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Nicole Deitelhoff, Olaf Groh-Samberg u.a. (Hrsg.): Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Cover Nicole Deitelhoff, Olaf Groh-Samberg, Matthias Middell (Hrsg.): Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Ein interdisziplinärer Dialog. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 382 Seiten. ISBN 978-3-593-51356-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Bei dem zu besprechenden Buch handelt es sich um einen Sammelband aus dem im Jahre 2020 ins Leben gerufenen „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, der die Thematik des gesellschaftlichen Zusammenhalts umfassend aus einer multidisziplinären, wissenschaftlichen Perspektive diskutiert: Soziologie, Politikwissenschaft, Völkerrecht, Geschichtswissenschaft, Geographie, Raumplanung, (Sozial)Psychologie, Literaturwissenschaft, Kulturgeschichte, Medienforschung, Finanzwissenschaft, Kulturwissenschaft, Afrikaforschung und Geoökologie.

HerausgeberIn

Die meisten Beiträge dieses Sammelbandes sind von zwei oder mehr AutorenInnen verfasst, die entsprechend des propagierten breiten Ansatzes die zu verhandelnde Thematik beleuchten.

Entstehungshintergrund

Den Ausgangspunkt oder auch Zielpunkt des vorliegenden Sammelbandes stellt das im Jahr 2020 gegründete, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ dar, dessen Forschungsprogramm sowie erste bereits erarbeitete Ergebnisse präsentiert werden.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband beinhaltet 18 Beiträge aus den erwähnten zahlreichen Wissenschaftsdisziplinen, sodass die folgende Besprechung nur einen subjektiv gefärbten Ausschnitt orientierend an den fachlichen Präferenzen des Rezensenten präsentiert und politikwissenschaftliche zw. historische Beiträge in den Vordergrund rückt.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Umrisse eines Forschungsprogramms“ (Deitelhoff, Groh-Samberg, Middell, Schmelzle)

Zunächst ist auf die gerade in den letzten Jahren geradezu sprunghafte Zunahme des Begriffs „Gesellschaftlicher Zusammenhang“ in Politik und Medien zu verweisen. Eine Erklärung dieses Aufstiegs liegt wohl zuvörderst in der Wahrnehmung einer Krise der liberalen Demokratie, wozu neuestens die Corona-Pandemie passt. Grundsätzlich herrscht Übereinstimmung darüber, dass „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ positive Folgen für unser Gemeinwesen entfaltet, wie aber im Einzelnen dies erreicht werden kann, darüber bestehen unterschiedliche Auffassungen. So schätzen manche Ansätze die kulturelle Zusammensetzung einer Gesellschaft als relevant ein, andere sehen den Zusammenhalt als Resultat politischer Partizipation, und wiederum heben andere die Verteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen als unverzichtbare Komponenten für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt hervor. Diese Sichtweisen finden ihren Niederschlag in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen: Den Kulturwissenschaften, den Politikwissenschaften und den Gesellschaftswissenschaften (Soziologie).

Jedenfalls ist „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ offensichtlich nur in interdisziplinärer Perspektive angemessen zu erfassen, weshalb die Entstehung und jeweilige Ausprägung von Zusammenhalt auf sozioökonomische und kulturelle Faktoren wie auch politische Strukturbedingungen zurückzuführen ist. Darauf aufbauend fragt das Forschungsprogramm nach den Wirkmechanismen von Zusammenhalt, nach Varianten des Zusammenhalts einschließlich historischer Vorbilder und weitet den Blick über Deutschland und Europa hinaus.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Zur Analyse eines sperrigen Begriffs“ (Forst)

Als Hinführung zu der hier verhandelten Thematik legt der Beitrag von Rainer Forst eine Begriffsanalyse von „Gesellschaftlichen Zusammenhalt“ vor und strebt eine „enthaltsame Begriffsdefinition“ an, d.h. unter Auslassung eines normativen Kerns. Der für das hier skizzierte Forschungsprogramm maßgebende Begriff unterscheidet fünf Ebenen, nämlich Einstellungen (zu sich selbst und anderen), individuelle und kollektive Handlungen, soziale Beziehungen (deren Intensität und Reichweite), institutionelle Zusammenhänge und Diskurse in einer Gesellschaft über ihren Zusammenhalt. Zwar müsse der Begriff alle fünf Aspekte beinhalten, aber zentral sei die Ebene der Einstellung („Zusammenhalten“), die wiederum weiter operationalisiert werden kann. Als Definitionsmerkmal sei festzuhalten: „Zusammenhalt setzt ein Sichverbundensehen und die Bereitschaft zu Handlungen voraus, die aus dieser kollektiven Verbundenheit folgen und das Ganze im Blick behalten und fördern sollen.“ Anregend die Schlussfolgerung von Forst, der nach dem Projekt der gegenwärtigen westlichen Gesellschaften fragt, das Zusammenhalt generiert. Liegt es – siehe neuestens die Corona-Pandemie – „in der Rückkehr zur Nation oder dem Öffnen zum multikulturellen Kosmopolitismus“?

