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Bettina Ritter: Kritik abstrakter Individualität

Bettina Ritter: Kritik abstrakter Individualität. Widersprüche eines sozialpädagogischen und jugendtheoretischen Ideals am Fall junger Mütter. Universität Bielefeld 2020.

Bielefelder E-Dissertationen. Siehe Dissertation Ritter.


Entstehungshintergrund

Bei dem besprochenen Werk handelt es sich um eine 2019 an der Universität eingereichte Dissertation. Die Arbeit von Bettina Ritter ist bislang nicht in Buchform erschienen aber an der Universität Bielefeld als E-Dissertation publiziert. In der vorliegenden Form umfasst die Dissertation 560 Seiten, müsste also für eine dringend empfohlene Buchpublikation wohl erheblich gekürzt werden. Die Arbeit ist in der gegenwärtig publizierten Form voll zitierfähig. Die Besprechung bei socialnet soll auch dem Zweck dienen, die Arbeit einem größeren Kreis von Lesern bekannt zu machen, da sie in ihrer Gesamtheit durchaus Maßstäbe für die fachliche Diskussion im Feld der Sozialen Arbeit setzt.

Aufbau

Gegenstand der Dissertation von Bettina Ritter ist eine Kritik der von ihr so genannten „abstrakten Individualität“. Durchgeführt wird diese Kritik anhand des empirischen Beispiels junger Mütter (Frauen, die im Alter von unter 20 Jahren ein Kind bekommen haben). Dieses dient dazu, die Widersprüchlichkeiten der in diesem Feld erkennbaren sozialpädagogischen Konzepte zu verdeutlichen. Dabei verfolgt die Arbeit die Fragestellung, was mit dem Begriff der abstrakten Individuumsorientierung gemeint ist und was damit geleistet ist (Kapitel eins).

Im zweiten Kapitel wird ausgeführt, wie sich Individuumsorientierung als sozialpädagogische Zielgröße konkretisiert und in verschiedenen Theorieansätzen diskutiert wird, im dritten Kapitel wird dann die Lebenslage junger Mütter in ihren verschiedenen Dimensionen in den Blick genommen.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit der biographischen Methode, die im Rahmen der empirischen Studie der Dissertation zur Anwendung kommt und Kapitel fünf stellt den Übergang zu den in den folgenden Kapiteln entfalteten theoretischen Überlegungen dar. Hierbei wird zunächst die Debatte über das Verhältnis von Hilfe und Kontrolle aufgegriffen, wobei insbesondere auf aktuelle Debatten zum aktivierenden Sozialstaat, Eingriffe im Kinderschutz und auf Zwang in den Hilfen zur Erziehung Bezug genommen wird.

In Kapitel sechs findet sich eine ausführliche und kritische Betrachtung des Entwicklungsaufgabenkonzepts und in Kapitel sieben wird der Frage nach der Biographieorientierung in Diagnosen und Interventionen sozialpädagogischer Hilfen als Einlösung fachlich-professioneller Ansprüche nachgegangen. Die in diesem Kapitel begonnene gesellschaftstheoretische Fundierung der sozialpädagogischen Individuumsorientierung wird im achten Kapitel weiterverfolgt. Hier geht es um die ökonomische und politische Organisationsweise moderner, also kapitalistischer und demokratischer Gesellschaften und die Frage wie sich dort die reale abstrakte Verwirklichung des Individuums bestimmen lässt.

Das abschließende neunte Kapitel thematisiert den Begriff der Eigenverantwortung als zentrale Leitkategorie und diskutiert diesen vor dem Hintergrund junger Mutterschaft. Die sozialpädagogische Zielgröße abstrakter Individualität wird resümierend als ein in sich widersprüchliches Ideal charakterisiert, das – so die Autorin – wenig geeignet erscheint, eine angemessene Erklärung oder Gestaltung von Sozialer Arbeit zu entwickeln und zu begründen.

Wie kommt die Autorin inhaltlich zu diesen für den gesamten Fachdiskurs in der Sozialen Arbeit herausfordernden Thesen?

