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Sarah Jahn, Judith Stander-Dulisch (Hrsg.): Vielfalt der Religionen

Cover Sarah Jahn, Judith Stander-Dulisch (Hrsg.): Vielfalt der Religionen. Ein Praxishandbuch zur Regulierung von religiöser Pluralität in Nordrhein-Westfalen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 350 Seiten. ISBN 978-3-7344-1152-6. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema und Enstehungshintergrund

Die religiös-weltanschauliche Vielfalt in Deutschland nimmt zu, ist mittlerweile Normalität in der Gesellschaft. Es kann behauptet werden, dass Deutschland heute ein von religiöser und weltanschaulicher Vielfalt geprägtes Land ist. 

Dies schließt jedoch nicht aus, dass immer wieder Herausforderungen im Alltag gemeistert werden müssen, die durch das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen entstehen können. Das vorliegende Handbuch zeigt Fallanalysen mit Anregungen für die Praxis auf. Das Handbuch ist im Rahmen der ersten Förderphase des NRW-Forschungskollegs „Religiöse Pluralität und ihre Regulierung in der Region“ (Replir) entstanden. Es wurde von den beiden ehemaligen Koordinatorinnen des Kollegs, Sarah Jahn und Judith Stander-Dulisch herausgegeben und vom Wochenschau-Verlag in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung NRW publiziert. Im Kolleg Replir widmeten sich zehn Promovierende und ausgewählte assoziierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Erforschung religiöser Vielfalt in Nordrhein-Westfalen. Zentrale Aufgabe dabei war die Vermittlung von Forschungsergebnissen in relevante Praxisbereiche. Sie wurden dabei von unterschiedlichen Praxispartnerinnen und -partnern aus den jeweiligen gesellschaftlichen Bereichen begleitet. Im Rahmen des Kollegs wurde das Ziel verfolgt, durch Grundlagenforschung religiöse Pluralität und ihre Regulierung zu erforschen, deren Auswirkungen und potenzielle Konflikthaftigkeit im Blick auf andere gesellschaftliche Bereiche zu analysieren und mögliche Lösungsansätze aufzuzeigen.

Das Buch setzt sich mit folgenden Fragen auseinander: Welchen Herausforderungen zum Umgang mit religiöser Vielfalt müssen sich Praktiker*innen in ihrer alltäglichen Arbeit stellen? Wie gehen Kranken- und Pflegeeinrichtungen mit den unterschiedlichen religiösen und kulturellen Vorstellungen ihrer Patientinnen und Patienten um? Welche Handlungsspielräume haben öffentliche Verwaltungen, um etwa die verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bedürfnisse der Stadtbevölkerung zu berücksichtigen, ohne dabei das Neutralitätsprinzip zu verletzen? Wie gehen Lehrkräfte mit der religiösen und weltanschaulichen Vielfalt ihrer Schülerschaft um?

Es beinhaltet Fallanalysen und Handlungsperspektiven in den Bereichen Medien, Politik/​Verwaltung, Bildung, Zivilgesellschaft und am Arbeitsplatz. Die Fallstudien haben jeweils unterschiedliche Bezugspunkte zu religiöser Vielfalt in Nordrhein-Westfalen (NRW).Am Beispiel von Nordrhein-Westfalen wird gezeigt, dass es einer Sensibilisierung und Bewusstseinsschaffung bedarf, um die entstehenden Herausforderungen zu bewältigen.

Allgemeine Charakterisierung des Buches

Eine zentrale Bedeutung im vorliegenden Buch übernehmen die Begriffe und Konzepte von »Religion«, »religiöse Pluralität« und die davon abgeleiteten Kategorien. Zentral wird in der Arbeit der Begriff der religiösen Pluralität verwendet. Religiöse Pluralität wird im Handbuch als Herausforderung für die Praxis betrachtet. Die Herausforderungen betreffen nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche. Das Buch ist Ergebnis einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem Thema der Regulierung von religiöser Pluralität.

Aufbau und Inhalte

Das vorliegende Handbuch greift zentrale Aspekte auf, die für den praktischen Umgang mit religiöser Vielfalt von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden sechs Abschnitte:

  • Teil 1 „Religion in den Medien“
  • Teil 2 „Religion am Arbeitsplatz“;
  • Teil 3 „Religion in Politik und Verwaltung“;
  • Teil 4 „Religion im Bildungsbereich“;
  • Teil 5 „Religion und Zivilgesellschaft“;

Das Handbuch beginnt mit einer Einleitung von Sarah J. Jahn, Judith Stander-Dulisch „Problemaufriss: Regulierung religiöser Pluralität als große gesellschaftliche Herausforderung in der Region“. Hier gibt es eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau der Arbeit. In diesem Einleitungskapitel wird die Untersuchungsperspektive der Studie erläutert und in die Forschungslandschaft eingeordnet. Zur Aktualität des Themas merken die Autorinnen folgendes an. Religiöse Pluralität ist zwar kein neues Forschungsthema, erfährt aber durch die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in jüngerer Zeit eine verstärkte Aufmerksamkeit in der Forschung (S. 18) und weiter: … dass Religion vermehrt als gesellschaftlicher Faktor wahrgenommen wird und dass hier Fragen der Regulierung auf verschiedenen Ebenen in der heutigen Gesellschaft drängender werden (S. 19).

