschichtlichen Faktoren abhängig. Kurz eingegangen wird auf geschichtliche und kulturspezifisch unterschiedliche Stile des Sterbens (vgl. zu diesem Thema auch Wasner und Raischl 2019). Sterben sei meistens verstanden worden als fremdverfügtes Schicksal, das dem Menschen widerfahre. Durch aus Aufkommen der modernen naturwissenschaftlichen Medizin sei es dann, so die Autoren, zu einem „Paradigmenwechsel“ (S. 19) gekommen. Mit medizinischen Möglichkeiten sei es in vielen Fällen möglich, Leben zu erhalten, Sterben zu verhindern oder den Tod hinauszuschieben. Hingewiesen wird auf eine Studie, wonach viele Todesfälle Folge einer bewussten Entscheidung seien. „Es geht letztlich darum, dass nicht einfach gestorben wird, sondern ‚sterben gelassen‘ werden muss“ (S. 19). Im letzten Unterkapitel werden zwei Positionen in der Medizin diskutiert. Nach der einen Position wird der Tod zum Erzfeind der Medizin erklärt. In der anderen Position, die unter anderem von Daniel Callahan vertreten wird, wird gefordert, die Medizin müsse die Sterblichkeit des Menschen ernst nehmen. Die Sorge um einen friedvollen Tod müsse genau so ein Ziel der Medizin sein (S. 22). Hier wäre nach Ansicht des Rezensenten ein differenzierender Hinweis sinnvoll. Es gibt auch Krankheiten, die ohne medizinische Behandlung zum Tod führen würden, mit medizinischer Behandlung aber vielleicht noch zu mehr Lebenszeit mit akzeptabler Lebensqualität führen könnten. Akzeptieren muss die Medizin, dass es lebensverkürzende Krankheiten gibt, bei denen das Sterben unvermeidbar ist.

Im zweiten Kapitel geht es um das Thema selbstbestimmtes Sterben zwischen Forderung und Zumutung. Durch die „Medikalisierung“ des Sterbens ergäben sich immer häufiger komplexe Entscheidungssituationen unter der Oberaufsicht der Ärzte. Skizziert wird eine Haltung des „ärztlichen Paternalismus“ (S. 25), bei dem im Kampf gegen den Tod alle verfügbaren Mittel eingesetzt würden. Eingegangen wird auf die Gefahr der Übertherapie, die „nicht aus der Luft gegriffen“ (S. 26) sei und nicht zum Wohle des Patienten sei. In diesen Zusammenhang möchte der Rezensent anmerken, dass Übertherapie häufig auch den Krankenhäusern finanzielle Vorteile bringt (vgl. Thöns 2018). Durch die Palliativmedizin und die Palliativ-Care entstand eine Gegenbewegung, die das Selbstbestimmungsrecht des Patienten betont. Es folgt ein Unterkapitel zu Lebensende-Entscheidungen. Das „Multioptionsdilemma“ wird am Beispiel von Patientinnen und Patienten mit einer Demenzerkrankung im frühen Stadium und gleichzeitiger Erkrankung der Herzkranzgefäße veranschaulicht. Bei einer Behandlung der Herzerkrankung könne das Leben der Patientinnen und Patienten vielleicht verlängert werden, dann aber würden die Betroffenen später länger mit einer fortgeschrittenen Demenz leben müssen. Hingewiesen wird auf eine Studie in der verschiedene Länder verglichen wurden. „Je nach Land war jeder vierte bis jeder zweite aller untersuchten Todesfälle mit der bewussten Entscheidung verbunden, das Sterben des Patienten zu ermöglichen.“ Es folgt ein Unterkapitel zu Selbstbestimmung als Zumutung für den Sterbenden. Zitiert wird ein Text aus einem Forschungsprogramm: „Der Tod hat nicht länger den Charakter eines Schicksalsschlags, sondern wird immer mehr eine Folge Individueller Entscheide.“ Der Rezensent möchte hier anmerken, dass es hier wohl eher um einen größeren Entscheidungsspielraum geht. Zum Beispiel kann ein Patient, der ein Pankreaskarzinom mit Metastasen hat, nicht entscheiden, wie lange er lebt, sondern nur, ob er vielleicht etwas länger oder kürzer leben möchte. Eingegangen wird auf den „Zwang zur Selbstbestimmung“ „Er kann nicht nur wählen, er muss sein Leben und sein Sterben wählen“ (S. 34). Schwierig und belastend wird die Entscheidungsfindung nach Ansicht des Rezensenten dadurch, dass es Risikoentscheidungen sind. Ob das angestrebte Ziel, zum Beispiel etwas länger zu leben, erreicht wird, ist ungewiss. Man kann auch an den Folgen einer OP sterben. Es folgt ein Unterkapitel zur „Moralisierung des Sterbens“. Gemeint ist die Verantwortung und Rechenschaftspflicht, die sich aus der Selbstbestimmung ergibt. Sterben sei verbunden mit Wertungen des Patienten, der Ärzte (Indikation) und der Angehörigen. Zitiert wird der Gerontologe Baltes „Es sollte nicht dazu kommen, dass Einzelpersonen gedrängt werden, ihren Tod einzuleiten oder früher zu sterben, als sie das möchten, gleichzeitig trifft dies aber auch für das Gegenteil zu, dass jetzt vorherrschende Erwartungsmuster, was eher zum späten Sterben drängt“ (S. 40). Nach Ansicht des Rezensenten wird ein indirekter Druck in beiden Richtungen über die Bedingungen unter denen wir sterben können oder müssen schon ausgeübt. Borasio (2014, S. 167) verweist in diesem Zusammenhang auf den Anreiz zur Verkürzung der Liegedauer in Krankenhäusern als Druck zur Lebensverkürzung. Thöns (2018) kritisiert den Anreiz zu verschiedenen Übertherapien (Verlängerung des Sterbens). Die Frage ist auch, ob die Patienten immer gut über Therapiemöglichkeiten und Risiken informiert werden.