Inhalt

Sie geht zunächst davon aus, dass Individuumsorientierung ein eindeutiges und ungeklärtes Ziel darstellt. Selbstständigkeit und Autonomie des Individuums werden in der Sozialen Arbeit als Zielgrößen verstanden, mit denen die grundsätzliche Fähigkeit behauptet wird, die Bedingungen des Lebens unter dem Gesichtspunkt eigener Vorstellungen zu nutzen. Die gesellschaftlichen Bedingungen werden dabei als Beschränkungen des Individuums und seiner Autonomie betrachtet. „Als zentrale Zielgröße und grundlegende Aufgabenstellung ist im sozialpädagogisch-disziplinären Selbstverständnis also die Förderung der gesellschaftlich unterdrückten Individualität verankert“ (S. 17). Soziale Arbeit zielt auf die aktive Herstellung von Normalität, wobei fachliche Ansätze danach unterschieden werden, ob sie eher einer helfenden oder eher einer kontrollierenden Funktion verpflichtet sind.

Bettina Ritter kommt in ihrer zusammenfassenden Schau der verschiedenen Beiträge zu diesem Thema zu dem Fazit, dass die Soziale Arbeit zwar konstatiert, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Frage, was ein Individuum ist und vermag, geltend machen, das Wie und Warum dies der Fall ist aber stets nur vor dem Hintergrund bereits vorhandener Bildungsvorstellungen (man könnte auch sagen: normativer Konzepte) thematisiert wird. Sie schlussfolgert daraus, dass eine weiterführende Vergewisserung über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft vonnöten ist. Die Konzipierung der zentralen Aufgabe Sozialer Arbeit als Vermittlung von Individuum und Gesellschaft (gleichzeitig ihre zentrale Problematik) weist auf die Frage hin, ob die Bestimmung Sozialer Arbeit als Vermittlung zwischen beiden Polen überhaupt möglich ist und ob damit nicht der behauptete Ausgangspunkt der Individuumsorientierung aufgegeben wird? Um dieses Problem näher bestimmen zu können, verlässt sie die Ebene der theorieimmanenten Diskussion und wendet sich dem Fallbeispiel junger Mütter zu. Im Ergebnis der (ausführlich dargestellten und methodisch begründeten Fallbeispiele) wird aus ihrer Sicht deutlich, dass junge Mütter in doppelter Hinsicht integriert werden sollen: die alleinverantwortliche Mutterrolle und die Integration in den Arbeitsmarkt sollen gelingen. „Das steht in Diskrepanz zu den sehr verschiedenen biographisch ausgeprägten Berufs- und Familienorientierungen der Frauen, wie ebenso zu ihren Möglichkeiten, die Anforderungen umzusetzen“ (S. 176). Eine gelingende Orientierung am Individuum stellt sich als „Passungsfrage“ mit den biographischen Entwürfen und Möglichkeiten heraus. Aus der Sicht der Autorin stellt eine solche Passung als Bedingung anzunehmen einen deutlichen Widerspruch zu den Ansprüchen einer sozialpädagogischen Individuumsorientierung dar – sie ist in den sozialpädagogischen Ansätzen nicht angelegt und auch nicht in sie integrierbar.

Die Diskussion der Angemessenheit sozialpädagogischer Orientierung am Individuum erfolgt ausführlich am Beispiel des Verhältnisses von Hilfe und Kontrolle. Sowohl in neo-marxistischen Ansätzen, die Soziale Arbeit als „Instanz sozialer Kontrolle“ kritisch in den Blick nehmen, als auch in systemtheoretischen Ansätzen, die Soziale Arbeit eher affirmativ als organisierte Bearbeitung von Exklusions- und Inklusionsproblemen bestimmen, wird Individualität abstrakt konzipiert. Dies gilt auch für machttheoretische Konzeptionen, die Soziale Arbeit als konstitutionellen Bestandteil einer Regierung des Sozialen ansehen und in denen Soziale Arbeit nicht nur als Einschränkung der Subjekte verstanden wird, sondern als Hervorbringung bestimmter Formen der Subjektivierung angesehen wird. Ihr Fazit fällt kritisch aus: „Eine Klärung der gesellschaftlichen Position Sozialer Arbeit, die disziplinweite Durchsetzung erfahren hätte, liegt bis heute nicht vor“ (S. 201). Stattdessen sei die Frage nach der Bestimmung Sozialer Arbeit in die Frage nach ihrer Professionalisierung überführt worden. Dies führt in manchen Professionalisierungsdebatten dazu, dass diese sich von der Frage der individuellen Lebensperspektive der Klientinnen und Klienten gleich ganz entkoppeln und in erster Linie darüber reflektieren, wie die Rahmenbedingungen der Profession und ihre Kompetenzen/​Handlungsfreiheiten bestimmt werden können (Beispiele sind hier das doppelte Mandat, die widersprüchliche Struktur fallbezogenen Handelns oder die Aufgabe der stellvertretenden Krisenbewältigung für die Klientinnen und Klienten).

