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Hermann Giesecke: Studieren ist mehr als Lernen

Hermann Giesecke: Studieren ist mehr als Lernen. Eine Streitschrift zur Bologna-Reform. Eigenverlag . ISBN 979-8-622-79341-7.


Thema

Thema des vorliegenden Bandes ist bereits der Titel, der aber nur eine Teil des Buches wiedergibt, denn es enthält viele erprobte und praktisch brauchbare Hinweise für ein gelungenes geisteswissenschaftliches Studium.

Autor

Hermann Giesecke, geb. 1932, war Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik an der Universität Göttingen und wurde 1997 emeritiert.

Entstehungshintergrund

Obgleich die Bologna-Reform inzwischen eingeführt wurde, ist ein kritischer Rückblick auf die Veränderungen sinnvoll im Hinblick auf mögliche zukünftige Reformen des geisteswissenschaftlichen Studiums.

Beginnend mit dem 4. Kapitel ‚Was heißt studieren‘ werden zahlreiche in der Praxis erprobte und durch die Reform keineswegs überflüssig gewordene Ratschläge für ein erfolgreiches Studium gegeben.

Aufbau

Nach einer Einleitung geht Giesecke kritisch auf die Bologna-Reform (Lernen statt Studieren) ein und beschäftigt sich mit mit denThemen Wissenschaft, Berufsorientierung und pädagogischer Praxis. Beginnend mit dem 4. Kapitel folgen Hinweise zu Lehrveranstaltungen, Studienplanung, Arbeitsorganisation, Studienleistungen, wissenschaftlich-formalen Anforderungen und Prüfungen. Das Buch schließt mit einem Ausblick.

Das Anliegen ist, Studienanfängern die wichtigsten Aspekte des Studierens zu erklären (ältere Veröffentlichungen 1974 und 2001). Durch die Bologna-Reform sei das selbstständige und kritische Einarbeiten in sachliche Zusammenhänge weitgehend auf der Strecke geblieben, deshalb gehe es jetzt für die Geistes- und Kulturwissenschaften darum, die noch vorhandenen Spielräume sinnvoll zu nutzen. Hochschulpolitisch verfolgt Giesecke das Ziel einer Wiedereinrichtung der klassischen grundständigen geisteswissenschaftlichen Fachstudiengänge (Magister und Diplom).

Einleitung

Giesecke übt Kritik an Veränderungen: Die Universität als Wirtschaftsbetrieb, keine Fächerorientierung der Studiengänge, stattdessen Ausrichtung auf den Arbeitsmarkt, das Studienmodell Bachelor und Master aufgebaut auf Module, die Tendenz zur Monopolisierung (identisches Muster für alle Studiengänge), Notwendigkeit von zwei Bewerbungen für Bachelor und Master. Ein freies, selbstständiges Studieren sei nicht mehr möglich (verglichen mit seinem Studium 1954 – 1960). Die Freiheit von Forschung und Lehre habe nicht nur für die Professoren, sondern auch für die Studenten gegolten (Individualisierung und Fächerorientierung des Studiums).

Versprechungen der Bologna-Reform hätten sich nicht erfüllt: Die Zahl der Studienabbrecher sei nicht wesentlich gesunken, die Zahl der Studiengänge und -abschlüsse nicht begrenzt worden. Bei fehlender Nachfrage könnten Studiengänge auch wieder geschlossen werden. Rechtswissenschaft und Medizin hätten sich der Reform nicht angeschlossen. Studenten würden zu Marktteilnehmern, die Professoren zu Arbeitgebern, das Studium an der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt orientiert.

Es folgt ein Ausblick auf die nachfolgen Kapitel: Was ist ‚freies Studieren‘? Entwicklungen in der Zukunft? Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt?

