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Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Die deutschsprachige Sexualwissenschaft

Cover Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Die deutschsprachige Sexualwissenschaft. Bestandsaufnahme und Ausblick. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 526 Seiten. ISBN 978-3-8379-3016-0. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft.
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Thema

Der Sammelband zeichnet mit Beiträgen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg die Entwicklung der deutschsprachigen Sexualwissenschaft seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach und benennt mögliche Perspektiven. 

Die Beiträge erfassen eine große Bandbreite der empirischen Sexualforschung von biologischen über psychische und soziale Aspekte, Sexualpädagogik, Familienplanung und das Jugendalter.

Autor

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß lehrt Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg, Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Prävention sexualisierter Gewalt, die Förderung geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung, biologische und medizinische Theorien über Geschlecht und Sexualität, sowie zu Queer Theory und Kapitalismuskritik.

Die über 20 Beiträge wurden von namhaften VertreterInnen der deutschsprachigen Sexualwissenschaft verfasst, u. a. Peer Briken, Anja Henningsen, Rüdiger Lautmann, Udo Rauchfleisch, Katinka Schweizer, Volkmar Sigusch.

Aufbau und Inhalt

Neben einem Geleitwort von Dagmar Herzog (Professorin für Geschichte an der Universität New York, Expertin für Sexualmoral im europäischen Faschismus und für Zeitgeschichte in den USA) und der Einleitung des Herausgebers ist der Sammelband in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Eröffnungen
  2. Forschungsgebiete im Wandel
  3. Regionale Besonderheiten
  4. Geschlecht und Sexualität zwischen Psyche und Körper
  5. Sexualwissenschaft, -pädagogik und Qualifizierung

Einleitung

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die deutschsprachige Sexualwissenschaft von den Lasten des Nationalsozialismus, den Verwüstungen, Brüchen und normorientierten Strukturen befreit, diese aufgearbeitet und an neuen Orten, Instituten, gegründet auf Empirie und Offenheit das hervorgebracht, was heute als Sexualwissenschaft vorfindbar ist. Dokumentiert ist durch diese Wissenschaftsgeschichte der Zusammenhang individueller Lust und gesellschaftlicher Bedingungen, die Abhängigkeit, bzw. das Zusammengehören gesellschaftlicher Entwicklung und individueller Lebensgestaltung. 

Herausgeber Heinz-Jürgen Voß skizziert diese Entwicklung anhand einiger Schlaglichter und den Nöten der Sexualwissenschaft in Bezug auf kritische Analyse (z.B. im Umgang mit sexualisierter Gewalt im pädagogischen Kontext) und leitet über in die aktuelle Ära sexualwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung, die er weiterhin geprägt sieht durch die Leitfiguren der 1950er und 60er Jahre, der darauf folgenden Generation an WissenschaftlerInnen und die aktuellen ProtagonistInnen der Disziplin. Eine Auswahl an Denkansätzen, Themen, Analysen und theoretischen Bezügen sieht er in diesem Sammelband, den er als Standortbestimmung aufgreift, versammelt.

Eröffnungen

„Paradoxale Verhältnisse“, so der Titel des Beitrags von Volkmar Sigusch, Leitfigur der Sexualwissenschaft (und weltweit der erste Wissenschaftler der im Fach Sexualwissenschaft habilitierte) skizziert die in Gesellschaft und Kultur vorherrschenden Paradoxien und Widersprüche hinsichtlich der gesellschaftlichen Realität und der Lebensverhältnisse. Er sieht die Welt und den Alltag „von sexuellen Reizen ebenso gesättigt wie entleert“ (21), durch die sexuelle und neosexuelle Revolution geprägt, bestimmt durch ökonomische und kulturelle Inszenierung der sexuellen Reize, deren Dauerpräsenz, Kommerzialisierung und digitale Verfügbarkeit. Alles ist verfügbar und dadurch weniger präsent, was sich im Erleben von Lust und Leidenschaft niederschlägt: „Komplette Sexualisierung schlägt um in Desexualisierung, ebenso totale Vergeschlechterung in Geschlechtslosigkeit“ (22). Gleichzeitig folgen auf die Übersexualisierung die Drosselung und Regulierung sexuellen Ausdrucks: „Einerseits platzt unsere öffentliche Welt aus allen sexualisierten Nähten, andererseits sind unsere Gefühle der Erregung oder der Scham gedrosselt oder verschwunden“ (23). Die Symptome dieser Entwicklung sieht Sigusch in der (empirisch messbaren) Abnahme sexueller Lust und sexueller Handlung, dem Widerspruch zwischen Freiheit (alles ist möglich und lebbar) und dem individuellen Überfordert-Sein. Auf gesellschaftlicher Ebene sieht Sigusch Prämissen formuliert (Menschenrechte), deren Einhaltung enge Grenzziehungen und Ausschlussphänomenen folgen. „Wir postulieren subjektiv überzeugt allgemeine Menschenrechte und treten diese … mit den Füßen“ (27). 

