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Andreas Frewer, Sabine Klotz u.a. (Hrsg.): Gute Behandlung im Alter?

Cover Andreas Frewer, Sabine Klotz, Christoph Herrler, Heiner Bielefeldt (Hrsg.): Gute Behandlung im Alter? Menschenrechte und Ethik zwischen Ideal und Realität. transcript (Bielefeld) 2020. 277 Seiten. ISBN 978-3-8376-5123-2. D: 34,99 EUR, A: 34,99 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Menschenrechte in der Medizin - Band 8.
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Thema

Die Autorinnen/​Autoren des Bandes fokussieren ein brisantes Thema der Gegenwart und stellen sich folgende Fragen: Was ist eine gute menschliche, medizinische Behandlung im Alter? Wie geht unsere Gesellschaft mit alten Menschen um? Wo liegen die Grenzüberschreitungen in menschenrechtlicher Perspektive? Was sind die Bausteine für Generationengerechtigkeit? Die Beiträge des Bandes versuchen im Kontext von Philosophie, Soziologie, Medizin, Ethik, Gerontologie und Pflegewissenschaft Antworten auf diese Fragen zu finden und markieren ein Feld menschenrechtlicher Fragestellungen, die jeden Menschen betreffen können; paradigmatisch wird der Konnex von Menschenrechten und Ethik aufgezeigt.

Herausgebende

Dr. Andreas Frewer, M.A., ist Professor für Ethik in der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Dipl. Pol. Sabine Klotz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Ethik in der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Dr. Christoph Herrler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Ethik in der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt ist Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Professur für Ethik in der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Aufbau

Das Buch gliedert sie wie folgt:

  • Vorwort: Die Rechte älterer Menschen und >Corona< (Heiner Bielefeldt, Christoph Herrler, Sabine Klotz, Andreas Frewer, S. 7-16).
  • Ältere im Gesundheitswesen. Menschenrechtliche und ethische Herausforderungen (Andreas Frewer, Sabine Klotz, Christoph Herrler, Heiner Bielefeldt, S. 17-23).
  • Altersbilder und Gesundheit. Grundlagen – Implikationen -Wechselbeziehungen (Susanne Wurm, S. 25-41).
  • Die Menschenrechte Älterer. Grundsatzüberlegungen und praktische Beispiele (Heiner Bielefeldt, S. 43-66).
  • Ältere Menschen in der Sprache der Medizin. Ethische Fragen von Ausgrenzung und Armut (Andreas Frewer, S. 67-94).
  • Gutes Leben im Alter. Verletzlichkeit und Reife älterer Menschen (Hartmut Remmers, S. 95-124).
  • (K)ein gutes Leben im Alter? Ethische Perspektiven auf Konzepte des Active Aging (Larissa Pfaller, Mark Schweda, S. 125-151).
  • Menschenrechte und Fairness in der Versorgung dementer Patient*innen. Ethische Überlegungen auf dem Weg zu einer alters- und demenzgerechten Versorgung im Krankenhaus (Lutz Bergemann, S. 153-173).
  • Menschenrechte und Lebensqualität in Alten(pflege)heimen. Alles eine Frage der Perspektive? (Marie-Kristin Döbler, S. 175-222).
  • Versorgung alter Pflegebedürftiger in der häuslichen Umgebung durch >24-Std.-Betreuungskräfte<. Menschenrechtliche und ethische Fragen (Barbara Städtler-Mach, S. 223-246).
  • Inwiefern und warum mangelt es an konkreter Umsetzung des besonderen Schutzes der Menschenrechte älterer Personen? (Benjamin Brow, S. 247-273).
  • Autorinnen und Autoren mit Adressen (S. 275-277).

Entstehenshintergrund

Andreas Frewer; Sabine Klotz; Christoph Herrler und Heiner Bielefeldt diskutieren in ihrer Einleitung die ethische und menschenrechtliche Dimension von Altersdiskriminierung (Ageism) (S. 18). Hervorgegangen ist das Buchprojekt als Ergebnis des Graduiertenkollegs „Menschenrechte und Ethik in der Medizin für Ältere“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (S. 21).

