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Anne-Christin Schondelmayer, Christine Riegel u.a. (Hrsg.): Familie und Normalität

Cover Anne-Christin Schondelmayer, Christine Riegel, Sebastian Fitz-Klausner (Hrsg.): Familie und Normalität. Diskurse, Praxen und Aushandlungsprozesse. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 344 Seiten. ISBN 978-3-8474-2341-6. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema und Herausgeber*innen

Normalität wird als gesellschaftliche Anforderung und von den meisten gewünscht, schafft sie doch Ordnung und Sinn. Der Band versammelt Beiträge zu Aushandlungsprozessen, Positionierungen und Erfahrungen mit Normalitätsvorstellungen im pädagogischen Setting und auch im Alltag von Familien. Die Beiträge greifen das Aufwachsen in der stationären Jugendhilfe, Normalität von Familie im Kontext von Flucht und andere Themen auf.

Herausgeber des Bandes sind Prof. Dr. Anne-Christin Schondelmayer, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heterogenität, Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Koblenz-Landau, Prof. Dr. Christine Riegel, Professorin für Sozialpädagogik, Institut für Erziehungswissenschaft, Pädagogische Hochschule Freiburg und Sebastian Fitz-Klausner, MA, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Heterogenität, Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Koblenz-Landau.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einführenden Überlegungen in drei thematische Teile mit Kapiteln unterschiedlicher Länge von unterschiedlichen Autor*innen gegliedert.

In den „Einleitenden Überlegungen“ der drei Herausgeber*innen wird betont, dass der Begriff „Familie“ ein normativ stark aufgeladenes Konstrukt sei, deren Bilder und Vorstellungen sehr wirksam sind. Alles ziele auf das hegemoniale Bild einer Normalfamilie – weiß, bürgerlich, heterosexuell, monogam, gesund und leistungsfähig. Alle anderen Lebensformen erscheinen demgegenüber andersartig und nicht normal. Die Familie gibt es nicht bzw. habe es noch nie gegeben. Makrosoziologisch sei Familie eine soziale Institution, die bestimmte Leistungen für die Gesamtgesellschaft erbringe und mikrosoziologisch eine „Gruppe besonderer Art“, die durch eine spezifische Binnenstruktur zwischen den Mitgliedern geprägt sei.

Das erste Kapitel „Familie, Herkunft und Normalität“ von Anne-Christin Schondelmayer arbeitet heraus, dass das Aufwachsen in der Familie nahezu unreflektiert assoziiert werde. Die Herkunft spiele eine besondere Rolle, die als natürlich, schicksalhaft und unkündbar erscheine. Sie sei untrennbar, ihre Kapitalsorten seien so konzipiert, dass sie auf dem Markt der Bildung und Erziehung ihre Verwertbarkeit als „Passung“ unter Beweis stellen müsse.

„Zur Geschichte der Familie“ schreibt Anja Schierbaum. Im Zuge der industriell kapitalistischen Entwicklung habe sich die Umwandlung von der „vormodernen“ in die „moderne“ Familie zu einer gesellschaftlich integrierten, traditionsgebundenen, patriarchalen Großfamilie zu einer gesellschaftlich isolierten, intimen und partnerschaftlichen Kleinfamilie vollzogen. Den Grundtypus gesellschaftlichen Lebens stellten „Häusliche Herde“ dar, die sich als Familiengemeinschaften aus mehr als zwei Kernfamilien, Blutsverwandten und angeheiratete Verwandte zusammensetzten. Danach entstand die privatisierte Gatten- bzw. Kernfamilie, die Wirtschaften und Wohnen trennte, die sich aus der Gemeinschaft zurückzieht und sich zu einer häuslichen, auf das Kind ausgerichteten privaten Familien entwickelte. Heute repräsentiere sich die Familie als ein schier unverwüstlicher besonderer Typus von Sozialbeziehungen.

Ein zweiter Teil ist mit dem Titel „Familien und pädagogische Institutionen“ überschrieben und wird mit einem Kapitel von Lalitha Chamakalalyil, Oxana Ivanowa-Chessex, Bruno Leutwyler und Wiebke Scharathow zu „… Wieder das Klassen-Ding. Bildung als biographischer Positionierungsprozess in familialen Verwobenheiten“ eingeleitet. Familie erscheine als Prädiktor sozialer Positionierungen von Individuen. Anhand einer Fallvignette wird eine Frau beschrieben, deren Vater aus der Arbeiterschicht kommt, aber belesen ist, die sich dann zu einer Akademikerin ausbilden lässt und dieses Ideal auf ihre Kinder übertragen möchte.

