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Ann Pettifor: Green New Deal

Cover Ann Pettifor: Green New Deal. Warum wir können, was wir tun müssen. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. 185 Seiten. ISBN 978-3-86854-338-4. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema: Alles könnte anders sein

Gegen „business as usual“, „Anything goes“, „Immer-weiter-immer-Mehr“ gibt es deutliche Widerstände. Es sind Aufforderungen zum Perspektivenwechsel, hin zu Auffassungen, dass eine friedliche, gerechte, humane (Eine) Welt möglich ist (Harald Welzer, Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25575.php). Es sind die Warnungen und Analysen, wie sie vor fast einem halben Jahrhundert in den Berichten an den Club of Rome zum Ausdruck kamen, dass die ökonomischen Grenzen des Wachstums erreicht seien, die Systemveränderungen hin zu einer nachhaltigen Entwicklung, wie sie im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 gefordert wurden, und mit denen anstelle des „growth as usual“ ein „new green deal“ angestrebt wird. Die Vereinten Nationen haben im September 2015 die „Seventeen Goals“ ausgerufen, mit denen zeitnah, spätestens jedoch 2030 eine nachhaltige Zukunft für die Menschheit geschaffen werden soll (www.17goalsmagazin.de).

Entstehungshintergrund

Aufbruchstimmungen, Perspektiven- und Paradigmenwechsel sind Anforderungen an die Conditio Humana. Sie verdeutlichen, dass ein „Anything goes“ nicht Schicksal und Ausgeliefertsein an Zeitläufte sein muss, sondern dass der anthrôpos, als mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges Lebewesen, in der Lage ist, selbst zu denken und zu handeln. Die Initiative „Inner green Deal“ (https://awaris.com/inner-green-deal-initiative/inner-green-deal-podcast/) verweist darauf, dass nur ganzheitliches, Achtsamkeits- und Resilienz-Denken und Handeln die Menschheit veranlassen kann, human zu existieren (Kurt Edler, Demokratische Resilienz auf den Punkt gebracht, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23304.php). Es sind Aufforderungen, wie sie die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elinor Ostrom mit der Feststellung markierte: Es wird mehr, wenn wir teilen! (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php); wie sie von der Heinrich-Böll-Stiftung mit „Commons“ weiterentwickelt werden (Silke Helfrich/David Bollier, frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25797.php); und wie sie bereits 1979 der Schweizer Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) als „positive Subversion“ gefordert hat (Nach uns die Zukunft, 1979, 215 S.).

Autorin

Die britische Ökonomin Ann Pettifor ist Direktorin der Londoner Wissenschafts- und Forschungsvereinigung „Policy Reseach in Macrooeconomics, PRIME“. Das Motto der Initiative – „Nothing changes, if we do not act“ – verweist auf die Begründung – „Warum wir können, was wir tun müssen“ – die die Autorin als Untertitel ihrer Studie „Green New Deal“ ausdrückt.

Aufbau und Inhalt

Bezeichnenderweise stellt die Autorin ihrer optimistischen, auffordernden Analyse über die Veränderungs- und Verbesserungsfähigkeit der Welt ein anonymes Gedicht aus dem 17. Jahrhundert über „Allmende“ voran, indem als Konsequenz aus falschem, menschenunwürdigem Denken und Handeln die Notwendigkeit betont wird, „… bis wir das Land zurück uns holen“ – durchaus eine irritierende Aufforderung, wird doch die Metapher auch von Nationalisten, Rechtsradikalen und Populisten missbraucht, die in der Abschaffung der Demokratie ihre rassistischen, menschenfeindlichen Ideen verwirklicht sehen wollen. Doch auf diese Irrwege wollen wir das Anliegen von Ann Pettifor nicht leiten.

Neben dem Vorwort, in dem sie die Dringlichkeit des sofortigen Eingreifens gegen die Auswüchse des kapitalistischen Systems anmahnt: „Wir können – und wir müssen, um zu überleben – in den nächsten zehn Jahren das gescheiterte kapitalistische System verändern und überwinden, denn es droht, die Lebenserhaltungssysteme der Erde zu zerstören und mit ihnen die menschliche Zivilisation“. Mit der einleitenden Frage „Was ist der Green New Deal?“ informiert die Autorin über die (US-amerikanischen, 2018er) Ursprünge der neuen Umwelt-Idee. Sie zeigt auf, welche Konkretisierungen sich daraus für die Gesellschaft ergeben. Und sie verweist auf differenzierte und weiterführende Konzepte, etwa im britischen und europäischen Diskurs. Das erste Kapitel titelt Pettifor mit der Forderung: „Systemwandel statt Klimawandel“. Es geht ans Grundsätzliche, nämlich an die „Veränderung des Weltfinanzsystems“. Wie diese weltumspannende, repressive, kapitalistische Entwicklung wurde, was und wie sie ist, thematisiert die Autorin im zweiten Kapitel: „Den Kampf mithilfe des Finanzsystems gewinnen“. Das klingt wie: Den Teufel mit dem Belzebub‘ auszutreiben. Es ist der kritisch-historische Blick auf die finanzkapitalistischen Machtzentren, wie z.B. die Wallstreet, Frankfurt/M., City of London, und auf Regulierungen wie „Bretton Woods“, in denen Parallelen und Diskontinuitäten deutlich werden: „Die Welt kann sich die orthodoxe ökonomische Logik des globalisierten Finanzmarktkapitalismus nicht mehr leisten“. Im dritten Kapitel wird der globale Systemwechsel skizziert. Es sind Visionen und Vivisektionen. Und es sind Diskussionen über Alternativen, etwa der: Global denken, lokal handeln; Slow Food; Kontrolle von globalen Kapitalströmen; Steuergerechtigkeit. Es sind Konzepte, wie sie in der Postwachstumsökonomie thematisiert werden (siehe z.B. auch: Niko Paech/Manfred Folkers, All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht; 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26692.php). Im vierten Kapitel wird der Blick auf das ökonomische Handeln gerichtet: „Die Wirtschaft des Green New Deal“. Die Prinzipien: „Ein stationärer Zustand der Wirtschaft“ (Steady State Economy) – „Begrenzte Bedürfnisse, nicht grenzenlose Begierden“ – „Selbstversorgung“ – „Gemischte Volkswirtschaft“ – „Arbeitskräfteintensive Wirtschaft“ – „Geldpolitische und fiskalische Koordinierung für eine stationäre Wirtschaft“ – „Die Illusion der unendlichen Expansion aufgeben“. Dieses idealtypische, machbare Wirtschaftssystem, die „Steady State Economy“, wird im fünften Kapitel konkretisiert. Schließlich wird im sechsten Kapitel der Green New Deal als ein konkretes Versprechen für soziale und ökonomische Menschlichkeit und Machbarkeit aufgewiesen, mit der Aufforderung zur individuellen und kollektiven, lokal- und globalgesellschaftlichen Mobilisierung.