Inhalt

Die Herausgebenden rekurrieren in ihrem Vorwort auf die medizinische, psychische und soziale Versorgungssituation älterer Menschen während der noch andauernden Corona Krise (S. 7), die jedoch in diesem Band nicht abschließend oder gar vollständig bedacht werden kann. Die Pandemie-Situation habe aber aufgezeigt, in welche menschenrechtlich fragwürdigen Situationen ältere Menschen geraten können, wenn die Freiheitsrechte so massiv eingeschränkt werden wie 2020/2021. Viele der im Buch beschriebenen Maßnahmen wurden von einem Großteil der deutschen Bevölkerung akzeptiert oder hingenommen – ob aber all diese Maßnahmen verhältnismäßig waren, werde noch juristisch aufgearbeitet werden müssen und sei bislang nicht geklärt (S. 8). Gleichwohl gab es ethisch massiv bedenkliche Situationen, wie zum Beispiel die Exklusion bildungsferner Familien von Bildungszugängen oder Homeschooling; die sprunghafte Zunahme an häuslicher Gewalt (S. 9), die massiven Kontakt- Besuchsbeschränkungen in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen, möglicherweise auch häusliche Gewalt gegen Pflegebedürftige (S. 9). Viele ältere Menschen waren über Wochen und Monate isoliert; zudem seien viele Pflegeeinrichtungen anfangs der Pandemie gar nicht oder nur unzureichend mit Schutzkleidung ausgestattet gewesen (S. 11). Problematisiert werden müssten in ethischer Perspektive auch Triagesituationen in Intensivstationen. Grundsätzlich gehe es ethisch und menschenrechtlich um den Schutz vor utilitaristischen Kosten-Nutzen-Kalkulationen (S. 13), was insgesamt die Linie der Beiträger*innen dieses Buches markiert.

Susanne Wurm diskutiert in ihrem Aufsatz den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Altersbildern und Gesundheit. Dabei macht sie darauf aufmerksam, dass ältere Menschen in der Lage seien, ihren Gesundheitszustand zu relativieren, sofern notwendig, (S. 25), d.h., es würden von älteren Menschen andere Maßstäbe an Gesundheit angelegt als bei jüngeren Personen (S. 26). Altern sei Teil der menschlichen Entwicklung und ältere Menschen erleben „in allen Lebensphasen entwicklungsbezogene Gewinne und Verluste“ (S. 27) und setzten auch im Alter motivationale und selbstregulatorische Prozesse in Gang (S. 28). Heutige Entwicklungstheorien würden auch persönliche Zielsetzungen im Alter fokussieren (S. 29). Persönlich gesetzte Ziele spielten in der lebenslangen Entwicklung von Menschen gerade auch im Alter nach der Berufsphase eine wichtige Rolle (S. 29). Je nachdem, wie positiv oder negativ gesellschaftliche Vorstellungen von Alter und Altern ausfielen, trügen sie zur Gesundheit bei oder eben gerade nicht (S. 31): „Haben ältere Menschen eine negativere Sicht auf das Älterwerden, sind sie deutlich seltener körperlich aktiv als Personen mit einer positiveren Sicht. Dabei zeigt sich, dass Personen mit einer negativen Sicht besonders selten spazieren gehen, wenn sie gesundheitliche Probleme haben.“ (S. 33) Die Altersbilder hätten also einen großen Einfluss auf Gesundheit und Gesunderhaltung (S. 35).

