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Gerd Stüwe, Nicole Ermel: Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung

Cover Gerd Stüwe, Nicole Ermel: Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 190 Seiten. ISBN 978-3-7799-3832-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Digitalisierung und Soziale Arbeit – digitale Transformation – es geht Herausforderungen und Chancen für die Soziale Arbeit.

Autor und Autorin

Dr. Gerd Stüwe ist Professor für Theorie der Sozialen Arbeit, Jugendforschung, Migration und Sozialplanung an der HAW Frankfurt. Dr. Nicole Ermel ist Professorin für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule Bad Honnef (UBH) am Standort Düsseldorf. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Methoden der Sozialen Arbeit, Schulsozialarbeit, Konzept- und Qualitätsentwicklung in der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  1. Gesellschaftliche Relevanz der Digitalisierung
  2. Professionelles Handeln im Zeitalter der Digitalkultur
  3. Handlungsfelder mit starkem digitalen Bezug
  4. Soziale Arbeit im digitalen Zeitalter – von digitalen Bewältigungschancen bis Gewalt im Netz
  5. Fazit und Ausblick

Die AutorInnen Stüwe und Ermel sehen, vor dem Hintergrund der veränderten Lebenswelten durch die Digitalisierung „die Notwendigkeit einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Digitalisierung im Kontext der Sozialen Arbeit in Richtung (Soziale) Arbeit 4.0“ (S. 5). Denn, „in der Fachdebatte wird die Soziale Arbeit bislang als weißer Fleck in der digitalen Landschaft (kursiv im Original) bezeichnet“ (ebd.) – einem neuen sozialen Raum, in dem die Fachkräfte noch Anschlussfähigkeit suchen.

Im ersten Kapitel wird zuerst ein historischer Überblick der technischen Entwicklungsphasen von der industriellen Revolution bis hin zu digitalen online-Technologien und KI nachgezeichnet. Für die Soziale Arbeit stellt sich in diesem Zusammenhang, so die AutorInnen, vor allem die Frage, welche Chancen, Gefahren Risiken im Hinblick auf soziale Exklusion zu erwarten sind. Zum einen werden durch das Internet enorme Potenziale im Kultur- und Bildungsbereich freigesetzt, zum anderen entstehen „Spaltungen, Ungleichheiten sowie Distinktions- und Schließungsprozesse“ (ebd, S. 42) durch Nutzerverhalten und Zugangsbedingungen. Um die kumulativen Benachteiligungen in Theorie und Praxis für die Soziale Arbeit zu erfassen, müsse die technologisch-infrastrukturelle Vorstrukturierung von Inhalten und Partizipationsmöglichkeiten, die auf das ökonomische Kapital der NutzerInnen rekurrieren, reflektiert werden.

Unter der Perspektive “Professionelles Handeln im Zeitalter der Digitalkultur“ im zweiten Abschnitt beschreiben die AutorInnen die positiven Effekte des Einsatzes und der Nutzung digitaler Medien, bezogen auf die Angebotsstruktur der Träger und der Erreichbarkeit der Adressatinnen. Sie kritisieren aber auch die Formalisierungseffekte digitaler Falldokumentation und sehen darin eine Gefahr für Beziehungsarbeit.

Den disziplinären Bezug von Digitalisierung und sozialarbeitswissenschaftlicher Theoriebildung zum professionellen Handeln stellen die AutorInnen über das Konzept der Reflexiven Sozialpädagogik von Dewe/Otto (2011) her. Vor diesem Hintergrund nehmen sie eine Unterscheidung zwischen wissenschaftsrationaler- softwarebasierter Professionalität vor, die „Ausdruck einer Technokratisierung Sozialen Arbeit“ (ebd, S. 75) ist und einer lebensweltorientierten Professionskultur (ebd., S. 76), die dagegen auf hermeneutischem Fallverstehen und Dialogbereitschaft beruht „die es ermöglicht, jenseits politischer und organisationsbezogener Rahmenbedingungen den Ort der Vermittlung von Theorie und Praxis aufzusuchen und zu bestimmen“ (ebd., S. 74).

Im dritten Kapitel werden Handlungsfelder der Sozialen Arbeit mit starkem Bezug zu digitalen Medien vorgestellt, in denen Medienkompetenz der Fachkräfte – nach Baacke (1999), erweitert durch Theunert (1999) –, eine zentrale Kompetenz in der Bildungsarbeit mit (nicht nur) jungen Menschen darstellt. Das erfordere „eine tiefgreifende medienpädagogische Reform des Ausbildungssystems“ (ebd. S. 93), um SozialpädagogInnen zu einer Offenheit und Bereitschaft im Umgang den digitalen Medien zu motivieren, denn noch immer stünden die Fachkräfte im Bildungsbereich „der digitalen Welt eher skeptisch oder gar mit Ablehnung gegenüber“ (ebd., S. 97).

Im Abschlusskapitel werden dann noch die ethischen Grundsätze der Sozialen Arbeit (IFSW 2018) auf Fragen der Digitalisierung bezogen (ebd. S. 131–134), wie Beteiligungschancen erschlossen werden können und wie Gewalt im Netz die Menschenwürde verletzt. Welche Möglichkeiten und Grenzen der Gesetzgeber zum Datenschutz und Jugendmedienschutz vorsieht wird anhand der im Mai 2018 verabschiedeten EU Datenschutz- Grundverordnung (nachgeordnet das Bundesdatenschutzgesetzes BDSG) diskutiert. 

