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Marco Bonacker, Gunter Geiger (Hrsg.): Pflege in Zeiten der Pandemie

Cover Marco Bonacker, Gunter Geiger (Hrsg.): Pflege in Zeiten der Pandemie. Wie sich Pflege durch Corona verändert hat. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 186 Seiten. ISBN 978-3-8474-2468-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Systemrelevant, Arbeitsquarantäne, Intensivstationen über dem Leistungslimit – die berufliche Pflege ist durch die Coronapandemie stark betroffen. Im Januar 2021 ziehen Bonacker und Geiger mit diesem Buch eine erste Bilanz für einen Diskurs über gute und gerechte Pflege. Wie sieht ein Leben mit Corona, die sogenannte neue Normalität aus? Wie robust sind die Freiheitsideale im Kontext der Krise? Welche Erkenntnisse in Pflegepraxis und Pflegewissenschaft gibt es bisher? Welche Lehren werden zum jetzigen Zeitpunkt aus den Entscheidungen und dem Umgang mit der Pandemie für die Pflege gezogen?

Herausgeber

Das Herausgeberduo Dr. Marco Bonacker und Gunter Geiger ist im Bistum Fulda im Bereich Bildung tätig. Für dieses Buch haben sie 17 Expertinnen und Experten aus Pflegewissenschaft, Ethik, Recht und der Praxis gewinnen können.

Aufbau

Auf 186 Seiten werden vier inhaltliche Teile mit insgesamt elf Kapiteln dargelegt:

  • Teil I: Ethische und philosophische Perspektiven
  • Teil II: Die Coronapandemie im Fokus der Pflegewissenschaften
  • Teil III: Pflege zwischen Recht und Gerechtigkeit
  • Teil IV: Praxisperspektiven auf die Coronakrise

Inhalt

Ethische und philosophische Aspekte stehen in den ersten beiden Beiträgen im Mittelpunkt. Zaborowski zeigt anhand einer Analyse der Fernsehansprache der Kanzlerin Merkel, wie sich die Einschränkung individueller Freiheit und deren Legitimation im Rahmen der Krise zeigt. Er kontextualisiert dies mit der Logik politischen Handelns im Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit sowie Abwägen von Risiken. Nicht nur in der Coronakrise gilt: Je mehr Freiheit eine Gesellschaft ermöglicht, umso unsicherer wird das Leben für das Individuum. Schallenberg nimmt dann im nächsten Kapitel eine sozialethische Perspektive ein. Er diskutiert Gesundheit als Recht und Pflicht, die medizinische Güterabwägung, die Priorisierung einer Bioethik sowie die menschliche Würde und Freiheitsrechte.

Die vier Beiträge aus der Pflegewissenschaft nehmen die stationäre Altenpflege, chronisch erkrankte Menschen mit Migrationshintergrund und die Profession Pflege in den Fokus. Die Coronapandemie trifft auf einen sich seit zwanzig Jahren zuspitzenden Personalmangel in allen Sektoren der Pflege. Hasseler und Hartleb tragen in ihrem Beitrag die Literaturlage zu Auswirkungen der Coronapandemie auf die Langzeitpflege zusammen. Wenig beachtet, aber in zahlreichen Untersuchungen belegt, ist die psychosoziale Belastung und Verletzung moralischer Anforderungen von Gesundheits- und Pflegepersonal in Krisen wie der Coronapandemie. Zudem sind Isolation, Einsamkeit und eine veränderte Gesundheitsversorgung bei Bewohnern stationärer Einrichtungen zu beobachten. Könninger et al. wollen Abgrenzungsaktivitäten und das Unsichtbarmachen von Pflege verdeutlichen und diskutieren die Ethik fürsorglicher Praxis anhand der Analyse von drei Veröffentlichungen. Blättner und Freytag greifen das Thema Gewalt in der Pflege auf und beantworten mit Einblicken in das Projekt HEICO, was unter Gewalt in der Altenpflege verstanden wird und wie sich diese im Kontext der Coronapandemie zeigt. Tezcan-Güntekin und Özer-Erdogdu berichten aus einer empirischen Erhebung zu den Auswirkungen der Coronapandemie auf die ärztliche und medikamentöse Versorgung chronisch kranker, älterer türkeistämmiger Menschen. Die Autorinnen konstatieren eine Kontinuität in Medikamenteneinnahme und Routinebesuchen beim Hausarzt wie vor der Pandemie. Ihre Studie zeigt auch hohe Selbstmanagement-Kompetenzen – insbesondere dann, wenn Menschen mit Migrationshintergrund von Angehörigen beraten und begleitet werden.

