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Heike Walper, Katarina Theißing: Selbstbestimmung

Cover Heike Walper, Katarina Theißing: Selbstbestimmung – Wer oder was bestimmt? Über wen oder was? Und wenn ja, wie viel? Subjektiv erlebte Freiheit und Selbstbestimmung in Palliative Care und Hospizarbeit. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2020. 312 Seiten. ISBN 978-3-946527-34-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

Reihe: Palliative Care professionell.
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Thema

Der hochaktuelle Titel eröffnet das gesamte Spektrum der Frageoptionen nach Selbstbestimmung am Lebensende. Vor allem geht es neben theoretischer und begrifflicher Klärungen um die Sichtweise der Betroffenen und der in einer Carebeziehung agierenden Pflegekräfte und den Bewältigungsstrategien in diesem Feld.

AutorInnen

Heike Walper ist Master of Palliative Care und Palliativpflegefachkraft und arbeitet in Leitungsfunktion im Christophorus Hospiz München. Zudem ist sie zertifizierte Kursleitung und Referentin für Palliative Care.

Katarina Theißing ist Master of Palliative Care und Altenpflegefachkraft und ebenfalls im Christophorus Hospiz München tätig.

Entstehungshintergrund

Dieses Werk basiert auf der Masterthesis von Heike Walper und wurde durch die beiden Beiträge von Katarina Theißing ergänzt.

Aufbau

Die Frage der Selbstbestimmung in der Palliative Care und Hospizarbeit wird auf unterschiedlichen Ebenen nachgegangen. Nach begriffstheoretischen Annäherungen, wird in einem empirischen Teil die Subjektivität und die Praxis der Selbstbestimmung an Hand von Interviewmaterial von Hospizgästen veranschaulicht. Ein Exkurs widmet sich dann der rechtlichen Situation zur Sterbehilfedebatte. Dem folgt als Copingstrategien analysiert die Darstellung unterstützender Konzepte von Schwerstkranken, wie Resilienz und Empowerment. Daran schließt sich der Versuch einer Typisierung von Selbstbestimmung und der Diskurs um die Reichweite derselben an. Mit einer Einordnung in die Praxis und der These, dass Selbstbestimmung bedeutet, sich prozesshaft ins Verhältnis zu bringen fasst die Autorin Wesentliches zusammen.

Inhalt

Nach einer knappen Einleitung, in der das Feld von Selbstbestimmung und möglichen Konflikten in einem Team der Palliativversorgung vorgestellt wird, folgt im nächsten Kapitel die Auseinandersetzung mit den Begriffen Autonomie und Selbstbestimmung und deren Unterschiedlichkeiten. Prinzipien der medizinischen Pflege und Ethik, wie die von Beauchamp und Childress dargelegten der Autonomie, des Nicht-Schadens, des Nutzens und der Gerechtigkeit werden ebenso vorgestellt, wie das der Care Ethik, das im deutschsprachigen Raum Elisabeth Conradi weiterentwickelte. Besonders hingewiesen wird mit verschiedenen Praxisbeispielen auf den möglichen Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge in der Palliativversorgung.

Der sich anschließende Teil zur Diversität subjektiv erlebter Freiheit und Selbstbestimmung basiert auf der empirischen Forschung der Autorin Heike Walper. Sie entfaltet sich anhand der Befragung von Schwerstkranken im Hospiz zu deren individuellen Vorstellungen von Selbstbestimmung, Würde und Freiheit, wie sie sich im Erleben und ihren Erzählungen konstituieren. Neben bildhaften oft die Natur nutzenden Beschreibungen zum subjektiven Verständnis von Freiheit, nennen diese im Hospiz versorgten Personen wiederholt Vorbilder. Selbstbestimmung geschieht für die Einzelnen, indem sie sich in Beziehung zu jemandem oder etwas stellen, sich mit jemandem vergleichen oder an jemanden annähern. Zwei der Befragten beziehen sich dabei beispielsweise auf Dietrich Bonhoeffer und Marcel Proust.

Der Diskurs über Selbstbestimmung wird im nächsten Teil mit Blick auf die Praxis und die rechtliche Normierung, die Selbstbestimmungsfähigkeit sowie die Reichweitenfrage vertieft. Im Fokus stehen juristische und gesellschaftliche Aspekte und Normierungen zur Selbstbestimmung. So finden sich hier die Problematisierung der Patientenverfügung und beispielhaft vorgestellte ethische Dilemmasituationen am Lebensende. Katarina Theißing legt dabei das Augenmerk auf die rechtliche Problematik und streift auch Fragen zu Todeswünschen.

