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Esther Neuhann: Zeitstrukturen des Rechts

Rezensiert von Dr. Martin Schwarz, apl. Prof. Rita Stein-Redent, 05.05.2022

Cover Esther Neuhann: Zeitstrukturen des Rechts ISBN 978-3-95832-228-8

Esther Neuhann: Zeitstrukturen des Rechts. Über die Möglichkeit einer kritischen Theorie der Gerechtigkeit. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. 400 Seiten. ISBN 978-3-95832-228-8. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Kaum ein Bereich wirft so viel Widerspruch auf, ist aktueller und zugleich konfliktbehaftet wie die Esther Neuhann interessierenden Überlegungen hinsichtlich der Möglichkeiten einer Neubestimmung dessen, was man unter Gerechtigkeit verstehen kann – und welche Rolle das Recht dabei spielt. Gerechtigkeit an sich bietet eine ganze Reihe von Zugangs-, Verständnis- und Interpretationsmöglichkeiten. Sie kann z.B. philosophischer Ausgangspunkt der menschlichen Tugendbetrachtung sein, der bis heute ideologische Grundsatzdebatten als deren historisierender Kern befeuert, als zentraler Referenzpunkt in diversen globalisierungs- und kapitalismuskritischen sozio-ökonomischen Verteilungskämpfen fungiert, sich assoziativ an den Friedensdiskurs anlehnt und wird ungeachtet aller Emotionalität etwa in der Akzeptanz von juristischen Schiedssprüchen greifbar. Gerechtigkeit gilt – um das Stichwort Tugend noch einmal aufzugreifen – als zur Beurteilung dienender Maßstab individuellen menschlichen Verhaltens und bietet sich so, ganz im Sinne des Zeitgeists, damit trefflich als Gradmesser einer individuellen wie kollektiven Wertigkeit in einer Gesellschaft an. Das gilt zumal dann, wenn das Recht und das Gerechtigkeitsempfinden in einer pluralistischen Gesellschaft angesichts divergierender ethisch-moralischer Grundierungen nicht mehr deckungsgleich sind. In dem Maße, wie sich die Moderne unter dem Eindruck der Globalisierung beschleunigt, geraten interessanterweise das existierende Recht, aber auch das damit verbundene Verständnis von Gerechtigkeit und ihre Maßstäbe immer stärker unter Rechtfertigungsdruck. Gleichzeitig eröffnen sich neue oder werden gar längst überwunden geglaubte Diskursräume unter neuen, dem public relation entlehnten Schlagworten reaktiviert. Das gilt umso mehr, wenn Gerechtigkeit Ausgangspunkt und Ziel allen politischen Handelns in einer Demokratie und damit eine Grundnorm des gesellschaftlichen Lebens in einer Zeit sein soll, in der die social medias ganz neue Manipulationsmöglichkeiten der öffentlichen Meinung erschließen. Gerechtigkeit wird auf Grund dessen in ihrer Funktion als konsensualer Ordnungsfaktor herausgefordert und in diesem ihrem ursprünglichem Verständnis möglicherweise verändert bzw. muss sich verändern. Esther Neuhann setzt bei der Gerechtigkeit als zentrales Gut für Funktionsfähigkeit und Dauerhaftigkeit von Sozialordnungen an. Sie bezieht geschickt als Skeptikerin Position, indem sie sich vertieft mit Rainer Forsts (kritisch-prozeduraler) Gerechtigkeitskonzeption und damit den Grundaussagen ihres Doktorvaters, eines Vertreters der Kritischen Theorie, auseinandersetzt, die Neuhann durch eine fundierte Rezeption von Fichtes Begriff der Anerkennung an den modernen Freiheitsdiskurs anschlussfähig machen möchte. Gerechtigkeit ist demnach nicht (nur) eine Frage der Perspektive, sie ist vielmehr immer auch eine Frage der Zeitstruktur und damit jener Effekte, die für das hier zugrundeliegende Erkenntnisinteresse insofern relevant sind, da das Recht im Sinne einer „Realisierungsform der Gerechtigkeit“ fungiert. Diese Formulierung wird in der Arbeit häufiger verwendet, wohingegen andere Umsetzungsformen (die sich etwa aus dem Gewohnheitsrecht speisen) nicht thematisiert werden.