Globalisierung, Medienflut, Informationsschwemme, Empathieverlust, Verschwörungstheorien im Kontext einer komplexen globalen Realität, Individualisierung, Kommerzialisierung – die Entwicklung der (Welt)gesellschaft erscheint Sigusch auf einem schwierigen Weg, die Sexualitäten folgen ihr und verändern sich entsprechend. Die knappen Hinweise dieser ersten „Eröffnung“ skizzieren das, was als „kritische Sexualwissenschaft“, prominent vertreten von Volkmar Sigusch, konzipiert ist und steht sicher nicht zufällig am Anfang der vorliegenden Standortbestimmung der deutschsprachigen Sexualwissenschaft.

Im zweiten Eröffnungsbeitrag geht Rüdiger Lautmann der Frage nach, wie sich Sexualität und die Sexualwissenschaft in den kommenden 30 Jahren verändern werden. Ausgangspunkt seines Textes sind zwei Hypothesen:

  1. Wir gehen einer totalen Banalisierung alles Sexuellen entgegen.
  2. Die Sexualwissenschaft als Fach wird dann verschwunden sein. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist der Status quo, Sexualität und der darauf bezogene Diskurs ist bis zuletzt durch Genderifizierung, Moralisierung, Dämonisierung und Therapeutisierung gekennzeichnet. 

Diese Entwicklung führt, weitergedacht, zu einer noch deutlicheren Beliebigkeit sexuellen Lebens, bei gleichzeitig -vermeintlich- vollständiger Aufklärung: „Das Geheimnisvolle und Besondere des Sexuellen ist dann bis in die letzten Winkel ausgeleuchtet, es hat seinen Charakter des schwer Zugänglichen und Riskanten eingebüßt“ (43), Sexualität überall und beständig verfügbar, sexuelle Skripte werden sich annähern, vermischen und flexibilisieren. Entsprechend diesem Szenario wird „die Sexualwissenschaft als Fach (…) verschwunden sein. Alles Geschlechtliche als Thema wird in den jeweiligen Einzelwissenschaften behandelt“ (47) werden. Die Prognosen einschränkend formuliert Lautmann, dass die Sexualwissenschaft die wesentlichen Entwicklungswege der letzten 30 Jahre schlichtweg nicht vorhergesehen hat. Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen… Mit Blick auf die Koppelung von Sexualität und Emotion (Liebe) und den daraus folgenden sozialen Prozessen (Liebesbeziehung, Ehe) konstatiert Lautmann, dass entgegen dem Trend nach maximal freier und (deswegen besonders) lustvoller Sexualität die Suche nach Begegnung in liebender Beziehung als exklusives sexuelles Moment an Bedeutung erlangen könnte.

Eröffnung Nr. drei von Kurt Starke (Leipzig) fokussiert auf die empirischen Erkenntnisse der DDR-Sexualwissenschaft, insbesondere die in den Jahren 1972, 1980 und 1990 durchgeführten Untersuchungen der Leipziger Jugendforscher, den sog. Partnerstudien, deren zentrale Ergebnisse hinsichtlich Partnerwahl und Sexualleben vorgestellt und in Bezug auf spätere Studien, sowie im Ost/West-Vergleich gesetzt werden.

Forschungsgebiete im Wandel

Eine aktuelle thematische Schwerpunktsetzung erfolgt im zweiten Abschnitt, der „Forschungsgebiete der Sexualwissenschaft im Wandel“ aufgreift. Die fünf Beiträge gehen auf die Möglichkeiten und Grenzen empirischer quantitativer Sexualforschung ein, fokussieren Veränderungsprozesse im Bereich der Familienplanung, fragen nach Veränderungen sexueller Selbstbestimmung Jugendlicher im digitalen Wandel, verweisen auf queere Perspektiven in der Sexualwissenschaft und fragen nach ordnungswissenschaftlichen Aspekten der Sexualwissenschaft. Der abschließende Beitrag hinterfragt den heutigen Beitrag der Psychoanalyse zur Sexualwissenschaft.