„Binden durch Repräsentieren. Probleme des Liberalismus nach dem Bürgertum“ (Koschorke)

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Sinn, der Leistungsfähigkeit und den Grenzen politischer Repräsentativsysteme und damit korrelierend der Bewältigung der Komplexität heutiger Gesellschaften, womit zugleich der gesellschaftliche Zusammenhalt impliziert ist. Nach einem ideengeschichtlichen Abriss zum Liberalismus, der ein „Kind der Aufklärung“ war, rückt der Autor das Verhältnis demokratischer Eliten zum Volk in den Mittelpunkt: Eliten können als Sprachrohr oder als Mentor, im Sinne eines Erziehers oder Sachwalters, der über das erforderliche Wissen verfüge, auftreten. Gleichzeitig verstärkt die immer komplexere globalisierte Welt eine Überforderung der Gesellschaften und führt zu einem Rückzug in den Nationalstaat. Gerade in diesem Rückzugsprozess liege aber „eines der Erfolgsgeheimnisse heutiger populistischer Bewegungen“. Diese Flucht bietet vermeintlich eine Lösung und erlaubt es, die Repräsentanten des Systems in eine „Rolle von angefeindeten Mittlern“ abzustempeln, die sich vom „Volk“ immer mehr entfernten.

Insbesondere „Abstiegsgesellschaften“ – die „westliche Welt“ (?) – entwickelten zunehmend eine Elitenablehnung bzw. machen diese für den abschüssigen Kurs verantwortlich. Einen Ausweg sieht der Autor mit Recht in der Bereitstellung von Verfahren, man könnte ergänzend formulieren, Institutionen, in denen die übernationalen, globalen und komplexen Aufgaben zu bewältigen sind (EU!?).

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt im Blätterwald. Auswertung und kritische Einordnung der Begriffsverwendung in Zeitungsartikeln (2014-2019)“: (Quent, Salheiser, Weber)

Der Beitrag untersucht die Verwendung des Begriffs „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ in deutschen Tageszeitungen im Zeitraum vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2019. Dabei interessieren „W-Fragen“: Worüber wird genau gesprochen, wenn dieser Terminus auftaucht, wer spricht davon, worauf deutet diese Stellungnahme hin, wie und in welchem Kontext findet dies statt? Ohne die einzelnen Befunde dieser Analyse hier zu rekapitulieren, liegt es nahe, dass seit dem Beginn der Flüchtlingskrise 2015 bzw. 2018 im Umfeld der Bundestagswahl eine erhebliche Zunahme zu konstatieren ist. Der Begriff sei „hauptsächlich von politischen Eliten“ verwendet worden, wobei die Zeitungen kaum eine genauere Definition lieferten. Einen weiterführenden Einblick in die Begrifflichkeit des „Zusammenhalts“ bietet die Prüfung der jeweiligen Kontexte, in denen der Terminus erscheint: Demokratische Kultur, Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit, Integration, Ehrenamt, Fragmentierung der Gesellschaft, Demografischer Wandel, Kunst und Kultur, Demokratiefeindlichkeit, Dialog und Begegnung, Wissenschaft, Heimat und Identität, Sicherheit und Rechtsstaat.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Populismus. Überlegungen zur Varianz in Zeit und Raum“ (Engel, Middell)

Der Aufsatz wirft mit Blick auf die deutsche Debatte die Frage auf, ob die Thematik des „Zusammenhalts“ und seiner Gefährdung durch einen wie auch immer zu definierenden Populismus neu sei. Zieht man andere Begrifflichkeiten – Gemeinschaft, nationale Einheit, Solidarität – heran, so breitet sich ein historischer Raum vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart aus. Populismus sei demzufolge bereits in der Französischen Revolution 1796 aufgetreten und setzte sich fort, wenngleich die Benennungen wechselten. Angesichts seiner breiten Geschichte wurde der Begriff aber unscharf, denn der „gemeinsame Nenner scheint heute immerhin zu sein, dass Populisten stets die anderen sind“. In den 1990er Jahren tauchte der Populismus auch in Westeuropa sowie in einer spezifischen Form im heutigen China oder in Südafrika nach dem Ende der Apartheid mit „linken“ und „rechten“ Formen auf. Das hier diskutierte Forschungsprogramm geht von einem breiten „Spektrum unterschiedlicher Varianten von Populismus“ aus.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Populismus in China“ (Kaske)

Die Thematik von Populismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt erscheint als eine eurozentrische Sichtweise, dennoch wird darauf verwiesen, dass ähnlich lautende Begriffe etwa in China auf einen anderen Kontext vor dem Hintergrund einer anderen Gesellschaftstheorie verweisen. Insofern ist umfassendes, regionalwissenschaftliches Wissen unverzichtbar, um Zusammenhalt in verschiedenen Gesellschaften angemessen zu verstehen.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt zwischen Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaft – ein (Streit-)Gespräch“ (Pickel, van Laak, Decker)

