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Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen

Cover Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 584 Seiten. ISBN 978-3-593-51180-1. D: 45,00 EUR, A: 46,60 EUR, CH: 50,71 sFr.
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Thema

Die Studie widmet sich aus politikwissenschaftlicher Perspektive der Mitgliederstruktur der NSDAP über die gesamte Zeitspanne ihrer Existenz. Somit wird nicht nur ein empirischer Beitrag zur Parteiengeschichte der Weimarer Republik, sondern auch zur Erforschung der NS-Staatsorganisation geleistet.

Autor

Jürgen W. Falter ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft und seit seiner Emeritierung im Jahr 2012 als Senior-Forschungsprofessor in Mainz tätig.

Entstehungshintergrund

Die Beschäftigung des Autors mit der NSDAP begann in den 1980er Jahren und hatte bereits zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Partei und ihrer Wahlerfolge zum Ergebnis. So u.a. das in der Fachwelt wie der Öffentlichkeit breit rezipierte Buch „Hitlers Wähler“, welches bereits 1991 erschien. Die vorliegende Studie beruht auf einer anderen Quellenbasis, doch folgt sie im Kern der in den früheren Studien erprobten Annahme Falters, dass die NSDAP als Volkspartei anzusehen ist bzw. differenziert diese Annahme im Detail.

Aufbau

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert, die Aufschluss über einzelne Aspekte der Mitgliederstruktur der NSDAP sowie drei Fallstudien zum Mitgliederentwicklung in Österreich, dem Sudentenland und den größten Millionenstädten im ‚Dritten Reich‘ bieten. Gesonderter Fokus liegt auf den Austritts- und Eintrittsmotiven der Mitglieder, die anhand von Entnazifizierungsakten und weiteren Lebensberichten untersucht werden.

Inhalt

Schon das Vorwort sollte jedoch nicht überlesen werden, da dieses eine Darstellung des komplexen Forschungshintergrundes der Studie enthält, die hier nicht im Detail widergegeben werden muss, aber schon allein angesichts der technischen und methodischen Probleme einer vierzig Jahre währenden Forschungsarbeit sehr interessant ausfällt. Die Datenanalyse in den folgenden Kapiteln beruht auf einer Stichprobe von 42.000 Karteikarten von NSDAP-Neumitgliedern, aus der ein umfangreicher Datensatz gewonnen werden konnte. Anfängliche Fehler in diesem Datensatz konnten für die vorliegende Arbeit bereinigt werden (S. 12). Insgesamt – so stellt Falter ausdrücklich fest – richtet sich die Studie nicht nur an die Fachwelt, sondern primär an die interessierte Öffentlichkeit, weswegen zu Beginn der einzelnen Kapitel Wiederholungen eingebaut wurden (S. 15), die – zumindest im Falle des Rezensenten – den Lesefluss aber nicht stören.

Die Kapitel 1 bis 3 behandeln die Aufnahmebedingungen, die Mitgliederbewegungen und die Demographie der NSDAP-Mitglieder. Bereits das erste Kapitel enthält wichtige Aussagen, da schon die Aufnahme in die NSDAP vergleichsweise stark inszeniert wurde und sowohl die bloße Mitgliedschaft als auch die vergebene Mitgliedsnummer ein von der Parteiführung genutztes Mittel zur Belohnung der Anhängerschaft darstellte. Eine Aufnahme in die Gemeinschaft der „historischen Minorität“ (S. 17), die allein dazu berufen sei den revolutionären Akt der Niederschlagung des „Systems“ zu bewerkstelligen und Deutschland ein vermeintlich strahlenden Zukunft entgegenzuführen, musste immer individuell und persönlich erfolgen, sodass die nach 1945 vielfach aufgestellte Behauptung man sei gegen den eigenen Wissen oder das eigene Wissen zum NSDAP-Mitglied gemacht worden nachweislich falsch ist, wie Falter betont. Hilfreich sind hier und im Folgenden die zahlreichen Tabellen wie etwa die tabellarische Auflistung der Entwicklung der Aufnahmemodalitäten (S. 52 f.).