Die Bologna-Reform: Lernen statt studieren

Bologna habe zu einer Entmachtung der Professoren geführt, zu einer Verlagerung der Kompetenzen an außeruniversitäre Instanzen unter der Ägide der Totalität beanspruchenden, Interessen geleiteten Neoliberalismus. Alte Leitbilder seien der gesellschaftlichen – vor allem technischen – Wissensvermittlung und Weiterbildung nicht mehr angemessen. Das Ziel war größere Kompatibilität und Vergleichbarkeit (auf Kosten der Vielfalt?) der Abschlüsse, arbeitsmarktrelevante Qualifikationen und ein Leistungspunktesystem (was Kontrolle, z.B. bei Vorlesungen, voraussetzt), insgesamt ‚Qualitätssicherung‘ (auf Kosten von kommunikativen Techniken).

Auswirkungen seien eine Entmachtung der Professoren und eine Ausrichtung auf außeruniversitäre Ziele. Widerstand wäre – Beispiel Jura und Medizin – möglich gewesen.

Bologna habe eine Zeitverschwendung von den Professoren verlangt (Module, Prüfungsvariationen), zudem Exzellenzinitiativen (Geldbeschaffung, mit Einfluss auf die Forschungsthemen?), Wettbewerb und quantitative Ansprüche an die Studenten (Prüfungslernen anstelle eines selbstständigen Studierens). Will man die Universität messbar (i. S. welcher Maßstäbe) machen? Gehören die monopolisierten Studiengänge überhaupt an die Universität? Geisteswissenschaften eignen sich nicht für Renditeversprechen, auch wenn die Forschungsthemen wichtig seien. Die Universität hat ändert Gesicht verändert und damit die Qualität des nationalen Bildungssystems zerstört. Inzwischen konnten Studienpläne nicht durchgehalten und musste die Zahl der Prüfungen verringert werden. Ist das System brüchig?

Wissenschaften und Berufsorientierung

Eine ausschließliche Berufsorientierung scheitert, wie schon Wilhelm von Humboldt bemerkte, an der ungewissen Zukunft. Die Universität ist nicht identisch mit dem zukünftigen Arbeitsort. Allgemeinbildung ist jedoch die Voraussetzung jeder Spezialisierung; dabei geht es nicht nur um berufliche, sondern auch um politische und kulturelle Teilnahme.

Das duale Ausbildungssystem (für handwerkliche, gewerbliche und kaufmännische Berufe) deckte nach dem 2. Weltkrieg 90 % der Berufsausbildung ab. Es ist zugeschnitten auf Menschen, die theoretisch-systematisches Denken in Verbindung mit in der Praxis zu lösenden Problemen bevorzugen.

Grundsätze der Didaktik:

  1. Je gründlicher die Allgemeinbildung umso differenzierter die spezielle Berufsausbildung, auch unter Berücksichtigung von ungewissen Prognosen.
  2. Zur Berufsausübung gehören auch soziale und emotionale Fähigkeiten, und damit Allgemeinbildung und Berufsausbildung zusammen.
  3. Die duale Kombination von systematischer Theorie und praktischer Anwendung erleichtert Lehren und Lernen, weil sowohl systematisches Denken als auch Praxiserfahrung angeboten wird. Viele berufliche Profilierungen (in Medizin und Jura) finden erst nach dem Studium in einer konkreten Praxis statt. Eine Fachorientierung in der Lehrerbildung hat sich nach 1945 in Deutschland bewährt. Studienabschlüsse können aber nur mehr oder weniger nahe an eine spezifische Praxis herankommen. Das allgemeine geisteswissenschaftliche Studium macht disponibel für verschiedene Berufe und ist auch dann nicht verloren, wenn es zu keinem Abschluss und einer neuen Berufsfindungsstrategie kommt.

Wissenschaft und pädagogische Berufspraxis

Eine Dissertation soll ein Beitrag zur Forschung sein, während mit dem Diplom und Magister die Fähigkeit zur Reproduktion wissenschaftlicher Erkenntnisse nachgewiesen wird. Im Bachelorstudiengang ist eine Entscheidung – berufs- oder forschungsorientiert – nicht mehr möglich: es gibt zu viel standardisiert zu lernen und zu wenig zu studieren.

Was kann man als Pädagoge – im Studium – für das berufliche Handeln lernen, wenn

  1. pädagogisches Handeln soziales Handeln ist,
  2. die Wissenschaft dazu keine Handlungsanweisungen erteilen kann,
  3. sich die späteren beruflichen Partner (Schüler) nicht in der Universität befinden?