Heiner Bielefeldt betont, dass die Menschenrechte elementare Rechte seien, die jedem Menschen aufgrund seines Menschseins zustünden: „Unter den Menschenrechten versteht man diejenigen elementaren Rechte, die dem Menschen schlicht aufgrund seines Menschseins – und deshalb allen Menschen gleichermaßen – zukommen. Menschenrechte gelten demnach unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Geschlecht, sexueller Orientierung, Gender-Identität, finanziellem Status, Bildungsabschluss, etwaigen Behinderungen usw. Sie gelten auch unabhängig vom Lebensalter.“ (S. 43) Inkludiert hierbei sei auch der Lebensabschnitt Alter (S. 44). Die Menschenrechte seien als Leitidee umfassender Gleichberechtigung zu verstehen. In der OAS (=Organisation Amerikanischer Staaten) wurde 2015 die ‚Inter American Convention on Protecting the Human Rights of Older Persons‘ verabschiedet (S. 47), in der die Rechte älterer bzw. alter Menschen differenziert und kontextualisiert zum Ausdruck gebracht würden (S. 49) und insbesondere das Recht auf Intimität/Hygiene und der sensible Umgang mit Scham hervorgehoben seien (S. 49). Heiner Bielefeldt diskutiert im Folgenden drei exemplarische Testfälle: Freiheitsentziehende Maßnahmen in der stationären Pflege (S. 50f), den Umgang mit Menschen mit Demenz (S. 55-59) und die Palliative Sorge am Lebensende (S. 60-62). Menschenrechtliche und ethische Aspekte würden in allen drei sensiblen Kontexten mit der ‚Würde des Menschen als Verantwortungssubjekt‘ korrespondieren (S. 62). Die individuellen „Fähigkeiten, Funktionen oder Leistungen“ blieben dabei unberücksichtigt (S. 62).

Andreas Frewer geht in seinem Aufsatz dem Problem der Diskriminierung durch Sprache als besonderer Form des Ageism nach (S. 67); speziell die Diskriminierung alter Menschen durch Sprache im Krankenhaus oder Pflegeheim stehe hierbei im Fokus (S. 68). Sein Kronzeuge ist Samuel Shem (=Stephen Joseph Bergman), der als Psychiater die Sprache seiner ärztlichen Berufskolleg*innen thematisiert, so z.B. Begriffe wie „Restlaufzeit“ eines Menschen (S. 68) oder „früheres Ableben“, oder Go-Go (=gehfähige Patient*innen), Slow-Go (=langsam sich bewegende Patient*innen), No-Go (=bettlägerige Patient*innen) und Gomer (= „Gomers sind alte Patienten, die Ärzte quälen“ = „Get out of my emergency room“, S. 69). Zwar sind die geschilderten Beispiele in erster Linie fiktiv, aber doch sehr realistisch. So würde man das Krankenbett höherstellen, um einen Patienten/eine Patientin absichtlich zu verletzten, um ihn/sie auf die chirurgische Station verlegen zu können. Ob das der Wahrheit entspricht, wird zwar nicht belegt, aber allein die Vorstellung dieser Szenarien wirke, so Andreas Frewer ungemein realistisch. Sprachlich seien sich, so Andreas Frewer, Medizinbetrieb und Militär ähnlich und vergleichbar (S. 71) und es gehe auch nicht mehr um die Behandlung eines Patienten/​einer Patientin, sondern um einen „Kampfplatz gegen die Krankheit“ (S. 71). Die Sprache der Klinik, so Samuel Shem und der Autor, sei zynisch und „altenfeindlich -diskriminierend“ (S. 72) Negative Zuschreibungen stigmatisieren; die Gleichsetzung von alt und krank habe in der europäischen Entwicklungsgeschichte eine lange Tradition (S. 75). Ageism habe folgende Stufungen, die miteinander verwoben sind: Etikettierung/​Labeling eines Menschen – Stereotypisierung – Ausgrenzung – Altersdiskriminierung (S. 77). Die menschenrechtliche Gegenwelt bestehe in der Wertschätzung des Alters (S. 78) und die Anerkennung der Verletzlichkeit des Menschen als conditio humana (S. 81).