Im Teil 1 („Religion in den Medien“) gibt es eine Einleitung in das Thema von Barbara Thoma. Ferner werden hier zwei Fallstudien dargestellt: Heike Haarhoff „Die Erwähnung der (religiösen) Herkunft von Straftäter*innen in der Presse: Ein journalistisches Dilemma“ und Judith Stander-Dulisch „Der Einfluss von Nachrichtenmagazinen auf die Wahrnehmung von Religion und religiöser Pluralität“. Im ersten Beitrag geht es exemplarisch um die Berichterstattung einer regionalen, in Nordrhein-Westfalen ansässigen Tageszeitung sowie einer überregionalen deutschen Tageszeitung, die zum Zeitpunkt der Kölner Silvesternacht 2015/2016 ein Korrespondent*innenbüro in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf unterhielt (Haarhoff 2020). Mithilfe quantitativer Inhaltsanalyse wurde ermittelt, was die beiden Zeitungen in den ersten drei Monaten des Jahres 2016 über die Herkunft der mutmaßlichen Täter der Kölner Silvesternacht veröffentlicht hatten (vgl.S. 35). Im zweiten Beitrag werden drei konkrete Fälle aus dem sozialen Kontext Schule als Ausgangspunkt vorgestellt, um anschließend die Fälle aus den gesellschaftlichen Debatten der medialen Berichterstattung in Bezug auf religiöse Pluralität gegenüberzustellen. Dabei wird analysiert, wie sich die Wirkmächtigkeit journalistischer Darstellungsformen unterscheidet und wie Medieninhalte in Bezug zu religiöser Pluralität reguliert und somit selektiert und kanalisiert werden (vgl. S. 48–49).

Im Teil 2 („Religion am Arbeitsplatz“) nach der Einleitung von Thomas Gutmann „Religion am Arbeitsplatz“ werden folgende Fallstudien dargestellt: Susanne Stentenbach-Petzold „Stationäre Altenpflegeeinrichtungen“, Linda Hennig „Wie erleben und praktizieren berufstätige Musliminnen religiöse Pluralität und was lässt sich daraus lernen?“, Alexandra David, Silke Steinberg „Die Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten. Die Rolle von sozialen Milieus, Habitus und religiöser Prägung“. Dieser Teil des Praxishandbuchs handelt davon, dass die Normen formal gesetzten Rechts (soziale Regulierung von Religion durch Verfassungs- und Europarecht sowie Bundes- und in Landesgesetzen) alleine nicht hinreichen, um die für das Leben der Bürger*innen wichtigen Praktiken zu bestimmen und zu verändern.

Im Teil 3 („Religion in Politik und Verwaltung“) nach der Einleitung von Jörg Bogumil „Religion in Politik und Verwaltung“ werden folgende Fallstudien dargestellt: Andre Kastilan und Natalie Powroznik „Erscheinungsformen von 'Religion' und ihre Regulierung in Flüchtlingsunterkünften Nordrhein-Westfalens“, Sarah J. Jahn „Kommunale Integrationszentren als Regulierungsakteure von religiöser Pluralität? Regulierungsmöglichkeiten und -grenzen in der Stadtverwaltung“. Sarah Jahn geht in ihrem Beitrag der Frage nach, welche Rolle religiöse Pluralität im Arbeitsalltag von Mitarbeiter*innen in Kommunalverwaltungen spielt. Aufbauend auf den Ergebnissen einer Beschäftigtenbefragung in der Stadtverwaltung Bochum diskutiert sie den Bedarf an Kompetenzvermittlung hinsichtlich religiöser Pluralität und zeigt, inwiefern Problemen, die beispielsweise auf fehlendem Wissen oder stereotypen Einstellungen beruhen, anhand formaler und informeller Regulierungsmöglichkeiten entgegengewirkt werden kann. Den Aspekt der interkulturellen Kompetenz greift auch Natalie Powroznik in ihrem Beitrag auf. André Kastilan untersucht in seinem Beitrag am Beispiel der Stadt Bochum und der Errichtung einer Unterbringungseinrichtung für Geflüchtete in einem bestimmten Stadtteil, welche Relevanz empfundene Benachteiligungen durch kommunale Institutionen für die Bewertung religiöser Pluralisierung durch den Zuzug von Geflüchteten haben (vgl. S. 126–127).