Besonders deutlich wird aus Sicht der Autorin die Tendenz zur Aufgabe der Bestimmung Sozialer Arbeit als Hilfe und Kontrolle in aktuellen Debatten um Ökonomisierung und den aktivierenden Sozialstaat, da sozialstaatliche Maßnahmen als Zurückdrängung helfender Angebote zugunsten aktivierender Maßnahmen interpretiert werden. Hier sieht Bettina Ritter die Vorstellung einer „guten alten“ sozial gerechten Sozialen Arbeit am Werk, die durch sozialpolitische Maßnahmen eingeschränkt wird. „In diesem Kontrast“ – so ihr Fazit – „ist die Frage nach der inhärenten Kontrollfunktion in den Hintergrund gedrängt“ (S. 226).

Bettina Ritter kritisiert, dass in den Fachdebatten der Sozialen Arbeit – entgegen den eigenen Erkenntnissen – durchweg am potentiellen, einseitigen Hilfe-Selbstverständnis festgehalten wird und diese „fast schizophrene“ Konzeptionierung Sozialer Arbeit in Professionstheorien kanalisiert wird, die mit Hilfe der Bezugnahme auf höhere Werte (Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Handlungsfreiheit etc.), den eigenen Handlungsauftrag idealistisch überhöhen.

In den Kapiteln zu „Jugend“ und „Biographie und Lebenslauf“ wird den sozialpädagogischen Bestimmungsversuchen intensiv nachgegangen und als Fazit ein „überhöhter Individuumsbegriff“ herausgearbeitet, der als Maßstab sozialpädagogischer Betrachtungen verwendet wird. Lebenslaufbezogene Handlungsfreiheiten werden als auszubauende Errungenschaften der Moderne und des modernen Sozialstaats, der wiederum darauf bezogen als Schutzmacht konzipiert wird, diskutiert.

Es ist ein besonderes Verdienst der Studie von Bettina Ritter, dass an dieser (die Fachdebatte eigentlich grundsätzlich bilanzierenden) Stelle die Argumentation nicht abgeschlossen wird, sondern in einem weiteren Kapitel der theoretischen Bestimmung des Verhältnisses von Sozialstaat und Sozialer Arbeit im demokratischen Kapitalismus nachgegangen wird und damit die Frage nach der (sozialstaatlichen) Begründung Sozialer Arbeit wieder neu gestellt wird.

Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist die Feststellung, dass im bisherigen Durchgang der Arbeit, die „sozialpolitische Ermöglichung von Individualität und die sozialpolitische Normierung der Lebensführung“ als dialektische Einheit moderner Staatlichkeit und moderner Gesellschaften konzipiert wurde. Aus ihrer Sicht scheint eine solche Betrachtung die Schwäche aufzuweisen, tendenziell formalistisch und eher beschreibend zu bleiben, weshalb der Inhalt moderner Individualität einer weiterführenden gesellschaftstheoretischen Erörterung bedarf.

Dies erfolgt in mehreren Argumentationsschritten. Unter Bezugnahme auf Hegel, Marshall und Marx wird die „Doppelnatur des bürgerlichen Individuums“ herausgearbeitet, daraufhin der Sozialstaat in seiner ambivalenten und konstituierenden Rolle thematisiert und anschließend das Prinzip der Eigenverantwortung als praktische Lebensform der Kapitalismus herausgearbeitet.

Marx sieht die Konzeption abstrakter Individualität im bürgerlichen Staat verwirklicht und er analysiert das Individuum als freie Person und Rechtssubjekt. Deren Doppelnatur besteht nun darin, dass der freie Bürger zugleich einer von ökonomischen Gegensätzen bestimmten Klassengesellschaft angehört. Im Recht auf Eigentum ist eingeschlossen, dass derjenige, der die Mittel der gesellschaftlichen Arbeit besitzt (Kapital!) auch die Macht hat, die gesellschaftliche Arbeit zu kommandieren. Freiheit ist damit näher zu bestimmen als Freiheit zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung unter den Bedingungen einer Konkurrenzgesellschaft, in denen jeder dazu aufgerufen ist, sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen und zum Schmied seiner individuellen Lebensverhältnisse zu werden. Dass dies notwendiges Scheitern einschließt liegt in der Natur der gesellschaftlichen Verhältnisse und ist in seinen verschiedenen Formen ein der Sozialen Arbeit nur zu bekanntes Phänomen.