Autorin

Dr. Esther Neuhann hat ausweislich ihrer Vita (https://www.philosophie.uni-hamburg.de/philosophisches-seminar/​personen/​neuhann-esther.html) 2011 ihren BA abgeschlossen, dem sie 2013 an der Universität Oxford einen MA in Politischer Theorie folgen ließ. Nimmt man den Titel der seinerzeitigen Masterarbeit, so hat Neuhann – Studien- und Promotions-Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes – ihr Interesse für Johann Gottlieb Fichte beibehalten und 2019 in ihre hier zur Besprechung vorliegende, 2019 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main verteidigte Promotion einfließen lassen. Zwei Gastaufenthalte am Department of Philosophy der Columbia University (2016/17, im Frühjahr 2022 erneut) lassen aufhorchen. Dass Neuhann sich nach Abschluss der Promotion auch weiterhin mit Fichte befasst, hätte ihr wohl bis vor wenigen Jahren noch unweigerlich einen Platz in einer kleinen akademischen Nische eingetragen. Dass dem nicht so ist, zeigt die an der Universität Hamburg angesiedelte „Eigene Stelle“ an, die Neuhann im Rahmen des von der DFG (genauer: das Walther Benjamin Programm) geförderten Projektes „Fichte und die Menschenrechte“ eingeworben hat: https://gepris.dfg.de/gepris/​projekt/​451551446?context=projekt&task=showDetail&id=451551446&. Neuhann, von 2015–2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Leibniz-Forschungsgruppe „Transnationale Gerechtigkeit“, war bereits 2019–2021 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg tätig. Dort lehrt und forscht sie heute zu Fichte, aber auch zur Kritischen Theorie und zur Feministischen Philosophie. Neben der Sozial- und der Rechtsphilosophie benennt Neuhann explizit die Politische Philosophie als Schwerpunkt, was sich auch in ihren bisherigen Beiträgen und Veröffentlichungen entsprechend niederschlägt.

Da die Autorin im Vorwort der hier zu besprechenden Promotionsarbeit ausdrücklich darauf verweist, sei hier ihr recht entspannter Umgang mit den Untiefen einer geschlechtergerechten Sprache angemerkt. Der ist gleichwohl eine Positionsbestimmung, wie ein Blick auf einen von Neuhann verfassten Blogbeitrag zeigt, in dem sie sich mit Fichtes „Betrachtungen zur Ehe“ auseinandersetzt und anschaulich unter Beweis stellt, dass Fichte durchaus ein Bezugspunkt auch für aktuelle Diskurse sein kann: https://www.praefaktisch.de/sex/von-schlechtem-sex-zur-patriarchalen-ehe-ueberlegungen-zu-fichtes-geschlechtertheorie-in-der-grundlage-des-naturrechts-1796-7/.

Entstehungshintergrund

Ausweislich der Einführung legt Esther Neuhann hier ihre Promotion vor, die unter der Betreuung von Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Christoph Menke im Oktober 2018 am Fachbereich für Philosophie und Geschichtswissenschaften der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main eingereicht und im Februar 2019 erfolgreich verteidigt worden ist. Neuhann war dort von 2015–2019 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im von Rainer Forst verantworteten DFG-geförderten Leibniz-Programm („Transnationale Gerechtigkeit“) angestellt, der Druck der Arbeit wurde mit Mitteln aus eben diesem Programm sowie des Deutschen Akademikerinnenbundes gefördert. Ein Gespräch mit Axel Honneth während ihrer Zeit an der Columbia University (2016/17) ist für die Autorin bedeutsam, da es in der Danksagung erwähnt wird. Überhaupt zeigt ein Blick in den sehr gut sortierten Literaturapparat der Arbeit, dass Neuhann einen nicht geringen Teil ihrer Bezugsquellen in der internationalen Forschung findet, die sie schon offenkundig in Oxford kennen- und schätzen gelernt hat. So finden sich hier u.a. Arbeiten von Annabel Brett und Nancy Fraser. Judith Shklar (zu deren Werk übrigens gerade in Greifswald eine Habilitation ihren Abschluss findet) wird in der deutschen Übersetzung angezeigt. Axel Honneth wird stärker als Max Horkheimer rezipiert, Jürgen Habermas liegt dazwischen, Reinhart Koselleck und Jacques Rancière verweisen auf einen gewissen Spannungsbogen, der durch die Einbeziehung der Arbeiten von John Rawls wieder geerdet wird. Neuhann positioniert ihre Arbeit entlang der Vertreter der Kritischen Theorie. Sie erweist den Heroen der Frankfurter Schule ihre Referenz, aber sie sucht – und findet u.a. mit Fichte, Hegel und Kant – einen eigenen Weg, der ihre Arbeit zu einer Einladung macht, sich vertieft mit ihrer in der Einleitung formulierten Kernfrage auseinanderzusetzen: Kann der Begriff der Gerechtigkeit angesichts der vielschichtigen Skepsis, die ihm allenthalben entgegenschlägt, „sinnvollerweise als Grundbegriff einer kritischen Theorie der Gesellschaft fungieren“? (S. 15). Die Arbeit ist in weiten Teilen eine gut begründete und klug aufgebaute Auseinandersetzung mit Rainer Forsts Gerechtigkeitsansatz, der daher immer wieder als Folie herangezogen wird, wobei es Neuhann maßgeblich um die beiden Begrifflichkeiten „Beschleunigung“ und „Flexibilisierung“ geht, die sie ins Zentrum ihrer Überlegungen zu den Beherrschungseffekten des Rechts als Realisierungsform der Gerechtigkeit stellt.