Auf die verschiedenen Schließungen und (Teil-)Öffnungen der Partei geht Falter im zweiten Kapitel genauer ein. Anders als die KpdSU unternahm die NSDAP keine umfänglichen Parteisäuberungen (S. 22). Stattdessen sollte durch die zeitweise Schließung der Partei für Neueintritte verhindert werden, dass zu viele „Konjunkturritter“ (S. 75) ohne innere Bindung an die Parteiideologie in die NSDAP strömten. Der Anspruch eine „historische Minorität“ zu sein musste nach der ersten Schließung 1933 gleichwohl aufgegeben werden, da die Partei nun bereits über 2,5 Millionen Mitglieder umfasste. Besonders Beamte, denen zuvor die Parteimitgliedschaft vielfach verboten war, traten in den ersten Wochen und Monaten nach der ‚Machtergreifung‘ massenhaft der NSDAP bei (S. 74–81). Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sollte diese Zahl auf rund 9 Millionen Mitglieder anwachsen (S. 104).

Das dritte Kapitel bietet detaillierte Angaben und Analysen zu klassischen demographischen Kriterien wie Alter, Geschlecht, Familienstand und Konfession. Interessant ist auch die Sonderbetrachtung der Demographie von ausgetretenen Parteimitgliedern (S. 163–172), deren Motive im Kapitel 8 genauer untersucht werden.

Kapitel 4 ist schon vom Umfang her das Herzstück der Studie. Die berufliche Zusammensetzung der NSDAP ist Gegenstand langwährender Forschungskontroversen und die vielfach anzutreffende These, dass es sich hierbei um eine Mittelschichtsbewegung gehandelt habe, wird von Falter (erneut) widerlegt. Der hier verwendete Datensatz zeigt vielmehr, dass Arbeiter rund 40 % der Neumitglieder der NSDAP ausmachten und insofern nur leicht unterhalb des gesellschaftlichen Durchschnitts in der Partei vertreten waren. Falter definiert die Kategorie „Arbeiter“ anhand des Versicherungsstatus und weist darauf hin, dass es sich hierbei um eine unscharfe Berufskategorie handelt (S. 207). Diese Definition widerspricht der Annahme, dass es jenseits der städtischen Industriearbeiterschaft ein festgefügtes Arbeitermilieu gegeben habe. Dieses machte aber nur eine Minderheit aller Arbeiter und deren Familien aus (S. 207 f.). Zudem führt dieses Kapitel eine Betrachtung verschiedener Generationen innerhalb der NSDAP-Mitgliederschaft ein. Diese sei nicht – wie vielfach angenommen wurde – von der Generation der Weltkriegsteilnehmer (*1880–1900) dominiert gewesen, sondern von der Generation derjenigen, die den Weltkrieg als Kinder miterlebt hätten (*1900–1915). Letztere hätten in der Weimarer Republik rund 2/3 der Neumitglieder der NSDAP ausgemacht und seien somit im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung stark überrepräsentiert gewesen (S. 292). Volksparteicharakter hätte die NSDAP wiederum primär in diesem Segment ihrer Mitgliederschaft gehabt, während ältere Parteimitglieder tatsächlich überdurchschnittlich häufig der Mittelschicht angehört hätten (S. 293 f.).