„Aufwachsen in der stationären Jugendhilfe, Familienkonstruktionen zwischen Ent-Normalisierung und Normalisierung“ ist ein weiteres Kapitel in diesem Teil, das von Angela Rein verfasst wurde. Kinder, die eine Zeit in der stationären Jugendhilfe waren, erlebten ihre Familien als abweichend markiert. Pädagogen, die in diesen Einrichtungen arbeiteten, würden sich wenig von ihrem eigenen normativen Familienbild distanzieren und dies unreflektiert in die Arbeit mit diesen Jugendlichen einbringen. Auch hier wird eine Fallvignette zur Hilfe genommen, in denen junge Menschen zu Adressaten der Jugendhilfe gemacht würden.

Von Christine Riedel ist das folgende Kapitel zu „Familie jenseits der heterosexuellen und zweigeschlechtlichen Norm: Ambivalente Prozesse der Normalisierung und Anerkennung“ geschrieben. Andersartige Beziehungen würden in verschiedenen sozialen Bereichen gar nicht als Familien gesehen und anerkannt. So gäbe es auch kaum Hilfs-und Beratungsangebote, die nicht heteronormativ seien. Andersartige Familienformen gingen sehr unterschiedlich mit der Andersartigkeit um.

Das Thema des nächsten Kapitels von Carsten Schneider ist „Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen im Verhältnis von Familie und Professionalität in familienanalogen Wohngruppensetting“. In diesen Wohnformen würde ein normatives Familienbild reproduziert, was sich am Bild der bürgerlichen Kleinfamilie orientiere. Das Verhältnis von Familie und Professionalität sei widersprüchlich, indem die Fachkraft oft nicht weiß, wie tief seine Emotionen als Vater gehen dürfen (S. 127).

Das Kapitel von Ulrike Koopmann setzt sich mit der „Normalität von Familie im Kontext von Flucht, Deutungen und Praxen geflüchteter Frauen“ auseinander. Familie und Migration werde oft als Abweichung von der Mehrheitsgesellschaft gesehen. Anhand von mehreren Fallvignetten geflüchteter Frauen wird in Interviews herausgearbeitet, wie differenziert die Veränderungen in der Struktur der Familien sind – einerseits beispielsweise von der Großfamilie mit Anverwandten bis zur alleinerziehenden Frau.

Donja Amirpur ist die Verfasserin vom Kapitel „Vielleicht hätte mein Sohn dabeibleiben können. Eine ethnographische Collage zu Othering auf behinderten Schulwegen“. Auch eine Fallvignette, die einen 8-jährigen Jungen aus einer türkischen Einwandererfamilie betrifft, der in eine Sonderschule kommen soll, wogegen sich die Familie wehrt. Der Sonderschule, so die Autorin, bekomme nach wie vor die Rolle des „entlastenden Ventils zugeschrieben. Dabei spielen Selbsthilfeorganisationen, die Eltern beratend zur Seite stehen, bei der Hilfe zur Bewältigung von Problemen, eine entscheidende Rolle“ (S. 160).

Es folgt ein zweiter Teil „Familienleben“, der mit einem Kapitel von Angela Wernberger beginnt und sich mit „Einelternfamilien als familiale Lebensform im ländlichen Raum“ beschäftigt. 2017 betraf das 19 % aller Familien. Es liege vor allem an den Frauen, die auf ihre „Wohlanständigkeit“ achten müssten, um keine Zugehörigkeitsoptionen zu verspielen. Der Begriff „alleinerziehend“ sei zu verengt, sodass heute von „Einelternfamilien“ gesprochen werde. Diese Form der Familie gehe allerdings mit einem erhöhten Deprivationsrisiko einher.

„Zwischen Anlehnung, Zurückweisung und Selbstbehauptung. Positionierungen multilokaler Nachtrennungsfamilien zum Leitbild der ‚Normalfamilie‘“ ist das Thema des zweiten Kapitels dieses zweiten Teils von Tino Schlinzig. Er setzt sich mit dem Wechselmodell als ein multilokales Familienarrangement nach Trennung und Scheidung auseinander, das gegenwärtig sogar zum Mehrheitswunsch und Ideal avanciert (S. 193). Da die Lebenswelten und die Personen gemischt seien, würde das zu größerer Mobilität führen. Auch die beiden Zuhause seien ein Mehrgewinn.

Desiree Bender verfasst ein Kapitel über „Co-Elternschaften, Familienverhältnisse in Un-Ordnung“. Es wird das Phänomen Co-Elternschaft in seinem Verhältnis zur bürgerlichen Kleinfamilie als normativer Bezugspunkt in den Blick genommen. Der Begriff wird für das Zusammenspiel der Eltern in der Erziehung eines gemeinsamen Kindes gebraucht. Hingegen ist Mehrelternschaft auf mehr als zwei Elternteile bezogen. Co stehe für „daneben“, nicht gleichberechtigt.

Das Kapitel „Normalitätskonstruktionen von Familie in einer Befragung niederländischer Children Born of War“ von Elke Kleinau und Christoph Piske behandelt das Problem der sogenannten „Wehrmachtskinder“. Kinder, die in sexuellen Beziehungen zwischen einheimischen niederländischen Frauen und Soldaten der Wehrmacht während des Krieges gezeugt wurden (S. 226). Einer Befragung zufolge hätten die Frauen angegeben, dass sie ihre deutschen Partner geliebt hätten, gehe man bei den Soldatenvätern eher vom Problem des „Mehrverkehrs“ aus.