Aufbau

Die Arbeit umfasst 400 Seiten, von denen 24 Seiten auf das Literaturverzeichnis entfallen.

Dem Vorwort (S. 11–13) lässt Neuhann einen ersten Abschnitt (S. 15–36) folgen, in dem sie in die Materie ihrer Promotion einführt, die Frage nach der Gerechtigkeit aufwirft, die methodische Reflexion exemplifiziert und den strukturellen Aufbau der Arbeit anzeigt. Demnach gliedert sich die Arbeit in drei Einheiten oder Diskurslinien, von denen die ersten beiden jeweils in ein Zwischenfazit münden, in dem die Autorin über ihre Feststellungen räsoniert und den weiteren Gang ihrer Überlegungen aufzeigt.

Die erste Diskurslinie (Kapitel 1: S. 39–122) ist mit „Das Projekt einer Kritischen Theorie der Gerechtigkeit“ betitelt und besteht in der Abfolge aus Reflexionen zum Gerechtigkeitsbegriff selbst (S. 39–57), der Positionsbestimmung in der Auseinandersetzung mit libertären respektive egalitaristischen Konzeptionen der Gerechtigkeit und ihrer jeweiligen Beherrschungsformen (S. 58–86) sowie der Hinwendung zu Axel Honneth (S. 87–96), Rahel Jaeggi (97-103) und Hartmut Rosa (103-112).

Ein erstes Zwischenfazit (S. 113–122) zeigt an, dass es in der zweiten Diskurslinie (Kapitel II: 125–313) im Wesentlichen um die Auseinandersetzung mit Rainer Forst und dessen Gerechtigkeitsansatz gehen soll. Ausgangspunkt dafür ist das Wechselspiel aus den geltenden Rechtsnormen und den von ihnen durchdrungenen Institutionen in Gesellschaft und Staat, weshalb sie das Gedankengebäude von Forst architektonisch und in Anlehnung u.a. an Hannah Arendt gemäß der Überschrift erst zum Vorschlag erklärt und sodann in seine Etagen und Treppenhäuser gliedert, um das systemische Element von Forst herauszuarbeiten. Ausgangspunkt ist ein Denken vom Ende her. Neuhann fragt auf S. 145–162 nach dem Trigger (= die Notwendigkeit der Rechtfertigung) in Forsts Werk. Sie dekonstruiert den normativen Rechtfertigungsbegriff (S. 162–171) bis in die Ebenen der moralischen Begründung hinein und als deskriptiven Begriff (S. 171–187) bis in seinen sozialtheoretischen Begründungszusammenhängen. Zur Veranschaulichung der Mehrdimensionalität verweist Neuhann im Unterkapitel 6.4 (S. 187–218) auf solche Grundbegriffe, die wie Ausbeutung, Frieden oder Legitimität den Gerechtigkeitsbegriff bei Forst transzendieren und arbeitet hier insbesondere den Toleranzbegriff heraus (S. 198 ff.), der die Grenzen der Rechtfertigung aufzeigt. Die Unterkapitel 7 (Bezug zu Fichte; S. 228–267) und 8 (Bezug zu Habermas; S. 268–309) geben der Konstruktion den notwendigen Halt, da sie – um beim Bild der Architektur zu bleiben – die Gedankengänge von Forst systematisieren und zusätzlich stabilisieren. Der Rekurs auf Habermas basiert auf dessen Ausführungen zur Diskursethik, das monumentale Großwerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (2019) konnte Neuhann nicht mehr berücksichtigen – man fragt sich, ob das an ihren Ausführungen etwas geändert hätte. Der gewichtete Bezug zu Fichte resultiert aus dessen Überlegungen zur Handlungsfreiheit des Menschen und die sich hier bietenden Konfliktlinien hinsichtlich der Quellen eben dieser Freiheit, weshalb Neuhann den Anerkennungsbegriff von Fichte in das argumentative Zentrum rückt. Am Ende kommt Neuhann in ihrem zweiten Zwischenfazit (S. 310–313) zu keinem eindeutigen Urteil in Bezug auf Forst, sondern verweist hier auf die Essenz, die sie in ihrer dritten Diskurslinie aus der Zusammenführung der beiden ersten Stränge zu gewinnen erhofft.