Hartmut Remmers stellt die philosophische Frage nach der Güte des Lebens im Alter (S. 95), wobei das „als eine zeitlich variierende Gestalt des Lebens“ gesehen werde (S. 96). Hartmut Remmers mahnt aber zur Vorsicht und Skepsis gegenüber einer „Quasi-Ontologisierung von Merkmalsbeschreibungen des Alters“ (S. 97). Das Alter sei demgegenüber aber eine „sinnhafte, individuell gestaltbare Phase des Lebens“ (S. 97), die aber selbst mit Stereotypen belegt sei (S. 97). Dazu zähle auch die „kreative Leistungsfähigkeit des Alters“ (S. 99). „Gutes Leben“ sei eine Wertung, die von subjektiven Bewertungsmaßstäben abhänge. Im Entwicklungsmodell von Erik Homburger Erikson sei Alter ein Abschnitt, der wie alle Lebensabschnitte in der Polarität von Krisen und zugleich von Entwicklungsmöglichkeiten stehe (S. 102). Betont wird von Hartmut Remmers in diesem Zusammenhang die sog. Generativität: „Dazu gehören bestimmte Einstellungen und Motivationen, welche Personen in die Lage versetzen, einen über den Horizont wie auch über die Begrenztheit des eigenen Lebens hinausreichenden Beitrag für zukünftige Generationen zu leisten.“ (S. 102) Bestimmte soziologische Modelle (z.B. die sozioemotionale Selektionstheorie) legen Wert auf die „Optimierung einzelner Funktionsbereiche“ (S. 103). In dieser Perspektive gehe es um die Fähigkeit alter Menschen, „anderen kompetent zu helfen und eigene Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben“, sodass der „soziale Zusammenhalt zwischen Generationen verbessert“ (S. 103) würden und ausbalancierte Beziehungen entstünden (S. 103). Trotzdem jedoch gehöre die Verletzlichkeit zur conditio humana (S. 104) und diese könne die Teilhabe an Entwicklungsmöglichkeiten einer Gesellschaft hindern (S. 107). Hartmut Remmers argumentiert, dass das Gegengewicht zur Vulnerabilität des Menschen die Resilienz sei. Resilienz sei als „die Fähigkeit der Aufrechterhaltung und Wiederherstellung psychischer Gesundheit bei kontinuierlichem oder episodischem Stresserleben“ (S. 108) zu verstehen. Das transaktionale Stressbewältigungsmodell nach Lazarus und Folkman verstehe Resilienz als eine Widerstandskraft gegen bedrohliche oder die Identität des Menschen infrage stellende Erfahrungen (S. 109). Im Eriksonschen Modell würden Resilienzerfahrungen gerade in Krisen gefördert (S. 110). Bei älteren Menschen sei deswegen anzunehmen, „dass bei eingetretenen Verlusten, jedoch gleichzeitigem Vorhandensein produktiver Anpassungskapazitäten ein frühes psychisches Funktionsniveau wiederherstellt bzw. zu einem neuen Anpassungs- und Funktionsniveau zurückgefunden werden kann.“ (S. 111) Generativität als Entwicklungsaufgabe sei im Eriksonschen Modell ein interpersonales Konzept, das auf die Gemeinschaftlichkeit von Menschen ziele und auch darauf, dass Menschen ihre Erfahrungen transzendieren wollten (S. 114). Derart positive Lebensperspektiven seien für ältere Menschen aber nur dann möglich, wenn sie sozial nicht entwertet würden (S. 115). Altersprozesse seien also durch Verletzlichkeit auf der einen Seite und auf der anderen Seite durch seelisches Wachstum und Reifung und Transzendierungsmöglichkeiten geprägt (S. 117), sodass Remmers Schlussfolgerung lautet: „Gutes Leben im Alter könnte sein: sich als integraler Bestandteil eines gesellschaftlich solidarischen Lebenszusammenhangs zu verstehen und sich in seinen höchst individuellen Anteilen anerkannt zu fühlen; gutes Leben könnte sich in einer Selbstbejahung zum Ausdruck bringen, die auch das, was im Leben versäumt wurde, akzeptiert.“ (S. 117)

