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Heinrich Ricking, Tijs Bolz u.a. (Hrsg.): Prävention und Intervention bei Verhaltensstörungen

Cover Heinrich Ricking, Tijs Bolz, Bastian Rieß, Manfred Wittrock (Hrsg.): Prävention und Intervention bei Verhaltensstörungen. Gestufte Hilfen in der schulischen Inklusion. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 276 Seiten. ISBN 978-3-17-036330-4. 26,00 EUR.
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Thema

Bereits im ersten Satz der Einleitung beschreiben die Herausgeber die zentrale Problemstellung bzw. das primäre Erkenntnisinteresse des vorliegenden Sammelbandes:

„Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen bzw. Förderbedarfe im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung stellen in dem heutigen, sich inklusiv entwickelnden Bildungssystem eine große Herausforderung für alle an und in Schule und Jugendhilfe tätigen Professionellen dar“ (S. 9).

Der durchaus auch als unbestimmt und abwertend wahrgenommene Begriff der Verhaltensstörung (vgl. hierzu z.B. Wüllenweber 2012, S. 17) meint primär Kinder und Jugendliche, die durch einschränkende und belastende Besonderheiten in der emotionalen Steuerungsfähigkeit auffallen und somit große Schwierigkeiten im Sozialverhalten aufweisen (Fritz/​Werthmüller 2019, S. 4); da sich entstehende Probleme und Störungen des emotionalen Erlebens und/oder sozialen Handelns im Entwicklungsverlauf der Betroffenen als relativ stabil erweisen, befinden sich die Kinder und Jugendlichen in beständiger Gefahr, von schulischer und gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen zu werden (vgl. S. 9).

Aus Sicht der Herausgeber braucht es daher für eine gelingende und auf Partizipation beruhende Inklusion und Teilhabe der Kinder und Jugendlichen gerade im schulischen Kontext gut ausgebildete und vorbereitete Fachkräfte sowie ein gestuftes und vernetztes System (sonder-)pädagogischer Unterstützungsmaßnahmen (S. 9 ff.); dementsprechend skizzieren die verschiedenen Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen u.a. präventive Maßnahmen in der allgemeinen Schule, früh-interventive Hilfen durch Mobile Dienste und intensivpädagogische Ansätze – immer auch mit einem Fokus auf die praktische Umsetzung im Schullalltag.

Herausgeber

Die vielschichtigen Texte zur Prävention und Intervention bei Verhaltensstörungen sind vielfach aus Lehr- und Forschungsaktivitäten im Umfeld der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg entstanden und durch die vier Herausgeber koordiniert worden:

  • Apl. Prof. Dr. Heinrich Ricking lehrt und forscht in der Fachgruppe Pädagogik bei Verhaltensstörungen insbesondere zu den Bereichen der schulischen Erziehungshilfe, Schulabsentismus und Dropout sowie zur Didaktik unter besonderer Berücksichtigung der Schwerpunkte Lernen und soziale Entwicklung.
  • Tijs Bolz (M.Ed.) ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Oldenburg in den Fachgruppen Pädagogik bei Verhaltensstörungen sowie Sonder- und Rehabilitationspädagogik beschäftigt; Schwerpunkte seiner Tätigkeit liegen in den Bereichen Schüler-Lehrer-Beziehung, Diagnostik und Intervention unter besonderer Berücksichtigung intensivpädagogischer Unterstützungsmaßnahmen.
  • Als Koordinator für den Ausbau des Qualifizierungsprogramms Weiterbildung Sonderpädagogik wirkt Bastian Rieß (M.Ed.); auch er ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Fachgruppe Pädagogik bei Verhaltensstörungen und arbeitet und forscht zu sonderpädagogischer Beratung und Qualifizierung.
  • Prof. Dr. habil. Manfred Wittrock arbeitete als Lehrer und promovierte in Psychologie; als Professor für Verhaltensstörungen wirkte er ab 1993 an der Universität Rostock und anschließend bis 2019 in Oldenburg; seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte befassen sich mit internalisierenden Verhaltensstörungen und Behavioral Literacy.