Das dritte Kapitel handelt von Selbstbestimmung als zentralen ethischen Wert. Begonnen wird im ersten Unterkapitel mit einer begrifflichen Klärung in der unter anderem auf die Begriffe Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung eingegangen wird. Eingegangen wird auf die Selbstbestimmung im medizinethischen Sinne, wonach kein Patient gegen seinen Willen behandelt werden darf. Im nächsten Unterkapitel wird die Relativität der Selbstbestimmung behandelt. Man müsse bedenken, „dass Menschen im realen Leben nie frei sind von äußeren und inneren Einflüssen, die sie – oft weitgehend unbewusst – mehr oder weniger prägen“ (S. 46) Die Übergänge zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung seien fließend. Eingegangen wird auf Wünsche, die durch schwere psychische Krankheiten; wie schwere Depression oder Schizophrenie geprägt seien. Solche Wünsche seien nicht selbstbestimmt und maßgeblich für medizinisches Handeln (S. 47). [1] Patienten könnten auch bewusst auf ihren Autonomieanspruch verzichten. Voraussetzungen von Selbstbestimmung werden im nächsten Unterkapitel behandelt. Dazu gehören Information (durch den Arzt) und Verständnis, Urteilsfähigkeit, Freiheit von äußerem Druck und Authentizität. Wichtig sei ein autonomieförderndes Klima. Hier möchte der Rezensent zu den deutschen Verhältnissen anmerken, dass die Rahmenbedingungen dafür häufig nicht gegeben sind. Pflegepersonal in Wohnheimen und Normalstationen von Krankenhäusern, das unter Zeitdruck steht, und Ärzte unter Zeitdruck begünstigen kein autonomieförderndes Klima. Am Beispiel einer Arztvisite werden unterschiedliche Bedürfnisse von zwei alten Frauen bezüglich ihres Lebensendes veranschaulicht. Die Autoren gehen davon aus, dass die Gefühle der Überforderung von Patienten angesichts der Entscheidungssituationen eher existenzieller Natur sind. Hier wäre ein Hinweis auf verschiedene Trauerzustände [2] nach Kübler-Ross sinnvoll (Trauerphasen des Sterbenden nach Kübler-Ross, vgl. Student u.a. 2007,57). Die Autoren sehen „Selbstbestimmung in Beziehung zu und in Abhängigkeit von Anderen“ (S. 56). Die Autoren wenden sich dagegen, selbstbestimmtes Sterben nur auf den assistierten Suizid zu reduzieren. Die assistierten Suizide machten nur nur 1,4 % aller Todesfälle aus (S. 57). In dem Unterkapitel über aktuelle und antizipierte Selbstbestimmung wird zunächst die Patientenverfügung behandelt (vgl. dazu auch de Ridder 2017) Eingegangen wird auf die Bedenken, dass die ältere Patientenverfügung vielleicht nicht mehr dem Willen des Patienten am Lebensende entspreche. Diese Bedenken seien nicht von der Hand zu weisen. Unsichere Aussagen seien aber besser als kein vorausgefügter Wille. Dann wird das Verfahren „Gesundheitlichen Vorausplanung“ als gemeinsamer Beratungsprozess von Behandlungsteam und Patienten skizziert und diskutiert. Der Rezensent fragt sich, ob das Verfahren auch als Vorsorge für noch relativ gesunde Menschen sinnvoll ist. Im nächsten Unterkapitel werden dann stellvertretende Entscheidungen durch eine vom Patienten bestimmte Person, zum Beispiel auf der Grundlage eines Vorsorgeauftrags (in Deutschland Vorsorgevollmacht) behandelt. Angesprochen werden unter anderem die Verantwortung, die man einer Person überträgt und mögliche emotional belastende Folgen für Angehörige, die diese Aufgabe übernehmen. Auf verschiedene Grenzen der Selbstbestimmung wird im letzten Unterkapitel eingegangen. Selbstbestimmung wird primär als Abwehrrecht, nicht als Einforderungsrecht gesehen. Angesprochen wird auch die Frage der Urteilsfähigkeit. Hier sieht der Rezensent die Gefahr eines Missbrauchs, wenn zum Beispiel einem Patienten die Urteilsfähigkeit abgesprochen wird, um eine bestimmte Therapie durchzusetzen. Veranschaulicht wird die Frage der Urteilsfähigkeit am Beispiel eines demenzkranken Patienten.

