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Edith Auer, Gert Dessel u.a. (Hrsg.): Who cares?

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 02.08.2022

Cover Edith Auer, Gert Dessel u.a. (Hrsg.): Who cares? ISBN 978-3-946527-33-6

Edith Auer, Gert Dessel, Günter Müller, Barbara Pichler, Elisabeth Reitinger (Hrsg.): Who cares? Geschichten übers Sorgen, Pflegen und Betreuen. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2020. 272 Seiten. ISBN 978-3-946527-33-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Dieses Buch basiert auf Sorge-, Pflege- und Betreuungserfahrungen österreichischer Pflegenden, Ehrenamtlichen und Verwandten, die an einem Schreibaufruf teilgenommen haben. Es ist ein Forschungsprojekt mit dem Namen „Who cares? -Szenarien einer zukunftsweisenden Sorgekultur, das vom österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft finanziert wurde.

Herausgeber:innen

Herausgeber sind Dr. Gert Dressel, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Edith Auer, Soziologin, Günter Müller, Soziologe, beide an der Universität Wien beschäftigt, Barbara Pichler, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien und Prof. Dr. Elisabeth Reitinger, assoziierte Professorin an der eben genannten Einrichtung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Da capo al fine und einer Einleitung in Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert, die von verschiedenen Autoren verfasst wurden. Im „ Da capo al fine“ wird in einer etwas burschikosen Art und Weise gefragt, wie es jemanden geht, der pflegt und wem das interessiere. In der „Einleitung der Herausgeberinnen“ wird zunächst betont, dass sorgen uns alle angehe. Es geht um die Sorge um uns selbst und um andere, die Sorge um die Umwelt und die nachfolgenden Generationen.

Ein erster Abschnitt des Buches befasst sich mit „Einblicke in Sorge-, Pflege- und Betreuungserfahrungen“ und zwar zunächst mit „Erfahrungen mit eigenen Betreuungs- und Pflegebedarf“. In vier Fallvignetten berichten 70 bis 90jährige ältere Menschen davon, wie sie zu gepflegten wurden und was sie dabei gefühlt und gedacht haben. Ein kleiner Ausschnitt dazu: „Zurzeit erlebe ich die Höhen und Tiefen meines Zustandes. Es ist nicht ganz einfach, sich bedienen zu lassen, auch wenn es gut gemeint ist. Aber ich bin zufrieden und warteschon auf den Augenblick, wo ich auf das Atmen vergesse…“.

Ein weiterer Abschnitt beschäftigte sich mit „Erfahrungen mit Betreuung und Pflege im privaten Umfeld“. Auch hier verdeutlichen fünf Fallvignetten, wie im Privaten gepflegt wurde, welche Probleme damit verbunden waren und wie die Pflegerinnen mit den Problemen umgegangen sind. Alle einte der Wunsch, die älteren Menschen nicht in eine Pflegeeinrichtung zu bringen, sondern sie akzeptierten ihren Wunsch, in ihrem privaten Umfeld sterben zu können. Als Ratschlag wurde gegeben: „Bitte, lege fest, was du deine Pflege betreffend willst“.

Die „Erfahrungen bei der Betreuung und Pflege von Angehörigen mit Demenz“ stehen im Mittelpunkt des nächsten Teils. Es werden Erfahrungen geschildert, die eindrücklich und belastend sind. So sagte ein Ehemann: „Der Abbau der Hirnsubstanz war nicht zu stopppen, jeden Tah starb ein bisschen mehr von ihr weg“:

Ein ebenso erschütterter Bericht über die Zustände in Pflegheimen und ähnlichen Einrichtungen erfolgt im Teil „Erfahrungen mit institutioneller Pflege und Betreuung“. Hier werden Missstände aufgetischt, die kaum zu ertragen und zu verkraften sind.

Der nächste Teil erzählt von „Erfahrungen mit Betreuung und Pflege im gesamtgesellschaftlichen Kontext“. Eine erste Fallvignette schildert den frühen Tod vieler Anverwandter und eine zweite macht aufmerksam auf die Pflege, die geleistet wird. „Es war schwer, aber aus meiner Biografie löschen möchte ich nichts, denn gerade diese Zeit des Pflegens hat mir entscheidende Einsichten und Erfahrungen gebracht“:

Der letzte Teil ist mit „Lesarten“ überschrieben. Die geschriebenen Zuschriften aus dem Schreibaufruf zeugen davon, was die real existierende Sorgepraxis in Österreich und Deutschland ist. Sorgearbeit sei nicht nur ungleich zwischen Männern und Frauen verteilt, sondern finde oft im Verborgenen bzw. im privaten Raum statt, was von der Gesellschaft nicht wahrgenommen, schon gar nicht geschätzt werden will. Die kaum zu beantwortende Frage bleibt: „Wir haben unsere Großeltern und Eltern noch pflegen können – wer wird einmal auf uns schauern?“. Wie es gelingen kann, Hospiz und Palliative Care für alle, die es brauchen, tatsächlich auch in der Regelversorgung zu etablieren, in denen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, sozialer Zugehörigkeit und Art der Erkrankung am Ende ihres Lebens befinden, bleibt damit eine Aufgabe der Gegenwart und Zukunft.

Diskussion

Diese Publikation zieht einen in seinen Bann. Diese Schilderung von wirklich Erlebtem oder wirklich Bestehendem ist teilweise schwer zu verdauen. Es sind Geschichten aus dem wahren Leben, die von der Sorge um andere erzählen. Es ist harte Arbeit, wie mache ich das und was mache ich falsch, sind Fragen, die sich täglich neu in Pflegesituationen stellen. Wie viel Stress, wie viel Mühe ist es, den Pflegealltag mit all ihren Ängsten und Unsicherheiten zu ertragen und wie wenig werden gerade diese Tätigkeiten in der Gesellschaft geschätzt? Es ist eine nervenaufreibende Arbeit, die von so vielen täglich geleistet wird und ohne, dass diese von der Gesellschaft wahrgenommen wird.

Fazit

Es ist an der Zeit gerade durch solche Berichte von den Sorgen der Pflegenden aufzuklären. Sie rücken das Wahre in der Gesellschaft in den Blickpunkt und verdeutlichen ungeschminkt, was hier für eine gelingende und gute Pflege getan werden muss. Die Texte und die Erfahrungen mit dem Schreibaufruf zeigen, dass letztlich die Narration, das Erzählen eine produktive Form ist, mit dem Thema umzugehen.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 183 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 02.08.2022 zu: Edith Auer, Gert Dessel, Günter Müller, Barbara Pichler, Elisabeth Reitinger (Hrsg.): Who cares? Geschichten übers Sorgen, Pflegen und Betreuen. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2020. ISBN 978-3-946527-33-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27764.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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