Den Beitrag der Geschichtswissenschaft zur hier verhandelten Thematik des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der im Übrigen kein neues Phänomen darstellt, kann man aus einem Gespräch unterschiedlicher Fachdisziplinen herausarbeiten. Dabei erinnert van Laak an die noch im 19. Jahrhundert als selbstverständlich verstandene Funktion von Geschichte als aktiven „Konstrukteur“ von Zusammenhalten, d.h. sie war „eine Begleitdisziplin zur Nationalisierung“ und ging davon aus, dass eine gemeinsame Geschichte Zusammenhalt stiftet. Demgegenüber nimmt die moderne Geschichtswissenschaft nun einen geradezu entgegengesetzten Standpunkt ein und fragt kritisch nach einem behaupteten „Gemeinsamen“, das letztendlich immer als Konstrukt analysiert wird. Des Weiteren ist auf die unterschiedlichen Erkenntnismethoden historischer Arbeiten und der Sozialwissenschaften zu verweisen, wobei Theorien für SozialwissenschaftlerInnen einen anderen Stellenwert einnehmen, da sie mehr an universellen Erklärungen interessiert sind. Dass jedoch Geschichte mit anderen Teildisziplinen gewinnbringende Beiträge leisten kann, sei u.a. am Begriff der Identität, den Sozialpsychologen z.B. ebenso ins Visier nehmen wie HistorikerInnen, zu erkennen.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Eine sozialpsychologische Sicht auf das Konzept und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen an den Zusammenhalt“ (Zick, Rees)

Der sozialpsychologische Ansatz „versteht Zusammenhalt als ein Konfliktphänomen“ und die Gesellschaften und Gruppen bestimmen ihre Identität gemäß eines „wir“ und eines „die Anderen“, d.h. es geht um Exklusion und Inklusion. Als wichtige Dimensionen von „gesellschaftlichem Zusammenhalt“ erscheinen Identität, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Teilhabe, Begegnung sowie Kontakt und Vertrauen. Zusammenhalt sei ein „Ergebnis von gesellschaftlichen Klassifikations- bzw. Kategorisierungs-, Identifikations- und Integrationsprozessen“ und kann „stark oder schwach, eindeutig oder ambivalent, singulär oder dauerhaft sein“.

„Verschenkte Potenziale. Marginalisierte Ideen über gesellschaftlichen Zusammenhalt im Kaiserreich und in der Nachwendezeit“ (Ayxster, Berek, Schüler-Springorum)

Der Aufsatz setzt sich zum Ziel, das Verhältnis zweier antagonistischer, d.h. homogener und pluraler Gesellschaftsvorstellungen aus einer marginalisierten Perspektive zu analysieren. Dabei wird die jüdische Emanzipation im 19. Jahrhundert mit den Auseinandersetzungen um die Zuwanderung in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts verglichen. Die leitende, kritische These des Beitrages besteht darin, dass die im 19. Jahrhundert entwickelte, gleichzeitige Existenz „einander widersprechender Vorstellungen von Zusammenhalt“ mit ihren implizierten Prämissen noch in unserer Zeit prägend wirken. Der Prozess der Emanzipation des Judentums im 19. Jahrhundert sah sich bereits im Deutschen Kaiserreich, einem nationalen Projekt mit beteiligten JudenInnen, mit Angriffen (Treitschke) und einem virulenten Antisemitismus konfrontiert.

Der zweite Teil des Aufsatzes behandelt die postmigrantische Gesellschaft, wobei „gegenwärtige Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Pluralität und Homogenität“ mit ähnlichen Konstellationen wie im 19. Jahrhundert verglichen werden. Die folgende postmigrantische Gesellschaftsanalyse will grundsätzlich die Blickrichtung wechseln und die migrantische Erfahrung nicht mehr als einen „Sonderfall“, sondern als „gesellschaftliche Normalität“ betrachten. Demzufolge gelte es, das „Ordnung stiftende Prinzip der Herkunft zu überwinden“. Das „Migrantische jedenfalls soll nicht mehr einfach nur als spezifische Erfahrung von Individuen und Gruppen, sondern als Charakteristikum der Gesamtgesellschaft verstanden werden“. Insofern sei das „Selbstverständnis und die Selbstbeschreibung der Gesellschaft insgesamt neu zu fundieren,“ denn es seien, so die Behauptung, „Migration und Pluralität längst Alltag und somit der Normalfall“. Dieser weitgehende Umbau in Richtung einer postmigrantischen Gesellschaft erfasst auch die Erinnerungskultur und kann das Verständnis deutscher Geschichte verändern.

Zusammenfassend wendet sich dieser Beitrag gegen die Vorstellung einer statischen Kultur und Gesellschaft und unterzieht die Prämisse, es gebe eine Gleichheit als Homogenität von unveränderlichen Eigenschaften einer Wir-Gruppe seiner Kritik. Der Zusammenhalt sei nur „auf der Basis gleicher Rechte für alle Mitglieder dieser Gesellschaft“ herstellbar. Ein „nichtexklusives Konzept von gesellschaftlichem Zusammenhalt“ fundiert auf den Menschenrechten und der Menschenwürde. Dazu geselle sich unverzichtbar „ein nichtrelativistisches Modell von Pluralität“, das allerdings nicht Positionen beinhalten dürfe, „welche die Grundrechte anderer oder die Pluralität selbst angreifen, etwa antisemitische, rassistische oder religiös-fundamentalistische“. Zwar verfüge jede Teilgruppe über einen legitimen Anspruch auf ihren eigenen Zusammenhalt, aber „nur, solange sie nicht den Anspruch erhebt, damit die gesamte Gesellschaft zu vertreten, und anderen Gruppen genau dieses Recht abspricht“.

