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Melanie Gräßer, Dana Martinschledde u.a.: Therapie-Tools Therapeutisches Schreiben

Cover Melanie Gräßer, Dana Martinschledde, Eike Hovermann: Therapie-Tools Therapeutisches Schreiben. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 282 Seiten. ISBN 978-3-621-28730-2. D: 42,95 EUR, A: 44,40 EUR, CH: 48,40 sFr.

Reihe: Therapie-Tools.
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Thema

Wurde in frühesten Zeiten dem Handwerk des Schreibens (von lat. scribere, „ritzen, kratzen“, „mit dem Griffel eingraben“, „einzeichnen“) körperliche Kraft (beim Einritzen in die Steine) und Geschick (beim Kopieren der Schriften) abverlangt, so steht das Schreiben heute, zumindest im berichtenden Sinne, oft vor der Anforderung und Frage: Was können und wollen uns Autor*innen noch Neues verraten?

Schreiben subjektiviert Welt, denn das Gelesene versteht sich als Erlebnis oder Wiederholung eigener Erfahrung. Und so zeigt sich neben der poetischen Funktion immer auch eine „ganzkörperliche“ therapeutische Funktion des Schreibens, die auch in sozialpädagogischen Kontexten genutzt wird. Das Prinzip steckt im Wort: Heilung durch geformte Sprache, durch Aufschreiben. Schreiben ist dabei immer zugleich Aussprechen von unterdrückten Empfindungen oder Problemen. Durch das Preisgeben des Werkes kann dann im besten Fall eine Los-Lösung von diesen Problemen in Gang gesetzt werden.

AutorInnen und Entstehungshintergrund

Diplom-Psychologin Melanie Gräßer ist Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) mit eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Lippstadt. Ihre Schwerpunkte liegen insbesondere in der Behandlung von chronischen körperlichen Erkrankungen und Traumata.

Dana Martinschledde studiert Psychologie im Masterstudiengang Psychologie an der Universität Bielefeld. Sie hat mehrjährige Erfahrung als Leiterin einer Schreibgruppe.

Eike Hovermann jun. ist geschäftsführender Gesellschafter der Akademie für die Deutsche Wirtschaft und Gründer und Geschäftsführer der Akademie für Kindergarten, Kita und Hort. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und Ratgeber und Entwickler therapeutischer Spiele.

Die Publikation erscheint in der Reihe „Therapie-Tools“, womit der BELTZ-Verlag ein vielfältiges Instrumentarium für die psychotherapeutische Arbeit anbietet. Jeweils zu einem Störungsbild oder wie hier methodischen Ansatz sind Übungen und Arbeitsblätter zusammengestellt. Das Arbeitsmaterial ist im Kaufpreis auch als E-Book-Inside-Version enthalten.

Aufbau und Inhalt

Unter den nachfolgenden Kapitelüberschriften werden kurzgefasst diese Themenfelder abgehandelt:

