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Tom Mannewitz: Das erste Forschungsprojekt

Cover Tom Mannewitz: Das erste Forschungsprojekt. Karte und Kompass für junge Politik- und SozialwissenschaftlerInnen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 344 Seiten. ISBN 978-3-8487-6760-1. 25,00 EUR.

Reihe: Studienkurs Politikwissenschaft.
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Thema und Entstehungshintergrund

Gleich zu Beginn der Einleitung stellt sich Tom Mannewitz eine Frage, für deren Antwort sich vermutlich auch einige potentielle LeserInnen interessieren: „Warum braucht es eine weitere Einführung in sozial-, speziell politikwissenschaftliche Forschungsmethoden, wo doch der Markt von derartigen Büchern geflutet, jede methodische Nische didaktisch aufgearbeitet, jedes Lernbedürfnis eines jeden studentischen Lerntyps inzwischen befriedigt sein sollte“ (13)?

Erfreulicherweise liefert der Autor die Antworten direkt mit: „Das erste Forschungsprojekt. Karte und Kompass für junge Politik- und SozialwissenschaftlerInnen“ zeichnet sich erstens durch eine Kombination von Methoden und Arbeitstechniken aus. Die Studierenden werden nicht nur in Methoden eingeführt, sondern ebenso während des Forschungsprozesses, von der Wahl einer passenden Fragestellung bis zur Präsentation des Forschungsberichts, begleitet. Zweitens ist das Buch als Anleitung zu verstehen. An Fachdiskussionen über methodologische Standpunkte von Erhebungs- und Auswertungsmethoden beteiligt sich Mannewitz nicht. Kompetenz- anstelle von Wissensvermittlung rückt in den Fokus. Die Orientierung an studentischer Forschung stellt das dritte Alleinstellungsmerkmal dar. So werden unter anderem Geld- und Zeitressourcen sowie Kenntnisstände der Studierenden stärker berücksichtigt als es in anderen Lehrbüchern der Fall ist (13 f.).

Zusammengenommen bedient Mannewitz auf diesem Wege, trotz einer Vielzahl von einführenden Methodenbüchern, ein Desiderat, das die Notwendigkeit seines Werkes bestätigt. Insbesondere werden Politik- und SozialwissenschaftlerInnen, die vor der Herausforderung eines ersten empirischen Forschungsprojektes stehen, adressiert (15).

Autor

Tom Mannewitz ist Juniorprofessor für politikwissenschaftliche Forschungsmethoden an der Technischen Universität in Chemnitz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Demokratie-, Extremismus- und Populismusforschung. Als Beispielpublikationen sind „Linksextremistische Parteien in Europa nach 1990. Ursachen für Wahlerfolge und ‑misserfolge“ (2012, Nomos), „Politische Kultur und demokratischer Verfassungsstaat. Ein subnationaler Vergleich zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung“ (2015, Nomos) oder „Was ist politischer Extremismus? Grundlagen, Erscheinungsformen, Interventionsansätze“ (2018, Wochenschau Verlag) zunennen. 

Aufbau und Inhalt

Das Werk besteht aus neun Kapiteln, ergänzt durch ein Abbildungs- Tabellen- und Stichwortverzeichnis sowie ein Glossar. Insgesamt sind, über die Kapitel verteilt, 39 Faustregeln, in Form von Tipps und Tricks zum Forschungsprozess, eingebettet. Außerdem schließen die Kapitel mit weiterführenden Literaturempfehlungen ab.

Im ersten Kapitel (13-18) wird die Notwendigkeit eines weiteren Methodenbuches herausgestellt. Zur Hauptzielgruppe gehören Studierende mit geringer Forschungserfahrung.

Die beiden darauffolgenden Kapitel vermitteln für Forschungsarbeiten relevantes Basiswissen. Während das zweite Kapitel (19-44) der Einführung in wissenschaftstheoretische Grundbegriffe dient (Wahrheit und Erkenntnis, qualitative und quantitative Forschung, Falsifikation, Werturteilsfreiheit und weitere), werden im dritten Kapitel (45-100) Grundlagen der empirischen Sozialforschung behandelt (Arten von Begriffen, Definitionen und Aussagen, Theorien und Modelle, Variablen und Skalen, sozialwissenschaftliche Gütekriterien, Vergleiche etc.).

Seien es Informationen zur Literaturrecherche, zum Forschungsthema, zur Forschungsfrage, zur Wahl eines geeigneten Betreuenden oder zur Variablen- und insbesondere Fallauswahl: Kapitel 4 (101-130) widmet Mannewitz der Forschungsplanung.

Mit insgesamt 169 Seiten nehmen die Hauptkapitel 5 und 6 ungefähr die Hälfte des Buchumfangs ein. Im fünften Kapitel (131-210) werden Möglichkeiten der Datenerhebung vorgestellt. Zu den gewählten Erhebungsverfahren gehören Befragungen, Beobachtungen, Inhaltsanalysen, Experimente sowie nicht-reaktive Verfahren.

Im anschließenden Kapitel 6 (211-300) wird die Vorgehensweise bei Datenauswertungsprozessen thematisiert. Im Vordergrund stehen Techniken zur Auswertung quantitativer sowie makroqualitativer Daten. Hermeneutische Verfahren, Heuristiken oder Mix-Methods-Designs werden in Grundzügen vorgestellt. Außerdem erfolgt eine Einführung in typische Fehlschlüsse bei Datenanalysen.

