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Steven Taylor: Die Pandemie als psychologische Herausforderung

Cover Steven Taylor: Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 185 Seiten. ISBN 978-3-8379-3035-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: CIP-Medien; Übersetzer Jürgen Schröder.
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Thema

Die Menschheitsgeschichte wurde von vielen historisch bedeutenden Pandemien begleitet, beispielsweise der Spanischen Grippe oder HIV/AIDS, deren Eindämmung vorwiegend vor einem medizinischen Blickwinkel stattfand. Deutlich wurde in den bisherigen Pandemien aber auch, dass für die erfolgreiche Bewältigung einer Pandemie ein psychosoziales Krisenmanagement notwendig ist, dem bisher nur geringe Beachtung geschenkt wurde. Die während der früheren Pandemien erworbenen wissenschaftlichen Daten werden in diesem Buch mit psychologischen Theorien in Bezug gesetzt, um die psychologischen Folgen einer Pandemie und die Bedeutung eines psychosozialen Krisenmanagements darzustellen.

Autor

Steven Taylor ist Professor an der University of British Columbia in Vancouver (Kanada), der Fokus seiner Arbeit liegt auf Angststörungen und seine Arbeiten wurden mehrfach mit wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet. Zusätzlich zu seiner wissenschaftlichen Arbeit und Tätigkeit in der Lehre unterhält er eine klinische Praxis, die auf Stimmungs- und Angststörungen spezialisiert ist.

Entstehungshintergrund

Die englischsprachige Originalversion wurde bereits 2019 vor dem Beginn der Covid-19-Pandemie veröffentlicht. Der Autor ging, wie viele renommierte Wissenschaftler*innen anderen Fachbereichen, davon aus, dass es im Verlauf der Menschheitsgeschichte erneut zu einer Pandemie kommen würde. Das Ziel der Arbeit war, eine wichtige Lücke in der bereits vorhandenen Literatur über Pandemien zu füllen sowie die Konsequenzen eines außer Acht Lassens der psychologischen Komponenten für die Gesundheitspolitik zu skizzieren.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn leiten 11 Seiten einführende Vorworte die Leser*innen durch die Entstehungsgeschichte, die Ziele der Publikation und verdeutlichen den fachlichen Hintergrund des Autors wie auch des Übersetzers.

In den nachfolgenden 12 Kapiteln setzt sich der Band mit der Geschichte und Definition von Pandemien sowie den auf die Bewältigung einflussnehmenden psychologischen und soziodemografischen Aspekten auseinander um abschließend hieraus Schlussfolgerungen für künftige Entwicklungen abzuleiten.

Die ersten beiden Kapitel geben eine Übersicht, in der zunächst anhand von Definitionen und Beispielen eine Verständnisgrundlage für Pandemien geschaffen wird, um anschließend die derzeitigen Methoden für den Umgang mit Pandemien aufzuzeigen. Bereits hier wird die Bedeutung von psychologischen Faktoren für die Kommunikation thematisiert um im dritten Kapitel die psychologischen Reaktionen auf Pandemien und im vierten Kapitel die damit verbundenen persönlichen Eigenschaften, die die psychologischen Reaktionen maßgeblich beeinflussen, darzustellen.

Weitere Kapitel vertiefen kognitive Verhaltensmodelle der Angst vor Krankheit sowie die Auswirkungen des Verhaltens auf das Immunsystem wodurch soziale Interaktionen und auch pro-soziales Verhalten beeinflusst werden. Vertieft wird dies in den Kapiteln über Verschwörungstheorien und sozialpsychologische Einflussfaktoren, in denen tiefergehend aber bezugnehmend auf die vorherigen Inhalte, dargestellt wird, wie es im Zuge einer Pandemie zu einer Stigmatisierung einzelner Bevölkerungsgruppen kommen kann. Anhand der in diesen Kapiteln aufbereiteten wissenschaftlichen Daten wird auf mögliche Verbesserungen in der Krisen- und Risikokommunikation und des Impfverhaltens eingegangen, wobei deutlich wird, dass beide Themenbereiche miteinander korrelieren. Die Bedeutung der Kommunikation zieht sich als thematischer roter Faden durch alle Kapitel, da hierdurch die Wahrnehmung und die Reaktionen auf eine Pandemie stark beeinflusst werden, bis hin zur Akzeptanz von Impfungen. Auch wenn es aus den vorherigen Pandemien bereits Erkenntnisse über die Wirkung der Kommunikation gibt, sind diese Erkenntnisse über eine geeignete Kommunikation, die sich passend an die verschiedenen Persönlichkeitstypen richtet, bisher gering und nicht ausreichend um valide Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Das vorletzte Kapitel widmet sich dem besonders relevanten Thema der notwendigen Unterstützungsangebote für psychologische Notlagen anhand des Screen-and-Treat-Ansatzes. Hierbei werden digitale und remote Angebote wie webbasierte Telefonkonferenzen und telefonische Beratungshotlines eingesetzt um benötigte Unterstützung anzubieten ohne Fachkräfte einem erhöhten Ansteckungsrisiko auszusetzen. Die aus einer Pandemie resultierenden Belastungen und deren Langfristigkeit wurden bereits in den vorhergehenden Kapiteln vertiefend thematisiert, wodurch die Bedeutung (niederschwelliger) psychologischer und psychosozialer Unterstützungsangebote für die breite Bevölkerung zur Bewältigung einer Pandemie deutlich wird. Ebenso wird die Notwendigkeit von Möglichkeiten zur Entlastung für Menschen in Gesundberufen, die ein wichtiger Grundpfeiler in der Bewältigung der Pandemie sind, benannt.