An diese Differenzierung von Falters Volksparteithese wird in den folgenden Kapiteln 5 bis 7 angeknüpft. So weise Österreich eine „ganz eigene NSDAP-Geschichte“ auf (S. 306), sodass die Ergebnisse für das Deutsche Reich nicht 1 zu 1 übertragbar sind. Aufgrund der stärkeren Milieu- und politischen Lagerbildung in Österreich war die dortige NSDAP vor ihrem Verbot im Jahr 1933 stärker vom Mittelstand geprägt als im sog. Alt-Reich (S. 337). Für die Zeit der Wiederzulassung der NSDAP ab 1938 habe sich dieser Befund aber nicht bestätigt und Falter kann nachweisen, dass zwischen 1938 und 1945 in Österreich in etwa so viele Arbeiter der Partei neu beitraten wie im Reichsdurchschnitt (S. 338). Die ausgeprägte sozialistische Milieustruktur in der roten Hochburg Wien habe aber dazu beigetragen, dass sich in der österreichischen Hauptstadt verhältnismäßig wenige Arbeiter der NSDAP anschlossen, nämlich ‚nur‘ 22 % der Neumitglieder. Dies sei aber ein allgemeines Phänomen der Millionenstädte des Reiches gewesen, wie Falter anhand von Daten zu Berlin und Hamburg zeigen kann (S. 420). Die Millionenstädte waren insgesamt ein „steiniges Pflaster“ für die NSDAP, wobei die dortige Mitgliedschaft im Vergleich zum Reichsdurchschnitt weiblicher und jünger war (S. 423).

Die in Kapitel 8 erfolgende Untersuchung der Ein- und Austrittsmotive differenziert sehr detailliert zwischen normativen bzw. ideologischen Motiven – wie Antisemitismus, Antiparlamentarismus, Nationalismus etc. – und eher materiellen Vorteilen, die sich die Neumitglieder von einem Eintritt erhofften. Diesen positiv wirkenden Eintrittsmotiven stellt Falter im Rahmen eines „General Incentives“ – Modells wiederum negative Austrittsmotive gegenüber (S. 472). Die Vorteile und potentiellen Schwierigkeiten einer Parteimitgliedschaft mussten individuell somit genau abgewogen werden und relativ häufig – nämlich in rund 750.000 Fällen – wurde das Parteibuch wieder zurückgegeben (S. 470). Falter setzt sich in diesem Kontext kritisch mit den Argumentationen der Entnazifizierungsbögen auseinander und kann u.a. klarstellen, dass selbst ein aus wirtschaftlichen oder konfessionellen Motiven erfolgter Austritt nicht automatisch bedeutete, dass die betreffende Person die NS-Ideologie zu diesem Zeitpunkt abgelehnt hatte. Umgekehrt waren keineswegs alle überzeugten Nationalsozialisten auch Mitglied der Partei, da (schon allein aufgrund der Parteischließungen oder den zeitweisen Verboten) mitunter große Hindernisse zu diesem Schritt bestanden und beispielsweise familiäre Probleme nach sich ziehen konnte. Nur in extremen Ausnahmefällen könne der Parteiaustritt als quasi widerständischer Akt eines geläuterten Nationalsozialisten angesehen werden (S. 467).

Diskussion

Die vorliegende Arbeit setzt hinsichtlich des hierfür betriebenen Aufwandes neue Maßstäbe innerhalb der Parteienforschung und das nicht nur zur Periode der Weimarer Republik und dem ‚Dritten Reich‘. Zwar richtet sich die Arbeit von ihrem Selbstverständnis her vorwiegend an ein nicht-wissenschaftliches Publikum und wird in dieser Hinsicht hoffentlich zu einer differenzierteren Diskussion der Kollektivschuld-These (S. 485–490) oder der Frage nach der Verbreitung von rechtsradikalem Ansichten im Nachkriegsdeutschland (S. 491–496) beitragen, aber die hier erfolgte Zusammenführung älterer Ergebnisse Falters mit neuen empirischen Befunden bietet zweifellos auch neuen Stoff für zum Teil sehr alte Forschungsdebatten. Seine Variante der Generationen-These wird in quantitativer Hinsicht überzeugend begründet und böte zusammen mit den differenzierten Überlegungen zu den Ein- und Austrittsmotiven der Parteimitglieder reichlich Material für eine eher qualitative Auseinandersetzung mit der Frage warum so viele „Kriegskinder“ der NSDAP beitraten.