Aufbau und Inhalt

Heinrich Ricking, Tijs Bolz, Bastian Rieß und Manfred Wittrock skizzieren in der kurzen Einleitung des Sammelbandes das Problem und wissenschaftliches Erkenntnisinteresse; als Gegenstand der verschiedenen Beiträge definieren sie grundlegende Auseinandersetzungen mit Perspektiven der Prävention im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung sowie den zielgerichteten Intervention bei bereits verfestigten Verhaltensstörungen (S. 10); hervorgehoben wird die Bedeutung des in den Texten vermittelten präventiven, früh-interventiven Zugangs.

Das zweite Kapitel: Gegenstand und Entwicklungen wird von Heinrich Ricking und Manfred Wittrock gestaltet; nach einem kompakten Problemaufriss werden grundlegende Begriffsbestimmungen und Definitionen zu Verhaltensstörungen im Kontext inklusiver Beschulung vorgenommen; die Autoren orientieren sich hier u.a. an der Definition von Verhaltensstörung nach Myschker & Stein sowie dem Verständnis des US-amerikanischen Council for Children with Behaviour Disorders (CCBD); kurz zusammengefasst werden im Weiteren entwicklungshemmende Verhaltensmuster und Erscheinungsformen sowie Klassifikationen (nach ICD-10 oder DSM-V); verschiedene wissenschaftliche Erklärungsmodelle zur Genese Erklärungsansätzen verdeutlichen, dass Verhaltensstörungen für die Kinder und Jugendlichen und ihr Umfeld gravierende Problemstellungen erzeugen; gerade durch die Abhängigkeit von (soziokulturellen) Normen und Wertvorstellungen erfordert der zielgerichtete Umgang mit den Betroffenen es eine fachlich qualifizierte Beobachterperspektive; im Zusammenhang mit den Prävalenzraten und der Persistenz wird im Folgenden deutlich, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit einem Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung (ESE) seit 2006 stetig steigt; nicht nur die größer werdende Zielgruppe erhöht hier – so die Autoren – die strukturelle Komplexität und die Anforderungsvielfalt im Bereich der schulischen Förderung; auch die sich komplex verändernden Phänomene psychosozialer Beeinträchtigungen und die Notwendigkeit zur schulischen Inklusion bedingen die Entwicklung fachlich-fundierter Handlungspläne für die frühzeitige Förderung von Lebenskompetenzen der Schülerinnen und Schüler.

Das umfassende dritte Kapitel ist Organisationsformen für die Planung, Umsetzung und Evaluation von Assistenz-, Förder- und Unterstützungsmaßnahmen gewidmet; Tijs Bolz und Bastian Rieß entwickeln in ihrem Beitrag (Kapitel 3.1) ein Gestuftes System der Hilfen auf Basis unterschiedlicher Modelle und Konzepte; die eine Förderung und Unterstützung der Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung thematisieren.

Zunächst wird das „Stufenmodell der Institution zur Prävention und Rehabilitation von Verhaltensstörungen“ nach Myschker und Stein aufgegriffen; dieses Modell spannt in sieben Stufen einen Bogen von der Elternschulung und Früherkennungsuntersuchungen über Erziehungsberatung, schulpsychologische Dienste bis hin zu sehr separierenden und segregierenden Anstalten und Schulen des Strafvollzugs oder Kliniken und Schulen der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Primär dem schulischen Kontext verpflichtet ist das Modell von Bach, welches die Begleitung der Schülerinnen und Schüler in mehreren Schritten/​Varianten aufzeigt:

  • Förderung durch eine Lehrkraft der allgemeinen Schule
  • Förderung durch eine Förderschullehrkraft (zwei Unterrichtseinheiten)
  • Betreuung durch eine Förderschullehrkraft (bis zu sechs Unterrichtseinheiten)
  • Vollständige Förderung in einer Förderschule

Ein weiteres System sonderpädagogischer Förderung bezieht sich auf eine Untersuchung von Willmann und listet entsprechend notwendige schulische Organisationformen (Schule für Erziehungshilfe/​Sonderschulen mit dem Förderschwerpunkt ESE/Heimschulen/​Klinikschulen etc.) auf.