Der dritte Strang (S. 317–374) setzt denn auch bei den beiden Argumentationsfiguren „Beschleunigung“ und „Flexibilität“ an, die Neuhann – von Forst kommend – in Relation zum reflexiven Recht (daher der Rekurs auf Luhmann) setzt. Die historische Zeit (oder das Bewusstsein dafür) bildet den Bezugspunkt für den Abschluss der Überlegungen, die in einem ausgewogenen und die einzelnen Stränge zusammenführenden Fazit (S. 359–374) münden.

Inhalt

Esther Neuhann fragt, sortiert, systematisiert und findet einen interessanten Zugang zu einem Diskurs, der auch in einem modernen Rechtsstaat wie Deutschland keinesfalls ausbuchstabiert ist. Gerechtigkeit ist und bleibt – trotz oder gerade wegen des großen materiellen Wohlstands – eine der Triebfedern westlicher Gesellschaften, zumal dann, wenn es um Aspekte wie den Ressourcenzugang, die Vermögensallokation oder schlicht Verteilungsfragen geht.

Dass das Recht an sich alles andere als objektiv ist, aber einen aus dem Gleichheitspostulat erwachsenden Objektivierungsanspruch erhebt, ist nur eine der denkbaren Assoziationen, die man bei Esther Neuhann immer wieder durchscheinen sieht. Neuhann verortet ihre Arbeit selbst als politisch-sozialen Beitrag (S. 359), sie will keine Lösungen unterbreiten, sondern die von Forst vertretene kritisch-prozedurale Gerechtigkeitsüberlegung (kritisch) nachschärfen. Dazu nimmt sie sich in ihrer Arbeit viel Raum, wenn man allein die Kapitelverteilung betrachtet. Man muss sich aber eines bewusstmachen: gerade weil Neuhann das Gedankengebäude von Forst nicht gänzlich verlässt, sondern es hier bei einer gewissen Art von Renovierungsarbeiten belässt, erscheint ihr hermeneutischer Ansatz in bestimmten, aber in der Gesamtsicht nicht unwesentlichen, Details noch ausbaufähig zu sein.

Denn Neuhann hinterfragt seltsamerweise nicht, was die sie interessierende Beschleunigung ausmacht bzw. initiiert, sie fragt nicht nach der normativen Kraft des Faktischen, nicht nach den Beharrungskräften und Pfadabhängigkeiten, die eine Anpassung des Rechts blockieren können – obwohl sie ja auf Ernst-Wolfgang Böckenförde eingeht, fehlt beispielsweise die Sichtweise Karl Jaspers. Gerade in den Bereichen, in denen Neuhann über die Relevanz von Beschleunigung und Flexibilität sinniert, fehlt ausgerechnet Zygmunt Bauman, der sich mit dem Phänomen der flüssigen Moderne befasst und erklärt hat, warum Gewissheiten in immer kürzeren Zeitabläufen neu gefasst werden müssen. Man stelle sich diesen Gedanken übertragen auf die Rechtsordnung vor: der Streit um die §§ 175 und 218 StGB klingt hier nach, während das BGB seit seiner Inkraftsetzung am 01. Januar 1900 immer wieder gezeigt hat, dass ihm eine gewisse Anpassungsfähigkeit inhärent ist, die auch vor den Unbilden des #neuland nicht Halt macht. Andreas Reckwitz und Armin Nassehi haben das im Grunde aufgegriffen und dezidiert vor einer überlasteten Gesellschaft gewarnt, der die Gewissheiten abhandenkommen. Wenn das Recht eine Ordnungsfunktion hat – Neuhann greift das Faktum Legitimität auf (Legalität fehlt) – und sich dabei aus einem institutionalisierten politischen Code namens Verfassung speist, ist die Frage der Gerechtigkeit, zumal die nach der prozeduralen, so aufgestellt, dass man auch mit Antonio Gramscis Hegemonialtheorie oder mit Max Webers Überlegungen zur Modernisierung hätte im Grunde rechnen können, wenn auch nicht unbedingt müssen.

