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Heike Henning: All inclusive?! Aspekte einer inklusiven Musik- und Tanzpädagogik

Cover Heike Henning: All inclusive?! Aspekte einer inklusiven Musik- und Tanzpädagogik. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2020. 264 Seiten. ISBN 978-3-8309-4276-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Innsbrucker Perspektiven zur Musikpädagogik - 2.
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Thema

„All inclusive?!“ vereint unterschiedliche Aufsätze zu inklusionsorientierter Musik- und Tanzpädagogik. Der Band wendet ein weites Verständnis von Inklusion an, welches sich nicht nur auf Menschen mit Beeinträchtigungen bezieht, sondern auf alle Menschen.

Dem Buch vorangestellt ist die Frage nach den notwendigen Veränderungen, um für alle Menschen durch musik- und tanzpädagogische Angebote eine Möglichkeit zu künstlerisch-musikalischem Ausdruck und zur künstlerisch-musikalischen Entfaltung entstehen zu lassen (S. 7). Inklusion wird als „kontinuierlicher Weg hin zu mehr Vielfalt“ verstanden. „Hinterfragen und möglicherweise die Veränderung institutioneller Strukturen, welche an der Konstitution von Ausschlusskriterien beteiligt sind“ (S. 7) gehören genauso zu einem inklusiven Ansatz wie die Überwindung von Mechanismen, Machtstrukturen und Traditionen, durch die potentiell Ausschlusskriterien gebildet werden. Veränderungen bedarf es laut Martina Fladerer und Heike Henning auf der Personalebene, auf der programmatischen Ebene und auf der Publikumsebene (S. 7).

Herausgeberin

Universitätsprofessorin Doktorin Heike Henning lehrt und forscht aktuell an der Universität Mozarteum Salzburg, Department für Musikpädagogik Innsbruck. Sie leitet das Zentrum für chorpädagogische Forschung und Praxis am Haus der Musik in Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte sind chorpädagogische Praxis sowie instrumental- und vokaldidaktische Entwicklungsforschung. Heike Henning ist international gefragte Expertin für Kinderchorleitung und Chorpädagogik.

Entstehungshintergrund

Am 12. und 13. Oktober 2018 fand im neu eröffneten Haus der Musik in Innsbruck das Symposium „All inclusive? – Internationales Symposium einer inklusiven Musik- und Tanzpädagogik“ statt. Das Symposium fand als Kooperationsprojekt zwischen der Universität Mozarteum Salzburg, Department für Musikpädagogik Innsbruck, dem Tiroler Landeskonservatorium und dem Tiroler Landesmusikschulwerk statt. Die drei Institutionen bilden die drei führenden Musikausbildungsstätten in Tirol.

Die vorliegende Veröffentlichung umfasst die schriftliche und überarbeitete Form der unterschiedlichen Tagungsbeiträge.

Aufbau

Nach dem Vorwort mit dem Titel „Kunst und Kultur für alle – All inclusive?!“ aus der Feder von Martina Fladerer und Heike Henning folgen zwanzig Aufsätze verschiedener Autor*innen. Die Aufsätze sind durch drei Überschriften strukturiert: Zunächst geht es um „All inclusive?! Theoretische Zugänge zur Inklusion“. Hernach steht „Inklusion in musik- und tanzpädagogischen Kontexten“ im Fokus und zuletzt „Musik- und tanzpädagogische Praxen in inklusiven und musikgeragogischen Kontexten“. In diesem letzten Teil wird insbesondere aus einer musik- und tanzpädagogischen Praxis berichtet.

Inhalt

Der erste Beitrag von Michael Turinsky erwuchs aus der Keynote der Tagung mit dem Titel „Crip Choreography“ (zu deutsch etwa: Krüppel-Choreografie). Bevor Michael Turinsky ausgiebig auf „Crip Choreography“ eingeht und beispielsweise erläutert, dass die Funktionstüchtigkeit des Körpers aus gesellschaftlichen Strukturen resultiert, reflektiert er den Begriff der Inklusion. Er selbst habe sich hiervon abgewendet. Hierfür nennt er drei Gründe: Zum einen betrachtet er den Begriff als pädagogischen Begriff, verortet sich selbst aber im künstlerischen Bereich. Zweitens erläutert er, dass Inklusion ein spezifisches Verständnis von Ein- und Ausschluss suggeriere, dem er sich nicht anschließen wolle. Als dritten Aspekt für seine Abkehr vom Inklusionsbegriff beschreibt er die „Aufteilung der Wirkungsmacht“ (S. 12): Es gibt bei dem Konzept von Ein- und Ausschluss immer Menschen, die andere Menschen dann hereinholen (können) und sich damit in einer machtvolleren Position gegenüber den hereinzuholenden Menschen befinden.

