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Boris Holzer: Politische Soziologie

Cover Boris Holzer: Politische Soziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 2., aktualisierte und überarbeitete Auflage. 199 Seiten. ISBN 978-3-8487-6109-8. 25,00 EUR.

Reihe: Studienkurs Soziologie.
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Zum Thema: Politische Soziologie

Mitten in der Corona-Pandemie meinte der SPIEGEL-Journalist Tobias Becker (2020), einen „Soziologen-Hype“ zu erkennen. In der FAZ bemängelte der Soziologe Wolfgang Streeck (2021) dagegen die mangelnde Relevanz soziologischer Expertise für politische Entscheidungen in der Pandemie. Ob zu viel oder zu wenig soziologisches Denken, Wissen und soziologischer Rat in politischen Prozessen berücksichtigt wird und ob dies überhaupt wünschenswert ist, ist umstritten – nicht zuletzt unter Soziolog:innen. Dies schließt auch die Diskussion über das Arbeitsfeld Politischer Soziologie als solches ein: Ist die politische Soziologie eine „kritische Demokratiewissenschaft“ (Kißler 2007)? Boris Holzer betont in der zweiten Auflage seines Studienbuches einen anderen Schwerpunkt: „Die ‚politische Soziologie heißt nicht so, weil sie politisch ist, sondern weil sie sich mit politischen Phänomenen beschäftigt“ (S. 12).

Autor und Reihe

Boris Holzer ist Professor für Allgemeine Soziologie und Makrosoziologie an der Universität Konstanz mit Schwerpunkten auf Netzwerktheorie, Netzwerkgesellschaft, Globalisierung und der Theorie der Weltgesellschaft. Zuletzt forschte er unter anderem zu sozialen Netzwerken in der Pandemie. Mit dem Lehrbuch „Politische Soziologie“ legt Holzer eine zweite, aktualisierte und überarbeitete Auflage der 2015 erschienenen Erstauflage vor. Die Publikation ist Teil der Reihe „Studienkurs Soziologie“ des Nomos-Verlags und richtet sich vorrangig an Studierende der Soziologie an Universitäten und Hochschulen.

Aufbau

Ausgehend von der Fragestellung „Was ist Politische Soziologie?“ werden auf 198 Seiten in insgesamt 12 Kapiteln, die übersichtlich in Zwischenabschnitte untergliedert sind, der soziologische Blick auf Politik in Hinblick auf zentrale Grundbegriffe diskutiert.

Inhalt

Die Definition und Diskussion des Gegenstands der „Politischen Diskussion“ führt das Verständnis des Autors enger und diskutiert kurz das Spannungsverhältnis „Politik und Soziologie“ (S. 16ff). Daraus leitete er zentrale Aufgaben und Themenfelder der Politischen Soziologie ab. Der Autor plädiert für eine Fokussierung des Gegenstandsbereiches Politischer Soziologie durch die Abgrenzung zu Verständnissen der Gesellschaft als politischer Gemeinschaft, um zum Beispiel „Liebesbeziehungen“ oder „Hierarchien in Fabriken“ aus der spezifischen Untersuchung durch die Politische Soziologie auszuklammern und einen Schwerpunkt auf die Beziehung von Politik und Gesellschaft zu formulieren (S. 15).

Die starke Prägung durch Luhmanns Differenzierungs- sowie Systemtheorie zieht sich als roter Faden durch das Buch, welches gleichwohl keine Einführung oder einen Theorievergleich in dieser Hinsicht sein will (S. 19). In Luhmannscher Tradition definiert Holzer im zweiten Kapitel zunächst Macht, um daran verschiedene Perspektivierungen und Dimensionen soziologischer Machtbegriffe einzuführen und in das Verhältnis zu Herrschaft zu setzen.

Unter „Evolution der Politik“ werden im dritten Kapitel historische Entwicklungsstadien bis zum modernen Staat skizziert, um sodann (viertes Kapitel) mit Luhmann „Grundzüge des politischen Systems“ zu umreißen.

In den folgenden Kapiteln werden „Staatsbürgerschaft“, „Politische Wahlen und „Parteien“, „Soziale Bewegungen“, „Öffentlichkeit“, „Probleme politischer Modernisierung“ sowie die „Globalisierung der Politik“ besprochen. Innerhalb dieser Kapitel werden stets stringent und klar historische Entwicklungen rekonstruiert, zentrale Begriffe und Unterscheidungen vorgenommen und mit gut verständlichen Beispielen sowie durch Abbildungen und Tabellen veranschaulicht und kontrastiert. Die Auswahl von Themen und Konzepten ist in sich plausibel. Die zu beschreibenden politischen Phänomene werden überwiegend allgemein systemtheoretisch behandelt und vor allem durch Beispiele konkretisiert. Besonders hilfreich ist, dass immer wieder das spezifische soziologische Interesse herausgestellt wird, zum Beispiel an der Wahlforschung (S. 81), ohne dabei in methodische Details abzugleiten. 