Diskussion

Die auf die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in den 1920er/-30er Jahre reagierenden Forderungen nach einen ökonomischen Perspektivenwechsel, einem „New Deal“, wurden insbesondere vom 1973 gebildeten Umweltprogramm der Vereinten Nationen, UNEP, aufgenommen und als „Green New Deal“ ausgewiesen. Es sind Aktivitäten und Reaktionen auf die vielfältigen, globalen Umweltkrisen, vor allem dem Klimawandel. Die bedrohlichen Entwicklungen, dass die Menschheit durch kapitalistische und ökonomistische Aktivitäten dabei ist, durch die menschengemachten Klimaveränderungen sich selbst abzuschaffen, sollen durch eine ökologische Revolution verhindert werden. Der US-amerikanische Menschheits- und Gesellschaftsanalytiker Jeremy Rifkin thematisiert die Imponderabilien in der globalisierten (Einen?) Welt in vielfältiger Weise. Es sind Ein- und Draufsichten auf die Entwicklungen auf der Erde: Ökonomische und ökologische, gewollte und ungewollte, schwergängige und leichtfertige; immer aber im Vertrauen darauf, dass die Menschen ihr rationales und empathisches Bewusstsein zum Tragen bringt und eine empathische Zivilisation (2019) schafft, also eine „dritte industrielle Revolution“ (2011) einleitet. Mit dem 2019 im Originaltitel „The Green New Deal. Why the Fossil Fuel Civilization Will Collaps by 2028, and the Bold Economic Plan to Save Life on Earth“, bestätigt er z.B. der deutschen, ökologischen Umweltbewegung, eine „grüne emissionsfreie ökologische Gesellschaft“ zu entwickeln, Vorbildwirkungen für ein geopolitisches, globales Umweltbewusstsein. Die aktuellen, lokalen und globalen Bemühungen, einen grundlegenden, systemverändernden Paradigmenwechsel zu vollziehen, zeigen jedoch nicht die notwendigen Wirkungen. Im Juni 2018 legte ein Wissenschaftsteam von der Universität Cambridge die Ergebnisse einer Untersuchung vor, wonach die Auswirkungen der sich weltweit gebildeten „Kohlenstoffblase“ dazu führe, dass es zeitnah zu einem diskontierten Verlust des globalen Wohlstands kommen würde. Rifkin folgt dabei nicht der marxschen, revolutionären Diktion zur Beseitigung des neoliberalen Systems; er tritt vielmehr ein für einen „neuen Sozialkapitalismus“ (Jeremy Rifkin, Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26434.php). Ann Pettifor stimmt der Rifkinschen These, dass für einen ökologischen New Deal mehr Wachstum notwendig sei, nicht zu; vielmehr fordert sie, „die Funktionsweise des Geldes (und des Kapitals, JS) innerhalb des globalen Systems neu (zu) justieren“.

Fazit

„Green Deal“, dieses Versprechen kann nur funktionieren, wenn es gelingt, die vielfältigen Krisensituationen nicht nur mit institutionellen und machtpolitischen Mitteln anzugehen, sondern Klimakrise und andere globale Entwicklungen als Dimensionen der individuellen und kollektiven Zumutungen des Lebens zu begreifen. Das sind keine neuen Visionen, und schon gar keine Illusionen. Die zahlreichen Anregungen, Beispiele, Theorien und Konzepte eines „Green New Deal“ machen Mut und vermitteln Kraft zur Verwirklichung; nicht, damit paradiesische Zustände in die Welt einkehren, sondern humane, menschenwürdige Wirklichkeiten, wie sie uns in der globalen Ethik, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 vorgesagt wurde: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.02.2021 zu: Ann Pettifor: Green New Deal. Warum wir können, was wir tun müssen. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-86854-338-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27787.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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