Im vierten Kapitel werden Schwierigkeiten des Entscheidens über Leben und Tod behandelt. Begonnen wird mit der Ambivalenz einige Patienten zu der Frage, ob sie weiterleben möchten. Diese „existentielle Ambivalenz“ (S. 78) sei nicht zu unterschätzen. Der Rezensent würde dem zustimmen. Die angeführten Beispiele (S. 78 f.) sind nach Ansicht des Rezensenten aber nicht so ganz überzeugend. Vorsorge im Hinblick auf Herzkreislauferkrankungen können auch andere Motive haben als Lebensverlängerung, zum Beispiel die Angst vor Apoplexie. Gockel (2020, S. 115) stellt fest: „Für manche, vor allem alte Menschen, ist die Aussicht zu sterben, weniger angstbehaftet als die, mit immensen Einschränkungen weiterleben zu müssen.“ Auch eine schwere Grippe ist belastend, ob man daran stirbt, ist offen. Daher muss eine Grippeimpfung nicht immer mit dem Wunsch verbunden sein, länger zu leben. Zum Ideal des guten Sterbens gehen die Autoren auf fünf Diskurse nach Streckeisen ein. Aus solchen Diskursen könnten sich Idealbilder entwickeln, die den Sterbenden aber auch „unter Druck setzt, ein gutes Sterben ‚hinzulegen, es ‚schön und gut zu machen (S. 82). Der Rezensent hat vor dem Hintergrund ehrenamtlicher Begleitungen den Eindruck, dass diese Gestaltungspielräume unterschiedlich groß sind. Dies scheint auch von dem Zeitpunkt der Krankheitsverlaufskurve abhängig zu sein. Im letzten Stadium kann der Spielraum sehr gering sein. Das gilt für die körperlichen Aspekte, aber auch für die sozialen, psychischen und spirituellen. Ob man „gut stirbt“ hängt von vielen Bedingungen ab, die man nicht alle beeinflussen kann.

