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Jutta Wiesemann, Alexandra Flügel u.a. (Hrsg.): Orte und Räume der Generationen­vermittlung

Cover Jutta Wiesemann, Alexandra Flügel, Swaantje Brill, Irina Landrock (Hrsg.): Orte und Räume der Generationenvermittlung. Zur Praxis außerschulischen Lernens von Kindern. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2020. 264 Seiten. ISBN 978-3-7815-2407-1. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Bereits in den 70er Jahren wurde in Westdeutschland Schule als ein Ort kritisiert, der von der Alltagswelt entfernt ist. Ob nun Hentig oder Illich – um zwei Autoren aus dieser Zeit zu nennen – es wird dafür plädiert, die formalen schulischen Lernformen abzulösen. Auch 20 Jahre später hält diese Kritik an. Prange weist auf das Kuriosum hin, dass am besten die Schule ist, die keine ist. Ob nun die Schule abgeschafft wird oder in der Weise reformiert wird, dass sie sich der Außenwelt eröffnet: in diesem Sammelband wollen die AutorInnen die reformierende Erweiterung des schulischen Inhaltsspektrums untersuchen, vor allem, was den generativen Aspekt angeht.

Autoren und Autorinnen

Von den 15 Beiträgen stammen zwei Drittel aus unterschiedlichen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten der Universität Siegen. Die anderen Autoren sind in den Universitäten Koblenz-Landau, Berlin und Frankfurt beheimatet.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge dieses Sammelbandes entstanden im Kontext einer gleichnamigen Tagung 2017 an der Universität Siegen im Rahmen des Projektes „Den Sachunterricht vernetzen – Perspektiven öffnen“.

Aufbau und Inhalt

In fünf Abschnitten sind die Beiträge geordnet. Dabei beschäftigt sich der erste mit theoretischen Zugängen zum außerschulischen Lernen. Entsprechend werden die Ansätze von „Kindgemäßheit“ und basaler Bildung als Ausgangspunkt genommen. Die Darstellung unterschiedlicher Konzeptebenen wird durch ausgewählte Forschungsergebnisse konkretisiert. In einem weiteren Beitrag wird auf die Unterschiedlichkeit von schulischen und außerschulischen Lernorten abgehoben. Ein dritter Beitrag versucht einen Perspektivenwechsel, in dem der außerschulische Lernort („woanders“) aus schulischer und kindlicher Perspektiven reflektiert wird.

Im zweiten Abschnitt geht es um generationale Aushandlungsprozesse an unterschiedlichen Lernorten. Diese werden in drei Beiträgen untersucht: am Beispiel des Lernortes Museum und den Museumsdingen der Kinder, einem Lernort für populäre Musik, nämlich dem Siegener Rockmobil, und den NS-Gedenkstätten und ihren unterschiedlichen Bedeutungsebenen.

Drei verschiedene (außer-) schulische Lernkonstellationen zwischen den Generationen nimmt der nächste Abschnitt in den Blick. Hier geht es um Pop-Musik-Lernen mit Personaltrainern. Das Lernsetting des privaten Gitarrenunterrichts wird analysiert. Eine begriffliche Grenzwanderung zwischen schulischem und außerschulischem Lernen unternimmt eine Hochschullernwerkstatt. Und die gleiche Frage stellt sich aus der Perspektive von Lehrkräften.

Der nächste Fokus wird auf die soziale Praxis in Institutionen gelegt. Dabei geht es um Vereine, die Heimerziehung und die Familie. Die Konkretisierung erfolgt bei den Vereinen über den Kinderfußball, wobei die Anwesenheit der Eltern eine Besonderheit darstellt. In der Heimerziehung geht es um die Bewältigung schulischer Hausaufgaben und im dritten Beitrag steht der digitalisierte Familienalltag im Mittelpunkt. Das Smartphone ist dabei das gewählte Beispiel.

Im letzten Abschnitt stehen pädagogisch-didaktische Impulse im Mittelpunkt und zwar deren Implikationen durch Sprachbildung und Philosophie. Dabei bezieht sich der erste Beitrag auf den Sachunterricht als Handlungsraum sprachlicher Bildung. In einem weiteren Text werden Gedankenexperimente mit Kindern unternommen und die Frage gestellt, ob fiktive oder hypothetische Welten auch außerschulische Lernorte sind.

Diskussion

Was steht im Mittelpunkt eines Kinderlebens im Grundschulalter? Die Grundschule! Die Grundschule? Was die Zeit- und Bedeutungsanteile angeht, fühlt es sich so an. In Pandemiezeiten mit Homeschooling verlagert sich Schule gänzlich in den familiären Kontext. Der nicht erlaubte Zugang zu Vereinen, anderen Haushalten, teilweise sogar zu Kinderorten wie Spielplätzen, verleiht schulischem Lernen eine noch größere Dominanz. Aber Grundschulkinder haben bereits eine sechsjährige Sozialisation außerschulisch erlebt. Insofern gibt es einen Mix unterschiedlicher familialer und außerfamilialer Lernorte. Jetzt haben sich aber im Kontext einer Tagung Menschen versammelt, die vor allem in der Grundschulpädagogik verortet sind. Also ist der Ausgangspunkt die Grundschule, die nach anderen Orten schaut. Familie kommt dort nur in einem Beitrag zum Kinderfußball und zum Smartphone als digitale Familienkomponente vor. Generationenvermittlung findet aber auch und zunächst in der Familie statt, die aus der Schulperspektive auch außerschulisch ist. Wenn die Leserin und Leser sich auf diese Perspektive einlassen, finden sich viele spannende Hinweise und Anregungen auf die Außenwelt der Innenwelt. Und manchmal schleicht sich dann die Frage ein, ob „außerschulisch“ additiv oder integrativ gedacht ist? Ob es immer intentionales Lernen sein muss, oder ob Lernarrangements gleich wieder didaktisch legitimiert werden müssen?

Fazit

Ausgehend vom schulischen (Grund-)Schulkontext werden außerschulische Lernorte aufgesucht und Lernkonstellationen sowie Lernprozesse beschrieben und reflektiert. Besonders wird auf das Verhältnis der Generationen geachtet. Dabei ist den fünfzehn Beiträgen ein Verständnis gemeinsam, dass im Klassenzimmer das Verhältnis der Generationen in didaktisierten Bildungsarrangements vollzogen wird. Das Lernen an außerschulischen Lernorten wird als Erweiterung des Klassenzimmers verstanden und entsprechend danach gefragt, wie dort die Vermittlung der Generationen stattfindet.


Rezension von
Prof. em. Bernhard Meyer
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Zitiervorschlag
Bernhard Meyer. Rezension vom 30.04.2021 zu: Jutta Wiesemann, Alexandra Flügel, Swaantje Brill, Irina Landrock (Hrsg.): Orte und Räume der Generationenvermittlung. Zur Praxis außerschulischen Lernens von Kindern. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2020. ISBN 978-3-7815-2407-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27857.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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