Das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit im Kontext der Verfassung wird von Mazur im ersten der beiden Beiträge im dritten Abschnitt bearbeitet. Durch die Besuchs- und Betretungsverbote in Einrichtungen stationärer Pflege durch Verordnungen der Länder wurden die Grundrechte der Bewohner eingeschränkt. Mit Betrachtung der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit, einem Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen über die Verordnungen und dem Zimmereinschluss hinaus werden rechtliche Grundlagen und daraus entstehender Dissens und Konsens aufgezeigt. Pitz schließt mit Betrachtungen gesetzgeberischer Reaktionen auf die Pandemie an. Hier werden die Aufnahmebeschränkungen und die fehlende Schutzausrüstung, die Koordinierungsverantwortung der Pflegekassen und finanzielle Folgen thematisiert.

Die drei letzten Beiträge nehmen die Praxisperspektive ein. Langner betrachtet die Beziehungsgestaltung und zeigt die Wahrnehmung einer Wohnbereichsleitung, eines Betreuungsassistenten und dem Vorsitzenden eines Bewohnerbeirats in Interviews auf. Krampen skizziert das Aufsichtshandeln während der Corona-Pandemie am Beispiel der Hessischen Betreuungs- und Pflegeaufsicht. Sie zeigt auf, inwiefern sich der Berufsalltag für diese Behörde in den drei Phasen der Pandemie verändert hat. Arend schließt das Buch mit Betrachtungen aus dem Kuratorium Wohnen im Alter, Zahlen zum Infektionsgeschehen bei diesem Träger stationärer Pflegeeinrichtungen, Übersterblichkeit und Fehltagen der Mitarbeitenden. Er ordnet diese Erfahrungen in den deutschen Gesamtkontext ein.

Diskussion

„Eine Krise bündelt Perspektiven und Probleme“ heißt es in einem der Beiträge. Dies lässt sich gut für das Konzept des Buches übertragen: Verschiedene Sichtweisen innerhalb und außerhalb beruflicher Pflege werden aufgezeigt und legen einen Zwischenstand zur Pandemie dar.

Damit wird der Diskurs befördert, vor allem aber Lücken deutlich: Welche Lehren werden aus der Krise gezogen? Welche Handlungsoptionen und -strategien lassen sich aus der Momentaufnahme ableiten? Wie gehen wir zukünftig mit den Aspekten um, die in vielerlei Hinsicht bereits vor der Pandemie bestanden haben, nun aber umso deutlicher zutage treten? Für welche Settings und Gruppen der Pflege haben wir noch keine Erkenntnisse?

Spannend wäre ein Update zu den jeweiligen Beiträgen zu dem Zeitpunkt, wo ein offizielles Ende der Coronapandemie verkündet wird.

Fazit

Die Coronapandemie verdeutlicht die Sollbruchstellen des Diskurses zwischen Freiheit und Sicherheit mit dem vielzitierten Brennglas. Bonacker und Geiger ist es gelungen, mit vielschichtigen Perspektiven ein Bild der Pflege in der Pandemie zu zeigen. Insbesondere die Langzeitpflege wird hier in den Blick genommen.


Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Fulda; Fachbereich Pflege und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 03.06.2021 zu: Marco Bonacker, Gunter Geiger (Hrsg.): Pflege in Zeiten der Pandemie. Wie sich Pflege durch Corona verändert hat. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2468-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27843.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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