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Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel

Cover Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel. Perspektiven und Handlungsspielräume. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 150 Seiten. ISBN 978-3-8474-2465-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Eine der zentralen Herausforderungen dieser Zeit ist der Klimawandel, welcher die gesamte Weltbevölkerung betrifft. Im Bereich der sozialen Arbeit wird dieses Thema nur unzureichend diskutiert. Das ist vor dem Hintergrund der Gefährdung auch der Klient*innen sozialer Arbeit in Europa durch die Folgen des Klimawandels zu thematisieren. Auch in der Lehre und Forschung in der Sozialen Arbeit ist das Thema eine Leerstelle.

Autor

Der Autor ist Sozialarbeiter und Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Er bietet Lehrveranstaltungen zu den Themen: „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, „Erlebnispädagogik als Medium für eine nachhaltige Bildungsarbeit“ und „Internationale Soziale Arbeit – Wirklich international? Oder doch nur eurozentrisch?“ an. Berufserfahrung hat er im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit und Erlebnispädagogik.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Hauptteile und das Literaturverzeichnis.

Die Kapitel im Einzelnen:

  1. Einleitung
  2. Einblicke in die Soziale Arbeit
  3. Der Klimawandel
  4. Berührungspunkte von Sozialer Arbeit mit dem Klimawandel
  5. Die Handlungsspielräume von Akteur_innen der Sozialen Arbeit
  6. Ausblick

Inhalt

In der Einleitung wird nach einer kurzen Einführung zum Anliegen des Buches der Aufbau erläutert (Kapitel 1). Im Buch behandelt werden soll zum einen die Bedeutung des globalen Klimawandels, zum anderen das Problem, dass der Klimawandel in der Sozialen Arbeit nur ein Randthema darstellt. Wesentlich ist dem Autor „Zukunftsperspektiven für die Soziale Arbeit in Zeiten des Klimawandels“ zu entwickeln.

Kapitel 2 Einblicke in die Soziale Arbeit

Hier werden „ausgewählte Entwicklungen und theoretische Ansätze in der Sozialen Arbeit in Deutschland“ (Liedholz, S. 9) vorgestellt, bei welchen der Autor von besonderem Nutzen im Zusammenhang mit dem Klimawandel ausgeht.

Im Einzelnen gibt der Autor einen kurzen historischen Überblick über die Vorläufer und die Entstehungsgeschichte Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik (Kapitel 2.1). Anschließend stellt er Definition (DBSH, IFSW) und Selbstverständnis (Doppel- bzw. Trippelmandat/​Menschenrechtsprofession nach Staub – Bernasconi) vor (Kapitel 2.2). Es folgt im Kapitel 2.3 eine Darstellung Problembezogener Arbeitsweisen:

  1. Ressourcenerschließung
  2. Bewusstseinsbildung
  3. Identitäts- und Kulturveränderung – interkulturelle Verständigung
  4. Handlungskompetenz -Training und Teilhabeförderung
  5. Soziale Vernetzung und Ausgleich von Rechten und Pflichten
  6. Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen und gesellschaftlicher Legitimation von Ungleichheitsordnungen
  7. Arbeitsweisen im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung professioneller Kompetenz: kollegiale interprofessionelle Beratung, Supervision, Forschung uns Sozialmanagement

Kapitel 2.4 beinhaltet ausgewählte Arbeits- und Forschungsfelder. Hier stellt der Autor dar, dass sich in Bezug auf den Klimawandel bestimmte Bereiche Sozialer Arbeit ausmachen lassen, die eher geeignet sind, um eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Klimawandel zu ermöglichen. Es sind dies:

  1. Gemeinwesenarbeit
  2. Geschlechtersensible Soziale Arbeit
  3. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
  4. Konfliktforschung
  5. Internationale Soziale Arbeit
  6. Postkoloniale Theorien
  7. Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
  8. Soziale Arbeit mit migrierten und geflüchteten Menschen

Im Kapitel 3 Klimawandel zeigt Liedholz auf, welche Wissensbestände Sozialarbeiter*innen benötigen, um qualifiziert in der klimapolitischen Diskussion mitreden und auch um Klimawandelleugner*innen entgegentreten zu können. Er stellt hier den zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimawandel, beobachtete Klimaveränderungen, Ursachen, Klimaziele und die Emissionspfade bis 2100 vor.

Das 4. Kapitel Berührungspunkte von Sozialer Arbeit mit dem Klimawandel zeigt Liedholz, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Lebensbedingungen der Klient*innen hat. Dies sind im Einzelnen:

  1. Verschärfung der Ungleichheiten in den (Über-)Lebenschance
  2. Postkolonialismus
  3. Klimarassismus
  4. Klimamigration und Klimaflucht
  5. (Gewalt-)Konflikte
  6. Gesundheitliche Folgen
  7. Menschenrechtsverletzungen
  8. Geschlechterungerechtigkeit
  9. Generationenfragen

Im 5. Kapitel führt der Autor aus, welche Möglichkeiten und Handlungsspielräume Akteur_innen der Sozialen Arbeit haben.