Im nächsten Abschnitt werden Resilienz, Kontrolle, Freiheit und Spiritualität als unterstützende Konzepte zur Selbstbestimmung vorgestellt. Gleichzeitig betont die Autorin, Heike Walper, dass das Sterben sich durch einen zunehmenden subjektiv erlebten Kontrollverlust auszeichnet, der unterschiedlich von den Betroffenen bewertet und eingeordnet wird.

Ein eigenes knappes Kapitel skizziert als weitere Methoden die Selbstbestimmung Schwerkranker zu fördern das Konzept des Empowerments und der ressourcenorientierten Interaktion.

Der nächste umfängliche Abschnitt blickt auf die schwerkranken Menschen und unternimmt den Versuch einer Typologisierung der Menschen und ihrer Handlungsmuster anhand ihrer Ausdrucksformen von Selbstbestimmung. Folgende Typen werden dabei identifiziert: der Typus des Individualistischen, der Selbstbestimmung als Lebenskonzept vertritt, derjenige der Selbstbestimmung als Entwicklungs- und Anpassungsprozess definiert und derjenige, der eine „passive Selbstbestimmung“ lebt und die Selbstverantwortung in einer Fürsorgebeziehung abgibt. Zu jedem Typus werden unterschiedliche Copingstrategien und Verhaltensmuster zugeordnet. Das Wissen um solche Zuordnungen kann, so die Verfasserin, von Pflegenden genutzt werden, um die Selbstbestimmungsfähigkeiten gezielt zu fördern und zu stärken. „Das alltägliche Ringen um die Reichweite der Selbstbestimmung“ lautet der nächste Teil, der zu Beginn die Perspektive der Pflegekräfte einnimmt, dann mit viel Interviewmaterial oder Fallbeispielen arbeitet, problematische Pflegesituationen und Dilemmata benennt und sich nochmals von einer anderen Perspektive der Problematik von Todeswünschen annimmt.

Katarina Theißing behandelt im Anschluss das Thema Suizid und „Sterben wollen“ mit einem historischen und definitorischen Zugang, wie der begrifflichen Unterscheidung zwischen Selbstmord, Freitod und Suizid. Die beiden Schlusskapitel fassen die Ergebnisse zusammen und begründen den Nutzen der Typisierung sowie die Methode des Empowerments und der ressourcenorientierten Interaktion.

Diskussion

Dieses Werk ist nicht auf den ersten Blick Studie mit einem umfänglichen empirischen Teil erkennbar. Eine Einleitung, die den Aufbau des Buches, die Fragestellungen und die Erhebungsmethode, die Größe des Samples, die Art der Befragung und der Analyse präsentieren würde, fehlt. Der Hinweis, dass es sich um eine Masterthesis handelt findet sich erst in der Danksagung. Die inhaltliche Stärke ist die Verknüpfung von Theorie und Empirie, die jedoch durch die nicht einfach nachzuvollziehende Struktur und den wiederholten, den Text unterbrechenden Einschüben verblasst. Zu empfehlen ist daher, je nach Interesse einzelne Kapitel des Buches zu lesen, oder beim Querlesen bei den gut formulierten Begriffserklärungen und theoretischen Auseinandersetzungen zu verweilen.

Fazit

Heike Walpers Buch stellt einen aktuellen Beitrag zur Frage der Selbstbestimmung bei Menschen im Hospiz dar und setzt sich mit verschiedenen ethischen Zugängen der Medizin und Pflege auseinander. Hierin liegt die Stärke des Werkes, da diese Theorien gut nachvollziehbar beschreiben werden. Heike Walper nähert sich theoretisch und empirisch den Fragen der Selbstbestimmung am Lebensende und bezieht sich dabei auf Interviews mit Schwerstkranken. Durch die verschiedenen Exkurse werden weitere Themen, wie kollegiale Beratung oder Kulturdimensionen vorgestellt- was aber die ohnehin nicht leicht nachvollziehbare Struktur durchkreuzt.


Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
Homepage www.silberzahn-forschung.de
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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 19.04.2021 zu: Heike Walper, Katarina Theißing: Selbstbestimmung – Wer oder was bestimmt? Über wen oder was? Und wenn ja, wie viel? Subjektiv erlebte Freiheit und Selbstbestimmung in Palliative Care und Hospizarbeit. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2020. ISBN 978-3-946527-34-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27765.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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