Martin J. Gössl: Unbehaglich Queer
Rezensiert von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, 18.02.2022
Martin J. Gössl: Unbehaglich Queer. Das ernste Spiel mit der Anerkennung. transcript (Bielefeld) 2022. 154 Seiten. ISBN 978-3-8376-6127-9. D: 29,00 EUR, A: 29,00 EUR, CH: 35,70 sFr.
Reihe: Queer Studies - 33.
Thema
Martin J. Gössl setzt sich in essayistischer Form mit Fragen „queerer“ – insbesondere schwuler – Lebensweisen und der Akzeptanz in Gesellschaft auseinander. Dabei wendet er sich den Themenfeldern Wohlstand, Erfolg, Amüsement, Sexualität, Schönheit sowie Kultur(en) zu. Stärkstes Moment des Bandes ist, dass Gössl bezweifelt, dass die „queere Ikone“ Sylvia Rivera an den queeren Kämpfen in der Christopher Street (den Stonewall Riots) im Jahr 1969 überhaupt beteiligt war, vielmehr sei es ihr ein Anliegen gewesen „als Mensch dem revolutionären Ereignis hinzugefügt zu werden“ (S. 14).
Autor
Martin J. Gössl ist Professor am Institut für Soziale Arbeit an der FH Johanneum (Graz). Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in zeitgeschichtlichen Betrachtungen in den Themenfeldern Gender, Queer und Diversity.
Aufbau und Inhalt
Der vorliegende Band ist in zehn Kapitel gegliedert, wobei die „Kernkapitel“ zu queerem Wohlstand, Erfolg, Amüsement, Sexualität, Schönheit sowie Kultur(en) von zwei hinführenden und zwei ableitenden Abschnitten gerahmt sind. Der Band trägt einen essayistischen Charakter und bezieht sich, im Sinne guter Lesbarkeit, nur punktuell und nur in direkten Zitaten auf Quellen.
In einer Einleitung gibt Gössl einen Überblick über den vorliegenden Band – und ordnet ihn und die getroffenen Überlegungen in die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen der Pluralisierung von Lebensweisen ein. Gössl erkennt heute in Bezug auf queere Möglichkeiten soviel Potenzial wie noch nie in der Geschichte. Es schließt sich eine Hinführung mit weiteren Überlegungen an. Hier setzt sich Gössl mit den Stonewall Riots auseinander, rezipiert aktivistische Beiträge von Sylvia Rivera und bewertet sie entlang der Beschreibungen David Carters, dessen 2004 erschienenes Buch „Stonewall: The Riots That Sparked the Gay Revolution“ ein zentraler Ausgangspunkt war, um sich mit den Ereignissen rings um das Stonewall Inn im Jahr 1969 auseinanderzusetzen. Ältere umfassende Untersuchungen, insbesondere Martin Duberman (1994), [1] neuere Arbeiten, etwa von Queers of Color wie Jessy Gan (2007) [2] und die zahlreichen Veröffentlichungen aus dem Jahr 2019 u.a. von Marc Stein, [3] sowie die deutschsprachigen Untersuchungen von Marty Huber (2013) [4] und von Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter (2013) [5] bezieht Gössl in die Reflexion nicht ein. Auf dieser Basis kommt Gössl zu fokussierten Ableitungen, dass es Rivera ein Anliegen gewesen sei, „dem revolutionären Ereignis hinzugefügt zu werden“ (S. 14) – und weiter: „Rivera erbaute – oftmals mit Aktionen, die sie selbst gar nicht als so wichtig wahrgenommen hatte – ihr eigenes Denkmal und zerstörte es gleichzeitig wieder selbst, indem sie nach speziellen Formen der Anerkennung suchte.“ (S. 15) Solch deutliche Positionierungen dienen dem Autor nicht für eine weitreichendere Reflexion und Befassung mit der Quellenlage, sondern als Einleitung, um die „historische sowie sozial- und kulturanthropologische Neugierde“ zu „beflügeln“ (S. 16) und bei aktuellen Anerkennungsprozessen schwuler Männer auf der Datingplattform „Grindr“ zu landen.
