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Heinz Becker: Die große Welt und die kleine Paula

Cover Heinz Becker: Die große Welt und die kleine Paula. Eine Geschichte der Behinderung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 327 Seiten. ISBN 978-3-7799-6274-8. 29,95 EUR.
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Autor und Entstehungshintergrund

Heinz Becker ist Sozialpädagoge und hat seinen Berufsweg in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen gemacht. Unter anderem hat er im Rahmen der Enthospitalisierung an der Auflösung der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg mitgearbeitet. An der Hochschule Bremen war er viele Jahre als Lehrbeauftragter tätig.

Becker hat sich in einer Reihe von Beiträgen als kritischer Beobachter der Entwicklung der Geistigbehindertenhilfe gezeigt. Das vorliegende Werk stellt eine Summe seiner theoretischen und praktischen Erfahrungen dar.

Aufbau und Inhalt

Je nach Zählweise hat das Buch drei oder mehr thematische Stränge, die parallel chronologisch von der Zeit der späten Weimarer Republik an erzählt werden. Einen Strang bilden die Kapitel zur zeitgeschichtlichen Situation, hinzu kommen die jeweils aktuellen sozial- und behindertenpolitischen, aber auch die psychiatrischen oder pädagogischen Entwicklungen. Dazwischen verläuft die Lebenserzählung von Paula Kleine. Frau Kleine wurde – noch nicht dreijährig – 1931 aufgrund einer retardierten Entwicklung in einem Heim untergebracht und lebte bis zu ihrem Tod 2014 in Betreuung, davon bis 1988 in verschiedenen Heimen und Kliniken.

In einem persönlichen Vorwort schildert der Autor seine Bekanntschaft mit Frau Kleine und entfaltet seinen Plan, ihre Lebensgeschichte und im Zusammenhang damit die parallele Geschichte der Geistigbehindertenhilfe niederzuschreiben. Hier schildert er aber auch seinen verstörenden Eindruck von der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg um 1990, in der Frau Kleine damals gelebt hat.

Kapitel zwei fundiert den Plan des Buches in einer theoretischen Weise. Das Konzept der Spiegelung der allgemeinen Zusammenhänge in einer persönlichen Biografie wird hier unter Rückgriff auf den Meister der narrativen Medizin, Oliver Sacks, als ‚romantische Wissenschaft‘ gerechtfertigt. Dieses Konzept stammt von Alexander Luria, dem Nestor der sowjetischen Neuropsychologie, und ist von Sacks bekannt gemacht worden.

Das Leben der Paula Kleine wird in einer Reihe von kürzeren Kapiteln mit einigen Fotografien erzählt, beginnend bei einer Rekonstruktion der wahrscheinlichen Lebenssituation ihrer Eltern, die in der Misere der frühen 1930er Jahre wohl desolat war. Die erste Heim-Station von Frau Kleine ist dann das ‚Haus Reddersen‘ in Bremen, in das sie als kaum Dreijährige kommt. Ihre vier Geschwister werden getrennt von ihr in anderen Heimen untergebracht. 1939 wird sie mit weiteren Kindern aus Haus Reddsersen in die ‚Bremische Heil- und Pflegeanstalt Ellen‘ verlegt, wo viele der anderen Kinder an Unterernährung sterben. Nach neun Monaten erfolgt die Verlegung in das ‚Kloster Blankenburg‘ und von da – kurz nach der berühmten Predigt des Bischofs Galen gegen die sogenannte Euthanasie – nach Kutzenberg in Franken. Hier ist die weitere Verlegung in eine Tötungsabteilung bereits geplant, aber aufgrund des zunehmenden öffentlichen Unmutes nach dem Auftreten des Bischofs wird die Aktion T4, mit der das Euthanasie-Programm umgesetzt wurde, zunächst unterbrochen. Bis Kriegsende lebt Frau Kleine in Kutzenberg immer wieder in Angst vor dem Abtransport. Einmal wird sie von einer Klosterschwester auf dem Dachboden versteckt, als die Transportfahrzeuge anrücken. Nach dem Krieg bleibt sie bis 1979 in Kutzenberg. Im Lauf der Zeit werden viele ihrer älteren Mitbewohner von dort in ein Heim in Marktleugast verlegt. Frau Kleine zöge auch gerne dorthin, der Kostenträger in Bremen besteht aber nach 35 Jahren auf einer Rückverlegung nach Blankenburg. Es folgen zehn Jahre in Blankenburg bis die Einrichtung im Zuge der Enthospitalisierung aufgelöst wird.

