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Roland Fürst, Wolfgang Hinte (Hrsg.): Sozialraumorientierung 4.0

Cover Roland Fürst, Wolfgang Hinte (Hrsg.): Sozialraumorientierung 4.0. Das Fachkonzept: Prinzipien, Prozesse & Perspektiven. UTB (Stuttgart) 2020. 293 Seiten. ISBN 978-3-8252-5515-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: UTB - UTB-Band-Nr.: 5515. Soziale Arbeit.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Autoren haben gemeinsam bereits im Jahr 2014 das Buch „Sozialraumorientierung. Ein Studienbuch zu fachlichen, institutionellen und finanziellen Aspekten“ herausgebracht, das von mir rezensiert wurde (https://www.socialnet.de/rezensionen/18333.php). Dieses Buch ist inzwischen in der dritten Auflage erschienen. Mit dem vorliegenden Buch haben die Autoren sich gegen eine vierte Auflage und für eine Neufassung mit aktuelleren Beiträgen von unterschiedlichen Autor*innen entschieden, „um den derzeitigen Anforderungen der Leserschaft in Profession und Disziplin gerecht zu werden, denn der Boom, den das Fachkonzept Sozialraumorientierung ausgelöst hat, ist ungebrochen“ (S. 7). Wie das erste ist auch dieses Werk ein Kompendium zum aktuellen Stand der Debatte um das Fachkonzept Sozialraumorientierung und seiner Entwicklung in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit.

Herausgeber

Prof. Dr. Roland Fürst ist Department- und Studiengangsleiter Soziale Arbeit an der Fachhochschule Burgenland mit dem Lehr- und Forschungsschwerpunkt Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

Prof. Dr. Wolfgang Hinte, Prof i.R., war langjähriger Leiter des Instituts für Stadtteilentwicklung, Soziale Arbeit und Beratung (ISSAB) an der Universität Duisburg-Essen.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von der Einleitung der Herausgeber besteht das Buch aus vier Kapiteln, die 19 Beiträge von 28 Autor*innen enthalten.

Das erste Kapitel enthält einen Beitrag von Wolfgang Hinte mit dem Titel Original oder Karaoke – was kennzeichnet das Fachkonzept Sozialraumorientierung? Hinte skizziert hier zunächst die bekannten fünf Prinzipien des Fachkonzepts Sozialraumorientierung, geht anschließend auf die betreffenden „Verkürzungen und Missverständnisse“ ein und erläutert, was das Fachkonzept Sozialraumorientierung charakterisiert.

Im zweiten Kapitel des Buches geht es um „Die fünf Prinzipien: Grundlagen, Vertiefungen und Praxisbeispiele“:

  • Es beginnt mit dem Beitrag „Ja, dürfen‘s denn das?“ – Die Welt als normierter Wille und sozialräumliches Vorstellungsvermögen“. Manfred Tauchner, Professor und Studiengangsleiter an der Fachhochschule Burgenland, reflektiert kundig das Prinzip „Ansatz am Willen“ philosophisch und historisch,
  • während im zweiten Beitrag Bernhard Demmel, selbstständiger Organisationsberater, Trainer und Coach, sich in seinem Beitrag „Die Orientierung am Willen in der Praxis – einfach, aber nicht leicht“ mit praktischen Herausforderungen bei der Umsetzung des ersten Prinzips befasst.
  • In ihrem Beitrag „Uns wird der Arsch nicht mehr hinterhergetragen.“ – Behinderte Menschen und die Umsetzung des BTHG in Deutschland beleuchten und präzisieren Frank Dieckbreder, Vorstand des Diakonieverbunds Schweicheln e.V. und Sarah Dieckbreder-Vedder, Leiterin des Bereichs Psychosoziale Rehabilitation des Ludwig-Steil-Hofs in Espelkamp, die im Prinzip zwei (Aktivierende Arbeit hat Vorrang vor betreuender Tätigkeit – Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe) getroffenen Aussagen zu den Chancen der Nutzung der eigenen Aktivität von behinderten Menschen im Zusammenhang mit dem deutschen Bundesteilhabegesetz.
  • Andrea Stonis, Thomas Steinberg und Karen Haubenreisser, alle drei von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg, erläutern in ihrem Beitrag Personelle und sozialräumliche Ressourcen kreativ verbinden das dritte Prinzip der konsequenten Ressourcenorientierung in ihrer Einrichtung im Rahmen der Eingliederungshilfe und des Hamburger Modellprojekts Qplus.
  • Michael Noack, Professor an der Hochschule Niederrhein, stellt in seinem Beitrag Diverse Gruppen im Quartier den zielgruppen- und bereichsübergreifenden Blick beim sozialraumorientierten Arbeiten exemplarisch im Zusammenhang mit Diversität und Intersektionalität in lokalen Quartieren dar.
  • Im letzten Beitrag des zweiten Kapitels beleuchten die Herausgeber, Wolfgang Hinte und Roland Fürst, die Dominanz des ökonomischen Systems, die Solidarität verhindert, und Finanzierungsparadigmen, welche die gewünschte Kooperation hemmen. Sie zeigen zugleich auf, dass es zahlreiche Modelle gibt, die belegen, dass eine Abkehr vom dominierenden herkömmlichen System möglich und erfolgreich ist.