Im abschließenden Kapitel 12 wird an die einleitenden Überlegungen zur Verortung der Politischen Soziologie angeschlossen. Zutreffend identifiziert der Autor es als große Herausforderung der Politischen Soziologie, „ihre in den unterschiedlichen Bereichen gewonnenen Erkenntnisse zu integrieren“ (S. 180) und bemängelt das hohe Maß der Differenzierung bzw. Fragmentierung des heterogenen, ja „expansive[n]“ (S. 181) Forschungsfeldes, welches schnell aktuelle politische Phänomene aufgreife.

Diskussion

Die im Ausblick zutreffend benannte Herausforderung der Integration von soziologischem Wissen aus unterschiedlichen und fragmentierten Bereichen für die Politische Soziologie bewältigt das Studienbuch selbst nicht umfassend. Denn die Breite und Internationalität der Politischen Soziologie, aktuelle Fragestellungen sowie ihr kritisches Arsenal werden durch die Publikation nicht abgebildet. Dies gibt der Autor auch nicht vor, gleichwohl sollte in der Lehre der sich womöglich aus dem Titel ableitenden Erwartung auf Vollständigkeit relativiert und das Studienbuch um zusätzliche und diversere Perspektiven ergänzt werden. Einerseits präzisieren die konzeptionellen Einschränkungen der Politischen Soziologie durch den Autor den Gegenstand und erlauben eine Abgrenzung gegenüber anderen Bereichen des Fachs. Andererseits führt die Verengung und die Fokussierung auf Linien ‚klassischer‘ Soziologen (Soziologinnen tauchen nur vereinzelt auf, was die historische Marginalisierung in der Disziplin repräsentiert, ohne problematisiert zu werden) dazu, dass Kategorien und Themen, die nicht nur, aber auch für die zeitgenössische Politische Soziologie zentral sind, keinen Platz finden: insbesondere feministische Konzepte, Gender, Race, Class, Ideologie. Insofern unterscheidet sich der zentrierte und selektive Zugang in diesem Studienbuch von internationalen Überblickspublikationen zur Politischen Soziologie (u.a. Outhwaite/​Stephen 2017, Janoski et al. 2020).

Fazit

Insgesamt ist das kompakte und leser:innenfreundliche Studienbuch „Politische Soziologie“ inhaltlich und stilistisch sehr gut für Studium und Lehre geeignet. Lesbarkeit und Verständnis profitieren von der klaren Strukturierung, den zahlreichen anschaulichen und passenden Beispielen sowie von den hervorgehobenen Begriffserklärungen. Es bietet dabei eine systematische Einführung für klassische Begriffe und Themen insbesondere in der Tradition von Niklas Luhmann, die u.a. um die Soziologien von Pierre Bourdieu oder Talcott Parsons ergänzt werden. Gleichzeitig werden weitere Perspektiven ausgeblendet. Diese Dissonanz ist dabei nicht nur der für das Format notwendigen Reduktion geschuldet, sondern auch ihrer orthodoxen Ausrichtung und vor allem den blinden Flecken in großen Teilen der Politischen Soziologie in Deutschland insgesamt.

Literatur

Becker, Tobias (2020): Soziologen-Hype: Die Rückkehr der Taxifahrer. Spiegel Online, 01.10.2020, https://www.spiegel.de/kultur/​soziologen-hype-frueher-taxifahrer-heute-welterklaerer-a-00000000-0002-0001-0000-000173324658 [09.05.2020].

Janoski, Thomas; de Leon, Cedric; Misra, Joya; Martin, Isaac William (Hrsg., 2020): The New Handbook of Political Sociology. Cambridge University Press.

Kißler, Leo (2007): Politische Soziologie. Grundlagen einer Demokratiewissenschaft, UVK.

Outhwaite, William; Turner, Stephen P. (Hrsg., 2017): The SAGE Handbook of Political Sociology. SAGE Publications.

Streeck, Wolfgang (2021): Welchen Wissenschaftlern folgen wir in der Pandemie? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2021, https://www.faz.net/aktuell/​feuilleton/​debatten/​corona-beitrag-der-soziologie-zur-bewaeltigung-der-krise-17138966.html [09.05.2020].


Rezension von
Dr. Matthias Quent
Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena
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Zitiervorschlag
Matthias Quent. Rezension vom 27.05.2021 zu: Boris Holzer: Politische Soziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 2., aktualisierte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8487-6109-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27757.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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