Das gestufte System schulischer Hilfen bei Verhaltensstörungen nach Hillenbrand/​Clemens berücksichtigt sowohl integrative als auch separierende Institutionen und benennt u.a. Förderlehrer/​Ambulanzlehrer oder die Mobile Erziehungshilfe als integrierte Angebote sowie mehrdimensionale Hilfen in Heimschulen oder im Strafvollzug als eher separierte Perspektiven.

In sieben Level differenziert schließlich das Cascade Model nach Deno die Angebote des Schul- oder Gesundheitssystems (primär bezogen auf das US-amerikanische Unterstützungssystem); besonders an diesem Konzept ist die Differenzierung in Angebote innerhalb schulischer Kontexte („Out-Patient-Program“) – wie Hausunterricht oder Unterricht an einer Förderschule und den Angeboten im Gesundheits- und Sozialsystem („In-Patient-Program“) – wie Unterstützungsmaßnahmen in Kliniken und/oder Wohngruppen).

Im Anschluss an die jeweils kurze Beschreibung der o.g. Konzepte und Modelle stellen Tijs Bolz und Bastian Rieß grundlegende gemeinsame Perspektiven dieser Zugänge dar; thematisiert werden die Prinzipien der Inklusion, der Prävention, der Individualisierung und Intensivierung; der Durchlässigkeit, der fallbezogenen und fallunabhängigen Unterstützungsmaßnahmen sowie der Multiprofessionalität und Kooperation dar.

Innovativ und nachvollziehbar verbinden die Verfasser des Beitrages die ausgewählten Modelle und Konzepte sowie die abgeleiteten, grundlegenden, gemeinsamen Prinzipien schließlich zu dem „Gestuften Modell der Hilfen“, die Grundprinzipien (Inklusion/Prävention Durchlässigkeit, Individualisierung und Intensivierung, fallbezogene und fallunabhängige Unterstützungsmaßnahmen; Multiprofessionalität und Kooperation) bilden die Basis für universelle Präventionsmaßnahmen (z.B. in Form von Unterstützungsangebote in der allgemeinen Schule); beinhaltet sind ebenso selektive Präventionsangebote (z.B. in Form mobiler Dienste) und eine indizierte Prävention (z.B. in Intensivgruppen oder in Schulen der Kinder- und Jugendpsychiatrie); im Ausblick des Kapitels verweisen Tijs Bolz und Bastian Rieß darauf, dass dieses System von einer professionsübergreifenden, kooperativen Haltung aller in dieser Struktur tätigen Personen ausgeht und eine Herausforderung sicher in der Entscheidungsfindung der passgenauen, bedarfsgerechten Maßnahmen liegen wird (S. 46 ff.)

Dr. Marie-Christine Vierbuchen und Dr. Frederike Bartels – beide von der Universität Fechta – greifen in ihrem Beitrag (Kapitel 3.2) Die Inklusive Schule als zentrale Organisationsform der schulischen Inklusion von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auf; die Verfasserinnen klären zunächst zentrale Begriffe, skizzieren Zielgruppe und beeinflussende Faktoren, die Rahmung und Strukturen dieser Institutionen; im Hinblick auf die Qualifikation von Lehrkräften betonen sie die hohen Ansprüche an die Professionalität der Lehrenden als Verantwortliche für eine positive, soziale und emotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler; in einem abschließend aufgezeigten Beispiel betonen die Autorinnen in dieser Hinsicht die Bedeutung kooperativer Strukturen und der Teamarbeit.

Der Förderschullehrer Frank Ockenga skizziert im folgenden Kapitel 3.3 Mobile Dienste – Beratungs- und Unterstützungssysteme als Element der gestuften Hilfen für Kinder und Jugendliche im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung; nach einer kurzen Einführung zu dieser in einigen Bundesländern bestehenden, indirekten sonderpädagogischen Unterstützungsperspektive umreißt der Verfasser die potentielle Zielgruppe und die besondere Bedeutung der Beratung für Lehrkräfte – eben als indirekte Form der Unterstützung der Zielgruppe; Frank Ockenga beschreibt im Weiteren Handlungsformen und Strukturen sowie die Aufgabenfelder und Rahmenkonzepte Mobiler Dienste; er betont, dass die professionell Tätigen ihre Aufgaben selbst definieren müssen; anhand zweier Praxisbeispiele entsteht ein Eindruck der konkreten Einsatzmöglichkeiten und Zielperspektiven dieser – für die neuen und unbekannten Herausforderungen – wertvollen Ergänzung zum Handlungsvollzug in Inklusiven Schulen.