Im dritten Kapitel geht es um konkrete Projekte und Prozesse in verschiedenen Organisationen und Gebietskörperschaften:

  • Im ersten Beitrag dieses Kapitels beschreiben Hanne Stiefvater, Karen Haubenreisser und Armin Oertel, am Beispiel einiger sozialraumorientierter Initiativen und Projekte, wie ihre Einrichtung, die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg, sich „von der Sonderwelt ins Quartier“ und deren ursprünglicher Community-Care-Ansatz sich zum Sozialraumkonzept entwickelt hat.
  • In ihrem Beitrag Weniger ist mehr: Innovation durch Kooperation in der Grazer Kinder- und Jugendhilfeerläutern Ingrid Krammer, Abteilungsleiterin des Amtes für Jugend und Familie der Stadt Graz, und Michael Terler, Professor an der Fachhochschule in Graz, den Aufbau kooperativer Strukturen in der Grazer Kinder- und Jugendhilfe. Sie zeigen, „wie durch kooperatives Verhalten Innovationen im sozialen Bereich entstehen können und der Nutzen für die Adressat/innen der Leistungen dadurch signifikant gesteigert wird“ (S. 123).
  • Christa Quick und Matthias Kormann, Geschäftsführer*in der Einrichtung Familien Support Bern West, beschreiben in ihrem Beitrag Professionelle Gestaltung von flexiblen Unterstützungsprozessen am Beispiel Familien Support Bern West die konkrete Umsetzung des Fachkonzepts Sozialraumorientierung in ihrer Organisation als flexible Unterstützungsprozesse für Kinder, Jugendliche und Familien.
  • Der Geschäftsführer der Einrichtung Jugend am Werk Steiermark, Walerich Berger berichtet im darauffolgenden Interview-Beitrag Sozialraumorientierung: Ein Paradigmenwechsel für Unternehmen, Mitarbeitende und Menschen mit Behinderungen über die Auswirkungen des Paradigmenwechsels in Richtung Sozialraumorientierung für verschiedene Ebenen seiner Einrichtung, die Leistungen für Menschen mit Behinderungen anbietet.
  • Thomas Wittmann, Budgetverantwortlicher und Controller im Amt für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Rosenheim, stellt in seinem Beitrag Sozialraumorientierte Jugendhilfe in der Stadt Rosenheim: Ein Finanzierungsmodell zur Unterstützung sozialarbeiterischer Fachlichkeit den Zusammenhang zwischen der Unterstützung sozialarbeiterischer Fachlichkeit und einem Finanzierungsmodell dar, das auf dem Budgetgedanken beruht.
  • In dem Beitrag Zwischen Abgabemustern und Elternaktivierung: Von der Notwendigkeit Grenzen neu zu denken erläutert André Chavanne, Geschäftsführer der Schoio AG aus Langenthal in der Schweiz, wie sich Grenzen zwischen einzelnen Leistungssäulen mehr und mehr auflösen, wenn man mit sozialräumlichem Blick der Dynamik von Familiensystemen folgt.
  • In ihrem Beitrag Passgenaue Massnahmen im Rahmen sozialräumlicher Kooperationen von Sozialdiensten und Leistungserbringern im Kanton Bern präsentieren Margrit Lienhart, SORA Co-Gesamtleiterin und Alexander Kobel, stv. Leiter der Abteilung Soziales der Schweizer Gemeinde Ittigen, die Erfahrungen bei der Entwicklung der vertraglich vereinbarten Kooperation einiger Sozialdienste mit der Organisation SORA im Kanton Bern, um mit sozialräumlichem Blick passgenaue Maßnahmen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu entwickeln.
  • Ein Unternehmen integriert Sozialraumorientierung lautet der Titel des nächsten Beitrags von den Mitarbeitenden der Diakonie de La Tour in Kärnten Hannes Schindler, Bettina Oschgan, Elisabeth Pilch, Matthias Liebenwein und Martin Baumann, die am Beispiel der Quartierarbeit und der stationären Kinder- und Jugendhilfe das konsequente sozialräumliche Arbeiten als eine strategische Neuorientierung aus verschiedenen Blickwinkeln beschreiben.
  • Im letzten Beitrag des Kapitels Sozialraumorientierung in der Freien und Hansestadt Hamburg – dargestellt am Jugendamt Wandsbek berichtet Birgit Stephan, langjährige Beraterin und Unterstützerin im Umsetzungsprozess des Fachkonzepts Sozialraumorientierung, wie sich Sozialraumorientierung als eine zentrale fachliche Grundlage in einem partizipativen Prozess im Jugendamt Hamburg-Wandsbek gestaltet.