Im Teil 4 („Religion im Bildungsbereich“) nach der Einleitung von Judith Könemann und Sabine Gruehn Einleitung „Religion im Bildungsbereich“ werden folgende Fallstudien dargestellt: Anna Raneck, Judith Stander-Dulisch „Religiöse Vielfalt im Klassenzimmer – Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte in der Arbeit mit neu Zugewanderten“; Anna Raneck, Sarah J. Jahn „Das regulative Potenzial von Lehrwerken im schulischen Bildungsbereich“; Dilek A. Tepeli, Martina Loth „Religiöse Pluralität im Klassenzimmer: Jugendliche Alevit*innen und Sunnit*innen“; Malin Drees „Regulierung und Auflösung von Stereotypen im musealen Bildungsbereich: Ein judisches Museum fur NRW“. Die Beiträge in diesem Teil des Handbuches widmen sich folgender Dimension von Religion: Angesichts der zunehmenden migrationsbedingten religiösen Pluralität sowie einer wachsenden politischen Bedeutung erfahren Religion und der Umgang mit ihr in den letzten Dekaden zunehmend Aufmerksamkeit, insbesondere auch als Faktor von Integration und eines friedlichen Zusammenlebens (vgl. S. 181).

Im Teil 5 („Religion und Zivilgesellschaft“) gibt es eine thematische Einleitung von Christel Gärtner und Detlef Pollack. Ferner werden in diesem Teil folgende Fallstudien dargestellt: Anna Wiebke Klie „Zur (religiösen) Pluralität von Migrantenselbstorganisationen in NRW: Bestandsaufnahme und politische Regulierungsszenarien“; David Rüschenschmidt„Wege eines Zusammenlebens“ von Christen*innen und Muslim*innen in Marl. Die „Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft (CIAG)“; Mathias Schneider „Die regulative Kraft des interreligiösen Dialogs am Beispiel buddhistisch-christlicher Begegnungen“.

Im Fazit von Sarah J. Jahn, Judith Stander-Dulisch „Regulierung religiöser Pluralität im Vergleich – Möglichkeiten und Grenzen“. Hier gibt es auch einen Ausblick. Ein besseres Verständnis anderer Religionen ist für die heutige Zeit unverzichtbar, denn die Pluralität der Religionen wird aller Voraussicht nach nicht wieder verschwinden (S. 308).

Zielgruppen

Das Praxishandbuch richtet sich an Praktikerinnen und Praktiker, denen religiöse Vielfalt alltäglich begegnet, an Forscher*innen, die religiöse Begegnungen untersuchen, sowie darüber hinaus an all jene, die sich für die Vielfalt der Religionen, vor allem in Nordrhein-Westfalen, und die damit einhergehenden Auswirkungen sowie Herausforderungen in der Gesellschaft interessieren. Das Handbuch kann den Zielgruppen nur ausdrücklich empfohlen werden. Es dürfte ihnen eine wichtige Denk- und Arbeitshilfe sein.

Diskussion

Ob religiöse Vielfalt in Schule und Gesellschaft Störfaktor oder Chance ist, dazu gibt es gesellschaftliche Diskussionen. In diesen aktuellen Diskussionen wird immer wieder die Präsenz der verschiedenen Religionen als Ursache für die Störung des gesellschaftlichen Friedens diagnostiziert. Hier kann man mehrere Parteien feststellen. Zum einen geht es um die Kritiker, die vor allem gegen die Vielfalt zu Felde ziehen und das „christliche Abendland“ von der Kirche allein geprägt sehen wollen. Die andere Partei spricht sich für die weitgehende Verbannung von jeglicher Religion aus dem öffentlichen Raum aus. Demgegenüber kommen Fachleute zu einem überraschenden Konsens, dass religiöse Vielfalt durchaus ein „Störfaktor“ sein kann – aber gerade deshalb ist sie eine große Chance! Das vorliegende Handbuch leistet einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion: Die fünfzehn Fallstudien benennen und beschreiben verschiedene Problemlagen und Lösungsansatze im Umgang mit religiöser Pluralität, was unter anderem durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche und institutionellen Kontexte zu erklären ist.

Fazit

Das vorliegende Handbuch markiert den erfolgreichen Abschluss der ersten Förderphase des NRW-Forschungskollegs „Religiöse Pluralität und ihre Regulierung in der Region“ (Replir).

Die Fallstudien stellen verschiedene Problemlagen und Lösungsansatze im Umgang mit religiöser Pluralität dar, was unter anderem durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche und institutionellen Kontexte zu erklären ist. Im vorliegenden Band werden insbesondere Fallstudien aus Pflege, Verwaltung, Bildung und vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen verglichen. Die Studien zeigen, dass eine Sensibilisierung notwendig ist.

Alles in allem handelt es sich im Falle des vorliegenden Handbuches um ein sehr gelungenes und sehr zu empfehlendes Buch, das verschiedene Problemlagen und Lösungsansatze im Umgang mit religiöser Pluralität darstellt. Zweifelsfrei ist es den Autoren und Autorinnen gelungen, das Thema praxisnah und praxisrelevant darzulegen. Die gesammelten Erkenntnisse machen das Buch zu einer aufschlussreichen, wissenserweiternden und lohnenswerten Lektüre.


Rezension von
Dr. Olga Frik
Sibirisches Institut für Business und Informationstechnologien / Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 12.07.2021 zu: Sarah Jahn, Judith Stander-Dulisch (Hrsg.): Vielfalt der Religionen. Ein Praxishandbuch zur Regulierung von religiöser Pluralität in Nordrhein-Westfalen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1152-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27741.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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