Hegel, der Philosoph der Freiheit, hat in seiner Rechtsphilosophie vom Staat als der Verselbstständigung des abstrakt freien Willens gesprochen. Der moderne Staat ist für ihn die reale Existenz einer Individualität, die in Absehung von den gesellschaftlichen Gegensätzen ihre Freiheit in einer Einrichtung verwirklicht sieht, die erlaubt, dass der Wille des je Einzelnen überhaupt betätigt werden kann. In Wahrheit handelt es sich also um ein Beherrschungsverhältnis. Die Realisierung des Freiheitsprinzips erfolgt in der Form rechtsstaatlicher Gebote und Verbote, die die Freiheit der Privatperson (und damit der von ihr verfolgten ökonomischen Interessen) sicherstellen und garantieren. Während Hegel hierin die historische Leistung der Sicherung von Freiheit erkennt, stellt Marx ihn insofern „vom Kopf auf die Füße“ als er darin die Art und Weise analysiert, in der der Herrschaftscharakter des Staates als willentliches Resultat eigenverantwortlicher Bürgerinnen und Bürger sein Dasein gewinnt und zugleich eine Gesellschaft gegensätzlicher ökonomischer Interessen durchsetzt und aufrecht erhält.

Dies ist der Anknüpfungspunkt für den Begriff der Moralität, der die Leistung des modernen Menschen beschreibt, gegebene Machtverhältnisse als das probate Mittel seiner individuellen Lebensgestaltung anzusehen und damit in eingerichteten staatlichen Abhängigkeiten die Garanten für die Entfaltung seiner Freiheit begreift. Der soziale Staat – so Ritter – greift die abstrakte Anerkennung des Individuums wiederum als Prinzip der eigenverantwortlichen Lebensführung auf und damit erweist sich der Rechtsstatus der freien Person als Pendant der damit einhergehenden Verantwortung der individuellen, weil privaten Selbstsorge.

Eine solche Gesellschaftsform benötigt einen Sozialstaat, der sich der umfassenden Betreuung der Lebensverhältnisse annimmt (die nationalen Varianten dieser Betreuung sind unterschiedlich und reflektieren das Maß, in dem Privatautonomie als höchstes Gut der Konkurrenzgesellschaft gilt). Bettina Ritter analysiert den Sozialstaat als konstitutives Mittel der modernen Gesellschaft und zieht daraus folgende Schlussfolgerung: „Wenn dem Staat nun allerdings dabei eine konstituierende Rolle bezüglich der ungleichen Sozialstruktur ebenso wie ihren Entstehungsbedingungen zukommt, wie oben ausgeführt, mutet eine Adressierung des erklärten Fixierers der gesellschaftlichen Bedingungen zur Änderung dieser Bedingungen höchst widersprüchlich an“ (S. 416).

Damit ist das Wirken des Sozialstaats als widersprüchlich bestimmt: er soll es möglich machen, eigenverantwortlich mit den Existenzbedingungen der Konkurrenzgesellschaft zurecht zu kommen, er soll damit das „Unmögliche möglich machen“. Dieses Verständnis vom Sozialstaat tritt in Gegensatz zu funktionalistischen Erklärungen, die in ihm einen Sachwalter von Kapitalinteressen vermuten und sozialpolitischen Maßnahmen eine Legitimationsfunktion für die Akzeptanz des Staates zusprechen.

Die Aktivierung von Eigenverantwortung ist auch keine Leistung einer „neoliberalen“ Transformation des Sozialstaats, sondern kann – so Bettina Ritter – als „konstitutives Element von Sozialstaatlichkeit im Kapitalismus“ (S. 427) betrachtet werden.

Schließlich stellt sich noch die Frage, welche Rolle Soziale Arbeit als Teil von Sozialpolitik spielt. Die diesbezüglichen Theoriedebatten bleiben oft vage und unbestimmt und drängen auf eine gewisse Autonomie Sozialer Arbeit gegenüber der Sozialpolitik. Aus sozialpolitischer Perspektive sieht es umgekehrt aus: die Autonomie der sozialpädagogischen Fachkräfte und ihre fachliche Individuumsorientierung werden zu Mitteln der Sozialpolitik. Das Selbstverständnis als autonome ziel- und mittelsetzende Instanz ist die passende Positionierung zu dieser praktischen Verortung. Am Beispiel verschiedener Theorieansätze (Capability Approach; Neo-marxistische Analysen; Lebenslagenorientierte Ansätze etc.) lässt sich zeigen, dass diese durchweg die Bestimmung Sozialer Arbeit als Mittel der Sozialpolitik ignorieren oder idealistisch zu Funktionszuweisungen kommen, die dem realen Charakter nicht entsprechen. Demgegenüber – und dies kann man als Fazit der Arbeit von Bettina Ritter lesen – wird die Identität Sozialer Arbeit unter der Prämisse der abstrakten Indivualitätszentrierung darin gesehen, den Klienten dahingehend zu motivieren, aktivieren, überzeugen, anregen etc. dass tun zu wollen, was als sein Tun-Sollen in den gesellschaftlichen Verhältnissen verankert ist.