Forschungsbefunde und Perspektiven sind die Themen der Beiträge im vierten Kapitel:

  • Im ersten Beitrag „Gibt es dazu auch Forschungsergebnisse?” – Zur Empirie der „Big Five“ fasst Michael Noack Forschungsergebnisse zusammen, die sich auf die fünf Prinzipien des Fachkonzepts Sozialraumorientierung beziehen.
  • Roland Fürst nennt in seinem Beitrag Professionelles Schreiben und Dokumentieren als Grundlage fachlicher sozialräumlicher Sozialer Arbeit Leitlinien für das Verfassen von Berichten, Gutachten und Dokumentationen in der sozialräumlichen Arbeit,
  • während Stefan Bestmann, Professor und Studiengangsleiter des Fernstudiums Soziale Arbeit (BA) an der IUBH Internationale Hochschule, mit dem letzten Beitrag Auf dem Weg zu einer Theorie Sozialer Arbeit? Baustellen, Entwicklungsnotwendigkeiten und Perspektiven sozialräumlicher Arbeit den Band mit Hinweisen auf die letztgenannten Zusammenhänge abrundet.

Diskussion

Wie auch das erste gemeinsame Buch der Autoren zeigt auch das vorliegende, dass das Fachkonzept Sozialraumorientierung im deutschsprachigen Raum sehr verbreitet ist und in sehr vielen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit umgesetzt wird. Somit trägt dieser Sammelband auch dazu bei, das Fachkonzept Sozialraumorientierung zur Kenntnis zu nehmen und im fachlichen, institutionellen, finanziellen und methodischen Kontext zu diskutieren sowie die bisher geleisteten Arbeiten in zahlreichen Arbeitsfeldern anzuerkennen.

Die meisten Beiträge bauen mit weiterführenden inhaltlichen Perspektiven auf die im ersten Buch gelegten Grundlagen auf und beschreiben zumeist Bezug nehmend auf die einzelnen Handlungsprinzipien des Fachkonzepts, wie diese in den Einrichtungen in verschiedenen Bereichen umgesetzt werden. Die Autor*innen vertreten zumeist in führender Position Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe, der Behindertenhilfe und anderer, in denen Sozialraumorientierung als handlungsleitendes Fachkonzept verankert wurde.

Fazit

Das Buch ist übersichtlich, klar und plausibel aufgebaut. Die sehr informativen Beiträge sind verständlich und anschaulich geschrieben. Sie sind didaktisch gut aufbereitet und flüssig lesbar. Das Buch kann daher für Studierende, Lehrende, Praktiker*innen und andere an Sozialraumorientierung interessierte Personen empfohlen werden. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass die Anwendungen und Anregungen in Wissenschaft und Praxis aufgenommen und weiterbearbeitet werden.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 11.02.2021 zu: Roland Fürst, Wolfgang Hinte (Hrsg.): Sozialraumorientierung 4.0. Das Fachkonzept: Prinzipien, Prozesse & Perspektiven. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5515-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27796.php, Datum des Zugriffs 16.05.2021.


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