Tijs Bolz und Heinrich Ricking beschreiben Zielperspektiven, Rahmenbedingungen und Praxisbezüge von Kurzzeitinterventionen; als Zielgruppe identifizieren sie Schülerinnen und Schüler, bei den kein formal diagnostizierter Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung in der emotionalen und sozialen Entwicklung festgestellt wurde, aber das Schulsystem dennoch an Grenzen kommt (S. 73); im Kontext der Rahmung und Strukturierung der aufgezeigten Maßnahmen nennen die Verfasser eine temporäre und räumliche Separierung der Adressatinnen und Adressaten; die Ausgestaltung eines möglichst kooperativen Settings in Verbindung mit einer ressourcenorientierten Förder- und Verlaufsdiagnostik; die pädagogisch-therapeutische Ausrichtung soll eine Beschulung in einer Kleingruppe mit starker Flexibilität beinhalten; auch das Kapitel 3.4 beinhaltet neben der theoretischen Fundierung zwei Praxisbeispiele, die sowohl Chancen als auch Risiken solcher temporären Lerngruppen aufzeigen.

Heinrich Ricking thematisiert in seinem Beitrag (Kapitel 3.5) Förderschule als Durchgangsschule; Förderschulen bilden – als Schulart des allgemeinbildenden Schulsystems – eine eigene Säule im System der schulischen Bildung; Förderschulen mit dem Schwerpunkt ESE (emotionale und soziale Entwicklung) stehen dabei – so der Autor – vor besonderen Herausforderungen, denn ein solcher Förderschwerpunkt ist nur dann zu legitimieren, wenn auch eine zielgerichtete, bedarfsgerechte Förderung der Schülerinnen und Schüler vorgehalten wird (S. 88); Zielperspektive sollte es dementsprechend vor allen Dingen sein, die begleiteten Adressatinnen und Adressaten wieder in das allgemeine Schulsystem zurückzuführen – und das ungeachtet der oft geringen Durchlässigkeiten zwischen Förder- und Regelschulen (S. 90 f.); um diesen Übergang dennoch gelingend zu gestalten, beschreibt Heinrich Ricking sechs Bausteine zur Konzeptionalisierung sowie drei Phasen der Rückschulung (Vorbereitungsphase/​Hauptphase/​Betreuungsphase); leider fehlen in diesem Zusammenhang doch die Schilderung eines praktischen Beispiels; es braucht – so der Verfasser nachvollziehbar – weitere Anstrengungen in Forschung und schulischer Praxis, um dem Anspruch von Schülerinnen und Schülern auf eine Rückschulung in den Regelschulbereich zu entsprechen (S. 94).

Dr. Menno Baumann von der Fliedner- Fachhochschule Düsseldorf (Bereich Intensivpädagogik) verantwortet das Kapitel 3.6 zu Intensivpädagogische Betreuungsformen zur Schulpflichterfüllung; analog zum Aufbau der anderen Beiträge versucht der Autor zunächst eine Begriffserklärung und Zielgruppenfassung; er umreißt die Rahmung und Strukturen intensivpädagogischer Angebote im Schnittfeld zwischen Jugendhilfe und Schulsystem; betont – erneut – die hohen Ansprüche an die Professionalität der beteiligten Pädagoginnen und Pädagoginnen (u.a. sind zu nennen: Krisen- und Deeskalationskompetenz; Kompetenz zur Beziehungsreflexion; Diagnostik und Fallverstehen; Kompetenz der Mitarbeitersicherung und emotionalen Stabilisierung etc.); auch dieser Text beschreibt die beruflichen Praxis in zwei Einrichtungen und zeigt – daraus abgleitet – zentrale konzeptionelle Aspekte auf.