Muss man nicht unterscheiden zwischen wissenschaftlicher Ausbildung und späterem pädagogischem Handeln (auf Ziele – konzentriert und reduziert -ausgerichtet). Handeln lernt man in der Praxis, aber: es ist Gegenstand des Nachdenkens an der Universität.

Was heißt studieren?

Im traditionellen Sinn geht Giesecke von einer Freiheit der Lehre aufseiten der Professoren und einer Freiheit des Studierens aufseiten der Studenten aus. Wissenschaft bestehe nicht aus einer Summe von Fakten, sondern vor allem auf Argumentation und Interpretation. Das sind selbstständige geistige Tätigkeiten, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können (Selbstaufklärung, Perspektivwechsel und Persönlichkeitsbildung).

Inhaltlich geht es um Methodenorientierung, intersubjektive Nachprüfbarkeit, Präzisierung und Teilnahme am öffentlichen Diskurs. Dies alles ist auch bei einer Berufsorientierung wichtig für eine kontinuierliche Fortbildung.

Die Lehrveranstaltungen

Giesecke spricht von ‚Wissenschaftsdidaktik‘ anstelle von ‚Hochschuldidaktik‘, weil Wissenschaft der Maßstab ist. Von Geburt an erweitert sich zunehmend der Horizont des Menschen. Im Gegensatz zur Alltagserfahrung ist Unterricht eine künstliche Situation. Es kann gut sein, die ersten zwei Semester wie einen Schulunterricht zu organisieren: Konfrontation mit subjektiven und objektiven neuen Kenntnissen, Konflikt- und Konfrontationsdidaktik, neue Fragestellungen und Relativität des Wissens, – in der Pädagogik vor allem auch im Rückgriff auf die Originale.

Es folgen dann Beispiele aus Vorlesungen, Seminaren, Übungen, Kolloquien, Praktika und Hospitationen, Exkursionen und Projektstudien als Angebote der Universität.

Studienplanung

Sinn kann sich nur einstellen, wen die Studenten dem Gedanken der Selbstaufklärung folgen. Vor dem Bachelor legten die Studien – und Prüfungsordnungen fest, welche Leistungsanforderungen und -nachweise zum Studienabschluss erforderlich waren. Der Magisterabschluss bedeutete einen dem Diplom vergleichbaren Studienabschluss. Die Lehraufträge der Professoren waren nicht auf bestimmte Studiengänge hin formuliert, sondern im Hinblick auf die innere Logik des Fachs (Schulpädagogik, Sozialpädagogik, Geschichte der Pädagogik). Die Professoren waren frei im Hinblick auf die Themen der Lehrangebote. Beim Bachelor würden die Studienvorschriften übertrieben und damit das Studium ‚verschult‘. Eine relativ freie Planung des Studiums sei aber nicht für eine Elite, sondern für alle Studenten eine Chance, wie auch die Wahl zwischen verschiedenen Lehrern und Prüfern.

Am Beispiel der Pädagogik erläutert Giesecke, was er unter einem selbstorganisierten Studium versteht: eine individuelle Strukturierungsstrategie in Bezug auf die Auswahl der Themen, der Partner, der Einrichtungen und Rahmenbedingungen, Subjektivität und eine gesunde Neugier auf etwas Neues, – unter Berücksichtigung des formal Notwendigen.

Arbeitsorganisation

Gelerntes schriftlich fest- und verfügbar halten und kritisch konfrontativ lesen, schreiben (Notizen) und diskutieren. Konzentration auf die wesentliche Lektüre (Schlüsseltexte), Gliederungen (erkennen und rekonstruieren), Exzerpte, argumentative Auseinandersetzung, Auswahl der Lehrveranstaltungen, Aufbau eigener Vorstellungen. Es folgen dann Überlegungen zu den Arbeitsmitteln und Arbeitsbedingungen (privater und öffentlicher Arbeitsplatz, Computer, Fachbücher und -zeitschriften, Verfasserkartei, Bibliographieren von Arbeiten aus dem Internet.