 „Verfassungspatriotismus in der Migrationsgesellschaft“ (Daniel Thym)

Aus einer rechtswissenschaftlichen Perspektive nähert sich Thym dem Gegenstand des Zusammenhalts und widmet sich dem in der Zuwanderungsdebatte zum zentralen Bezugsobjekt erhobenen Grundgesetz als Grundlage des Zusammenhalts überhaupt. Der Autor setzt sich auseinander mit der berühmten These des Politikwissenschaftlers Dolf Sternberger Ende der 1970er Jahre, demnach (West) Deutschland sich mit seiner Verfassung als den gemeinschaftsbildenden Kern identifizieren sollte und sie als Objekt eines geläuterten Nationalgefühls empfahl. Diesen „Verfassungspatriotismus“ griff 1986 Jürgen Habermas im sog. Historikerstreit mit Ernst Nolte auf und sah ihn als Leitziel für eine fest im Westen verankerte Bundesrepublik. Gegen ein zeitlos unverändertes Verständnis des Grundgesetzes wendet sich der Autor, denn „Verfassungen sind mithin gekennzeichnet durch eine Parallelität von textlicher Immobilität und normativer Beweglichkeit“. Vielmehr habe jede Generation in einem diskursiven Umgang mit dem Grundgesetz das Recht, eigene Deutungen einzubringen. Erschwert wird ein flexibler, diskussionsoffener Umgang mit den Grundwerten des Grundgesetzes beim Auftauchen kulturell konnotierter Alltagspraktiken, Geschlechtervorstellungen oder einer nachhaltig religiös geprägten Sphäre der Politik. Da ein überwiegender Teil der ersten Zuwanderung (“Gastarbeiter“) wie auch der zweiten im Kontext der Flüchtlingskrise seit 2015 aus muslimisch bestimmten Lebenswelten stammten, waren und sind Konflikte insbesondere in einer vielfach säkular gewordenen Gesellschaft wie der Bundesrepublik unvermeidbar. Thym legt ein dynamisches Kulturverständnis nahe und bietet schließlich drei „Bereiche“ an, die integrativ den persönlichen und den öffentlichen Raum erfassen: Eine „Privatsphäre der individuellen Moral, (1), sodann eine „Zivilsphäre“, in der der Staat vorrangig das Miteinander prägend mitbestimmt (2) und eine sog. hoheitliche Sphäre, in der der Staat mittels der Gesetzgebung das Verhalten letztendlich eindeutig regelt (3).

„Plurale Konzepte, Narrative und Praktiken gesellschaftlichen Zusammenhalts“ (Salheiser, Dieckmann, Quent, Thiele, Geschke)

Der Beitrag diskutiert Krisen als Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hinsichtlich erstens dem Aspekt einer potentiell wachsenden Diversität einschließlich Exklusions- bzw. Inklusionserfahrungen von Gruppen, zweitens globaler ökologischer Krisen und deren Instrumentalisierung durch antidemokratische Rechte und schließlich den Spezifika geschichtspolitischer Debatten in Deutschland am Beispiel des Umgangs mit der Erinnerung an die NS-Verbrechen, der als konstituierendes Element des neuen westdeutschen Staates nach 1945 fungiert. Ein Beispiel für rechte Reaktionen auf dem Feld der Ökologie seien Skepsis gegen wissenschaftliche Klimaprognosen oder die Vertretung von Interessen der „kleinen Leute“ bei der Dieseldiskussion. Gerade die vielfach als vorbildlich geschätzte deutsche Erinnerung an die NS-Zeit wirft bei der Begegnung mit der seit 2015 stark gewachsenen Zuwanderung Probleme auf, denn die Zuwanderer stammen vor allem aus dem arabisch-muslimischen Raum und sind bei ihrer Ankunft nicht mit den besonderen deutschen geschichtspolitischen Konstellationen vertraut, in der die Verteidigung des Existenzrechts Israels eine elementare Verpflichtung ausmacht. Vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts“ ist demzufolge der Umgang mit einem antiisraelischen Antisemitismus in Rechnung zu stellen. Zurecht verweisen die Autoren auf die Problematik einer „Opferkonkurrenz“ vor dem Hintergrund einer zunehmenden „Internationalisierung und Globalisierung der Erinnerungsdiskurse“. Aktuell in den Vordergrund rückt die Erinnerung an die Verbrechen der Kolonialzeit bei möglicherweise einer nicht von der Hand zuweisenden potentiellen Zurückdrängung des Holocaust bzw. Infragestellung dessen Singularität. Die Autoren sehen hier die Gefahr, dass „auf diesem Weg die qualitativen Unterschiede zwischen den historischen Ereignissen eingeebnet und ihre jeweils genuine Spezifik aberkannt“ werden. Dazu gesellt sich ein neuerlicher Antisemitismus. Somit seien mit Blick auf die „Legitimation von gesellschaftlichem Zusammenhalt durch Geschichte oder Erinnerung` gewisse normative `Leitplanken` zu etablieren“. Erinnerung als „moralisch aufgeladene, diffuse Pathosformel“ sei in Frage zu stellen und stattdessen das wissenschaftlich erarbeitete, der Aufklärung dienende Geschichtsbewusstsein zu forcieren. Die Autoren schlagen dazu ein universalistisches Verständnis von Erinnerungskultur vor, das erstens auf historische Wahrheit fundiert (wissenschaftlich erarbeitet ist), zweitens – mit Blick auf die Einwanderung – ist die Besonderheit von „Auschwitz“ auch und gerade hier, herauszustellen und drittens sollten antisemitische Erinnerungserzählungen durch entsprechende Forschungen letztendlich widerlegt werden.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Rechtspopulismus in der empirischen Forschung“ (Pickel, Fritsche, Lengfeld, Decker, Hoppe, Yendell)

