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Swantje Lahm, Thomas Hoebel (Hrsg.): Kleine Soziologie des Studierens

Cover Swantje Lahm, Thomas Hoebel (Hrsg.): Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer. UTB (Stuttgart) 2020. 129 Seiten. ISBN 978-3-8252-5573-2. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 13,50 sFr.
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Thema

Der Studienalltag ist nicht immer leicht zu bewältigen und kann mit einigen Herausforderungen einhergehen. Sprechstunden beim Prüfungsamt oder mit Dozierenden halten unerwartete Hürden bereit und führen nicht immer zum Ziel. Das Wesentliche in einem kaum verstandenen, hoch anspruchsvollen Text zu identifizieren, scheint schier unmöglich. Außerdem ist man durch die bereits mit Fachtermini hantierenden, wesentlich kompetenter erscheinenden KommilitonInnen verunsichert.

Das Buch „Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer“, herausgegeben von Swantje Lahm und Thomas Hoebel, greift ebenjene alltäglichen Erfahrungen und Herausforderungen rund um das Thema Studium auf und bettet sie in kurzweilige, soziologisch inspirierte Essays ein. Titel und Untertitel weisen auf den Hybridcharakter des Werkes hin (S. 9 f.). Ein zentraler Bestandteil der Essays ist es, Phänomene im Studium unter soziologischer Perspektive zu beleuchten. Wie lässt sich mit Erwing Goffman und seinem Begriffsapparat zu Rahmenanalysen der Aufbau einer Sprechstunde theoretisch fassen (Lahm)? Auf welche Art und Weise kann Pierre Bourdieu´s Konzept der Habitustranformation zum Verständnis von doppelten Entfremdungserfahrungen bei BildungsaufsteigerInnen (im Elternhaus sowie im Studium) beitragen (Kreitz)? Gleichzeitig geben die AutorInnen aber auch immer wieder praktische Tipps und Tricks preis, die den Studienalltag zu erleichtern vermögen. Um bei den genannten Beispielen zu bleiben: Welchen Mitteln können sich Studierende in Sprechstunden bedienen, um Nützliches aus der Besprechung mitzunehmen? Welche Vorteile ergeben sich daraus, aus einem nicht-akademischen Herkunfsmilieu zu entstammen? Dieses doppelte Anliegen charakterisiert alle Beiträge des Werkes. Ziel ist es, ein soziologisch angereichertes Verständnis für Studienphänomene zu schaffen und darüber hinaus Handlungsempfehlungen zur Bewältigung von potentiellen Herausforderungen mit auf den Weg zu geben.

HerausgeberInnen

HerausgeberInnen des Buches sind Swantje Lahm und Thomas HoebelLahm ist Historikerin und Schreibdidaktikerin sowie Mitarbeiterin im Schreiblabor der Universität Bielefeld. Sie ist unter anderem Co-Autorin von „Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf“ (mit Andrea Frank & Stefanie Haacke, 2007, J.B. Metzler-Verlag). Zudem veröffentliche sie das Werk „Schreiben in der Lehre, Handwerkszeug für Lehrende (2016, UTB-Verlag).

Hoebel ist Soziologe am Hamburger Institut für Sozialforschung. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Prozesssoziologie und Gewaltforschung. So gehören zu Hoebels Publikationen unter anderem „Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie“ (mit Wolfgang Knöbl, 2019, Hamburger Edition.) oder „Reputation und Randständigkeit. Andrew Abbott und die Suche nach der prozessualen Soziologie“ (mit Wolfgang Knöbl & Aaron Sahr, In: Andrew Abbott: Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie. 2020, Hamburger Edition). Die HerausgeberInnen tragen die Einleitung, das Nachwort sowie je einen eigenen Essay zu diesem Werk bei. Die 17 weiteren AutorInnen sind über das Inhaltsverzeichnis (siehe oben) einzusehen.

Aufbau

Die „Kleine Soziologie des Studierens“ (129 Seiten), besteht aus Vorwort und Nachwort der HerausgeberInnen sowie 18 Hauptbeiträgen. Das Buch ist, Schwierigkeiten einer klaren Abgrenzung zum Trotz, in vier Abschnitte eingeteilt. Die Beiträge sind den Kapiteln „Sein und Werden“ (S. 13–32), „Sprechen und Handeln“ (S. 33–64), „Sehen und Denken“ (S. 65–96) sowie „Lesen und Schreiben“ (S. 97–126) zugeordnet.