Der Beitrag zur quantitativen Sexualforschung (Sex-Survey-Forschung) erschließt zunächst die Erträge der entsprechenden Pionierarbeiten (Kinsey) in den USA sowie spätere quantitative Studien aus England, Frankreich und den USA und erschließt so die internationale Perspektive für die deutschsprachige Sexualwissenschaft hinsichtlich der Messung und Beschreibung des sexuellen Verhaltens der Allgemeinbevölkerung. Themen, Aufgaben und damit Entwicklungsmöglichkeiten für die deutsche scientific community sehen die Autorinnen (Silja Matthiesen und Laura Pietras) im Anschluss an die bekannten größeren Survey’s aus Deutschland in der Erhebung transnationaler Datenerhebungen um über Ländergrenzen hinaus, um Veränderungen des Sexualverhaltens in Europa beschreiben zu können.

Ausgehend von der biologischen Bedeutung des Fortpflanzungsaspekts der Sexualität hinterfragt der Beitrag zur Entwicklung der Familienplanung in Bezug auf Phänomene wie Kontrazeption, Reproduktionsmedizin, ungewollte Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch. Ulrike Busch (Professur für Familienplanung an der HS Merseburg) legt den Schwerpunkt hier auf die gesellschaftlichen Realitäten und Rahmenbedingungen und die im Zusammenhang stehenden liegenden Diskurse (Dispositive), z.B. in Bezug auf Geschlechterverhältnisse, Frauenbild oder neoliberale Individualisierung.

Bezogen auf die Gruppe Jugendlicher fragen Maika Böhm & Jürgen Budde (Professorin an der HS Merseburg, bzw. Professor für Erziehungswissenschaft der Universität Flensburg) nach der sexuellen Selbstbestimmung Jugendlicher im digitalen Wandel, insbesondere nach den Auswirkungen neuerer Phänomene wie „Sexting“ oder den digitalen Austausch explizit sexueller Medien (Fotos, Videos). Sexualität begreifen die beiden AutorInnen als sozial konstruiertes Phänomen, das im Kontext der sozial-kulturellen Gegebenheiten wahrgenommen werden muss. „Digitale Medien sind bedeutsam für den kulturellen Rahmen bzw. die kulturellen Szenarien … einer Gesellschaft. Diese … könen auch als sogenannte ‚Straßenpläne für sexuelles Verhalten‘ … verstanden werden, in denen sich überindividuelle, sozial und historisch wandelbare Sexual- und Geschlechternomen und Werte abbilden“ (155). Ob dieser digitale Hintergrund zur Erweiterung sexueller Möglichkeiten, oder über Grenzverletzungen unterschiedlicher Art zur Einschränkung führt erscheint als konkrete Sozialisationserfahrung weitgehend zufällig, die technischen Möglichkeiten scheinen allerdings bereits weitgehend in das Sexualverhalten der Jugend integriert und bieten vielfältige Anschlusspunkte für die Sexualwissenschaft.

Mit zwei unterschiedlichen inhaltlichen Bezugnahmen öffnen die Beiträge von Elisabeth Tuider (Professorin an der Universität Kassel) und Ilka Quindeau (Professorin an der HS Frankfurt, derzeit beurlaubt bis 2023) den Blick auf das gesellschaftlich und sexualwissenschaftlich kritische Potenzial der Queer-Studies bzw. der Psychoanalyse, einmal konzipiert als intersektionale, anti-kategoriale Herrschafts- und Gesellschaftskritik, einmal als Rückbesinnung auf frühe Beiträge der Psychoanalyse und deren Weiterentwicklung, insbesondere bezogen auf Beziehungsaspekte, sowie Bedürfnis- und Konfliktstruktur.

Regionale Besonderheiten

Eine Bestandsaufnahme der Sexualwissenschaft mit Darstellung der Entwicklungen und Perspektiven fokussiert auf den aktuellen Stand der Disziplin in der Schweiz, in Österreich und Luxemburg, retrospektiv die Erträge der DDR-Sexualwissenschaft/​Sexologie und deren Impulse für die Zukunft.