Der schwule Fokus durchzieht auch die im Buch zentralen Kapitel „Queerer Wohlstand“, „Queerer Erfolg“, „Queeres Amüsement“, „Queere Sexualität“, „Queere Schönheit“ und Queere Kultur(en)“. In den Kapiteln wird fokussiert auf schwule Männer (cis Männer) – lediglich manchmal scheint ein Bezug allgemein auf Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LSBT) auf – ein Blick auf aktuelle Lebensweisen geworfen. Die Kapitel-Folge markiert dabei nachvollziehbar, wie sich gesellschaftliche Anerkennung in der neoliberalen kapitalistischen Gesellschaftsordnung vollzieht: „Erfolg“ und „Wohlstand“ in Bezug auf Besitz sowie Erwerbsarbeit sind zentrale Anker, die sich einerseits auf die individuellen Lebensumstände auswirken, andererseits weitere Lebensbereiche, wie Beziehungen zu anderen Menschen, sexuelles Tun sowie kulturelle Verwirklichung durchziehen. Durch den auf schwule cis Männer orientierten Fokus in den Wahrnehmungen des Autors, in den getroffenen Beschreibungen und Ableitungen, treten dabei weitere Perspektiven in den Hintergrund. So werden spezifische Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen – auch im ökonomischen Kontext – von trans* Personen insgesamt, aber auch von cis Lesben und von ökonomisch schlecht gestellten cis Schwulen von Gössl nicht oder nur als Randnotiz erwähnt.
Auch die abschließenden beiden Kapitel nutzen den Begriff „queer“, um Perspektiven schwuler Sexualität zentral zu setzen. „Queere Zuspitzungen“ (vorletztes Kapitel) zeigten sich etwa in überspitztem Körper- und Jugendkult und der Herabwürdigung penetrierter Positionen beim Sex. Hieraus würden sich in „queeren Communities“ unsolidarische Umgangsweisen ergeben, die der Autor im Abschlusskapitel „Queerer Anerkennungsneid“ umreißt und kritisiert.
Diskussion
Ein flüssiger Stil ist für englischsprachige wissenschaftliche Bücher gängig und auch für deutschsprachige wünschenswert. Das beherzigt Martin J. Gössl: Sein Buch „Unbehaglich Queer“ ist leichtgängig, lässt allerdings dabei wichtige wissenschaftliche Reflexionen außer Acht. So strebt der Autor bei der Auseinandersetzung mit Sylvia Rivera eine für den deutschsprachigen Raum pointierte Zuspitzung an, ohne sich dann die Zeit und den Raum für die umfassende Aufarbeitung des wissenschaftlichen Sachstands zu nehmen und dabei auch die Ausarbeitungen zu würdigen, die seiner These widersprechen. Vielmehr dient Gössl die Aktivistin Sylvia Rivera nur als „Eye-Catcher“, um dann seine Beschreibungen einer „queeren“ – vielmehr Schwulen – Community anzuschließen. Und auch für die Beschreibungen der Lebensweisen wäre mehr Substanz möglich gewesen, hätten etwa konkrete Aussagen zu Einkommen(sunterschieden) und Diskriminierungserfahrungen getroffen werden können. So bleiben die Aussagen vage. Greift Gössl das Konzept der „Anerkennung“ auf, so bezieht er auch hier nicht den wissenschaftlichen Sachstand ein, wie er soziologisch insbesondere von Andrea M. Brighenti (2010) [6] vorgeschlagen wurde, aber auch deutschsprachig diskutiert wird. Kurz: Es wäre mehr möglich gewesen.
Fazit
„Unbehaglich Queer“ bietet eine pointierte essayistische Auseinandersetzung mit insbesondere schwulen Lebensweisen an. Bei der Lektüre sollte der*die Leser*in weitere Literatur hinzuziehen, um nicht leichtfertig zu Schlüssen zu kommen, sondern sich ein umfassendes Bild zu verschaffen.
[1] Duberman, Martin (1994): Stonewall. New York: Plume.
[2] Gan, Jessi (2007): „Still at the Back of the Bus“. Sylvia Rivera Struggle. In: Centro Journal, vol. XIX, núm. 1/City University of New York, S. 124–139. Online: http://www.redalyc.org/pdf/377/37719107.pdf (Zugriff: 27.1.2022).
[3] Stein, Marc (2019): The Stonewall Riots A Documentary History. New York University Press.
[4] Huber, Marty (2013): Queering Gay Pride: Zwischen Assimilation und Widerstand. Wien: Zaglossus Verlag.
[5] Voß, Heinz-Jürgen & Wolter, Salih Alexander (2013): Queer und (Anti-)Kapitalismus. Stuttgart: Schmetterling Verlag.
[6] Brighenti, Andrea M. (2010). Visibility in Social Theory and Social Research. Basingstoke/​Hampshire/New York: Palgrave Macmillan.
Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Professur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung
Hochschule Merseburg
FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Es gibt 65 Rezensionen von Heinz-Jürgen Voß.