Larissa Pfaller und Mark Schweda werfen einen kritischen Blick auf Konzepte des „Active Aging“ (S. 125), damit sind Konzepte gemeint, die Aktivität und damit mehr Partizipation im Alter vorsehen (S. 125); Aktivität sei hierin mit der Vorstellung „gelingenden Alters“ verbunden (S. 126). Schon in der 60er Jahres des vergangenen Jahrhunderts habe es Aktivitätstheorien gegeben (S. 127); in den 90er Jahren sei dann das Konzept des „Active Aging“ entstanden (S. 127), auch als „Successful Aging“ erweitert (S. 128). Kritisch anzumerken seien die Dimension der Ungleichheit und der Verteilung von Ressourcen. Darüber hinaus bestünden Altersfeindlichkeit und Alterdiskriminierungen (S. 129). Die produktive Aktivität des Active Aging sei eng mit der Vorstellung „sozial nützlicher Aktivitäten“ verbunden (S. 131). Trete dieser Nutzen nicht ein, werde schnell von der „Verschwendung von Humankapital“ gesprochen (S. 131). Aktivitätsdefinitionen seien also nach ihrer ökonomischen und utilitaristischen Funktion verortet (S. 133). Die Ethik des guten Lebens im Alter stelle demgegenüber „die Frage nach den Bedingungen eines sowohl subjektiv erfüllten als auch objektiv gelingenden Lebens in den Vordergrund.“ (S. 135) Spirituelle Dimensionen wie die geistige Betrachtung und Kontemplation und intellektuelle Betätigung werden in dieser Ethik fokussiert (S. 135), wobei hier auf Hannah Arendts Werk in „Vita Aktiva oder Vom tätigen Leben“ rekurriert wird. Hannah Arendt unterscheide darin ARBEITEN, HERSTELLEN und HANDELN. Arbeiten sei mit der Grundsicherung menschlicher Grundbedürfnisse verbunden; Herstellen umfasse technische, handwerkliche und auch künstlerische Tätigkeiten und der Begriff des Herstellens beziehe sich hingegen auf öffentliche Aktivitäten und Interaktionen als Bürger*innen einer politischen Gemeinschaft (S. 137). Gerade dieses letzte Momentum sei für Hannah Arendt ausschlaggebend und es gehe ihr um „einen inhärenten Wert für ein gutes Leben im hohen Alter“ (S. 139), da dieser für „personale Identität, sinnvolle Praxis und letztlich für das menschliche Gedeihen“ konstitutiv sei (S. 139).

Lutz Bergemann spricht die Orientierung in der gesamten Pflegesituation in Bezug auf Gerechtigkeit, Demenzsensibilität und Menschenrechten an (S. 157), wobei die Dimensionen Availability (Verfügbarkeit), Accessibility (offener Zugang), Acceptability (Annehmbarkeit) und Quality (Qualität der Mindestversorgung) ausschlaggebend seien (S. 157). Für viele Menschen mit Demenzerkrankung, so der Deutsche Ethikrat, herrschten Zustände der „Entfremdung und Beraubung“ (S. 159), sodass das Patientenwohl massiv infrage gestellt sei. Das Konzept „passiver Relationabilität“ fordere vom Personal in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern eine gesteigerte Sensibilität den Menschen mit Demenz gegenüber und auch die Übernahme von Verantwortung für die Qualität der Beziehungen (S. 160). In der Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen (2019) (S. 167) werde auf die Selbstbestimmung und Selbstbefähigung auch gerade bei Demenzerkrankten großen Wert gelegt (S. 167).