Im fünften Kapitel werden verschiedene philosophische und religiöse Vorstellungen vom „Sterben lernen“ und „Kunst des guten Sterbens“ behandelt. Der Rezensent bleibt hier skeptisch. Alte Menschen nach einem erfüllten Leben, zum Beispiel Hans Küng[3] mögen das Gefühl haben, „lebenssatt“ zu sein. Es gibt aber auch negative Lebensbilanzen (vgl. Allgeier 2019, S. 116) und Menschen, die in jüngeren Jahren von einer lebensverkürzenden Krankheit betroffen sind. Ob ein Mensch „sein Leben wirklich gelebt hat“ (S. 109) hängt nicht nur von ihm ab. Eingegangen wird auch auf die „pathischen Fähigkeiten“ im Leben. Gemeint sind Fähigkeiten, Schwierigkeiten standzugalten und vom Schicksal zugemutetes Leiden auszuhalten. Nach der Erfahrung des Rezensenten ist man mit solchen Schicksalsschlägen weiterhin mehrfach konfrontiert. Ein Beispiel dafür sind onkologische Erkrankungen, wo die Sterblichkeit immer noch sehr hoch ist. Vieles ist eben nicht machbar. In einem kurzen Unterkapitel wird das Thema loslassen und „Abschiedlich leben“ behandelt. „Abschiedlich leben heißt, immer wieder Dinge, Gedanken, Hoffnungen, Beziehungen, kurz: Liebgewordenes loszulassen, um frei zu werden“ (S. 112). Eingegangen wird dann auf die gesellschaftskritische Position von Erich Fromm, der die Menschen auffordert „immer mehr vom Haben – in den Seinszustand überzugehen“ (S. 113). Der Modus des Habens (radikaler Hedonismus. Egoismus, Selbstsucht und Habgier) wird nach Fromm durch die gegenwärtige Gesellschaft geprägt. Anschließend gehen die Autoren auf die Würdigung des „Fragmentarischen“ ein. Das Leben bleibe immer unabgeschlossen und unvollendet. Man müsse dem nicht nachtrauern, was nicht vollendet werden könnte. Anschließend geht es um die bewusste Konfrontation mit Sterben und Tod durch die Begleitung sterbender Angehöriger oder Freunde, die Teilnahme an Trauerfeiern oder den Besuch von Friedhöfen. Hinweisen könnte man hier noch auf die ehrenamtliche Sterbebegleitung. Eingegangen wird dann auf Regelungen für das eigene Sterben durch Patientenverfügung, Testament, Nachruf auf sich selbst (vgl. dazu auch Zu Salm 2015), oder eigene Todesanzeige. Danach wird auf Tod und Sterben in der Musik und Literatur eingegangen. Abgeschlossen wird das fünfte Kapitel mit der möglichen Hoffnung auf das Leben nach dem Tod. Hier möchte der Rezensent anmerken, dass bestimmte Versionen von diesem Leben nach dem Tod auch zu Ängsten führen können (zum Beispiel zum Jüngsten Gericht).