Die fünf Einzelbeiträge zeigen die starken nationalen Unterschiede in den genannten Ländern auf. So schreibt Udo Rauchfleisch (emeritierter Professor für klinische Psychologie an der Universität Basel und Fachbuchautor u.a. zu den Themenbereichen Homosexualität, Transidentität, Gewalt und Dissozialität)): „Die Situation … in der Schweiz ist dadurch gekennzeichnet, dass es an keiner Schweizer Universität einen Lehrstuhl für Sexualwissenschaft gibt“. Sexualwissenschaftliche Themen sind gleichwohl in Form von Weiterbildungsangeboten etabliert, eine strukturelle wissenschaftliche Arbeit, die an ein universitäres Zentrum angegliedert wäre fehlt, was Forschung, Theorieentwicklung und damit die Weiterentwicklung der Disziplin erschwert. Ähnlich beschreibt Josef Aigner (emeritierter Professor für Psychosoziale Arbeit und psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck) die Situation in Österreich. Unter dem Titel „Sexualwissenschaft? In Österreich?“ beklagt auch er das Fehlen einer Universitätsprofessur für Sexualwissenschaften, gleichwohl nach 1945 beachtliche wissenschaftliche Beiträge (die mit Namen wie Igor Caruso, Ernest Borneman oder Kurt Loewit verbunden sind) zu verzeichnen ist. Wichtige Impulse für die angewandten Sexualwissenschaften unterblieben jedoch, bzw. taten sich schwer, was Aigner anhand der Auseinandersetzung um die schulische Sexualpädagogik belegt. Der Republik Österreich bescheinigt er insgesamt eine „sexuologische Zurückgebliebenheit“ (234). Erst in jüngerer Zeit scheinen sich auf Initiative von privat geführten Weiterbildungsakademien Bildungsangebote für Fachkräfte zu etablieren, die kurz skizziert werden. Ausführlicher beschreibt ein weiterer Beitrag (von Wolfgang Kostenwein und Bettina Weidinger) die über 25jährige Arbeit des „Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapien“, das v.a. im Anwendungsbezug wichtige Impulse gesetzt hat und einem biopsychosozialen Paradigma verbunden ist.

Der Blick auf die sexualwissenschaftliche Expertise in Luxemburg zeigt die doch erheblichen Anstrengungen des kleinen Landes die sich u.a. stark auf gesellschaftliche Diskurse zur Sexualität, den sich verändernden Bedeutungen, der Akzeptanz, Entdramatisierung und Normalisierung nicht-heteronormativer und nicht-binärer Geschlechterbeziehungen beziehen. Christl Baltes-Löhr zeichnet hier das Kontinuum von Geschlecht (im sozialen Kontext) nach, dass sie als „unendliches, ständiges Zusammenspiel der vier Dimensionen (…)“ physische Dimension (Körperlichkeit), psychische Dimension (Empfinden), soziale Dimension (Verhalten) und sexuelle Dimension (Begehren) definiert, und Grundlage für einen andauernden Wandel ist, das die Fixierung auf heterosexuelle Paarbildung bezogene Norm als einen Entwicklungspfad aufgreift, andere sexuelle Verhaltens- und Lebensweisen -selbstverständlich- als möglich und gleichberechtigt definiert. Der Beitrag gibt weiter einen kurzen Einblick in das luxemburgische, bzw. auf Luxemburg bezogene Forschungsgeschehen und entwickelt eine Perspektive der Sexualwissenschaft und die gesellschaftliche Entwicklung, wo möglichst früh „die Gleichstellung aller Menschen erreicht“ wurde, „unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder ihren geschlechtlichen Körpermerkmalen“ (293).

Der letzte Beitrag des Kapitels erschließt retrospektiv die Erträge der DDR-Sexualwissenschaft, insbesondere die Aktivitäten in den Bereichen „Ehe und Familie“, Sexualerziehung/​Sexualpädagogik, Ehe- und Sexualberatungsstellen, sexuelle Bildung und in der empirischen Sexualforschung.