Es sind dies zum einen gesellschaftspolitische zum anderen pädagogische Handlungsspielräume. Die gesellschaftspolitischen Handlungsspielräume sind:

  • Klimagerechtigkeit einfordern und umsetzen
  • Ausgestaltung einer Postwachstumsökonomie
  • Klimawandelkonflikte austragen
  • Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.

Die pädagogischen Handlungsspielräume sind:

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung
  • Ökologisch orientierte Erlebnispädagogik.

In seinem Ausblick konstatiert Liedholz noch einmal, dass der Klimawandel in der Sozialen Arbeit in Randthema ist. Anschließend zeigt der Autor drei Schritte, welche in den nächsten Jahren notwendig sind, um dies zu verändern:

  1. Die soziale Arbeit muss sich dem Klimawandel stellen.
  2. Die Sozialarbeiter*innen müssen entsprechendes Wissen und Fähigkeiten haben, um dem Klimawandel „produktiv begegnen“ (Liedholz, S. 137) zu können. „Gefordert sind in diesem Punkt die Ausbildungsstätten für Soziale Arbeit: Universitäten, Hochschulen, Berufsakademien und Fort- und Weiterbildungszentren. Die fachliche Auseinandersetzung mit dem Klimawandel muss zu einem festen Bestandteil der sozialarbeiterischen Aus- und Weiterbildung werden. Daneben stehen die Verbände und Träger der Sozialen Arbeit in der Pflicht: Menschen, die motiviert aus dem Studium kommen, sollte Raum für die Umsetzung ihrer gesellschafts- politischen und pädagogischen Handlungsansätze gegeben werden. Hierfür stünde es allen sozialen Einrichtungen gut zu Gesicht, explizite Klimagerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsleitbilder mit konkreten Verantwortlichkeiten zu implementieren. Auf akademischer Ebene sollte zudem diskutiert werden, ob es nicht Sinn ergäbe, eine neue Disziplin Sozialer Arbeit zu begründen.,Klimagerechte Soziale Arbeit‘ oder,Nachhaltige Soziale Arbeit‘ wären mögliche Bezeichnungen zum Beispiel in Anlehnung an Lena Dominellis ,Green Social Work‘ (2012)“ (Liedholz, S. 137, Text wurde unverändert übernommen, die Autorin).
  3. Der Klimawandel sollte von der Sozialen Arbeit in Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteur*innen stärker in die öffentliche Diskussion getragen werden Die Fridays-for-Future-Bewegung hat den Klimawandel zu einer Generationenfrage gemacht. Die Soziale Arbeit in Deutschland müsste darauf hinwirken, dass er auch als Thema von sozialen Ungleichheiten, Postkolonialismus, Rassismus, Flucht- und Migration, Gesundheit, Menschenrechten und Geschlechterungerechtigkeit behandelt wird. (Liedholz, S. 137)

Diskussion

Hier schließe ich mich der Kritik des Kollegen Prof. Dr. Matthias Euterer in seiner Rezension des Buches an (www.socialnet.de/rezensionen/​28148.php)!

Hinzufügen möchte ich aber, dass ich es für ausgesprochen wichtig halte, in Bezug auf den Klimawandel die Frage der Ernährung und ihrer Auswirkungen auf Nachhaltigkeit zu diskutieren. Es gibt eine Reihe von positiven Beispielen zur Ernährungserziehung aus der Praxis der Frühen Hilfen, der Bildung in Kindergärten, Schulen/​Schulsozialarbeit und der Kinder- und Jugendarbeit sowie aus der Gemeinwesenarbeit. Es bieten sich Kooperationen Sozialer Arbeit mit engagierten Restaurants (www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/​saarbruecken/​saarbruecken/​sanktarnual/​schnippeln-fuer-die-wackenburger_aid-671828), Fernsehköchen und auch mit den regionalen SLOWFOOD-Gruppen (www.slowfood.de/) an.

Wesentlich ist in der Gemeinwesenarbeit auch das Angebot gesunden Essens in Stadtteilrestaurants (bspw. in Saarbrücken im Café Schniss www.altsb.de/cafe-schniss/). In der Senior*innenarbeit gibt es z.B. gesundes Frühstück oder Kaffeekränzchen mit gesunden Essensangeboten zur Gesundheitsförderung und Förderung sozialer Kontakte (www.altsb.de/fuer-seniorinnen/).

Fazit

Das Buch ist sehr übersichtlich gegliedert. Es bietet einen guten Überblick über die Handlungsfelder und Handlungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit in Bezug auf den Klimawandel.

Hervorzuheben ist, dass es eine Pionierleistung im Hinblick auf das Themenfeld ist.


Rezension von
Prof. Dr. Simone Odierna
Dipl. Sozialwissenschaftlerin, Professorin für Handlungsfelder und Methoden Sozialer Arbeit, HTW des Saarlandes
Homepage www.htwsaar.de/sowi/fakultaet/personen/professoren/ ...
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Zitiervorschlag
Simone Odierna. Rezension vom 15.09.2021 zu: Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel. Perspektiven und Handlungsspielräume. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2465-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27844.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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