Seit 2015 hat „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ infolge des Auftretens insbesondere rechtspopulistischer Bewegungen und der damit einhergehenden Polarisierung in europäischen Gesellschaften einen enormen Aufschwung erlebt. Dazu präsentieren die Autoren verschiedene Perspektiven der aktuellen Forschung zum Rechtspopulismus. Im Kontext des Forschungsprojekts zum Zusammenhalt liegt die Problematik des Rechtspopulismus in dessen bewusster Polarisierung und einer abgrenzenden Identität. Kernelemente des Rechtspopulismus zielen ab auf eine Gegenüberstellung von „Volk“ und „Elite“ und damit auf ein „wahres Volk“ (Jan-Werner Müller). Rechtspopulismus bedarf einer rechtsextremen Ideologie, bedient sich der – antisemitisch konnotierten – Verschwörungsmentalität und tritt als „politischer Kampf zwischen autoritären Vorstellungen von Gesellschaft und der liberalen Demokratie“ in Erscheinung. Ein grundsätzlicher Baustein des Rechtspopulismus „ist ein „Wir“ und „die Anderen“.

Ein breites Feld erschließt sich bei der Frage, wer die Rechtspopulisten wählt und warum: Hier ist zum einen die nicht unumstrittene „Modernisierungsverliererthese“ vor dem Hintergrund der Globalisierung zu nennen und zum anderen die „These der kulturellen Schließung“, die zwischen universalistisch orientierten „Kosmopoliten“ und den „Kommunitaristen“ differenziert, die sich in der Regel auf den Nationalstaat beziehen. Erwähnenswert erscheint der oftmals weniger beachtete, kulturell konnotierte Verweis, demnach „nativistische bzw. ethnozentristische Einstellungen die wichtigsten Ursachen der Wahlpräferenz für die AfD“ darstellen. Somit seien nicht Verteilungskonflikte zwischen einem Oben und Unten, sondern zwischen Innen und Außen ausschlaggebend. Die „entscheidende Ursache der Unzufriedenheit, das Gefühl der Bedrohung“ werde nicht „durch eine sozialpolitische Verbesserung der ökonomischen Lebenschancen von Modernisierungsverlierern“ bekämpft.

Als „eine zentrale Triebkraft für die Wahl der AfD“ fungiert „die Ablehnung der muslimischen Migration nach Deutschland“, ein Befund der sich auch in anderen europäischen Gesellschaften findet. Letztlich rückt die Frage nach der Relevanz von Religion – und damit Kultur – für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in das Zentrum. Spannt man einen Bogen zwischen dem Rechtspopulismus und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und fragt, warum die den Zusammenhalt gefährdenden Argumente der Rechtspopulisten erfolgreich reüssieren, so könnte es neben einem latenten Nationalismus oder sogar Rassismus (!?) letztlich „ganz konkrete inhaltliche Gründe der aktuellen Politik“ geben, die viele WählerInnen zur Stimmabgabe für diese politische Gruppierung motiviert. Vielleicht zeichnet sich damit, so der Rezensent, auch ein Hoffnungsschimmer für die deutsche und europäische Demokratie ab.

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt und gleichwertige Lebensverhältnisse im bundesdeutschen Mehrebensystem – Politische Weichenstellungen und Instrumente“ (Lorenz, Lenk, Hesse, Kalb)

Dieser Beitrag skizziert für die Bundesrepublik Deutschland die Konzepte gleichwertiger Lebensverhältnisse und gesellschaftlicher Zusammenhalt. In einem ersten Schritt werden die Entstehung von gesellschaftlichem Zusammenhalt und gleichwertigen Lebensverhältnissen als politische Ziele und deren Verankerung in Institutionen abgehandelt. Der zweite Abschnitt untersucht wechselseitige Wirkungen zwischen der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse und dem Zusammenhalt sowie entsprechende politische Instrumente zur Zielerreichung. Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse stellt gemäß Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ein Staatsziel dar und wurde konkretisiert durch ein Raumordnungsgesetz, demzufolge in der Bundesrepublik „ausgeglichene soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse anzustreben“ sind. Seit einigen Jahren rückte der gesellschaftliche Zusammenhalt gegenüber der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in den Vordergrund und geht im Übrigen weit über diese hinaus.