Von nun an beginnt für Frau Kleine ein neues Leben jenseits von psychiatrischer Heimunterbringung in einer Dreier-WG der AWO in Bremen, sie besucht nun eine Tagesförderstätte und kommt in Kontakt mit Blaumeier. Das Blaumeier-Atelier ist ein inklusives Kunstprojekt, das seit 1986 besteht. Dort beginnt sie, eine Beschäftigung, das Seidenmalen, für sich zu entdecken, und nimmt als Schauspielerin bei berühmten Aufführungen der Blaumeier-Ateliers teil. Ein Höhepunkt dieses gänzlich anderen Lebensabschnittes ist eine Hauptrolle in dem preisgekrönten Spielfilm ‚Verrückt nach Paris‘. Es folgen Ehrungen in verschiedenen Ländern, aber auch ein altersmüder Abschied von der Schauspielerei. Mehrfach erleidet sie Unfälle, die sie beinahe wieder zurück in ein Heim – dieses Mal ein Pflegeheim – bringen. Ihre Mitbewohner und Betreuer erreichen aber ihre hinlängliche Rehabilitation, sodass sie weiter bis zu ihrem Tod 2014 in ihrer Wohnung bleiben kann.

Die sozialhistorische Darstellung beginnt mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs nach dem ersten Weltkrieg und dessen Hinterlassenschaft, die die Weimarer Zeit belastete. Die Entwicklungen der 20er Jahre bis zum Faschismus – mit den politischen Problemen der Demokratie Arbeitslosigkeit, Inflation und Hunger – sind dann schon die konkreten Lebensbedingungen, in die Paula Kleine geboren wird. Die Nazizeit wird mit ihren grotesken sozialpolitischen Ideen wie dem Rassenwahn und der Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘ behandelt, angereichert mit Beiträgen aus der Psychiatrie und der Pädagogik. Es folgen die Kapitel zum Sterilisationsprogramm, zur T4-Aktion und zum Hungerkosterlass.

Die Nachkriegszeit wird als Restauration beschrieben, mit der Wiedereinsetzung alter Nazigrößen – ob als Berater im Kanzleramt oder im wissenschaftlichen Beirat der neu gegründeten Lebenshilfe. Die Aufarbeitung der Taten in den Nürnberger Ärzteprozessen erscheint halbherzig, die Bemühungen um Entschädigung lückenhaft, zumindest für die Opfer der Massensterilisationen. Dabei wird ein angepasst weichgespültes Fortwirken von rassenhygienischen Denkmustern sichtbar. Die weitere Geschichte wird dann als Aufstieg des Neoliberalismus und nach der Auflösung des Ostblocks als entfesselte Globalisierung dargestellt. Sozialpolitik wird nun zum Kostenfaktor, Sozialabbau zum Programm.

Die Kapitel zur Geistigbehindertenpädagogik, ihren Leitzielen und ihrem Umfeld heben mit einer historischen Skizze der Entwicklung der Heilpädagogik an. Hier geht es um eine emanzipatorische Linie, die die Bildsamkeit der Menschen betont, und eine Linie, die die Betroffenen lediglich klassifiziert und dabei auch moralisch abwertet: Die Imbezillen sind die Anti-Sozialen schlechthin – so der Pädagoge der ‚Kinderfehler‘ Ludwig Strümpell um 1890. Diese zweite Linie trifft sich mit der starken Entwicklung des psychiatrischen Denkens und der Rassenhygiene um die Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert. Stationen, die hier behandelt werden, sind die Beiträge von Emil Kräpelin, Eugen Bleuler, Arthur de Gobineau, auch Charles Darwin, Cesare Lombroso und weiteren. Sie führen gemeinsam zur Entwicklung eines ‚eugenischen Konsenses‘ in der deutschen Gesellschaft der 1920er Jahre, auf diesen können die Nazis dann recht umstandslos aufbauen.