Die Darstellung organisatorischer Strukturen im gestuften Modell der Hilfen beschließen Viviane Albers (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Oldenburg) und Manfred Wittrock mit ihrem Text zu Schulische Bildung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und im Jugendstrafvollzug (Kapitel 3.7); nach einleitenden Aspekten erfolgt in diesem Beitrag zunächst die Eingrenzung der Personen- und Zielgruppen dieser Institutionen (Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen oder Jugendliche und Heranwachsende mit delinquent-kriminellen Verhaltensweisen); im Kontext der Rahmung und Strukturen werden Klinikschulen und Bildungsabteilungen von Justizvollzugsanstalten beschrieben; zentrale Herausforderung bleibt – so das Autorenteam – die Professionalisierung der Handelnden; dieses Kapitel greift zwei Fallbeispiele auf, um die Ambivalenzen und Herausforderungen in der Praxis zu verdeutlichen.

Nach dem vielschichtigen Überblick zu organisatorischen Strukturen und Rahmenbedingungen greifen die acht Beiträge des 4. Kapitels relevante Aufgabenfelder und Konzepte auf.

Tijs Bolz beginnt mit Überlegungen zu Beziehung als Grundlage der Pädagogik bei Verhaltensstörungen?! (Kapitel 4.1); nachvollziehbar gelingt es die grundsätzliche Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen in jeglichen pädagogischen Kontexten kurz zu reflektieren; dass die Beziehungsarbeit in unterrichtlichem Handeln; in der Beziehung von Schülerinnen und Schüler zu den pädagogischen Fachkräften entsprechend besonders bedeutsam ist, steht entsprechend außer Frage; der Autor beschreibt entsprechend, wie wichtig die Wahrnehmung und die Analyse der Beziehungsdynamiken für eine bindungs- und beziehungsorientierte Förderung und Unterstützung ist und skizziert – im Sinne des Praxisbezuges – das nachvollziehbare Konzept der Feinfühligkeit.

Heinrich Ricking’s Beitrag ist mit Erziehung und Förderung (Kapitel 4.2) überschrieben; immer mit dem Fokus auf die pädagogische Professionalität im Umgang mit den Herausforderungen der Zielgruppe thematisiert der der Verfasser Aspekte einer erfahrungs-, theorie- und evidenzorientierten Förderung; als zentrale Grundlagen der Förderung nennt er dabei z.B. das Primat der Erziehung oder die Maßgabe, das Kindeswohl zu schützen; im Sinne einer interdisziplinären Betreuung und Begleitung der Schülerinnen und Schüler verweist Heinrich Ricking kurz auf pädagogisch-therapeutische Interventionen; kompakt finden Grenzen des pädagogischen Handelns Erwähnung.

Im Kapitel 4.3 widmen sich Bastian Rieß und Tijs Bolz dem Themenbereich: Diagnostik in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen; nach der notwendigen Begriffsklärung und der Einordnung in das sonderpädagogische Handlungsfeld werden in diesem Text spezifische Perspektiven einer Diagnostik von Schülerinnen und Schülern im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung benannt und Phasen eines diagnostischen Prozesses in Verbindung mit der Förderplanung skizziert und/oder abschließend mit dem immer wieder aufgegriffenen System der gestuften Hilfen in Verbindung gebracht.

Bastian Rieß stellt das Aufgabenfeld der Beratung als (sonder-)pädagogische Aufgabe vor (Kapitel 4.4); im Anschluss an sehr kompakt aufgelistete Begriffsklärungen versucht der Verfasser – im Rahmen der Grenzen des Formates eines solchen Beitrages – eine Systematisierung von Beratung (z.B. über Fallbeispiele, die Verortung von Beratung innerhalb der Fachdisziplinen, dem Grad der Formalisierung, dem Blick auf die Adressatinnen und Adressaten bis hin zu einer Skizze eines Beratungsansatzes); erneut enden die Ausführungen mit der Verortung der Beratung im System der gestuften Hilfen.

