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Andreas Reckwitz: Subjekt

Cover Andreas Reckwitz: Subjekt. UTB (Stuttgart) 2021. 4. aktual. u. ergänzte Auflage. 221 Seiten. ISBN 978-3-8252-5455-1. 20,00 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Einsichten. Themen der Soziologie - 2.
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Thema

Das Standardwerk „Subjekt“ von Andreas Reckwitz ist in einer vierten, aktualisierten und ergänzten Ausgabe erschienen. Der Soziologe führt in seinem Buch in die kulturwissenschaftliche Subjektanalyse ein. Er vereint dabei „soziologische, historische, literaturwissenschaftliche [und] kulturanthropologische“ Zugänge der Subjektanalyse, die danach fragen, unter welchen historischen, sozialen und kulturellen Bedingungen das Subjekt „zu einem solchen ›gemacht‹ wird“ (13). Hierfür stellt Andreas Reckwitz verschiedene Autoren und Autorinnen des Strukturalismus und Poststrukturalismus als zentrale Referenzpunkte der Subjektanalyse heraus. Präsentiert werden die subjekttheoretischen Analysestrategien von Foucault, Bourdieu, Lacan, Laclau und Butler, ebenso wie Ansätze des Postkolonialismus sowie Medien- und Mentalitätstheorien, hier insbesondere die Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours. Andreas Reckwitz begreift das Subjekt als ein „heuristisches Schlüsselkonzept der kultur- und Sozialwissenschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (14), als ein begriffliches Werkzeug für die Analyse (spät-)moderner Gesellschaften und ihrer Subjekte.

Autor

Andraes Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und durch zahlreiche Publikationen zu Kulturtheorien und Subjekt bekannt. Sein Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (2017) wurde sowohl in der Presse als auch innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses breit rezipiert (siehe bspw. das „Reckwitz-Buchforum“ auf Soziopolis) und erhielt 2017 den Bayerischen Buchpreis. 2019 erschien „Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“ (2020 mittlerweile in der der siebten Auflage), in der sich Andreas Reckwitz erneut dem gesellschaftlichen Strukturwandel von Moderne zu Spätmoderne widmet (siehe auch die Rezension dazu auf socialnet Rezensionen: Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen | socialnet.de). Andreas Reckwitz wurde 2019 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet, seine Monographie „Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne“ (Erstauflage 2006, sechs Auflagen bis 2019) ist seit 2020 ebenfalls als überarbeitete Neuauflage erhältlich.

Entstehungshintergrund

Wie bereits deutlich geworden ist, ist an Andreas Reckwitz nicht vorbeizukommen, wenn man sich mit kulturwissenschaftlichen Analysen des modernen Subjekts sowie einer westlichen Kultur- und Sozialgeschichte vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart beschäftigt. Sein hier besprochenes Standardwerk „Subjekt“ (Erstauflage 2008) steht in thematischer Verbindung mit „Das hybride Subjekt“ (2006) und „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2012). Andreas Reckwitz formuliert selbst, dass sich das hier besprochenen Buch „Subjekt“ in „einem komplementären Verhältnis“ (28) zum „hybriden Subjekt“ befindet: „Während dort [im hybriden Subjekt, Anmerkung L.H.] eine Geschichte der modernen Subjektivierungsweisen beschrieben wird, geht es hier um die Darstellung und Diskussion jener subjekttheoretischen Ansätze, die eine solche Analyse von Subjektivität in den Sozial- und Kulturwissenschaften anleiten können“ (28). Diese subjekttheoretischen Ansätze ergänzt Andreas Reckwitz in der Neuauflage von 2021 um die Arbeiten Bruno Latours, um aktuelle Analysen zur creativ economy sowie um ein zusätzliches Kapitel zu „Theorien post- und spätmoderner Subjektivitäten“.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Einleitung Reckwitz‘, die den Titel „Schwankende Gestalten: Die Analyse von Subjekten im Zeitalter ihrer Dezentrierung“ trägt.

