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Judith Rahner: Praxishandbuch Resilienz in der Jugendarbeit

Cover Judith Rahner: Praxishandbuch Resilienz in der Jugendarbeit. Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Mit E-Book inside. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 226 Seiten. ISBN 978-3-7799-3936-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Demokratiedistanz, Populismus und rechtes Denken finden sich vermehrt im Alltag der Sozialen Arbeit. Dabei sind es immer auch Jugendliche, die ihren Hass und ihr herabsetzendes Denken in diesem Umkreis zum Ausdruck bringen. Praktiker*innen sind damit konfrontiert, hier im Umgang mit diesen jungen Menschen sich selbst klar zu positionieren und andererseits Heranwachsende stark und widerstandsfähig zu machen gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit.

Das vorliegende Praxishandbuch bietet zahlreiche Ideen und Methoden für diesen Zu- und Umgang. Die Autorin zeigt an Fallbeispielen die Komplexität gegenwärtiger gesellschaftlicher Phänomene auf, mit denen Jugendarbeiter*innen konfrontiert sind: Verschwörungsmythen, Fake News und Antisemitismus. Jugendarbeit, so Rahner, sei per se politisch und „ist gegenwärtig wie schon lange nicht mehr herausgefordert, sich zu positionieren, Haltung zu entwickeln und zu zeigen“ (S. 14).

Resilienz versteht sie hierbei als hilfreiche und erlernbare Kompetenz, um mit diesen Phänomenen umzugehen und als „Fähigkeit, Krisen und Risikofaktoren wie menschenfeindliche und antidemokratische Dynamiken, Ideen und Situationen durch Rückgriff auf organisationale, fachliche und persönliche Ressourcen zu bewältigen und sie als Anlass für Entwicklungen zu nutzen, um für zukünftige Herausforderungen widerstandsfähig zu sein“ (S. 10).

Autorin und Entstehungshintergrund

Judith Rahner leitet bei der Amadeu Antonio Stiftung im Rahmen des Kompetenznetzwerks Rechtsextremismusprävention den Projektbereich zur Stärkung der bundesweiten Zivilgesellschaft und ist Leiterin der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus, die Bildungsarbeit, Politik und Medien im Umgang mit Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit berät und schult. Sie ist seit vielen Jahren in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und setzt zusammen mit Jugendlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren Projekte gegen Rechtsextremismus, Antifeminismus, Rassismus und Antisemitismus um.

Aufbau und Inhalt

Während Rahner in den Kapiteln eins bis fünf eine ausführliche begriffliche und theoretische Abhandlung zu den Themenfeldern Jugendarbeit, Organisation und Resilienz vorlegt, stellt sie ab Kapitel sechs die wesentlichen Extremismen und Ideologien der Ungleichwertigkeit anhand von Fallanalysen aus der Praxis vor. An diesen Beispielen entwirft sie das Konzept einer resilienten Jugendarbeit mit vielfältigen Strategien gegen Ungleichwertigkeit. Der rote Faden des Buches ist hierbei die Verknüpfung von theoretischer Konzeption von Resilienz mit der Praxisperspektive auf Jugendbildungsarbeit.

Im Kapitel Gesellschaftspolitisches Framing der Jugendarbeit werden u.a. die Problemfelder Hass, Rechtspopulismus und Antidiskriminierung diskutiert.

Im Kapitel Jugendarbeit als Organisation widmet sich die Autorin den Basiseigenschaften von Organisation wie Ausstattung und Ressource, Formalstrukturen sowie informellen Regeln und Tiefenstruktur.

Im Kapitel Resilienz – eine Einordnung betrachtet Rahner zentrale Ansätze und Risiko- und Schutzfaktoren, um dann einen menschenrechtsorientierten Resilienzbegriff zu entwickeln.

Im Kapitel Transfer von Resilienz auf Jugendarbeit arbeitet die Autorin neben den Risikofaktoren und Stressoren der Jugendarbeit weiterhin Kompetenzen, Ressourcen und Schutzfaktoren für eine resiliente Jugendarbeit heraus. 

Sodann greift Rahner in den Unterpunkten des sechsten Kapitels Fallanalyse aus der Praxis folgende Themenfelder auf:

  1. Jugendarbeit im Kontext rassistischer gesellschaftlicher Verhältnisse und Alltagsrassismus in der Jugendarbeit,
  2. Mädchenarbeit im Kontext von Antifeminismus, Sexismus und der Ethnisierung sexualisierter Gewalt,
  3. Jugendarbeit im Kontext des israelisch-palästinensischen Konfliktes und des (israelbezogenen) Antisemitismus,
  4. Verschwörungsmythen in der Jugendarbeit,
  5. Jugendarbeit im Kontext neonazistischer Strukturen und modernisierter Formen extrem rechter Ideologien,
  6. Mädchen- und Jungendarbeit im Kontext rechtsextremer Orientierungen,
  7. Extreme Rechte und Menschenfeindlichkeit in migrantischen Communitys – Beispiel: Türkischer Rechtsextremismus.