Dennis Höwel von der Universität Köln (Department Heilpädagogik und Rehabilitation, Erziehungshilfe und sozial-emotionale Entwicklungsförderung) führt in Präventive Förderung durch Trainingsprogramme im inklusiven schulischen Setting ein (Kapitel 4.5); neben der Bedeutung dieses Handlungsansatzes zur (präventiven) Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen werden in diesem Beitrag Strukturen und Konzepte – z.B. über ein so genanntes Sequenzierungsmodell und/oder kurze Beispiele für ein Training – aufgezeigt und die mögliche Implementierung bzw. den Transfer in den Schulalltag angedeutet.

Das 6. Thema des vierten Kapitels ist Didaktik, Methodik und Unterricht gewidmet; Heinrich Ricking entwickelt – ausgehend von einer kurzen Problemskizze – die Zielperspektive eines selbstgesteuerten Lernens für die Schülerinnen und Schüler; wesentlich für dieses Anliegen wird es sein, zwangsläufige, verhaltensbedingte Unterrichtsstörungen mit den Lernzielen der Unterrichtsplanung zu verbinden; Heinrich Ricking verdeutlicht didaktische Eckpunkte im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung und zentrale Leitlinien der Unterrichtsgestaltung (z.B. Beziehung als Basis für den Unterricht, werte- und normbasiertes Lernen oder auf emotionales Erleben und Motivation im Unterricht); im Fazit seiner Ausführungen präferiert der Verfasser einen Unterricht, der auf belastbaren pädagogischen Beziehungen basiert, die aktuelle Lage des einzelnen Schülers/der einzelnen Schülerin in Bezug auf die emotionale und soziale Entwicklung sowie das Lernen zum Ausgangspunkt der Unterrichtsgestaltung macht und durch eine professionelle Klassenführung mit hoher Flexibilität gekennzeichnet ist (S. 204).

Tomke Weihrauch (wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg) und Manfred Wittrock beginnen das Kapitel 4.7: Kooperation in multiprofessionellen Settings mit einer Fallvignette, mit der aktuelle professionelle Alltag in der schulisch-pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf betrachtet werden soll; nach der Klärung des vielfältig genutzten Begriffes der Kooperation schildern die Autoren Herausforderungen und Gelingensbedingungen im Zusammenhang mit vertrauensvollen, als sinnvoll erachteten Kooperationen von Fachkräften unterschiedlicher Disziplinen und Betroffenen.

Die Darstellung zu den Aufgabenfeldern und Konzepten im professionellen Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten beschließt der Beitrag von Bastian Rieß und Simona Selle (Zentrum für Lehrkräftebildung der Universität Oldenburg); das Kapitel 4.8 befasst sich mit Qualifizierung und Kompetenzerwerb und thematisiert u.a. den durch steigende Fallzahlen oder die Dezentralisierung von Angeboten oder die veränderten Anforderungen und Aufgabenstellungen in diesem Handlungsfeld erhöhten Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Bereich der Sonderpädagogik; beschrieben werden in diesem Beitrag Phasen der Qualifizierung im Rahmen der grundständigen Lehramtsausbildung wie auch alternative Qualifizierungskonzepte für das Lehramt für Sonderpädagogik; gerade in Fort- und Weiterbildungsangeboten sehen die Verfasser eine Chance kurzzeitige Versorgungsengpässe auszugleichen.

Heinrich Ricking und Manfred Wittrock bleibt es vorbehalten, den informativen Sammelband zusammenzufassen und noch einmal Offene Fragen und Herausforderungen zu benennen (Kapitel 5); ein wenig bitter – aber zutreffend – endet das Fazit mit der Diagnose eines vorliegenden „Wait-to-Fail“-Problems, denn einerseits wird die Problematik der Betreuung und Begleitung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischen Förderbedarf durch unzureichende präventive Kulturen; Strukturen und Praktiken in der Schule begünstigt; andererseits findet eine hilfreiche Unterstützung der Kinder und Jugendlichen erst ab einem Zeitpunkt statt, wenn sich Störungen bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befinden und den Fehlentwicklungen nur noch mit erheblichem Mehrbedarf begegnet werden kann (S. 238).