Instrumente der Politik des Ausgleichs entstammen der Finanz-, Sozial- und Raumpolitik. Varianten des Ausgleichs betreffen die interregionale Umverteilung (Länderfinanzausgleich) und die interpersonelle Umverteilung (z.B. Solidaritätsausgleich, Kindergeld, Wohngeld usw.). Zukünftige Forschungen im Kontext des Forschungsprogrammes „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ wollen einerseits aus politikwissenschaftlicher Sicht herausarbeiten, wie das Handeln politischer AkteureInnen den Erwartungen des Zieles gleichwertiger Lebensverhältnisse entspricht. Zum anderen legt ein finanzwissenschaftlich orientiertes Projekt den Schwerpunkt auf die tatsächliche Bereitstellung öffentlicher Leistungen.

„Räumliche Unterschiede und gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (Dircksmeier, Göb, Herrmann, Ibendorf, Knaps, Othengrafen, Ruffing)

Die Gleichzeitigkeit und räumliche Differenziertheit von sozialen Prozessen und Phänomenen wirke sich, so die Ausgangsthese dieses Beitrags, auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. Da der soziale Zusammenhalt jeweils regional unterschiedlich besteht, sollen diese unterschiedlichen Varianten sozialer Kohäsion in der Raumforschung näher analysiert werden. Zum „Nexus“ regionaler Ungleichheiten und gesellschaftlichen Zusammenarbeit werden (1) die Politikwissenschaft, (2) die Raumplanung und (3) die Sozialgeographie herangezogen:

  1. Im Rahmen der Politikwissenschaft ist auf die Föderalismusforschung und hier die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu verweisen (u.a. die Bereitstellung von Infrastrukturen).
  2. Die zentrale Leitvorstellung der 1965 mittels des Raumordnungsgesetzes grundsätzlich implementierten Raumplanung hat den Abbau regionaler Disparitäten und die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse zum Ziel, was u.a. mit dem „Zentrale-Orte-Konzept“ realisiert werden sollte.
  3. Sozialgeographie und Zusammenhalt interessieren sich für die „Art von Zusammenhalt unter welchen räumlichen Bedingungen wo hergestellt werden kann“: Begegnungen, Nachbarschaften dienen zur Prüfung des sozialen Zusammenhalts vor dem Hintergrund einer zunehmenden Diversität der Nachbarschaftsbewohner.

Eine zukünftige Zusammenhaltsforschung wird sich mit dem Einfluss räumlicher und regionaler Differenzierung auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf den unterschiedlichen Ebenen von der unmittelbaren Nachbarschaft bis zum europäischen Kontext befassen. 

„Statuskonkurrenz und Gemeinschaftsbezüge. Die Mittelschichten und der gesellschaftliche Zusammenhalt“ (Holubek-Schaum, Sachweh, Schimank)

Die Mittelschichten galten bzw. gelten als Stabilitätsanker von Gesellschaften und in gewisser Weise als ihr Leitbild, in ihnen erblickte man deren „Integrationszentrum“ und ihre Lebensführung galt als vorbildlich. Seit den 1980er Jahren kamen die Mittelschichten vor dem Hintergrund ökonomischer Wandlungsprozesse und einer sich dynamisierenden Globalisierung unter Druck, wenngleich vorschnellen Abgesängen auf ihr Verschwinden mit Vorsicht zu begegnen sind (Statusunsicherheit, Abstiegsängste usw.). Der Beitrag geht von einer sich differenzierenden Mittelschicht aus und skizziert erstens deren Verhältnis zu Ungleichheiten, was zu einer Polarisierung von Lebenslagen und Lebenschancen führte. Dabei stehen die Einkommens- und Vermögensverteilung im Mittelpunkt, aber auch Polarisierungen beim kulturellen Kapital (Entwertung von Bildungsabschlüssen). Zweitens werden die Auswirkungen der Dynamiken auf die Lebensführung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt geprüft. Schließlich wird als vorläufiges Ergebnis festgehalten, die Art der Lebensführung bestimme den Grad des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

„Die Praxis des Zusammenhalts in Zeiten gesellschaftlicher Verwundbarkeit.“ Soziologische Perspektiven auf Arbeit, Haushalt und öffentliche Güter“ (Grimm, Kaufhold, Rüb, Vogel)

Die gegenwärtige Corona-Pandemie beeinflusst auch die Arbeitswelt – Stichwort homeoffice, Vereinzelung, neue Spaltung der Belegschaften u.ä. – und kann sich im Kontext der Krisenbewältigung auf den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ auswirken. Deshalb untersucht der Beitrag erstens allgemein die Bedeutung von Erwerbsarbeit für das Konstrukt des Zusammenhalts auch im Hinblick auf eine intensivierende Digitalisierung und rückt zweitens die Bewältigung der Krisenfolgen in den Mittelpunkt: Eine immense Verschuldung, die Ausgestaltung staatlichen und kommunalen Handelns, das mehr Ressourcen beanspruchen wird.