Es folgen unter Punkt II sieben „zeitgenössischen Programme der Subjektanalyse“, in der Reckwitz auf jeweils ca. 15 bis 20 Seiten die subjekttheoretischen Analysestrategien von Foucault, Bourdieu, Lacan, Laclau, Butler, Latour sowie von Postkolonialen Ansätzen skizziert. Das Kapitel schließt mit Andreas Reckwitz‘ Konklusion zu „Theorien moderner und postmoderner Subjektivitäten I“ sowie mit dem in dieser Ausgabe neu ergänztem Kapitel „Theorien post- und spätmoderner Subjektivitäten II“.

Im letzten Kapitel III „Elemente einer kulturwissenschaftlichen Subjektanalyse: Ein heuristischer Bezugsrahmen“ „verarbeitet“ (185) Andreas Reckwitz die verschiedenen Perspektiven mit dem Ziel, daraus einen forschungsanleitenden Bezugsrahmen bzw. einen „praxeologisch-poststrukturalistische[n] Katalog möglicher forschungsleitender Gesichtspunkte“ (185) zu entwickeln.

Inhalt

Im ersten Abschnitt (Kapitel I) „Schwankende Gestalten“ widmet sich Andreas Reckwitzder Geburt moderner Subjekte [H. i. O.]“ (9). Der Autor skizziert wie das moderne, bürgerliche Subjekt entsteht. Es „ist nicht mehr das Subjekt der klassischen Subjektphilosophie“ (15), nicht mehr das autonome Subjekt, wie es sich in der Frühen Moderne von 1600 bis 1800 bei Descartes, Hegel, Kant oder auch Hobbes findet. Diese spezifisch klassische Philosophietradition ist „eng gekoppelt an eine bestimmte ›große Erzählung‹ der Moderne, ein Verständnis der Moderne als eine gesellschaftliche Formation, welche eine Emanzipation des Subjekts, eine Entbindung der im Subjekt angelegten Potenziale der Autonomie betreibt“ (16). Doch eben dieser Diskurs, dieses westlich geprägte Denken gerät seit dem 19. Jahrhundert zunehmend in Kritik. Das moderne Subjekt enthält, so die neue Vorstellung, keinen unverwechselbaren, natürlichen Identitätskern mehr. Das Subjekt der Strukturalisten und Poststrukturalisten wird „dezentriert“ (ebd.), es schwankt, es wird vom Tod des Subjekts gesprochen und gemeint ist damit, dass das Subjekt „seinen Ort als Null- und Fixpunkt des philosophischen und humanwissenschaftlichen Vokabulars“ (17) verliert. Und so spricht Andreas Reckwitz auch nicht von einer „Theorie des Subjekts [H.i.O]“, sondern beschreibt das Subjekt als „Fluchtpunkt einer bestimmten analytischen Strategie [H.i.O]“ (14).

In den Blick geraten nun vielmehr die pluralen und komplexen Abhängigkeiten von und Verwobenheiten mit gesellschaftlichen Strukturen, theoretisch verschiebt sich die Relation zwischen Individuum und Gesellschaft. Und so wird nicht mehr ein Identitätskern proklamiert, sondern nach dem „Prozess der Produktion“ (14), eben nach dem Prozess der Subjektivierung gefragt. Diese Form der Analyse widmet sich den jeweiligen, historisch variierenden, kulturell und sozial hervorgebrachten Formen, die Subjekte einnehmen (können), sie fragt nach „Subjektkulturen“ und „Subjektordnungen“ (14). Als leitende Forschungsfrage dieser Subjektanalyse formuliert Andreas Reckwitz dann: „Welche Codes, Körperroutinen und Wunschstrukturen muss sich der Einzelne in einem jeweils historisch-kulturellen Kontext einverleiben, um zum zurechenbaren, von sich selber und anderen anerkannten ›Subjekt‹ zu werden?“ (18).