Diskussion

Das Paradigma der Inklusion ist – so die Hoffnung – eine unbestrittene Zielperspektive für die schulische Bildung von Kindern und Jugendlichen; dass die Umsetzung dieser Vision – gerade im Umgang mit erkennbaren Verhaltensstörungen bei den Schülerinnen und Schülern – große Herausforderungen an die Gestaltung organisatorischer Strukturen, die Professionalisierung der Fachkräfte und die Entwicklung methodisch fundierter und empirisch begleiteter Konzepte stellt, wird durch die unterschiedlichen Beiträge dieses Sammelbandes nachvollziehbar bekräftigt.

Das dargestellte System gestufter Hilfen erscheint tatsächlich als tragfähiger, integrativer, interdisziplinärer Entwurf professioneller Hilfen sowohl zur Prävention von Verhaltensstörungen als auch in der Beratung, Betreuung und Begleitung von betroffenen Kindern und Jugendlichen (und/oder ihrer Eltern), wo das emotionale und soziale Verhalten Bildungsperspektiven bereits beeinflusst.

Beim Lesen und reflektieren der in diesem Buch aufgezeigten Texte drängt sich immer wieder die Frage auf, wie die Bedarfe und Bedürfnisse der Betroffenen nun mit einem adäquaten Aufwand begegnet werden können; hier bleiben in den Texten noch einige ungeklärte Fragen, was die Finanzierung der notwendigen Angebote in Zeiten eines hohen Ökonomisierungsdruckes gelingen kann; auch die Perspektive, wie dem Fachkräftemangel tragfähig begegnet werden kann (vgl. noch einmal Kapitel 4.8) ist sicherlich nur mittelfristig zu klären und/oder zu bewerten.

Fazit

Im vorliegenden Sammelband gelingt informativ – und einer erkennbaren Zielperspektive folgend – ein kompakter Überblick zu aktuellen theoretischen, empirischen und praktischen Erkenntnissen in der Betreuung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit vorliegenden Verhaltensstörungen; das Modell bzw. das System der gestuften Hilfen in der schulischen Inklusion wird somit gut nachvollziehbar entwickelt.

Den Herausgebern gelingt es dabei, die Texte verschiedener Autorinnen und Autoren so zu koordinieren, dass eine gut nachvollziehbare Struktur erkennbar wird und kaum qualitative Unterschiede in den Beiträgen auffallen.

Somit entsteht ein empfehlenswerter, kompakter Überblick zum aktuellen fachlichen Diskurs der schulischen Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung bzw. zu den Perspektiven der Prävention und Intervention bei Adressatinnen und Adressaten mit Verhaltensstörungen im Bereich der schulischen Bildung.

Dass – gerade für den Theorie-Praxis-Transfer – noch vertiefende Informationen und Diskussionen notwendig sind, ist verständlich; die Autorinnen und Autoren bieten aber ausreichend Verweise für eine Vertiefung der Themenfelder und Praxisbeispiele.

Somit ist diese Publikation sehr empfehlenswert für die unterschiedlichen Akteure und Professionen im breit gefächerten, anspruchsvollen Handlungsfeld der schulischen Inklusion und bietet entsprechend informative Einstiege in den fachlichen Diskurs.

Literatur

Fritz, Rüdiger/​Werthmüller, Verena (2019). Vorwort. In: Deutsches Rotes Kreuz e.V. (Hrsg.). Teilhabe für Junge Wilde – Gibt es Grenzen der Inklusion? Wie Teilhabeförderung für junge Menschen mit sozial-emotionalem Handicap gelingen kann. Berlin

Wüllenweber, Ernst (2012). „Aber so richtig behindert, wie die hier so tun, bin ich nicht, ich bin eigentlich normal – Chancen und Probleme von lernbehinderten und sozial benachteiligten jungen Erwachsenen im Rahmen von WfbM.“ Forschungsbericht im Auftrag der Lebenshilfe e.V. Marburg


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 15.06.2021 zu: Heinrich Ricking, Tijs Bolz, Bastian Rieß, Manfred Wittrock (Hrsg.): Prävention und Intervention bei Verhaltensstörungen. Gestufte Hilfen in der schulischen Inklusion. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-17-036330-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27734.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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