In diesen Unterpunkten bietet die Autorin ein immer gleiches Schema: Aus eingangs vorgestellten Praxisbeispielen leitet sie Themenfelder ab, die sie in den Unterpunkten problematisiert, um anschließend jeweils 15 Gegenstrategien zu formulieren. Hervorhebenswert sind hier die Textpassagen über „Antisemitische Verschwörungserzählungen“ (6.4.4) und „Attraktivität rechtsextremistischer Ideologien für junge Menschen mit migrantischen Bezügen“ (6.7.5).

Kurz sind die abschließenden Kapitel Resiliente Organisationskultur in der Jugendarbeit gegen Ungleichwertigkeit und die Zusammenfassung Resilienz auf Aufwärtsspirale für Gleichwertigkeit. Hier formuliert die Autorin noch einmal stichpunktartig ihre wichtigsten Empfehlungen.

Diskussion

Der politische Auftrag von Sozialen in der Jugendarbeit hat sich seit den 1990er Jahren verändert. Wurde eine spezielle Pädagogik für radikal denkende und agierende junge Menschen zuvor eher abgelehnt, diskutierten Konzepte der letzten dreißig Jahre vornehmlich einen akzeptierenden Ansatz. Es existieren gegenwärtig zahlreiche Förderinstrumente und Institutionen, wie z.B. die Amadeu-Antonio-Stiftung, für die Rahner tätig ist, um in Präventionsprogrammen Projekte und Maßnahmen zu entwickeln, die gegen das Erstarken von Menschen- und Demokratiefeindlichkeit ausgerichtet sind. Entsprechende Bundesprogramme finanzieren diese Instrumente und Institutionen und auch zivilgesellschaftliche Projekte, mit denen via Empowerment Zivilcourage bei den Heranwachsenden gestärkt werden soll.

Rahners Publikation ist als Beitrag in diesem Kontext entstanden und als gelungen zu würdigen. Sie ist verständlich geschrieben und die Praxissituationen sind gut gewählt, um an ihnen die Komplexität der Problematik darzustellen. Es ist einerseits ein theoretisches Lehrbuch, führt dann andererseits Fallbeispiele und -analysen vor und mündet schließlich im Aufzeigen von Gegenstrategien. Rahner bezeichnet diese selbst als „wirksam“ (S. 11). Das ist eine fragwürdige Vorabbewertung. Denn, wenn Soziale diese Strategien nicht anwenden – können oder besser anwenden wollen – bleiben es didaktische Visionen. Für andere Konzepte und Strategien sieht Rahner diese Wirksamkeit ebenso kritisch. Auch moniert sie zu Recht das Fehlen einer Bildungsarbeit mit Erwachsenen, um den hier genannten Phänomenen zu begegnen (S. 15 f.).

Umso wichtiger ist es also insgesamt, an der Grundhaltung von Sozialen zu arbeiten. Ihnen muss durch kontinuierliche Weiterbildungen und Ermunterungen der Rücken gestärkt werden, damit sie in der offenen Kinder- und Jugendarbeit als Vorbild argumentativ gut standhalten, das gerade solchen Teens gegenüber, die bildungs- oder besser belehrungsresistent sind. Hier kann Rahners Buch gute Dienste leisten.

Nicht wenige dieser jungen Menschen, so meine eigene Berufserfahrung, ordnen sich aber auch dem linken Spektrum zu. Diese Facette beleuchtet die Autorin in ihrem Buch nicht, was bedauerlich ist. Denn auch in linksextrem orientierten Köpfen spielen Hass, Gewalt und Herabsetzung eine Rolle. Insofern gilt es auch hier, eine kritische Bestandsaufnahme vorzunehmen, um den neuen Herausforderungen und gesellschaftlichen Dynamiken gerecht zu werden (vgl. hierzu Rahners Aussage zur Arbeit gegen religiös begründete Extremismen, S. 15).

Fazit

Das Praxishandbuch ist lesens- und empfehlenswert für Pädagoginnen und Pädagogen, die in der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen aber auch mit Erwachsenen tätig sind. Anhand zahlreicher Fallbeispiele werden die aktuellen gesellschaftlichen Problemthemen wie Antisemitismus, Demokratiedistanz, Populismus und rechtes Denken dargestellt. Zudem werden Vorgehensweisen aufgezeigt, um Institutionen (wie Soziale Träger) und auch Individuen (Personal und Klientel) sensibel und bestenfalls widerstandsfähig gegenüber extremen Denkweisen und deren Folgewirkungen zu machen.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 25.05.2021 zu: Judith Rahner: Praxishandbuch Resilienz in der Jugendarbeit. Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Mit E-Book inside. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3936-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27762.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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