In ihrem Fazit kommen die AutorInnen zu dem Schluss, die Soziale Arbeit sei für den rasant fortschreitenden digitalen Wandel in der Gesellschaft schlecht gerüstet. Festzustellen sei „Die Soziale Arbeit zeigt tendenziell eine medienkritische Haltung, und es dominiert insgesamt eher Zurückhaltung gegenüber digitalen Medien“ (175). Ihr Innovationspotenzial sei gering, sowohl personell als auch institutionell. So fehle es den Fachkräften an Motivation und digitaler Kompetenz und den Trägerorganisationen an strategischer Qualitätsentwicklung und technischer Ausstattung. Es verwundere, „inwieweit das große Wachstum des Sozialen Arbeit eher eine reaktive Innovation zur Folge hat“ (ebd.). Ein „Weiter wie bisher, garniert mit etwas neuer Technik“ (Kreidenweiss 2018), oder ein weiteres Ignorieren von Vermittlungsplattformen für soziale Dienstleistungen im SARGE-Segment (vgl. S. 177), komme der Sozialen Arbeit in Zukunft teuer zu stehen.

Diskussion

Die AutorInen wollen mit ihrem Werk auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung in Ausbildung, Praxis und Theoriebildung der Sozialen Arbeit mit der fortscheitenden Digitalisierung der Gesellschaft hinzuweisen. Das gelingt ihnen aber leider nur ansatzweise. Denn die einzelnen Beiträge scheinen unvermittelt nebeneinander zu stehen, so wird z.B. kein Bezug im Verlaufe des Buches weiter auf die Auswirkungen sozialer Exklusion durch das Konzept von zero-level-digital- divide eingegangen und wie die Soziale Arbeit gegensteuern könnte. Es bleibt bei allgemein normativen Forderungen, Sozialinformatik in die Ausbildung zu integrieren, Fachkräften werden Qualifikationsdefizite, Desinteresse und eine „Festhalten u.a. an technisch konservativ einschätzbaren Verhaltensweisen“ (ebd. S. 175) unterstellt. Zudem seien die Träger nur mangelhaft mit neuer Technik ausgestattet. Mit der Erkenntnis, „dass Digitalisierung sich als neues Querschnittsthema identifizierten lässt“ (175), stehe die Profession noch am Anfang. Mit dieser Behauptung scheinen die AutorInnen nicht zur Kenntnis zu nehmen, so Kreidenweis (2019) in seiner Rezension zum Buch, dass Lehre und Forschung sich seit 15 Jahren mit dem Thema Sozialinformatik befasst. Der Band will ein Lehrbuch für Studierende sein „und zugleich Ermunterung an alle Fachkräfte“ die „bunten digitalen Räume zu betreten und aktiv mitzugestalten“ (Klappentext). Doch wie kann das gelingen, wenn den Fachkräften mehrfach Desinteresse und digitale Inkompetenz attestiert wird? Wenn es an kritischer Reflexion hinsichtlich veränderter gesellschaftlicher Machtverhältnisse fehlt, durch die zu neuen Ungleichheitslagen und Exklusionen führen? Und wenn soziale Lebenswelten sich in der digitalen Transformation grundlegend neu konstituieren, dann betrifft das auch „die Geschlechterverhältnisse, in sehr neuer, Ungleichheit verstärkender Weise“ (Karsten et. al. 2019, S. 346) – in diesem Buch ein weißer Fleck.

Ein Buch, das den Anspruch eines Lehrbuches erhebt, sollte ein theoretisches Grundverständnis von Sozialer Arbeit haben, auf das in allen Themenbereichen Bezug genommen wird. Der disziplinäre Bezug von Digitalisierung und sozialarbeitswissenschaftlicher Theoriebildung wird nur im zweiten Kapitel hergestellt.

Zum Aufbau des Buches: es fehlt eine klare Struktur, die Auswahl, die Abfolge und Gliederung der Themenbereiche ist nicht schlüssig nachvollziehbar. Am Ende eines jeden Kapitels wäre eine inhaltliche Zusammenfassung hilfreich gewesen. Fragestellung an Studierende und die Erörterung von Handlungsmöglichkeiten und praktischen Beispiele hätten sicher zu mehr Verständnis geführt. Ebenso eine verständliche Sprache und kurze Sätze (teilweise erstrecken sich die Sätze über einen ganzen Abschnitt), wie ein Glossar zur Begriffserklärungen – all das darf von einem Lehrbuch erwartet werden.

Fazit

Das Buch richtet sich an Studierende und interessierte Fachkräfte. Die Lektüre kann sicher einen Einstieg und ersten Überblick zu Aspekten der digitalen Transformation geben. Vielleicht wäre der Titel: „Herausforderungen an die Soziale Arbeit in Zeiten der Digitalisierung“ treffender gewesen.

Literatur:

Dewe, Bernd/Otto, Hans-Uwe (2011): Professionalisierung. In: Otto, H-U./Thiersch, H. (Hg.): Handbuch Soziale Arbeit. München. S. 1131–1142

Karsten, M.-E./Bock, K./Braches-Chyrek, R. (2019) Zwischenruf. Digitalisierungsdiskurse im Dispositiv – ein virtuelles Gespräch. In: Soziale Passagen 2/2019, S. 345–350.

Kreidenweis (2019) Kreidenweis, H. (2019): Rezension zu Gerd Stüwe, Nicole Ermel: Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. https://www.socialnet.de/rezensionen/​25550.php (Abruf 20.01.2021).


Rezension von
Prof. Dr. Juliane Sagebiel
Prof. Dr. Juliane Sagebiel, Hochschule München, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Studienschwerpunkte: Geschichte und Theorien der Sozialen Arbeit, Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorien, Machttheorien
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Zitiervorschlag
Juliane Sagebiel. Rezension vom 15.02.2021 zu: Gerd Stüwe, Nicole Ermel: Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3832-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27862.php, Datum des Zugriffs 06.03.2021.


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