Studienleistungen

  • Referate (Dauer, Verständlichkeit, Einzel- oder Gemeinschaftsarbeit, Gliederungen, Kritik).
  • Gesprächs- und Diskussionsbeiträge und schriftliche Hausarbeiten: Einleitung (Thema und Material), Hauptteil (Berichte und Argumentation), Schluss (Fazit, Thesen zur Diskussion).

Wissenschaftlich-formale Anforderungen

Giesecke geht auf Quellen, Quellenkritik und Zitate ein (Prinzip der Nachprüfbarkeit) und beschreibt technische Regeln des Zitierens, der Fußnoten als Instrument für das, was im laufenden Text keinen Platz hat, der Quellennachweise und Hinweise auf weiterführende Literatur.

Die Herstellung schriftlicher Arbeiten sei ein Lernprozess der Einschätzung persönlicher Fähigkeiten. Da Vergleichsmaßstäbe fehlen ist der Austausch mit anderen (Kolloquium) wichtig, neben der Auswahl von Schlüsseltexten und der Gliederung. Nach einer kritischen Bearbeitung des Rohmanuskript folgt eine gründliche Schlussredaktion.

Prüfungen

Themenauswahl und Bearbeitung, besonders die letztere, sind Gegenstand der Prüfung (unterschiedliche methodische Ansätze, Kontroversen und deren Gründe); die Vorbereitung eines strukturierenden Papiers ist hilfreich.

Diskussion

Hier legt ein erfahrener pädagogischer Hochschullehrer sowohl seine Kritik an der Bologna-Reform vor, die vor allem dazu dient, Anstöße zum Nachdenken zu geben, wo im Rückgriff auf Gegebenheiten möglicherweise Defizite und Verbesserungen notwendig sind. Insbesondere da man, wie das Beispiel Medizin und Jura zeigt, auch gute Gründe gegen die Reform, – aber vielleicht auch einige dafür haben kann. Die Universität ist nicht nur ein Ort der wissenschaftlichen Ausbildung sondern auch der Allgemeinbildung und Sozialisation.

Für Studenten der Geistes- und Humanwissenschaften, insbesondere zu Beginn des Studiums, halte ich den mit Kapitel 4 beginnenden Anstoß zum eigenen kritischen Nachdenken über unhinterfragte Annahmen, eine Interessen geleitete, reflektierte und gute Organisation des Studiums – neben vielen praktischen Hinweisen – für auch unter den Bedingungen von Bologna für hilfreich, sein Studium verantwortlich mit zu organisieren. Wie wichtig das ist, zeigt die öffentlich notwendig gewordene Diskussion um Plagiate, also um ‚wissenschaftliche‘ Arbeiten, die Defizite in der notwendigen Sorgfalt, aber vielleicht auch ein Defizit methodischer Kenntnisse (?), erkennen ließen. Natürlich können Einführungsseminare in wissenschaftliches Arbeiten Ähnliches leisten, doch scheint mir auch gut, immer wieder auf die vor allem an der Praxis eines gelungenen Studiums orientierten Hinweise zurückgreifen zu können. Sie auf die Ermutigung ausgerichtet sind, sich seines eigenen Verstandes aufmerksam, selbstkritisch, aber auch selbstbewusst, zu bedienen.

Das Buch wendet sich einerseits an die Hochschulkollegen, die Bologna-Reform kritisch zu begleiten und zu überlegen, wo Veränderungen notwendig und sinnvoll sind, zum anderen aber vor allem an Studenten geistwissenschaftlicher Fächer zu Beginn ihres Studiums. Es ist nicht nur hilfreich, sondern auch im Preis für jeden erschwinglich.

Fazit

Ein Nachdenkens wertes und für Studenten zu Selbstständigkeit und Strukturieren des eigenen Studiums anregendes und hilfreiches Buch.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 23.03.2021 zu: Hermann Giesecke: Studieren ist mehr als Lernen. Eine Streitschrift zur Bologna-Reform. Eigenverlag . ISBN 979-8-622-79341-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27878.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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