Michael Tunc betitelt seine Ausführungen mit „Väterlichkeiten und Caring Masculinities in der Migrationsgesellschaft. Normalisierungs- und rassismuskritische Perspektiven“. Bei Caring Masculinities gehe es um die fürsorgliche Männlichkeit, die sich trotz familialer Vielfalt in Strukturen einer hierarchischen Geschlechterordnung in den Familien schwer behaupten kann.

In einem weiteren Kapitel von Kadidja Rohmann wird das Thema „Zur Normalität der Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten“ in den Blick genommen. Die Verknüpfung von Elternschaft und Behinderung löse Irritationen aus, wodurch eine ableistische Denkweise und Haltung deutlich werde. Kinderwunschmotive und elterliche Kompetenzen und die Entwicklung der Kinder werden von außen ständig überprüft und setzen diese Familien unter Druck.

Ein dritter Teil ist der Problematik „Familien und Technologien“ gewidmet und enthält noch drei weitere Kapitel.

„Mediennutzung in der Aushandlung von ‚guter‘ transstaatlicher Mutterschaft“ ist das Thema, das Diana Dreßler bearbeitet. Transnationale Familien lebten viele Jahre mehrere tausend Kilometer entfernt voneinander und erlebten eine physische Familie nur einmal im Jahr oder seltener. Es sind meist Familien, die aufgrund einer Erwerbstätigkeit durch Staatsgrenzen getrennt, trotzdem füreinander sorgen. Medien fungieren als verlängerter Arm, die es ermöglichen, überhaupt Kontakt miteinander zu halten.

Sarah Dionisius schreibt danach ein Kapitel über „Wie ein Mensch zweiter Klasse Reproduktionsmedizin, Heteronormalität und Praktiken der Aneignung“. In den gegenwärtigen Reformprozessen sei danach zu fragen, wessen reproduktives Begehren unterstützt wird, unter prekären Umständen toleriert oder verunmöglicht wird, um eine Kritik flexibilisierter heteronormativer Verhältnisse zu formulieren (S. 318).

Die letzten Ausführungen von Cornelia Schadler widmen sich „Dinge als Mit-Eltern und die Konsequenzen für Definitionen von Sozialisation und Familie“. Dinge seien in den Prozessen der Familienbildung und Sozialisation mit einbezogen und an der Erziehung beteiligt und damit seien sie Mit-Eltern. Dinge als Mit-Eltern zu sehen, habe den Vorteil den Blick von normierten Elternschaftskonstellationen wegzulenken. Wenn Familie neomaterialistisch als Figuration definiert wird, dann verlieren die konkreten Beziehungen für die Familiendefinition an Wichtigkeit.

Diskussion

Der Titel des Buches ist gut und treffend gewählt, müssen doch Familien unter den gegenwärtigen Wandlungsprozessen immer wieder neu ausgehandelt und diskursiv gerahmt werden. Fast alle Kapitel beginnen mit der Normalität der bürgerlichen Kleinfamilie, die immer wieder bemüht wird. Hier hätte eine grundlegende Einstimmung z.B. in der Einleitung genügt.

Insgesamt bleibt die Publikation auf einem begrenzten Forschungsstand stehen, sodass manche Ausführungen fragmentarisch bleiben. Was zu kurz kommt, ist meines Erachtens die Frage, welche Familienkonstellationen für welche Kinder und Jugendlichen förderlich und welche eher ungünstig sind. Interessant sind die diversen Zugänge zur Familie, die einen guten Gesamtüberblick in die Thematik geben.

Der Forschungsstand wird zudem meist nur über eine Methode, über Interviews mit hohem narrativem Anteil, rezipiert, obgleich quantitative Methoden, um Entwicklungsverläufe nachzeichnen zu können, angebrachter gewesen wären.

Fazit

Es ist eine Publikation, die sich auf ein starkes Fundament verschiedenster Autor*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Zugänge gründet. Sie betrachten aus ihrer ganz spezifischen Sicht die Besonderheiten von Familien und versuchen, ihre Potenziale. Insofern gibt das Buch viele Anregungen, beschreibt differenziert und tiefgründig die Probleme, die sich aus den differenzierten Familienkonstellationen ergeben. Wissenschaftlich sind alle Ausführungen auf einem hohen Niveau. Es ist eine sehr wertvolle Lektüre, die den Horizont der Lesenden zu erweitern vermag.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 26.03.2021 zu: Anne-Christin Schondelmayer, Christine Riegel, Sebastian Fitz-Klausner (Hrsg.): Familie und Normalität. Diskurse, Praxen und Aushandlungsprozesse. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2341-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27845.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


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