Das sechste Kapitel zu den Rahmenbedingungen und Rollen beginnt mit der Darstellung der rechtlichen Bedingungen in der Schweiz, durch die den Patientinnen und Patienten ein sehr weitgehendes Selbstbestimmungsrecht über das eigene Leben und Sterben zuerkannt wird. Spätestens nach dem Urteil vom Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 gilt ähnliches auch für Deutschland. Es folgt ein Unterkapitel zur Rolle des Arztes. Begonnen wird mit einer eher idealtypischen Darstellung der ärztlichen Handlungen und Aufklärungsgespräche vor dem Hintergrund des Selbstbestimmungsrechts der Patientin/des Patienten. Festgestellt wird dann, dass viele Aufklärungsgespräche von diesem Modell abweichen und im Extremfall Fremdbestimmung vorliege. Der Rezensent sieht hier mehrere strukturelle Schwierigkeiten. Die Indikation ist nicht immer eindeutig, es gibt auch die „fragliche Indikation“ (Borasio 2014, S. 34) In der Ärzteschaft gibt es unterschiedliche Meinungen und Fraktionen zu der Frage, ob bestimmte Therapien noch indiziert sind. Nach Thöns (2016) können auch wirtschaftliche Interessen eines Krankenhauses oder einer anderen Praxis von Bedeutung sein. Der Arzt wäre dann nicht neutral. Es folgt ein kurzes Unterkapitel zur Rolle der Pflege. Die Pflegerinnen und Pfleger hätten eine anspruchsvolle Aufgabe Patientinnen oder Heimbewohner in Gesprächen zu begleiten. Nach Ansicht des Rezensenten wäre dies für die deutschen Verhältnisse vor dem Hintergrund des Pflegenotstands in vielen Fällen illusorisch. Positive Ausnahmen wären Palliativstationen und Hospize. Im nächsten Unterkapitel wird die Rolle der Patientin im Prozess der Entscheidungsfindung behandelt. Vielen Patientinnen und Patienten sei die Meinung der nahen Angehörigen wichtig. Dennoch liege die Entscheidung selbst in der Hand der Patientin. Kritisch wird das Modell des Shared Decision-Making (gemeinsame Entscheidungsfindung) in der Arzt-Patienten-Beziehung beurteilt. Es könne manchmal zu gemeinsamen Entscheidungen kommen, aber das dürfe keine Bedingung sein. Die Letztentscheidung bleibe beim Patienten, auch wenn der Arzt anderer Meinung sei. Um die Rolle der Angehörigen geht es dann im nächsten Unterkapitel. Diese seien in besonderem Maße in Lebensende-Entscheidungen einbezogen, aber auch eigene Interessen und Bedürfnisse der Angehörigen seien involviert. Eingegangen wird auf Angehörige mit der Vollmacht, in Vertretung des Patienten über medizinische Maßnahmen zu entscheiden. Dies sei eine schwierige Aufgabe. Abgeschlossen wird das Unterkapitel mit einem Fallbeispiel zu einem Ehepaar. Gerade Lebenspartner sind nach der Erfahrung des Rezensenten besonders betroffen, da sie verständlicherweise den Partner behalten wollen, dann aber doch loslassen müssen. Ein Lebenspartner, der verleugnet, dass er die Sterbende vermissen wird, wäre nicht authentisch. Im nächsten Unterkapitel geht es um ärztliche Information und Kommunikation. Gespräche am Lebensende gehörten zum Schwierigsten, was Ärzte lernen müssten. Festgestellt werden aber hierzu erhebliche Defizite in der ärztlichen Ausbildung und Fortbildung. Diskutiert werden hier mögliche Gründe dafür, dass viele Ärzte das Thema meiden und Patienten in die Entscheidungsfindung nicht oder nur wenig einbezogen werden. Ein Problem ist nach Ansicht des Rezensenten, dass öfters mehrere Ärzte zuständig sind und Zuständigkeiten wechseln. Dargestellt wird das Beispiel von einem Patienten der wegen einer Herzrhythmusstörung Blutverdünner bekommt und der gleichzeitig Magenkrebs hat. Auf der einen Seite stand das Risiko, an einer inneren Blutung zu sterben, auf der anderen das Risiko eines Hirnschlag. Um Freiheit von Druck durch das soziale Umfeld geht es dann im nächsten Unterkapitel. Da viele Menschen am Lebensende abhängig und auf Hilfe Dritter angewiesen seien, könnten sie leicht unter Druck geraten. Solche Einflüsse seien manchmal unvermeidbar aber kritisch zu hinterfragen. Die Autoren stellen vier Formen von Druck da: Druck vonseiten der Ärzte und des Betreuungsteams, vonseiten der Institutionen (Heim, Spital), vonseiten der Angehörigen und durch gesellschaftliche Einstellungen. Der Rezensent sieht hier noch eine fünfte Ebene: vonseiten des Gesundheitssystems (vgl. Borasio 2014. S. 161 ff.). In Deutschland kann dieser Druck ziemlich stark werden. Zum Beispiel soll ein Patient im Krankenhaus nicht bleiben (Fallpauschale), im Hospiz und auf der Palliativstation sind keine Plätze frei, was Abschieben in ein Pflegeheim bedeuten kann. Da viele Patienten am Lebensende altruistisch orientiert sind (vgl. Borasio 2014, S. 151) werden sie die Interessen und Wünsche von Angehörigen in ihre Überlegungen einbeziehen. Das wäre ein innerer Druck, der aber legitim ist. Abgeschlossen wird das sechste Kapitel mit dem Thema Gesprächspartner. Öfters bräuchten Menschen am Lebensende Gespräche, um Klarheit über ihre Wünsche und Vorstellungen zu erhalten. Das erfordere eine „patientenzentrierte Gesprächskultur“ (S. 152).