Für Paula Kleine ist das die Zeit ihrer Kindheit und Jugend. Das nimmt der Autor zum Anlass, ‚die Entstehung der geistigen Behinderung in der frühen Kindheit‘ zu erörtern. Er greift hier auf die Ergebnisse u.a. der Bindungsforschung zurück. Sozialisatorische Bedingungen von Deprivation und Isolation beeinträchtigen die Entwicklung von Menschen, die von Anfang an auf einen engen Austausch mit anderen angelegt sind. Eine diagnostische Etikettierung als minderbegabt führt durch Heimeinweisung und sozialer Ausgrenzung zur Bestätigung des Etiketts.

Das für Paula Kleine glückliche Überleben der Nazizeit bietet dann Gelegenheit zur Darstellung der Salutogenese und des Phänomens der Resilienz. Anlässlich des Endes der Heimunterbringung nach der Auflösung von Kloster Blankenburg denkt Becker in mehreren Abschnitten in einer anthropologisch orientierten Weise über die Themen Wohnen, Arbeiten und kreative Beschäftigung nach. Weiter wird das personenzentrierte Konzept skizziert, eine Arbeitsweise für die Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung, die Marlies Pörtner in der großen Tradition der Therapieschule von Carl Rogers entwickelt hat. Pörtner hat auch das wichtige Konzept der Prätherapie von Garry Prouty im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Den Abschluss der pädagogisch-konzeptuellen Ausführungen bildet ein Kapitel zur personenzentrierten Sozialraumorientierung.

Die Stationen der behindertenpolitischen und -pädagogischen Leitideen ab den 1970er Jahren sind dann zunächst das Integrationsparadigma, das Normalisierungsprinzip und die mit der Antipsychiatrie einsetzende Deinstitutionalisierung, die mit Verspätung auch in der Behindertenhilfe anläuft. Exemplarisch wird die Auflösung des Kloster Blankenburg geschildert, das wie alle Einrichtungen dieser Art die Theorie der totalen Institution von Irving Goffmann veranschaulichen konnte.

Es folgen die Stationen der aktuellen Diskussionen: die Ideen der Selbstbestimmung und der Assistenz, die UN-BRK, die Inklusion und die Partizipation. Bei der Inklusion zeigt der Autor auch das Modische des Begriffs und legt dar, wie das integrationspädagogische Konzept Georg Feusers diese Positionen beinahe zwanzig Jahre vor der Ratifizierung der UN-BRK bereits überboten hat. Auch Stationen der Entwicklung der Selbsthilfe werden dargestellt. Eine zentrale These, die an mehreren Stellen belegt wird, ist, dass die emanzipatorische Entwicklung der Behindertenhilfe sich mehr den Impulsen der Selbsthilfe und anderer Akteure verdankt als dem Fachdiskurs.

Die in der deutschen Öffentlichkeit sehr lebhaft geführte Diskussion um die Thesen des australischen Philosophen Peter Singer zum Lebensrecht von Neugeborenen mit schwersten Behinderungen wie einer Anencephalie wird relativ breit behandelt. Singers Thesen erscheinen hier als ‚alte Rassenhygiene in neuen Schläuchen‘.