Die Erwerbsarbeit mit ihrem Wandel – Prekarisierung, Entgrenzung usw. – wird durch die Pandemie eine Beschleunigung erfahren einschließlich einer forcierten Digitalisierung mit punktuellen Vorteilen sowie erheblichen Beeinträchtigungen für bestimmte Arbeitsmarktteilnehmer. Diese Veränderungen erfassen auch das „Normalarbeitsverhältnis“, neue Wohlfahrtsstaatsformen und letztendlich Lebensformen (Familien, Haushalte, Pflege). Inwieweit die Erwerbsarbeit ihre „zusammenhaltsstiftende Funktion“ beibehalten kann, ist in der Forschung nicht eindeutig geklärt., wobei der Aspekt der Solidarität innerhalb von Belegschaften zu beachten ist.

Schließlich verdient der Stellenwert öffentlicher Güter und Einrichtungen auch im Hinblick auf eine Stärkung des Zusammenhalts Beachtung, denn zutreffend untermauern die Autoren hier, „öffentliche Güter begründen sozialen Zusammenhalt“ und benötigen als „eine wichtige Achse des sozialen Zusammenhalts“ entsprechende Ressourcen (Investitionen).

„Medien und gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (Hasebrink, Schmidt, Loosen)

Ausgehend von der grundsätzlichen Relevanz von Medien und Kommunikation für den gesellschaftlichen Zusammenhalt soll im Rahmen des Forschungsprogramms geprüft werden, „inwieweit bestimmte Formen der mediengestützten Kommunikation zur Herstellung gesellschaftlichen Zusammenhalts beitragen“. Dabei werden vier Schwerpunktthemen untersucht, nämlich welche Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und gesellschaftlichem Zusammenhalt bestehen, welche Rolle der Journalismus einnimmt, welchen Beitrag öffentlich-rechtliche Medien leisten und was die neuen Formen vernetzter digitaler Kommunikation beisteuern. Leitende Perspektive dieses Teils des gesamten Forschungsprogramms ist die These, „dass gesellschaftlicher Zusammenhalt kommunikativ konstruiert wird“.

„Sozialer Zusammenhalt bei Pandemien. Eine vergleichende Topic-Modell-Analyse zu SARS und Covid-19“ (Sackmann)

Der abschließende, höchst aktuelle Beitrag geht davon aus, dass Krisen oder Katastrophen die Menschen und die Gesellschaften in erheblichen Stress versetzen und fragt danach, was die Vorgabe „sozialer Zusammenhalt“ bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie leisten kann. Dabei erfolgt ein Vergleich der SARS-Krise Anfang der 2000er Jahre mit der Covid-19-Krise durch „Topic-Modell-Analysen“, wobei eine Inhaltsanalyse einer Zeitung herangezogen wurde. Als vorläufiges Ergebnis ist festzuhalten: Sozialer Zusammenhalt spielt „eine zentrale Rolle bei der Bewältigung einer Katastrophe, wenn sie die Gesellschaft dann tatsächlich erreicht“. Eine anspruchsvolle Krisenbewältigung ist ohne „eine intensive Kooperation mit der Zivilgesellschaft“ kaum realisierbar.

Diskussion

Wie oben erwähnt, bezieht die folgende Diskussion nur einige ausgewählte Beiträge ein.

Der Aufsatz von Ayxster, Berek, Schüler-Springorum weitet das Feld des Zusammenhalts sehr großzügig aus, wobei die beispielhaft herangezogenen beiden Gruppen, einerseits das seit Jahrhunderten in Deutschland ansässige Judentum und andererseits die postmigrantische Gesellschaft seit dem Jahr 2000 m.E. nur bedingt vergleichbar erscheinen. Die engagiert vorgetragene Zurückweisung eines auf Homogenität beruhenden Zusammenhalts wirkt in einigen Postulaten überzogen, wenn Migration das Charakteristikum einer (deutschen?) Gesellschaft sein soll. Ungeachtet des derzeitigen Ausmaßes von, auch klimabedingten, Wanderungsbewegungen sollten derartige Bewegungen nicht als hinzunehmende Dauererscheinung akzeptiert werden. Ist „Migration und Pluralität längst Alltag und somit der Normalfall“? Wie steht es mit der sog. einheimischen Gesellschaft? Wer entscheidet über “Selbstverständnis“ bzw. „Selbstbeschreibung“ einer Gesellschaft? Und, banal formuliert, was ist zu tun, wenn eine Gesellschaft auch nach einem strukturierten demokratischen Entscheidungsverfahren derartige Umbauten, die in der Konsequenz weit über die Akzeptanz eines Staatswesens als Einwanderungsland hinausreichen, ablehnt? Da die skizzierte postmigrantische Gesellschaft letztendlich auch die Erinnerungskultur umfasst, wer definiert was zur deutschen Geschichte gehört? Dass ein Pluralismus, genauer „ein nichtrelativistisches Modell von Pluralität“, nicht „die Grundrechte anderer oder die Pluralität selbst angreifen“ dürfe, muss unter Hinweis auf antisemitische, rassistische oder religiös-fundamentalistische“ Positionen betont werden. Offensichtlich bedarf eine Gesellschaft sehr wohl eines statischen, verbindlichen Legitimitätskernes, der durchaus einen bestimmten Grad von Homogenität umfasst. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland lässt grüßen. Deshalb müssen die Autoren, auch wenn sie jeder Teilgruppe einen legitimen Anspruch auf ihren eigenen Zusammenhalt konzedieren, dennoch einräumen, dieser Anspruch stoße an Grenzen, wenn beispielsweise „anderen Gruppen genau dieses Recht“ verweigert wird. Hier könnten wir mühelos Beispiele zitieren.