Marie-Kristin Döbler geht in ihrem Beitrag dem Verhältnis von Menschenrechten und Lebensqualität in Alten- und Pflegeheimen nach (S. 175). Die Universalität der Menschenrechte müsse auf die Lebenslagen alter Menschen übersetzt werden. Alte Menschen dürften in diesem Zusammenhang nicht auf „Arbeits- und Fürsorgeobjekte“ reduziert werden (S. 178). In den CARE Konzepten seien deswegen auch komplexe Rechte und Verpflichtungen auf verschiedenen Ebenen miteinander verwoben. Im Hintergrund dieser Konzepte lauere aber die Gefahr, dass Altenheim/​Pflegeheim-Bewohner*innen nicht als Rechtssubjekte, sondern nur als Fürsorgeobjekte wahrgenommen würden (S. 179). Hinzu kämen neuerdings Formen kultur- und religionssensibler Pflege, die auf der Seite der Pflegenden nach qualifizierter Weiterbildung und Kompetenzerwerb verlangen (S. 182). Angeführt werden dann Studien zur Situation in Alten- und Pflegeheimen, die u.a. von der Nationalen Stelle zur Verhütung von Folter angeregt wurden (S. 183). Vorgestellt werden dann zuerst Perspektiven und Erfahrungen von Heimbewohner*innen, wobei die Dimensionen des Mensch-Sein-Könnens (S. 190) und Person-Sein-Könnens (191) fokussiert werden. In beiden Bereichen würden die strukturellen und personellen Defizite und auch die eingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten der Heimbewohner*innen offensichtlich zu Tage treten (S. 193): Gerade beim Essen und auch in der Freizeitgestaltung spielen Handlungs- und Entscheidungsautonomie eine bedeutende Rolle (S. 197). Fehlende Entscheidungsmöglichkeiten würden als Einschränkung des Person-Sein-Könnens erlebt (S. 197). Ähnlich wichtig wie das Person-Sein-Können werde das In-Beziehung-Sein-Können erlebt und das Defizit werde als Entfremdung wahrgenommen: „Ferner scheint sich Entfremdung zu ereignen, wenn es zu Zwangsvergemeinschaftung kommt und es an Rückzugsmöglichkeiten mangelt oder der persönliche Bereich nicht geschützt ist.“ (S. 199) Bei Pflegenden und Angehörigen seien Kontinuität, Verlässlichkeit und Vertrauen wesentliche Eigenschaften, um der Entfremdung zu wehren: „Können“ und „Dürfen“ seien so im Care-Alltag von Heimen miteinander verwoben (S. 201): „Die Thematisierung des Könnens wird von einer Diskussion des Dürfens begleitet. Denn es geht nicht nur um die Fähigkeiten und Befähigung durch Dritte oder Hilfsmittel, sondern Möglichkeiten und Gelegenheiten sowie Infrastrukturen werden genauso von Regeln und Vorgaben bestimmt; das was Menschen (nicht) können, wird auch dadurch definiert, was ihnen erlaubt und zugestanden wird.“ (S. 202) Aus der Sicht der Bewohner*innen von Heimen stelle sich der Heimalltag als „Hierarchisierung von Rechten, Pflichten und Gesetzen“ dar, die bisweilen völlig intransparent seien (S. 203), wobei der Bereich der Rechte gegenüber den Pflichten deutlich zurückstehe (S. 203). Argumentiert werde dann von Seite der Pflegenden bzw. der Heimleitung in Bezug auf die Einschränkung der Rechte mit dem Verweis auf Zeitknappheit und andere Belastungsfaktoren (S. 204). Letztlich ziele ein derartiges Verhalten auf Disziplinierung der Heimbewohner*innen, um Machtausübung zu optimieren (S. 205) (Michel Foucault), was in menschenrechtlicher Perspektive fragwürdig sei (S. 206). Werden die Mitarbeitenden von Heimen befragt, verschöben sich die Segmente des Könnens und Dürfens erheblich.

Barbara Städtler-Mach diskutiert die Ambivalenz der „24-Stunden-Betreuung“ (S. 223) von Pflegebedürftigen durch (vor allem osteuropäische) Betreuungskräfte, die z.T. unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten müssten. Diese Betreuungskräfte seien aber immer zugleich auch Mitglieder eines Familiensystems, was zu weiteren Belastungen führe. So habe sich inzwischen ein „grauer Pflegemarkt“ etabliert, der sich staatlicher Kontrolle entziehe. Diese Live-In-Pflege durch die sog. Betreuungskräfte sei oftmals nicht geschützt und die Pflegenden bewegten sich in einer arbeitsrechtlichen Grauzone. Auf der anderen Seite seien diese Personen aus der Sicht der Familien ideal, weil der zu Pflegende in seiner gewohnten Umgebung bleiben könne (S. 228). Das Arbeitsfeld der Betreuungskräfte sei aber zudem divers: Es reiche von der Haushaltsführung über Körperpflege bis hin zur Vollzeitpflege. Oftmals seien die betreuenden Personen nicht hinreichend qualifiziert, sprächen nicht ausreichend Deutsch, sodass diese Pflegearrangements in vielerlei Hinsicht (rechtlich, sozial, menschenrechtlich) als fragwürdig charakterisiert werden können. Die pflegerische Qualität sei ebenfalls in vielen Fällen nicht gesichert (S. 232). Zudem bestehe für die Betreuungskräfte kaum eine Qualitätskontrolle (S. 233). Im Rollenverhältnis gehören die Arbeitsmigrant*innen aus Osteuropa zu den gesellschaftlichen Verlierer*innen, weil die traditionellen Bereiche Hauswirtschaft und Pflege von Angehörigen wieder von Frauen in prekärer Lebenssituation eingenommen würden, die zudem schlecht bezahlt seien (S. 235). Für die Betreuungskraft sei zudem die innerfamiliäre Rollenverteilung oft undurchsichtig und eine Last: „Sie übernehmen eine Verantwortung für einen pflegebedürftigen, manchmal multimorbiden, eventuell sogar dementen Menschen, ohne in der Regel dafür ausgebildet oder mindestens in den Rahmenbedingungen vorbereitet zu sein.“ (S. 239)