Die jeweils sechs bis sieben Seiten langen Essays sind einem bestimmten Muster entsprechend aufgebaut. Alle AutorInnen wählen ein studiumspezifisches Phänomen aus, beleuchten es mit Zuhilfenahme von soziologischen Begriffen und Theorien und geben Ratschläge zur Bewältigung der resultierenden Schwierigkeiten. Unterschiede zwischen den Beiträgen lassen sich in dem Verhältnis zwischen den beiden Polen von Analyse und Praxis erkennen. Einige fokussieren die Anwendung soziologischer Theorien auf den Themenbereich (Rahm oder Lahm), andere hingegen stellen praktische Handlungsempfehlungen in den Vordergrund (Shattka oder Daubner). Zum Abschluss geben die AutorInnen je einen, an das Beitragsthema angelehnten und weiterführenden, Lektürevorschlag.

Inhalt

Im Inhaltsverzeichnis (siehe oben) können die unterschiedlichen Themenfelder der 18 Essays eingesehen werden. Aufgrund der Vielzahl wird im Folgenden pro Kapitel lediglich ein Essay exemplarisch vorgestellt:

Sein und Werden (S. 13–32)

Kreitz befasst sich, autobiografisch inspiriert, mit BildungsaufsteigerInnen und ihren emotionalen Schwierigkeiten. Diese werden mit Hilfe von soziologischen Begriffen und Konzepten verstehbar. So stellt sich soziale Scham ein, wenn die Zugehörigkeit zu einem sozialen Umfeld als unsicher empfunden wird (S. 21). Außerdem führt die bildungsaufstiegsbedingte Habitustransformation zur „doppelten Fremdheit“ (S. 23). Die Betroffenen distanzieren sich zunehmend von Einstellungen und Verhaltensweisen der eigenen Familie. Doch auch die, auf hohem wissenschaftlichem Niveau diskutierenden, KommilitonInnen erscheinen fremd. Doch lässt sich daraus auch etwas Positives ziehen: Für Kreitz ist es gerade die soziale Beweglichkeit der BildungsaufsteigerInnen, die den Horizont erweitert und für Fragen des Miteinanders sensibilisiert (S. 24 f.).

Sprechen und Handeln (S. 33–64)

Im Beitrag von Rahn werden Grundbegriffe von Goffmans viel zitierten Werk „Wir alle spielen Theater“ aufgenommen, um die Darstellungen der im Titel genannten typischen Soziologie-Studierenden zu analysieren. Dem scheinbar allwissenden, philosophisch geschulten, Genius gelingt es durch eine bestimmte dramaturgische Gestaltung seine Rolle adäquat vorzubereiten. Die Verwendung besonders anspruchsvoller Sprache lässt sich unter Goffmans Begriff der Idealisierung fassen (S. 36). Die besondere Beziehung zwischen dem Kronprinzen und den Dozierenden lässt sich als eine Form von Ensemble-Bildung begreifen. Durch das Duzen bricht der Kronprinz mit der Technik der Mystifikation der Lehrperson und inszeniert mit ihm/ihr zusammen eine Lehrveranstaltung (S. 37 f.). Die, in diesem Fall, humoristischen Handlungsempfehlungen im Umgang mit beiden Typen ähneln sich: Es gilt in erster Linie Ruhe zu bewahren. Während Störungsstrategien die Darstellung des Genius zu entlarven vermögen, kann der Kronprinz als Erfüllungsgehilfe für die eigene Seminarbewältigung betrachtet werden (S. 36, 38).

Sehen und Denken (S. 65–96)

Ausgehend von den empirischen Erkenntnissen, dass Soziologiestudierende in der Regel zwar in großem Maße gesellschaftspolitisch motiviert sind, jedoch immer mehr zu einer strukturell homogenen Gruppe werden (S. 71, 73), fordert Bogusz auf, den Gang an außergewöhnliche Orte zu bestreiten. Ethnografisch inspiriert argumentiert sie, dass weder brillante Essays noch präzise Messungen das Erfahrungswissen ersetzen können. „Sozial und kulturell heterogene Labore zu konzipieren und zu kuratieren“ (S. 73) stellt eine wesentliche Kompetenz von SoziologInnen dar und der Aufbau des Studiums (Beispiel Labor-Seminare) sollte auch die Möglichkeit dafür bieten. Auch wenn der Gang an außergewöhnliche Orte einschüchtern kann, ist, mit Verweis auf Durkheim, die Bereitschaft sich überraschen zu lassen unabdingbar für neue wissenschaftliche Erkenntnisse (S. 75).