Das letzte Kapitel gibt einen zusammenfassenden Überblick verbunden mit einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungen. Das vom Autor entworfene Zukunftsszenario verdeutlicht die variablen Einflüsse einer Pandemie, mit einem Fokus auf negativen Aspekten in denen Sorgen, Ängste und Unsicherheiten der breiten Bevölkerung auf verschiedene Arten (aus)genutzt werden. Bespielhaft sind hierfür stark steigende Preise für notwendige Materialien, wie Gesichtsmasken, zum Schutz der eigenen Gesundheit. Die Darstellung, in welchen Bereichen derzeit Verbesserungen notwendig sind, um Pandemien erfolgreich zu bewältigen und wo es an wissenschaftlichen Daten fehlt um Handlungsempfehlungen bieten zu können, bildet den Abschluss des Buches.

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit einer Aufbereitung der wissenschaftlichen Daten vergangener Pandemien, nach über einem Jahr praktischer Pandemieerfahrung, lässt sich durchaus als spannend bezeichnen. Die einführenden Vorworte verdeutlichen noch einmal, dass die Arbeit nicht in Bezug auf die aktuelle Pandemie entstanden ist, wodurch eine Neutralität der aufbereiteten Inhalte gegenüber den oftmals emotional geführten Diskussionen über das Management der Covid-19-Pandemie (Fischeneder et. al. 2020) deutlich wird. Aufbauend auf der einführenden thematischen Grundlagenbildung werden nachfolgend die multifaktoriellen Aspekte, die auf den Umgang mit einer Pandemie und ihre Bewältigung Einfluss nehmen aufgezeigt. Hierbei gelingt es dem Autor sowohl individuelle wie auch übergeordnete strukturelle Faktoren darzustellen, miteinander in Bezug zu setzen und unter Einbindung von relevanten psychologischen Konzepten Ableitungen für handlungspraktische Konzepte zu entwickeln.

Deutlich wird in der Darstellung der vergangenen Pandemien, dass die thematisierten Dynamiken der Pandemiebewältigung weder an einen geografischen noch kulturellen Kontext gebunden sind, sondern es sich um übergeordnete Dynamiken handelt. Die starken Ängste die mit einer Pandemie verbunden sein können, werden auch in den Daten über Suizide seit Beginn der derzeitigen Pandemie deutlich, für die eine positive Diagnose ein Auslöser sein kann (Montemurro 2020). Um hier präventive Unterstützung anbieten zu können, ist es unerlässlich die zugrundeliegenden Faktoren und Dynamiken zu verstehen, wofür das Buch eine passende und gut ausgearbeitete Quelle darstellt.

Zugleich wird deutlich, dass es besonders im Bereich der Kommunikation, die eine Schlüsselrolle in der Bewältigung einer Pandemie spielt, noch viele ungeklärte Fragen gibt um diese passend zu gestalten. Wie es gelingen kann Ermüdungserscheinungen gegenüber relevanten Gesundheitsinformationen und eine damit verbundene Ignoranz dieser zu vermeiden ist derzeit noch ungeklärt. Ebenso wie der Inhalt aufbereitet werden sollte, um die Ernsthaftigkeit der Pandemie zu verdeutlichen aber es zu vermeiden, das zeitgleich unverhältnismäßige Ängste ausgelöst werden.

Die Rolle von niederschwelligen psychosozialen und psychiatrischen Unterstützungsangeboten zur Bewältigung der mit einer Pandemie verbundenen Herausforderungen, wie beispielsweise Ängsten oder sozialer Isolation, wird deutlich und ist inzwischen durch diverse aktuelle Daten belegt (Röhr et al., 2020). Der vorgeschlagene Einsatz digitaler Methoden wie Telefonkonferenzen wird aktuell diskutiert und die während der Pandemie gemachten Erfahrungen werden hierfür eine Entscheidungsgrundlage bilden, die das Potenzial für Veränderungen der derzeitigen Versorgungslandschaft beinhaltet um (zukünftigen) Bedarfen gerecht zu werden.

Fazit

Die Bedeutung der Thematik wird nicht nur anhand der aktuellen Pandemie deutlich, sondern auch an der Fülle der Rezensionen zu diesem Buch, die ein extrem hohes Interesse wiederspiegeln. Da die vergangenen Pandemien nicht annähernd so umfangreich untersucht wurden wie die Covid-19-Pandemie bildet das Buch eine wichtige Grundlage für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und zeigt auf, wie bedeutsam eine achtsame Kommunikation sowie die Bereitstellung niederschwelliger psychiatrischer und psychosozialer Hilfsangebote besonders in Krisenzeiten sind.

Quellen

Fischeneder, Andreas; Balluf, Paul; Boomgaarden, Hajo; Eisele, Olga; Litvyak, Olga; Brändle, Verena K. (2020): Berichterstattung über die Covid-19 Krise in Standard und Krone. Corona-Blog92: Universität Wien https://viecer.univie.ac.at/fileadmin/​user_upload/​z_viecer/​Blog_92__Berichterstattung_ueber_die_COVID-19_Krise_in_Standard_und_Krone.pdf

Montemurro N. (2020). The emotional impact of COVID-19: From medical staff to common people. Brain, behavior, and immunity87, 23–24. https://doi.org/10.1016/j.bbi.2020.03.032

Röhr, S., Müller, F., Jung, F., Apfelbacher, C., Seidler, A., & Riedel-Heller, S. G. (2020). Psychosoziale Folgen von Quarantänemaßnahmen bei schwerwiegenden Coronavirus-Ausbrüchen: ein Rapid Review. [Psychosocial Impact of Quarantine Measures During Serious Coronavirus Outbreaks: A Rapid Review]. Psychiatr Prax, 47(04), 179-189.


Rezension von
Anna-Lena Mädge
M. A. Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 07.06.2021 zu: Steven Taylor: Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3035-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27881.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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