Einen weltoffenen Weg in Richtung eines stabilen gesellschaftlichen Zusammenhalt skizziert Daniel Thym und bietet ein dynamisches Verständnis des Grundgesetzes, das einen „Verfassungspatriotismus“ als Ausgangs- und Fluchtpunkt für eine Staatsbürgergesellschaft jenseits einer nationalen Homogenität pflegt. Angesichts bestehender, vor allem religiös-kulturell begründeter, nicht diskursfähiger Normen oder Werte, bedarf es wohl dennoch eines grundsätzlichen und nicht weiter zu dynamisierenden „Verfassungskerns“ – Stichworte: Menschenwürde, Freiheit, Gleichberechtigung, positive und negative Religionsfreiheit –, der auch nicht ständig neu herzustellen sei, wie es eine Vorstellung vom dauernd auszuhandelnden Zusammenhalt zwischen einer hierfür uneingeschränkt offenen Gesellschaft von „Einheimischen“ und einer im Modus permanenter Migration sich bewegenden Gesellschaft impliziert. Weiterführen die drei „Bereiche“, die integrativ den persönlichen und den öffentlichen Raum erfassen, nämlich eine „Privatsphäre der individuellen Moral“, in der frei nach Friedrich II. von Preußen jeder nach seiner Fasson leben könne (1), eine „Zivilsphäre“ mit einem mitbestimmenden Staat (2) und eine sog. hoheitliche Sphäre, in der der Staat mittels der Gesetzgebung das Verhalten letztendlich eindeutig regelt (3).

Eine schwierige Thematik behandeln Salheiser/​Dieckmann/​Quent/​Thiele/​Geschke mit der Thematik der Zuwanderung, wobei die historische Erinnerung mit einfließt. Einer Zuwanderung im Übrigen in weit überwiegend Umfang aus dem arabisch-muslimischen Raum und damit weitgehend mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt aus zumeist einseitiger Perspektive ihrer Herkunftsstaaten belastet. Der Umgang mit einem damit eng verbundenen Antisemitismus wie auch einer Infragestellung des Existenzrechts des Staates Israel, wirft derzeit noch viele offene Fragen auf.

Nur am Rande sei angemerkt, ob man von einem in Deutschland grassierenden anti-muslimischen Rassismus“ zu sprechen, kann man bezweifeln, wie überhaupt ein aktuell inflationär gebrauchter Begriff wie Rassismus nicht immer zur genauen Erfassung der jeweiligen Konstellationen beiträgt. Eine Erinnerung als „moralisch aufgeladene, diffuse Pathosformel“ ist zurecht in Frage zu stellen und stattdessen ein wissenschaftlich erarbeitetes, der Aufklärung verpflichtetes Geschichtsbewusstsein, zu forcieren.

Pickel u.a. weisen zu Recht auf den Befund, demnach eine primär ökonomische Erklärung der Wahlerfolge der AfD im Kontext der „Modernisierungsverliererthese“ eine geringere Erklärungskraft beinhaltet. Demzufolge zeigen sozialpolitische Maßnahmen nur bedingt positive Folgen und relativieren damit permanent wiedergegebene Erklärungen etwa der Linken. Die zweite „These der kulturellen Schließung“ verdient ebenfalls eine besondere Erwähnung, denn dieser Erklärungsstrang, der kulturell konnotiert ist und gelegentlich weniger Beachtung findet, betont, dass „nativistische bzw. ethnozentristische Einstellungen die wichtigsten Ursachen der Wahlpräferenz für die AfD“ darstellen. Somit seien primär nicht Verteilungskonflikte zwischen einem Oben und Unten, sondern Konflikte zwischen Innen und Außen ausschlaggebend.

Fazit

Der vorliegende, anspruchsvolle Sammelband behandelt das Phänomen „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ vor dem Hintergrund vielfältiger, aktuell relevanter Gefährdungen aus einer multidisziplinären und sehr umfassenden Perspektive und umreißt ein entsprechendes Forschungsprogramm. Gemäß diesem Erkenntnisziel ist der Sammelband weniger für den in etwaigen, den „Zusammenhalt“ tangierenden Berufsfeldern tätigen PraktikerIn geeignet, sondern adressiert eindeutig den wissenschaftlichen Zugang. Dennoch könnte eine derartige Einbeziehung durchaus gewinnbringend sein. Vorwissen über die in den wissenschaftlichen Disziplinen gängigen Theorien, Ansätzen und Methoden erscheint teilweise unverzichtbar. Ein etwas mehr strukturierter Aufbau des Sammelbandes könnte hilfreich sein, da ein einzelner ForscherIn kaum in der Lage ist, alle aktuellen Diskurse, Befunde usw. aus den einzelnen Disziplinen zu überblicken.


Rezension von
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 11.05.2021 zu: Nicole Deitelhoff, Olaf Groh-Samberg, Matthias Middell (Hrsg.): Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Ein interdisziplinärer Dialog. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-51356-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27822.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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