Diskussion

Schon das Konzept des Buches ist bestechend und wirklich geht der Plan, die Lebensgeschichte einer Betroffenen mit der Theorie- und Institutionengeschichte der Behindertenhilfe sowie der allgemeinen deutschen Geschichte darzustellen, sehr gut auf. Dabei ist die Lebensgeschichte von Frau Kleine in den ersten Jahrzehnten nur wenig dokumentiert und aus ihrer Erinnerung konnte oder wollte sie hier nur wenige biografische Splitter beisteuern. Hier behilft sich der Autor sehr geschickt mit einer Rekonstruktion der historischen Lebenssituation und mit den lebensgeschichtlichen Zeugnissen von Bewohnern in denselben Einrichtungen, in denen auch Frau Kleine gelebt hat. Mit den Jahren werden die biografischen Äußerungen deutlich reichhaltiger. Sofern der Autor sie nicht aus den Erzählungen von Frau Kleine kennt, benutzt er auch Berichte von anderen Begleitern. Becker betont, dass Frau Kleine die Zustimmung zur Veröffentlichung ihrer Biografie gegeben hat. Dabei ist es für das reflexive Niveau des Buches bezeichnend, dass er auch die Reichweite ihrer Zustimmung differenziert überlegt.

Für die Darstellung der großen geschichtlichen Zusammenhänge greift der Autor auf renommierte Historiker (Ewald Frie, Eric Hobsbown) zurück, für die pädagogische und psychiatrische Fachgeschichte wird ein sehr umfangreicher Bestand an Fachliteratur verwendet, der insgesamt sehr quellennah ist. Die behindertenpädagogischen Themen über ein Jahrhundert sind in den wesentlichen Punkten alle behandelt. Die theoretische Perspektive der Darstellung ist dabei die der materialistischen Behindertenpädagogik, die vor allem durch Georg Feuser und Wolfgang Jantzen vertreten wird. Die Orientierungspunkte sind hier die Kritik an der kapitalistischen Menschenwertbestimmung durch eine Abschätzung des möglichen Beitrags zum Bruttosozialprodukt sowie die Kritik am Neoliberalismus.

Stilistisch sehr schön benennt die Geschichtsdarstellung immer wieder Alltagsereignisse, die im kollektiven Gedächtnis verankert sind: die Strauß-Skandale, brikettgroße Mobiltelefone, Sommermärchen, Problembär u.a.m. In Ergänzung zu den theoretischen Ausführungen ergibt das eine reizvolle und mit dem Wechsel der Perspektiven wirklich anregende Lektüre.

Die Geschichtskonstruktion ist dabei etwas einseitig links orientiert. Dass die Globalisierung auch wirklich der Dritten Welt hilft oder dass es einige Parameter gibt, die einen Sozialabbau in Deutschland in den letzten Jahrzehnten gerade nicht zeigen, das passt hier nicht ins Bild. Die Leistungen der in Deutschland starken sozialen Marktwirtschaft erkennt Becker nicht an. Entsprechend erscheint das letzte Drittel der Biografie von Frau Kleine mit ihrer sehr schönen und versöhnlichen Entwicklung in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu dem insgesamt sehr kritischen Gesamtpanorama.

Ein paar Schnitzer sind Autor und Verlag auch unterlaufen, die bei der nächsten Auflage hoffentlich korrigiert werden. Hier bleiben zum Beispiel diese Fragen offen: Warum hat Herbart nach seinem Tod 1841 noch bis 1871 gewartet, um seine Bildungstheorie vorzulegen (S. 34)? Wurde Alexander Humboldt wirklich 150 Jahre alt (44)? Heißt der Psychiater Bleuler nun Egon oder Eugen (40)? Wann hat Dietmar Schönherr Ronald Reagan beschimpft und welche Talkshow musste er dann aufgeben (141)?

Fazit

Paradigmatische Darstellung der Geistigbehindertenpädagogik in Deutschland mit ihrem ausgeprägten historischen Bewusstsein. Hervorragend geeignet als Textgrundlage zur Einführung in die Heilpädagogik oder für den Schwerpunkt Behindertenhilfe in der Sozialen Arbeit.


Rezension von
Dr. Philipp Thaler
Pädagoge, psychologischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherpeut in Ausbildung
E-Mail Mailformular
und
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/index.php?id=5936
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Zitiervorschlag
Philipp Thaler/Carl Heese. Rezension vom 17.03.2021 zu: Heinz Becker: Die große Welt und die kleine Paula. Eine Geschichte der Behinderung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6274-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27811.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


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