Die hier vorliegende Arbeit ist allerdings und ganz ausdrücklich auch ohne diese Rekurse überaus reiz- und gehaltvoll. Das gilt einmal mit Blick auf den Inhalt und die Erkenntnisse der Arbeit, die von der Autorin hier präsentiert werden, und das gilt auch mit Blick auf eine mögliche Intention, die mit einer solchen Arbeit verbunden sein kann, wenn man ihren Anspruch als „politisch-sozial“ im Wortsinn liest. Die Arbeit ist eine legitime Auseinandersetzung mit dem Lehrgebäude des Doktorvaters – das geschickt gegen das der Referenzautoren Honneth, Jaeggi und Rosa abgegrenzt wird, indem die Autorin diesen drei Vertretern der Kritischen Theorie je eigene Gerechtigkeitstheoreme abspricht, was ja letztlich die Position von Forst stärkt. Neuhann ist sich dieser schmalen Linie offensichtlich bewusst, diesen im Verlauf von Kapitel II entstandenen Eindruck kann sie aber nicht gänzlich entkräften.

Als Nächstes fällt auf, dass die Autorin immer wieder von „Ausbeutung“ spricht, wo es augenscheinlich um das Zusammentreffen von Legalität und Legitimität, also um das hierarchisch bestimmte Wesen des Rechts geht. In seiner an Kant geschulten Systematik der Rechtslehre ist bei Fichte keine Rede von Ausbeutung, dafür aber von der Zeit an sich – die kommt in diesem ersten Abschnitt angesichts der Umwälzungen, die bekanntlich gerade den deutschen Idealismus charakterisieren, etwas zu kurz. Müsste also eine kritische Theorie der Gerechtigkeit nicht auch die Frage beantworten können, inwieweit das Recht – über die Zeit hinweg – der Orientierung dient? Neuhann spricht von produzierter Normalisierung, konkreter wird sie nicht. Womöglich hätte hier ein Blick in das Werk von Hasso Hofmann oder Horst Dreier geholfen. Problematisch, und das ist bei jeder Befassung mit der Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung oder auch des hier unerwähnt bleibenden Anthropozäns fast schon zwangsläufig der Fall, wird es, wo das Gerechtigkeitspostulat mit dem sozialen Element verschmolzen wird, auch wenn es hier weniger um den Klassenkampf oder die Kapitalismuskritik, sondern vielmehr um die sozialen Interaktionen in modernen Gesellschaften geht. Für Forst – und damit auch für Neuhann – ist das Recht in einer seltsam defensiven Rolle, es bedarf einer Rechtfertigung, obwohl es seit der Aufklärung als Zeichen des zivilisatorischen Fortschritts gilt. Der Gedanke ist gleichwohl interessant, denn dann könnte man auch die Inszenierung des Rechts samt seinen Symbolbildern (allen voran die Justizia mit ihren verbundenen Augen) hierunter fassen. Soweit geht Neuhann gleichwohl nicht, ihr geht es um Fundamentales, wo sie das „Recht auf Rechtfertigung“ anspricht und sich hier nun dezidiert auf Fichte bzw. dessen Verständnis von Anerkennung bezieht. Gerade die Kontrastierung durch Habermas und dessen Dialektik zeigt, dass Neuhann hier ein für ihr Thema äußerst fruchtbares Spannungsfeld erschließt, zumal sich Habermas in seinem 2019 erschienenen Alterswerk hierzu noch einmal pointiert geäußert hat.