Geschlecht und Sexualität zwischen Psyche und Körper

Der folgende, mit sechs Beiträgen umfangreichste Abschnitt fokussiert auf „Geschlecht und Sexualität zwischen Psyche und Körper“. Zunächst Katinka Schweizer (Psychologin am Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf), die auf die sexualwissenschaftliche und gesellschaftliche Intersex-Debatte abhebt, insbesondere die Anerkennung von Intergeschlechtlichkeit, welche sich z.B. in der aktuellen Leitlinie (AWMF-S2k-Leitlinie) zu Varianten der Geschlechtsentwicklung oder der Reform des deutschen Personenstandsrechts (2019) abbildet (mit Schaffung der Grundlage eines dritten positiven Geschlechtseintrags „d“, neben „w“ und „m“). Den Beitrag der (kritischen) Sexualwissenschaft verortet Schweizer in der gesellschaftlichen Verantwortung, Entwicklungsprozesse und Anerkennungspraxen wissenschaftlich zu begleiten und anzureichern.

Daran anschließend skizziert Timo O. Nieder (Psychotherapeut ebenfalls am Hamburger Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie), den sexualwissenschaftlichen Beitrag für eine bedarfsgerechte Transgender-Gesundheitsversorgung, die neben medizinischen Aspekten v.a. auf psychosoziale Merkmale bezogen wird. Ein weiterer Beitrag „Geschlechter, Intersex, DSD – woher, wohin?“ vertieft diese Ansätze vor dem Hintergrund der zuletzt erhobenen biologischen und medizinischen Erkenntnisse, deren Einzelaspekte (Hormone, Androgene, Androgenbiosynthese und -rezeptor) erläutert werden.

Mit den aktualisierten Grundlagen für die Diagnostik paraphiler Störungen im neuen ICD-11 als Aufgabenbereich für die Sexualwissenschaft beschäftigt sich der Direktor des Instituts für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Peer Briken. Er stellt dar, dass nach der Orientierung am Konzept der Abweichung (sexueller Orientierung) in ICD-9 bis zuletzt das Konzept des individuellen Leidens an der sexuellen Präferenz im ICD-10 fokussiert wurde und mit Veröffentlichung des ICD-11 nunmehr Konsens „das zentrale Kriterium“ (395) darstellt, also die Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen zwischen Sexualpartnern.

Der Abschnitt endet mit einem Plädoyer für sexualwissenschaftliche Studien zu Körper und Sexualität (von Esther Schütz), insbesondere im Kontext von Sexualtherapien und sexueller Bildung und der Erörterung der wissenschaftlichen Grundlagen des Sexocorporel, einem therapeutisch-sexologischen Ansatz der auf dem Modell sexueller Gesundheit basiert, wie es von der WHO formuliert wurde und seit Jahrzehnten beforscht wird. Das Programm zielt darauf ab umfassend, d.h. bezogen auf Körper und Geist, die Anliegen von Hilfesuchenden zu erfüllen, vor allem in Bezug auf mehr Befriedigung in deren Sexualität und in ihrem Beziehungsleben.

Sexualwissenschaft, -pädagogik und Qualifizierung

Der letzte Abschnitt befasst sich mit den Schnittstellen zwischen Sexualwissenschaft und deren praktische Anwendung in Sexualpädagogik, sexueller Bildungspraxis, Ausbildung und Praxis sozialer Arbeit. Die vier Beiträge zeigen das z.T. ambivalente Verhältnis zwischen Sexualpädagogik und Sexualwissenschaft (so Konrad Weller, emer. Prof. an der Hochschule Merseburg), versuchen eine wissenschaftliche Verortung der Sexualpädagogik (im Beitrag Uwe Sielerts, emer. Prof. an der Universität Kiel) als Teil der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, oder benennen sexualpädagogische Inhalte und Themen in Bachelorstudiengängen Sozialer Arbeit (Stefan Timmermanns, Prof. für Sexualpädagogik an der HS Frankfurt). Abschließend konstatiert Anja Henningsen (Professur für Soziale Arbeit an der Hochschule Kiel) den Bezug auf sexualwissenschaftliche Grundlagen, v.a. die Auseinandersetzung mit sexuellen Bedürfnissen als Ausgangspunkt einer menschenrechtsorientierten Sozialen Arbeit, was in diesem Zusammenhang „mehr Sexualitätskompetenz“ (522) in der Handlungswissenschaft voraussetzt.

Zielgruppe des Buches

Alle Professionen die an sexualwissenschaftlichen Themen interessiert sind.