Im siebten Kapitel zum „Entscheiden und Geschehen lassen“ grenzen sich die Autoren ab von einer Version von Selbstbestimmung, wonach der Mensch zum Regisseur des eigenen Lebens werde. Nicht alles sei kontrollierbar, auf einiges müsse man sich „vertrauensvoll einlassen“ (S. 155 f.). Im zweiten Unterkapitel ist das Thema „Sterben zwischen Schicksal und Machsal“. Eingegangen wird auf die These, dass aufgrund des Fortschritts in der Medizin „Hilflosigkeit und Ausgeliefertseins an ein fremdgefügtes Schicksal“ (S. 158) abgelöst werden durch Kontrolle über den Verlauf von Krankheiten. Nach dem Eindruck des Rezensenten ist diese Kontrollierbarkeit noch sehr gering, wenn man an einige Krebserkrankungen denkt. Auch die Autoren weisen darauf hin: „Krankheiten ereilen den Menschen immer noch unerwartet“ (S. 160).

Im achten Kapitel wird zusammenfassend auf einige der behandelten Themen eingegangen. Behandelt werden unter anderem Gespräche mit Nahestehenden, Patientenverfügung und rechtzeitiges Zulassen des Sterbens. 

Diskussion

Vielleicht wird in der modernen Welt der Gottesglaube durch Allmachtfantasien abgelöst. Aber die Realität ist weiterhin: Es gibt kein „anti-aging“ und der eigene Tod lässt sich nicht beliebig hinausschieben. Auch in der Medizin ist vieles nicht „machbar“. Selbstbestimmung wird zur bürgerlichen Ideologie für Eliten. Die große Mehrheit wird dagegen beherrscht. Aber am Lebensende haben wir mehr Freiheit. Wir können unser Leben beenden. Das entspricht auch der Position von Karl Jaspers[4] . Dabei ist die gewählte Methode nicht wesentlich. Man kann eine möglicherweise lebensverlängernde Therapie ablehnen, eine terminale palliative Sedierung wünschen, Suizid begehen oder um Hilfe zum Suizid bitten. Im Buch wird deutlich, dass die Grenzen zwischen diesen Methoden und auch zur Tötung auf Verlangen eher fließend sind. Auch die Motive können unterschiedlich sein. Es kann eine lebensverkürzende Krankheit sein, die im letzten Stadium zu einer schlechten Lebensqualität führt. Es kann auch eine berechtigte Angst vor Abhängigkeit und Autonomieverlust sein oder die Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensbedingungen. Durch die Entwicklung der Medizin ist die Ächtung des Selbstmords noch fragwürdiger geworden, denn das könnte bedeuten, Menschen um jeden Preis am Leben zu erhalten.