Die Arbeit endet mit einem Fazit, in dem Bettina Ritter auf die Notwendigkeit einer sozialen statt politischen Perspektive Sozialer Arbeit focussiert. Darunter versteht sie eine sachlich angemessene und die Verhältnisse moralisch nicht überhöhende Vorgehensweise, in der die der Individualität entgegen stehenden Widrigkeiten auch als solche thematisiert werden. „Eine solche Form der Praxis ist nicht radikal, aber auch keine Täuschung über sich und ihren Gegenstand. Sie nähme die Problemlagen der Menschen als das, was sie sind, nicht als das, was man sich wünscht“ (S. 483). Einschränkend fügt sie hinzu, dass selbst dies als Idealismus bestimmt werden könne, weil zum Begriff der Sozialen Arbeit ihre moralisch-ethische Überhöhung der Eigenverantwortung wohl dazu gehört.

Diskussion

Die Dissertation von Bettina Ritter will am Beispiel der Lebenslage junger Mütter etwas Grundsätzliches verdeutlichen: wie in Sozialpolitik und Sozialer Arbeit von den Besonderheiten der Individualität abstrahiert und diese unter das Prinzip der Eigenverantwortung gestellt werden. Wie dies in Debatten und Professionstheorien ventiliert und geleugnet wird und welche gesellschaftstheoretischen Gründe hierfür benannt werden müssen. Die Arbeit verfolgt diesen Begründungszusammenhang in verschiedenen Etappen, sie demonstriert dies an den individuellen Biographien dreier junger Mütter und sie analysiert dies in der gebotenen akademischen Ausführlichkeit an diversen theoretischen Debatten und fachlichen Diskursen. Was diese Dissertation zu einem Bezugspunkt zukünftiger Diskussionen in der Sozialen Arbeit macht, ist die argumentative Klarheit und Schärfe, mit der die bestimmenden Fachdiskurse in der Sozialen Arbeit auf die ihnen zugrunde liegenden Prämissen und Widersprüche zurück geführt werden. Mit einer begründeten theoretischen Richtschnur im Gepäck tritt die Autorin den herrschenden sozialpädagogischen Theorien gegenüber und dechiffriert ihre überwiegend normative und idealisierende Gestalt. Dabei erweist sich der Begriff der abstrakten Individualität als geeignet, unterschiedlichste Vorstellungen von der Funktionsweise Sozialer Arbeit (von liberal bis neomarxistisch) auf ihren moralisierenden Kern zurück zu führen und gleichzeitig einen Ausweg aufzuzeigen: die wissenschaftliche Auseinandersetzung könnte sich, das ist die Überzeugung der Autorin, die Distanz verschaffen, die nötig wäre, um eine soziale Praxis der Sozialen Arbeit zu stärken. Diese sollte wissen, was Eigenverantwortung in einer demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft bedeutet und sie sollte nicht so tun, als könnte sie mal eben so darüber hinweg helfen.

Fazit

Es wäre zu wünschen, dass die Dissertation von Bettina Ritter in der Fachcommunity nicht nur zur Kenntnis genommen wird, sondern zum Anlass eines neuen Nachdenkens und einer Diskussion über die Bestimmung von Sozialer Arbeit und ihren Möglichkeiten und Widersprüchen genommen würde. Dazu müsste sie aus dem Schattendasein verfügbarer Dissertationen der Universität Bielefeld heraus treten und in Buchform verfügbar sein. Der Rezensent plädiert hierfür nachdrücklich.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 23.12.2020 zu: Bettina Ritter: Kritik abstrakter Individualität. Widersprüche eines sozialpädagogischen und jugendtheoretischen Ideals am Fall junger Mütter. Universität Bielefeld 2020. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27823.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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