Neuhann plädiert für eine historische Brille, um den Blick für die Zäsur zu schärfen, die beispielsweise – auch das eine spontane Assoziation – mit der deutschen Wiedervereinigung und der Einführung des westdeutschen als gesamtdeutschen Rechts einherging. Denn genau hier greift die Arbeit erstaunlich kurz: was ist mit dem Recht, wenn es erwiesenermaßen auf Unrecht gründet, selbst nach den Maßstäben des Unrechts selbst? Würde dann die für Neuhann so zentrale Beschleunigung nicht sogar helfen, das Unrecht zu überwinden, während die angesprochene Flexibilität eine Anpassung ermöglichen würde? In diesem Sinne sei auf ihren Vorschlag verwiesen, die in Art. 79 Abs. 3 GG verankerte sogenannte Ewigkeitsklausel zu überdenken: was wäre damit gewonnen? Was revolutionär klingen soll, müsste bedenken, dass die Verfassung an sich solange Gültigkeit hat, wie der Staat besteht – für den Fall einer Veränderung in der Staatsqualität (beispielsweise das Aufgehen der Bundesrepublik in einem europäischen Gesamtstaat) ist die Gültigkeit der Verfassung aufgehoben.

Im Zuge der Wiedervereinigung ist genau diese Frage von einer Kommission des Bundestages erörtert und letztlich verworfen worden, weil sich durch die Art der Vereinigung die Staatsqualität nicht verändert hat. Neuhann, und das ist die Stärke ihrer Argumentation, versucht die Ewigkeitsklausel mit der Gerechtigkeitsfrage zu verknüpfen. Sie beantwortet das aber nicht mit Blick auf den Parlamentarischen Rat, der aus der Tragik des 20. Jahrhunderts lernend (eigentlich ja auch im Versuch, den Weimarer Verfassungsstreit konsensual beizulegen) das GG zunächst als Provisorium entwarf. Sie blickt nach vorne und fragt nach der Stabilität der staatlichen Ordnung, die sie aber – und das ist nun relevant – nicht für absolut erklärt, sondern mit der Friedensfigur und der Gerechtigkeit verknüpft. Was aber, wenn ausgerechnet diese Friedensfigur infolge einer – Carl Schmitt lässt grüßen – Freund/​Feind-Determinante in der Gleichung fehlt? Da helfen dann auch die zuletzt aufgeworfenen Überlegungen zur Bildungspolitik (alles eine Frage der Vermittlung?) und zur Kosten-Nutzen-Analyse (politische Kosten?) nur bedingt. Sie dienen eher der Skizzierung, zeigen mögliche Anknüpfungspunkte für weitere, vertiefte Untersuchungen an. Dafür spricht auch das Fazit von Neuhann, die ein „Glaubensbekenntnis“ (S. 374) ablegt, indem sie sich zu dem Ziel bekennt, „sich den Schlagseiten der bestmöglichen Ausdeutung der modernen Idee der Gerechtigkeit gewahr zu werden.“ (ebd.).

Diskussion

Der vorliegende Band ist gleich in mehrfacher Hinsicht diskussionswürdig, gerade weil er das Thema der Gerechtigkeit so zentral in den Fokus stellt. Esther Neuhann versteht ihre Arbeit als Diskussionsangebot, daher sollte das auch entsprechend gewürdigt werden. Sie beginnt, in der Sache durchaus nachvollziehbar, bei Aristoteles und der Nikomachischen Ethik – und nimmt damit schon eine Positionsbestimmung vor, da sie zumindest sporadisch auf Platon eingeht und schon früh anzeigt (S. 21), dass sie sich nicht mit der Tugendlehre beispielsweise eines Augustinus befasst. Damit bleibt der schon bei Aristoteles angelegte caritas-Gedanke ungenutzt, eine im Gemeinwohl-Gedanken wurzelnde Idee der Gerechtigkeit kann so nicht rekonstruiert werden. Neuhanns Fokus richtet sich auf den „distributiven“ Charakter der Gerechtigkeit, was die in der Arbeit immer wieder thematisierte Ausbeutung erklären soll, auch wenn das so nicht in Gänze überzeugen kann, weil der Gedanke einer gleichwertigen Gerechtigkeit und damit einer Gleichbehandlung selbst eine Absolutheit beinhaltet, deren praktische Umsetzung ausgerechnet am Gegenstand der Betrachtung – am Menschen selbst – scheitert. Da hilft auch nicht der Verweis auf das Strafrecht (S. 24), weil eine solchermaßen verkürzte Betrachtung notwendigerweise keinen Raum für den Charakter der Strafe lässt. Dadurch, dass Neuhann, wenn auch begründet, die individuelle Tugend ausklammert, fehlt die Brücke zu Alexis de Tocqueville und damit zum Republikanismus – Neuhann will zum Abschluss noch die Bildungspolitik einbeziehen. Welches Bürgerleitbild soll es da geben, wenn der im Grundgesetz verankerte Republikbegriff fehlt?