Fazit

Das Buch bietet einen guten Überblick über die Thematik, aber auch dem Lesen mit mehr Vorwissen einige Anregungen. Im Blick stehen vor allem alte Menschen. Lebensverkürzende Krankheiten im mittleren Lebensalter sind zwar seltener, sie kommen aber vor. Dann stellt sich die Frage der Selbstbestimmung etwas anders, da vieles dann eben nicht mehr machbar ist. Auf das Thema sterben im mittleren Lebensalter könnte mehr eingegangen werden (vgl. zum Beispiel Kalanithi 2017). Aber die Frage der Selbstbestimmung im hohen Alter ist auch sehr wichtig.

Literatur

Allgaier, Thomas (2019) Palliative Care für Wohnungslose, in: Wasner, Maria; Raischl, Josef (Hrsg.): Kultursensibilität am Lebensende Identität – Kommunikation – Begleitung, Stuttgart, Kohlhammer, S. 112–119

Borasio, G. D. (2014): selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können, München, Verlag C.H. Beck

BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 26. Februar 2020 - 2 BvR 2347/15 -, Rn. 1-343,

http://www.bverfg.de/e/rs20200226_2bvr234715.html

De Ridder, Michael (2017): Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin, München: Pantheon Verlag

Glaser, B.; Strauss, A. (1965): Awareness of Dying, Chicago: Aldine

Jaspers, Karl (1963): Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München

Kalanithi, Paul (2017): Bevor ich jetzt gehe. Die letzten Worte eines Arztes an seine Tochter, München

Mihm, Dorothea, Bopp, Annette (2017): Die sieben Geheimnisse guten Sterbens, München: Goldmann

Student, J. C.; Mühlum, Albert; Student, Ute (2007): Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care, München und Basel Reinhardt UTB

Thöns, Matthias, (2016): Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende, München, Berlin, Piper

Wasner, Maria; Raischl, Josef (Hrsg.) (2019): Kultursensibilität am Lebensende, Stuttgart. Kohlhammer

Zu Salm, Christiane (2015): Dieser Mensch war ich. Nachrufe auf das eigene Leben, München


[1]  Anderer Meinung ist hier Giger-Bütler (2018), der dafür eintritt, Suizidwünsche auch bei schweren Depressionen zu akzeptieren.

[2]  Der Begriff Trauerphase ist missverständlich, weil er lineare Abfolge nahelegt. Das kann aber auch anders sein. „Der trauernde Mensch unterliegt vielfältigen, häufig chaotischen Gefühlszuständen, die einander ständig ab- oder auslösen (Brathuhn und Adelt 2015, S. 94).

[3]  So schrieb Hans Küng im Alter von 85 Jahren: „Ich bin nicht lebensmüde, doch lebenssatt. Ein Gelehrter, der nicht mehr schreiben und lesen kann? Was dann? (…). Ich will nicht als Schatten meiner Selbst weiter existieren. (…) Der Mensch hat ein Recht zu sterben, wenn er keine Hoffnung mehr sieht auf ein nach seinem ureigenen Verständnis humanen Weiterlebens“ (zitiert nach Mihm und Bopp 2017, S. 208).

[4]  „Daß der Mensch, nur der Mensch sich das Leben nehmen kann in hellem, reinen Entschluß, ohne Trübung durch Affekt, vielmehr sich selber treu, darin liegt seine Würde. (Auslassung H.M.) Die Bereitschaft zum Selbstmord macht frei“ (Karl Jaspers 1963, S. 474).


Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 23.12.2020 zu: Heinz Rüegger, Roland Kunz: Über selbstbestimmtes Sterben. Zwischen Freiheit, Verantwortung und Überforderung. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2020. ISBN 978-3-906304-70-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27732.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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