Benjamin Brow diskutiert in seinem Artikel die Frage, warum es bislang keine UN-Konvention zum Schutz Älterer gebe (S. 248). Die Menschenrechtslage Älterer werde von vier gesellschaftlichen Faktoren beherrscht:

  • Altersdiskriminierung,
  • Armut im Alter,
  • Gewalt und Missbrauch und
  • Mangel spezieller Dienstleistungen.

Seit 2010 arbeiten verschiedene UN-Arbeitsgruppen und Kommissionen an der Thematik. Ziel sei die Ausarbeitung eines „integrierenden, internationalen und rechtlich bindenden Instruments“ (S. 249) In den Arbeitsgruppen kristallisierten sich bestimmte Schwerpunkte wie zum Beispiel die Altersdiskriminierung, Pflege und Gewalt gegen Ältere, soziale Sicherheit, Gesundheit und Autonomie (2018) (S. 251) heraus. Die Perspektiven auf eine zukünftige UN-Konvention seien sehr verschieden. Mittel- und Südamerika und auch Afrika seien eher für eine Konvention; die USA und europäische Staaten verhielten sich zurückhaltend, mit dem Argument, es bestünden eher Lücken in der Umsetzung und in der Praxis. Deswegen bräuchte es auch keine eigene Konvention zum Schutz Älterer. Trotzdem gebe es Fortschritte: Die Diskussion begann mit dem Vienna International Plan of Action on Ageing (1982) (S. 257) wurde mit dem Grundsatzpapier United Nations Principles for Older Persons (1991) (S. 258) fortgesetzt und fortgeführt mit dem Madrid International Plan of Action on Ageing (2002), der Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health (2017) und einem zweiten Plan (2020); auch die schon oben erwähnte Inter-American Convention on Protecting the Human Rights of Older Persons (S. 259). Empfehlungen stellen auch das Protocol to the African Charter on Human and People’s Rights on the Rights of Older Persons in Africa (2016) (S. 260) oder die Recommendation of the Committee of Ministers to Member States on the promotion of human rights of older persons des Europarates (2014) dar (S. 260). All diese Dokumente zeigen die Komplexität und Diversität der Rechte älterer Menschen (S. 262) und verweisen auf die Dringlichkeit einer UN-Konvention, umso Überprüfungsmechanismen einrichten zu können und die Staaten zur Rechenschaft verpflichten zu können.

Fazit

Die Beiträge sind äußerst lesenswert und weisen auf eine Problematik, die nicht sofort offensichtlich ist, dass die Menschenrechte nicht nur keine Bedingungen haben, jedem Menschen zustehen, aber eben auch auf jedes Lebensalter bezogen sind. Den Beiträger*innen ist zu danken, dass sie sehr detailreich und präzise ihre jeweiligen Themen ausgelotet haben und so die Lesenden an die Hand nehmen. Das gute Leben im Alter ist ein Schlüsselthema unserer Gesellschaft und ist verwoben mit anderen Makrothemen wie Pflege- und Medizinethik, Gesundheit und Gesundheitsvorsorge u.a.m.


Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 29.09.2021 zu: Andreas Frewer, Sabine Klotz, Christoph Herrler, Heiner Bielefeldt (Hrsg.): Gute Behandlung im Alter? Menschenrechte und Ethik zwischen Ideal und Realität. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5123-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27748.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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