Ein zweiter Diskussionspunkt ist die Tatsache, dass sich Neuhann – naheliegend – mit John Rawls befasst, weil von ihm nun einmal ganz grundlegende Gedanken zur Gerechtigkeit formuliert wurden. Rawls aber ist nicht der letzte Denker, danach kann man beispielsweise auf Michael Walzer und dessen Sphären der Gerechtigkeit hinweisen, wenn man die in der Arbeit eingeforderte Flexibilität einmal auf die apodiktischen Setzungen von Rawls in seinen berühmten Grundsätzen und Vorrangregeln anwendet. Ein dritter Diskussionspunkt ist die Vorgehensweise in der Arbeit selbst: Neuhann fokussiert auf die libertäre, egalitäre und kritisch-prozedurale Ausdeutung von Gerechtigkeit. Verwirft sie die ersten beiden Varianten etwa (nur) deshalb, weil ihr eigentlicher Fokus auf Forst und damit von vorneherein auf der kritisch-prozeduralen Linie liegt? Es wäre möglich gewesen, die ersten beiden Varianten kürzer zu halten, weil sich Forst ausweislich seines Schrifttums dazu schon entsprechend positioniert hat und eine neuerliche Abgrenzung auf eine Nacherzählung hinausläuft. Dass dem nicht der Fall ist, unterstreicht noch einmal die Qualität der vorliegenden Arbeit. Dass sich die Autorin – und das wäre der vierte Punkt einer Diskussion – gegen eine Positionsbestimmung und stattdessen für ein Glaubensbekenntnis wie beschrieben entscheidet, ändert nichts daran, dass diese Arbeit einen Gewinn für die Kritische Theorie darstellt. Es wäre nur interessant, ob und welche Kritik sie am Lehrgebäude ihres Doktorvaters übt, da sie mit größter Umsicht für ein „Unentschieden“ plädiert. Hier erscheint der Bezug auf Fichte interessant, da Neuhann auf diese Weise in die Debatte eingreift, die derzeit um die Rechtfertigung der Kritischen Theorie geführt wird, weil diese den Verallgemeinerungstendenzen in einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft bislang wenig entgegenzusetzen hat.

Fazit

Wer sich mit diesem Band auseinandersetzen möchte, ist gut beraten, sich dafür die nötige Zeit zu nehmen, denn Esther Neuhann will keine schnellen Antworten geben, wo diese erst einmal hergeleitet, ausgebaut und abgewogen werden müssen. Der zentrale Gegenstand ihrer hier vorliegenden Promotion ist die Auseinandersetzung mit dem Werk ihres Doktorvaters, Rainer Forst, der durch seine Veröffentlichungen, seine Forschung und seine Einlassungen zu aktuellen Zeitfragen als einer der bekanntesten Vertreter der aktuellen Kritischen Theorie gilt. Neuhann meistert diese Aufgabe souverän, anders kann man es nicht nennen. Sie lädt zu einer Grundsatzbetrachtung ein, will mehr zum Beherrschungseffekt des Rechts wissen, will zeigen, dass die Kritische Theorie hier Antworten liefern kann, wenn sie die richtigen Fragen findet, um das vermeintlich Selbstverständliche (den demokratischen Rechtsstaat) aus der Reserve zu locken. Das alles und einiges mehr gelingt Esther Neuhann ausgesprochen gut, auch wenn man sich vor allem zum Schluss hin etwas mehr Prägnanz und Klarheit in der Positionsbestimmung gewünscht hätte. Aber das muss kein Nachteil sein – es lädt vielmehr dazu ein, die Arbeit erneut in die Hand zu nehmen. Es regt zum Nachdenken darüber an, inwieweit andere sozialwissenschaftliche Disziplinen wie z.B. die Soziologie mit ihrem Verständnis von Gerechtigkeit hier eine Einbindung erfahren könnten.

Rezension von
Dr. Martin Schwarz
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft
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apl. Prof. Rita Stein-Redent
Fach Soziologie
Fakultät II Natur- und Sozialwissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Martin Schwarz, Rita Stein-Redent. Rezension vom 05.05.2022 zu: Esther Neuhann: Zeitstrukturen des Rechts. Über die Möglichkeit einer kritischen Theorie der Gerechtigkeit. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. ISBN 978-3-95832-228-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27865.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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