Die Präsentation der Daten steht in Kapitel sieben (301-316) im Fokus. Nachdem den LeserInnen geeignete Literaturverwaltungsprogramme vorgeschlagen werden, wird der Schreibprozess inklusive Zielgruppenorientierung, Aufbau und Gliederung sowie typischen Fehlern thematisiert. Ebenso verweist Mannewitz auf die Bedeutung „guter Sprache“ in Forschungsarbeiten und gibt entsprechend Ratschläge für eine korrekte, verständliche, schöne und stimulierende Sprache.

Der Abschluss des Buches (Kapitel 8, 317-320) erfolgt in Form von zehn „goldenen“ Regeln zum Schreiben einer (ersten) wissenschaftlichen Arbeit. Die Regeln setzen sich aus einer Auswahl von, bereits in den vorherigen Kapiteln thematisierten, Punkten zusammen.

Kapitel 9 (321-330) umfasst das Quellen- und Literaturverzeichnis.

Diskussion

Auch wenn der Titel es nahelegt, eignet sich die Lektüre nicht nur für EinsteigerInnen mit geringer Forschungserfahrung, sondern ebenso für Fortgeschrittene. So werden u.a. Ratschläge zur Triangulation von Methoden oder zur anschließenden Dissertation (108, 113, 285 f.) mit auf den Weg gegeben. Für Neulinge im Anfangsstadium der studentischen Laufbahn, die keinerlei empirische Vorkenntnisse besitzen, kann das mitunter zu (etwas) Verunsicherung führen. Die für Erläuterungen verwendeten Beispiele sowie eingepflegte Literaturhinweise zeigen außerdem, dass Mannewitz sich eher an Politik- als an SozialwissenschaflerInnen richtet. Genauso erfolgt auch eine intensivere Einführung in quantitative als qualitative Auswertungsverfahren. Ich möchte damit keine simple Auslassungskritik üben, macht Mannewitz sein Vorgehen doch an mehreren Stellen transparent. Für die potentiellen LeserInnen können sich die Präzisierungen bezüglich der Zielgruppen des Buches jedoch als hilfreich herausstellen.

Mannewitz' Idee, eine methodische Einführung mit Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens zu verbinden, stellt sich als die große Stärke des Buches heraus und wurde überzeugend umgesetzt.

Besonders möchte ich das Engagement des Autors betonen. Sei es beispielsweise eine Pro- und Contra-Liste zur Erarbeitung von Werturteilen in den Politikwissenschaften (41), eine tabellarische Darstellung von Fehlerquellen bei Interviewerhebungen (168-171) oder ein Screenshot von der Variablenansicht der Analysesoftware SPSS (216): Über das gesamte Buch verteilt, finden sich eine Vielzahl eigener Abbildungen. Ebenso kommt dem Buch ein ausgewogenes Verhältnis von Transparenz und eigener Positionierung des Autors zugute. Vor- und Nachteile von verschiedenen Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden werden nachvollziehbar geschildert. Ich habe es als genauso erfrischend wie hilfreich empfunden, dass Mannewitz dennoch auch Stellung bezieht und sich zum Beispiel, wohl begründet, für ein hohes Maß an Standardisierung bei Beobachtungen stark macht (176). Auch an anderen Stellen, teilt der Autor seine persönlichen Erfahrungen als Dozent. Literaturempfehlungen werden nicht nur aufgelistet, sondern, in Hinblick auf die Zugänglichkeit für Studierende, kommentiert. Wer denkt, es handle sich um ein trockenes und eintöniges Methodenbuch, liegt falsch. Mannewitz schafft es immer wieder für Auflockerung zu sorgen und dieses Lehrbuch, soweit es möglich ist, unterhaltsam und zu Teilen auch humoristisch zu gestalten. An der exemplarischen Frage, wie der zweite Weltkrieg ausgegangen wäre, wenn ihn Bugs Bunny anstelle von Hitler geführt hätte, zeigt der Autor, dass kontrafaktische Annahmen, also Was-wäre-wenn-Analysen, sich in einem Forschungsbericht nur dann eignen, wenn sie logisch konsistent sind (289). Genauso präsentiert er Fun-Facts zur Lorenzkurve (235) oder illustriert, anhand des persönlichen Beispiels eines Gesprächs mit einer Doktorandin, dass Redensarten nicht vermischt werden sollten (da liegt der Hase im Pfeffer begraben, 313).

Fazit

„Pragmatismus kommt in diesem Buch vor theoretischer Tiefe“ (14). Mit dieser Aussage fasst Mannewitz das zentrale Charakteristikum des Werkes treffend zusammen. „Das erste Forschungsprojekt. Karte und Kompass für junge Politik- und SozialwissenschaftlerInnen“ reiht sich nicht nur in eine lange Liste existierender Methodik-Einführungen ein. Die Kombination aus Methodik und Arbeitstechniken verleiht dem Buch einen Besonderheitsstatus. Für Studierende der Sozial- und insbesondere Politikwissenschaften kann sich die Lektüre als gewinnbringender Begleiter während des gesamten Forschungsprozesses, von den Planungen bis zur Fertigstellung des Forschungsberichts, erweisen. 


Rezension von
Daniel Ewert
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Zitiervorschlag
Daniel Ewert. Rezension vom 09.04.2021 zu: Tom Mannewitz: Das erste Forschungsprojekt. Karte und Kompass für junge Politik- und SozialwissenschaftlerInnen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-6760-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27783.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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