Nach dieser ersten theoretischen Verortung strukturalistischer und poststrukturalistischer Argumente präsentiert Andreas Reckwitz in zweiten Teil seines Buches sieben Autor*innen und Ansätze in ihren durchaus unterschiedlichen subjekttheoretischen Analysestrategien. Um zwei Beispiel zu nennen: Während mit Michel Foucault das Subjekt im Zentrum der Analyse und am Kreuzungspunkt von Diskursen, Dispositiven, Gouvernementalität und Selbsttechnologien steht (vgl. 31), erhebt Pierre Bourdieu das Subjekt zum Träger des Habitus, zum Träger inkorporierter Dispositionen (vgl. 53).

Mit dem Kapitel II/8 liefert Andreas Reckwitz einen „Überblick über neuere Vorschläge, Subjektkulturen für verschiedene Phasen der Moderne und insbesondere Postmoderne – zwischen Ästhetisierung und Ökonomisierung – zu rekonstruieren“ (28). Er tritt dabei analytisch einen Schritt zurück und nimmt einen Metablick nicht nur auf die poststrukturalistischen Ansätze ein, sondern auf die gesamte soziologische Subjektanalyse. Den ersten „kultursoziologischen[n] Schub des Interesses am Subjekt“ (150) verortet Andreas Reckwitz mit Beginn des 20. Jahrhunderts und der Entstehungszeit der Soziologie, als u.a. in Max Webers, Georg Simmels und Norbert Elias‘ Schriften eine bürgerliche Persönlichkeitsstruktur analysiert wird. In den 1940 und 50er Jahren folgt das „nach-bürgerliche Subjekt in der Nachkriegszeit“ (152), welches auch im veränderten Vokabular des Sozialcharakters u.a. in den Schriften David Riesmans, Herbert Marcuses und Erich Fromms auftaucht. Deutlich wird damit einmal mehr, dass auch die poststrukturalistische Form der Subjektanalyse „das Produkt einer bestimmten historischen Phase in der Geschichte der Moderne“ ist, welche in den 1960er Jahren beginnt und mit „der Entstehung einer gesellschaftlich-kulturellen ›Postmoderne‹“ zusammenfällt (149). Mit zunehmendem Fokus auf die Massenkultur und der Diagnose der organisierten Moderne kommen im Laufe der Zeit, so rekonstruiert Andreas Reckwitz, Elemente einer Ästhetisierung und des Massenkonsums in den Fokus (vgl. 153). Mit dem postmodernen Subjekt richtet sich der Blick auf Prozesse der Ökonomisierung, wie sie z.B. von Ulrich Bröckling und Nikolas Rose beschrieben werden, seit den 2000er Jahren finden sich zahlreiche Ansätze, in denen Ökonomisierungs- und Ästhetisierungsprozesse in ihrer Verknüpfung untersucht werden.

In dem neu ergänztem Kapitel II/9 führt Andreas Reckwitz den Überblick über aktuelle Ansätze der Subjektivierungsanalyse fort und rekonstruiert drei weitere Schwerpunkte: „die Analyse der Emotionalisierung und Psychologisierung des Subjekts; Subjektivierungsprozesse im Raum digitaler Medien; schließlich die ›Wiederentdeckung‹ des Klassenaspekts der Lebensstile und damit auch der Subjektivierungsformen“ (168). Auch hier ordnet er Autor*innen und Forschungsthemen den drei analysierten Schwerpunkten zu, so steht beispielsweise Alain Ehrenbergs „Das erschöpfte Selbst“ für eine Psychologisierung des spätmodernen Subjekts, während Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ als eine zeitgenössische Klassenanalyse verortet wird.