Diskussion

Der Sammelband gibt einen spannenden Einblick in den gegenwärtigen „Zustand“ der Sexualwissenschaft im deutschsprachigen Raum, den Fraktionen, wissenschaftlichen Zugängen, Forschungsthemen und Anwendungsgebieten in der Sexualpädagogik und Sozialen Arbeit. Die Zustandsbeschreibung beinhaltet teilweise auch eine Auseinandersetzung mit dem „Geworden-Sein“ der Disziplin vor deren historischer Entwicklung, den Brüchen hinsichtlich Thematik, Institutionsgeschichte, Anschlussfähigkeit. Die präsentierten Inhalte stellen sicher eine Auswahl dar und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. So kommen wichtige Themenbereiche wie Alter und Sexualität (in einer alternden Gesellschaft), die Auswirkungen der Internetpornografie, Sexualdelinquenz, weibliche Pädophilie zu kurz oder fehlen vollständig. Der Herausgeber hat in seiner „Bestandsaufnahme“ weitgehend darauf verzichtet die Anschluss- und Abgrenzungsbereiche der deutschsprachigen Sexualwissenschaften zu internationalen Strömungen zu benennen (oder gar zu diskutieren), etwa in Bezug auf die Sexsurveyforschung in Europa und den westlichen Industrienationen. Ein solcher deutlicherer Bezug wäre, auch in Hinblick auf eine Statusdefinition des deutschsprachigen Raums ertragreich, mindestens aber reizvoll gewesen. Auch fehlen, der Herausgeber weist in seiner Einleitung auf diesen Umstand hin (und verweist auf „Zeitprobleme“ der angefragten Personen), wichtige ProtagonistInnen, etwa Gunter Schmidt, Martin Dannecker, Hertha Richter-Appelt, Sabine Andresen, Jörg Fegert u.a. und mit ihnen Beiträge zum sexuellen Missbrauch von Kindern, zur Sexualität von Kindern, Homosexualität, Kulturwissenschaft (Film, Literatur) oder Elternschaft und Sexualität. Der mit über 500 Seiten starke Sammelband hätte all dies nicht zusätzlich aufnehmen können, allerdings weist das Werk einige (nicht viele) Redundanzen auf, die durch Zusammenfassung oder Filterung der Beiträge hätten vermieden werden können. So wartet die wissenschaftliche Community auf ein neu aufgelegtes Handbuch Sexualwissenschaft, das die Themenvielfalt aufzunehmen vermag. Spannend sind die im Buch formulierten Perspektiven für die Disziplin: diese werden durchgehend in der gesellschaftlichen Verantwortung, in der Begleitung, Kommentierung und Analyse des gesellschaftlichen Diskurses über und der sexuellen Verhältnisse und in der Frage handlungswissenschaftlicher Anwendung (in Sexualpädagogik und Sozialer Arbeit, Paar- und Sexualtherapie) gesehen, womit die Anschlussfähigkeit der Sexualwissenschaft an gesellschaftliche Prozesse einmal mehr eingefordert wird. Eindrucksvoll erscheint dabei die Aufteilung der verschiedenen disziplinären Bemühungen zwischen Universitäten und den stärker anwendungsorientierten Universitys of applied sciences, eine Verortung und Rollenaufteilung, welche die Disziplin zu beflügeln scheint.

Fazit

Ein Sammelband, der ausgewählte Einblicke in die Entwicklungslinien, den gegenwärtigen Stand und die Perspektiven der deutschsprachigen Sexualwissenschaft und ihre Schnittstellen zu Nachbardisziplinen gibt. Die getroffenen Schwerpunktsetzungen sind klug gewählt, die Entwicklungslinien der sexualwissenschaftlichen Fraktionen und deren künftige Rolle im gesellschaftlichen Diskurs um Sexualität sind klar benannt: Mittelpunkt der Sexualwissenschaft ist die empirisch begründete Kommentierung sexuellen Verhaltens, das vor dem Hintergrund sich beständig wandelnder gesellschaftlich-kultureller, moralischer, rechtlicher und politischer Normen wahrgenommen werden muss. In diesem Sinn ist der Sammelband eine notwendige und stimmige Standortbestimmung und eine Bereicherung für alle diejenigen, die sich mit der deutschen Sexualwissenschaft befassen möchten.


Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 31.03.2021 zu: Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Die deutschsprachige Sexualwissenschaft. Bestandsaufnahme und Ausblick. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3016-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27828.php, Datum des Zugriffs 01.08.2021.


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