Im Kontext der NS-Forschung muss Falters Arbeit als wertvoller Beitrag zur totalitären Staatspraxis im ‚Dritten Reich‘ offensichtlich nicht weiter begründet werden. Schwieriger ist es „Hitlers Parteigenossen“ innerhalb der Parteienforschung zur Weimarer Republik zu verorten, da Falter die neueren Forschungsarbeiten aus diesem Bereich nicht rezipiert. Neben dem schon 2002 erschienen Standardwerk zur rechtsliberalen Deutschen Volkspartei von Ludwig Richter zählen hierzu vor allem Arbeiten von Larry Eugen Jones zum Rechtskonservatismus der 1920er. Eine Entscheidung für die NSDAP – ob als Parteimitglied oder an der Wahlurne – war ja immer auch eine Entscheidung gegen eine der Konkurrenzparteien im rechten Parteienspektrum. Den Zeitgenossen präsentierte sich die Hitler-Partei als Sammelsurium von politischen Modeerscheinungen. Verschiedenste ideologische Splittergruppen hatten sich einer variablen Kombination von Nationalismus und Sozialismus verschrieben und der Begriff „Volksgemeinschaft“, der mit unterschiedlichsten politischen Bedeutungen aufgeladen werden konnte, war außerhalb der KPD gang und gebe. Ferner hatte sich nicht erst die NSDAP, sondern bereits die DNVP in Reaktion auf die Novemberrevolution stärker der Arbeitnehmerschaft zugewandt und in Form des Deutschnationalen Handelsgehilfen-Verbandes und anderer rechtsnationaler Gewerkschaften eine gewisse Massenbasis in diesem Bereich erzielt, wie Jones jüngst hervorhob. Ein inhaltliches oder organisatorisches Alleinstellungsmerkmal hatte die NSDAP in den 1920ern, vielleicht abgesehen von ihrem extremen Führerkult, eigentlich nicht, sodass ihr Aufstieg auch nach der Lektüre von Falters Kapitel zu den Beitrittsmotiven Rätsel aufgibt.

Sogar die relative Jugendlichkeit der NS-Bewegung war nicht einmalig. Mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bestand seit 1924 eine pro-demokratische Massenorganisation mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern, die, anders als Falter schreibt (S. 125), in Form des sog. Jungbanners auch Mitglieder unter 21 Jahren umfasste, was um 1930 etwa 1/4 bzw. 375.000 junge Männer gewesen sein dürften. Schon der Reichsbannerfunktionär Carlo Mierendorff, der im Bezug auf seine Analyse der NSDAP auch von Falter zitiert wird, betonte, dass das Reichsbanner ähnlich jugendlich wie die NSDAP sei und sich in dieser Hinsicht klar von den etablierten Parteien unterschied. Zu der Frage, warum sich so viele „Kriegskinder“ der NSDAP anschlossen, müsste daher logischerweise die Frage dazukommen, warum sich so viele „Kriegskinder“ dem Reichsbanner anschlossen. Zudem übertraf der Mobilisierungserfolg des Reichsbanners vor Januar 1933 denjenigen der NSDAP mit ihrer Mitgliederzahl von knapp unter einer Million. Nicht nur die Zerstörung der Republik, sondern auch ihre Verteidigung war insofern ein populäres Anliegen der Weimarer Zeitgenossen und diesen Widerspruch zu erklären dürfte noch einige Forschungsarbeit erfordern.

Fazit

„Hitlers Parteigenossen“ bietet state-of-the-art der empirischen Parteienforschung. Auf Basis eines mehrere Zehntausend Fälle umfassenden Samples von NSDAP-Neumitgliedern werden demographische Aspekte der Mitgliederschaft detailliert analysiert sowie Mitgliederbewegungen und regionale Besonderheiten herausgestellt. Besonderer Augenmerk liegt dabei auf der Altersstruktur der Mitglieder und deren Ein- und Austrittsmotiven. Falter gelingt aufbauend auf einer 40-jährigen Forschungsarbeit somit eine Aktualisierung und Erweiterung seiner Interpretation der NSDAP als Volkspartei.


Rezension von
Sebastian Elsbach
Post-Doktorand an der Forschungsstelle Weimarer Republik – Jena
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Zitiervorschlag
Sebastian Elsbach. Rezension vom 08.04.2021 zu: Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-51180-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27833.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


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