Mit dem letzten, dritten Kapitel „Elemente einer kulturwissenschaftlichen Subjektanalyse“ will Andreas Reckwitz einen Ausblick auf einen heuristischen Bezugsrahmen für die Verzahnung von Subjekt- und Kulturanalyse liefern. Hierbei bündelt der Autor die zuvor herausgestellten Elemente einer kulturwissenschaftlichen Subjektanalyse mit der Intention, einen „praxeologisch-poststrukturalistische[n] Katalog möglicher forschungsleitender Gesichtspunkte [zu liefern, Anmerkung L.H.], die helfen können, nach Subjektformen zu suchen“ (185). Als eine Art Collage möglicher Forschungsperspektiven nennt er Praktiken und Codes, Performanz und Diskurse, Identitäts- und Subjektformen, soziale Felder und Klassen, Homologien und Hegemonien, historische Kulturkonflikte, Hybriditäten, Diskontinuitäten sowie Intertextualitäten.

Diskussion

Das Buch „Subjekt“ thematisiert eine der grundlegendsten Fragen der Kultur- und Sozialwissenschaften: Was ist das Subjekt und wie wird es, auch theoretisch, zu einem gesellschaftlich zurechenbaren Subjekt? Andreas Reckwitz liefert einen theoretisch versierten sowie gewinnbringenden erkenntnistheoretischen Überblick über das kultursoziologische Interesse am Subjekt. Es gelingt ihm dabei nicht nur, in komprimierter und pointierter Weise bekannte Vertreter und Vertreterinnen des Poststrukturalismus darzustellen, sondern auch, die damit verbundenen theoretischen Auseinandersetzung und Perspektivverschiebungen zu kontextualisieren. So rekonstruiert der Autor in Kapitel II/7 nicht nur die Entstehung des Interesses am Subjekt, sondern verdeutlicht noch einmal mehr, dass das postmoderne Denken eine Neuinterpretation der gesamten Moderne (seit ihrem Beginn im 17/18 Jahrhundert) und damit eine Neuinterpretation des liberalen, modernen Selbstverständnisses als Modernisierungstheorie bedeutet (vgl. 155). An diesem Punkt skizziert Andreas Reckwitz das theoretische Fundament, welches sich auch in seinen anderen Arbeiten, beispielsweise im viel diskutierten „Die Gesellschaft der Singularitäten“, wiederfindet. Die Moderne stellt keine eindeutige, homogene Subjektstrukturen mehr her, in den Blick geraten nun vielmehr Auseinandersetzung darum, was das Subjekt ist, wie es sich formt und geformt wird und welche widerstreitenden Kräfte am Werk sind. Eben vor diesem Hintergrund deutet Andreas Reckwitz die Entstehung verschiedener Subjektkulturen im Zusammenspiel mit gesellschaftskulturellen Entwicklungen.

Fazit

Andreas Reckwitz Buch „Subjekt“ gilt nicht umsonst als Standardwerk, stellt es doch eine pointierte und strukturierte Einführung in die Subjektanalyse und ihre theoretische Herkunft dar. Es gelingt ihm meisterhaft, die verschiedenen und komplexen Theorien, die auch jeweils einzeln gelesen werden können, auf ihre Subjektanalysen zu verdichten und damit zugänglich zu machen. Durch die rahmenden Kapitel I und III sowie Reckwitz‘ Ausführungen zu den Theorien moderner, postmoderner und spätmoderner Subjektivitäten (Kapitel II/8 und II/9) erhalten auch die Leserinnen und Leser, die bereits mit anderen Arbeiten Reckwitz‘ vertraut sind, eine gebündelte Zusammenfassung wichtiger forschungsleitender Annahmen des Autors selbst.


Rezension von
Dr. Laura Hanemann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Lehrstuhl für Soziale Entwicklungen und Strukturen
Homepage www.ls2.soziologie.uni-muenchen.de/personen/wissens ...
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Zitiervorschlag
Laura Hanemann. Rezension vom 11.03.2021 zu: Andreas Reckwitz: Subjekt. UTB (Stuttgart) 2021. 4. aktual. u. ergänzte Auflage. ISBN 978-3-8252-5455-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27805.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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