Die daran anschließenden Beiträge von Lisa Pfahl, Persson Perry Baumgartinger, Anita Moser und Renate Reitinger setzen sich ebenfalls auf theoretischer Ebene mit Inklusion auseinander. Insbesondere der Beitrag von Renate Reitinger wirft bedeutende Aspekte im Zusammenhang mit einer inklusiven und chancengleichen (Musik-)Hochschulbildung auf; gerade auf dieser Ebene bestehen nach wie vor erhebliche Defizite, da die Ausbildung an einer Musikhochschule ausgesprochen voraussetzungsreich ist. Es folgt die Verschriftlichung einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Die Qualität des Nicht-Synchron-Seins – Gedanken zur Funktionalität und Widerspenstigkeit“.

Im zweiten Teil des Buches unter der Überschrift „Inklusion in musik- und tanzpädagogischen Kontexten“ äußern sich Erik Esterbauer, Julia Lutz, Julia Eibl und Shirley Salmon zu Aspekten inklusiver Musikpädagogik. Die drei Autor*innen Nora Schnabl-Andritsch, Virginie Roy und Michelle Proyer geht auf polyästhetische Ansätze in der Inklusion ein und Mirjam Hoffmann, Evelyne Walser-Wohlfarter und Bernhard Richarz, Beate Hennenberg und Hanan Zanin sowie Stephanie Bangoura beschäftigen sich mit inklusiver Tanzpädagogik.

Unter der Überschrift „Musik- und tanzpädagogische Praxen in inklusiven und musikgeragogischen Kontexten“ stellen Mona Heller, Stefan Greuter, Bettina Büttner-Krammer, Regina Brandheuer, Christine Schönherr und Marc Brand Beispiele aus der inklusiven Praxis vor. Besonders berührend liest sich der Beitrag „Alles ganz normal!? Franziska Lottner erhält einen 1. Preis bei Jugend musiziert“ von Regina Brandheuer: In dem Beitrag wird von einer körperlich beeinträchtigten Gesangsschülerin berichtet, die im dritten Anlauf beim Regionalwettbwerb von Jugend musiziert einen 1. Preis erhält.

Diskussion

Inklusionsorientierung auf der Ebene der Musik- und Tanzpädagogik ist ohne Zweifel ein außerordentlich wichtiges Themenfeld; in der praktischen Ausübung sind auch in den 2020er Jahren noch deutliche Defizite zu erkennen. „All inclusive?!“ setzt hier an und versucht, das Themenfeld verstärkt in das Bewusstsein von Lehrenden, aber auch von (potentiellen) Lernenden zu rücken. Wie bei allen Veröffentlichungen erfolgt notwendigerweise eine Auswahl der vorgestellten Aspekte; eine (inklusionsorientierte) Repertoireauswahl etwa oder machtkonstituierenden Sprache werden nur teilweise behandelt.

Reflexionswürdig ist bei dieser Veröffentlichung auch die von Michael Turinsky aufgeworfene Frage der „Aufteilung der Wirkungsmacht“: Zumindest scheint es, als ob bei den meisten Beiträgen „ein Schreiben über“ statt eines „Schreibens mit“ oder eines „Schreibens von“ erfolgt. Nur vereinzelt scheinen die Autor*innen selbst zu den Menschen zu gehören, die maßgeblich von Exklusionsmechanismen betroffen sind.

Fazit

Eine spannende und vielfältige Veröffentlichung zum Themenfeld einer inklusiven Musik- und Tanzpädagogik. Aufgrund seiner Vielfältigkeit ist der Band sowohl für Menschen geeignet, die sich bereits mit dem Themenfeld auseinandergesetzt haben, als auch für Menschen, die bislang keine oder wenig Berührungspunkte mit Inklusion hatten. Es ist dem Buch zu wünschen, dass es von einer Vielzahl von Lehrenden und Lernenden rezipiert wird und die darin enthaltenen Aspekte auch in das praktische Unterrichten einfließen, sodass eine inklusive(re) Gesellschaft entstehen kann und tatsächlich allen Menschen alle Möglichkeiten im Bereich der Musik- und Tanzpädagogik offen stehen.


Rezension von
Dr. Raika Lätzer
Historische Musikwissenschaften, M.A.(Musikwissenschaften), Diplom-KA Künstlerische Ausbildung Gesang), Diplom-GP (Gesangspädagogik), B.Mus.(Gesang) Frühere Rezensionen siehe Raika Maier
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Zitiervorschlag
Raika Lätzer. Rezension vom 26.02.2021 zu: Heike Henning: All inclusive?! Aspekte einer inklusiven Musik- und Tanzpädagogik. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2020. ISBN 978-3-8309-4276-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27752.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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