Lesen und Schreiben (S. 97–126)

Galla und Meyhöfer thematisieren Schwierigkeiten im Umgang mit wissenschaftlicher Fachliteratur. Für den soziologisch inspirierten Input wird in vielen Fällen Niklas Luhmann herangezogen. Das Wesentliche des Textes zu erkennen, ist für StudienanfängerInnen schwierig, denn sie „sehen nicht, dass sie nicht sehen, was sie nicht sehen“ (Luhmann, zitiert in Galla & Meyhöfer, S. 99). Die Bewusstwerdung des eigenen Nichtsehens kann zum Lesenlernen soziologischer Texte verhelfen. Außerdem, ebenfalls an Luhmann angelehnt, wird beim Bearbeiten von wissenschaftlicher Lektüre unvermeidlich Abfall produziert (S. 101). Es gibt keine Garantie, dass sich die etlichen Notizen etwa in Form von Kommentaren am Seitenrand als nützlich erweisen werden. Diese Unsicherheit, muss allerdings keineswegs etwas Negatives bedeuten. Im Gegenteil: Das Durchstöbern vom Notizabfall hält die Hoffnung bereit, auf Brauchbares zu stoßen (S. 101 f.). Aus organisationssoziologischer Perspektive plädieren die Autoren deswegen für das „hemmungslose Produzieren von Notizabfall“ (S. 101).

Diskussion

Die „Kleine Soziologie des Studierens“ besticht in erster Linie durch die konzeptionellen Überlegungen der HerausgeberInnen und MitautorInnen. Den LeserInnen liegt weder ein weiterer Studienratgeber (ohne theoretische Reflexion), noch eine wissenschaftliche Studie über das Studieren (ohne Handlungsvorschläge) vor (S. 9 f.). Die Idee eines Hybriden aus Analyse und Praxisorientierung wurde in den 18 Beiträgen auf überaus anschauliche Art und Weise umgesetzt. Die Essays sind nicht nur informativ, sondern vor allem unterhaltsam, stilistisch und zu Teilen auch humoristisch. Darüber hinaus soll die Überlegung, Lektüreempfehlungen zum Abschluss der Essays hinzuzufügen, positiv hervorgehoben werden. Einige der Bücher haben es dabei auf die Leseliste des Rezensenten geschafft und sind sicher auch für andere LeserInnen interessant.

Der Rezensent befindet sich auf den Zielgeraden seines Masterstudiums der Sozialwissenschaften. Die Lektüre der „Kleine[n] Soziologie des Studierens“ zu einem früheren Zeitpunkt, hätte sich an einigen Stellen als nützlich erwiesen. Die Essays von Kreitz und Schmid haben mich als Bildungsaufsteiger schnell abgeholt, Bogusz schaffte es, mein Interesse für den Gang an außergewöhnliche Orten zu wecken. Der Beitrag von Schattka hat mich dazu angeregt, vermehrt unfertige Texte in die Hände von KommilitonInnen und Dozierenden zu geben, um ein regelmäßiges Feedback während des Schreibprozesses zu bekommen. Ich bin davon überzeugt, dass auch weitere LeserInnen von diesen und den anderen Beiträgen angesprochen werden sowie profitieren können.                                                                          

Auch wenn Beck in ihrem Essay die Relevanz von Kritik im Studium und Wissenschaftsbetrieb betont (S. 94), gibt es bei diesem Werk, mit Ausnahme von ein, zwei Tippfehlern, an keiner Stelle etwas auszusetzen. Stattdessen möchte ich abschließend das Potenzial für weitere, eine ähnliche Richtung einschlagende, Publikationen betonen. Gerade am Anfang des Studiums erschließt sich für Studierende der Zugang zu soziologischen Klassikern wie Bourdieu, Luhmann und Co. nur schwer. Wenn also in den nächsten Jahren auf die „Kleine Soziologie des Studierens“ auch eine große Soziologie folgt, wäre das sehr begrüßenswert und nützlich für Studierende sozialwissenschaftlicher Fächer. In diesem Fall können, über kurze soziologisch inspirierte Essays hinaus, Theorien konsequent und umfassender auf das Phänomen Studium angewandt werden.

Fazit

Beim „Büchlein“ (S. 9) „Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer“, herausgegeben von Lahm und Hoebel, handelt es sich um eine sehr gelungene und kurzweilige Sammlung von 18 unterhaltsamen Essays über das Abenteuer Studium. Das überaus interessante Konzept, soziologisch inspirierte Analysen mit einer hilfreichen Praxisorientierung zu kombinieren, wurde in allen Beiträgen voll umgesetzt. Für Studierende, die sich für Soziologie oder artverwandte Studiengänge entschieden haben, kann die Lektüre zu einem weitergehenden Verständnis von alltäglichen Studienphänomenen, sowie zu einer gewinnbringenden Reflexion des eigenen Handelns beitragen.


Rezension von
Daniel Ewert
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Zitiervorschlag
Daniel Ewert. Rezension vom 01.03.2021 zu: Swantje Lahm, Thomas Hoebel (Hrsg.): Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5573-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27806.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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