  • Einstieg in die Schreibtherapie – Nach einem historischer Abriss zur Methode gibt es Ausführungen zur Wirksamkeit derselben. Ein erster Tipp der Autor*innen lautet: „Mit der Hand schreiben und nicht tippen!“ (18). Diesem Hinweis folgen weitere zur Abwendung von Schreibblockaden. 
  • Aktiv ins therapeutische Schreiben – Nach der Erörterung des richtigen Handwerkszeugs (Stifte, Papier etc.) werden Arbeitsatmosphäre, und spielerische Angänge des Schreibens anhand von Vorgaben gezeigt (z.B. Mind-Map). 
  • Schreiben in der psychotherapeutischen Diagnostik - 22 Arbeitsmaterialien (z. B Anamnesebögen und die Wunderfrage) werden vorgestellt, um den lebensgeschichtlichen Hintergrund der Klient*innen besser zu ergründen und Diagnosen zu erarbeiten.
  • Die Klassiker des therapeutischen Schreibens – Freies Assoziation, Automatisches Schreiben und Aktive Imagination werden als bewährte Techniken der Schreibtherapie vorgestellt. 
  • Gedichte – Auch das lyrische Format bietet therapeutisches Potenzial aufgrund der Konzentration auf wenige Zeilen. Diese stellen Momentaufnahmen dar, die mit Hilfe u.a. von Elfchen oder Haikus ausgedrückt werden können. 
  • Vom Songtext bis zum Theaterstück: kreative Schreibformen, die sich für die psychotherapeutische Arbeit eignen – Mit Hilfe von Märchen, Textcollagen, Rap oder allgemein „inneren Dialogen“ können Schlüsselereignisse, Wendepunkte oder Alltagsveränderungen bearbeitet werden. Das Buch erläutert hierzu relevante Aspekte, wie Erzählform, Tempus oder Perspektive.
  • Sich schreibend selbst entdecken und besser kennenlernen – „Was ich schon immer mal sagen wollte“ oder „Mein Lebensspruch“ sind Arbeitsübungen, die Klient*innen helfen sollen, „sich mit sich selbst, ihrer Vergangenheit, Zukunft und ihrem Innenleben zu beschäftigen“ (115). 
  • Tagebuch schreiben – Neben dem klassischen Tagebuch zeigen die Autor*innen weitere Arten auf (z.B. Traum-Tagebuch, Dankbarkeits-Tagebuch oder Positiv-Tagebuch für Eltern). Auch werden hier Tagebuch-Apps für Tablet und Smartphone vorgestellt. Zugleich warnen Gräßer, Martinschledde und Hovermann aber auch vor den möglichen Gefahren dieses Mittels der Selbsterkenntnis (vgl. 136).
  • Beziehungen zu anderen Menschen schriftlich erforschen – Die schriftliche Auseinandersetzung mit dem sozialen Umfeld (z.B. Familie, Freunde, Arbeitskollegen) kann helfen, Beziehungsstörungen aufzudecken und auch Lösungsansätze zu entwerfen. Auch hierzu werden Übungen angeboten, wie z.B. der Perspektivwechsel „Der Schritt ‚aus mir heraus‘“.
  • Briefe – Diese klassische Form der Botschaft bietet auch vielfältige Anwendungsformen in der therapeutischen Arbeit, so als reales oder fiktives Dankschreiben (z.B. an verstorbene Personen) oder als entlastende Mitteilung nach einer Enttäuschung. Briefe helfen, negative Erfahrungen (Abschiede, Anklagen, Schuldzuweisungen) zu verarbeiten. 
  • Die sozialen Medien nutzen – Als komfortable Kommunikationsmittel sind die neuen sozialen Medien nicht mehr aus unserem Alltagsgebrauch wegzudenken. Im Buch wird die Nutzung von Facebook & Co auch für das therapeutische Schreiben empfohlen.
  • Schriftliche Ressourcen aktivieren – Übungen, um gegen schmerzhafte Erinnerungen und negative Erlebnisse anzuschreiben, finden sich in diesem Teil. Erläutert werden Methoden wie der Ressourcen-Baum, um positive Gedanken im Klienten selbst und stärkende Beziehungen zu anderen Menschen und Dingen zu fokussieren.
  • Fantasiereisen und -welten – Dem einzelnen Klienten aber auch Gruppen können bewusst initiierte imaginative Erlebnisse zur positiven Stimmungsänderung verhelfen. In der mentalen Vorstellung kann ich zum Beispiel unsichtbar sein oder ein Glas mit meinen Gefühlen und Erinnerungen füllen, was ich dann vor dem inneren Auge sehe und anschließend auf dem Papier beschreibe oder male.
  • Die Auseinandersetzung mit Symptomen und Erlebnissen – Die Methode des „expressiven Schreibens“ ist bewährt, um emotionale Belastungen abzuarbeiten und Resilienz zu stärken. Der Schreibende gibt den „bösen Geistern“ eine Stimme nach folgendem Ablauf: „Suche dir einen ruhigen Ort. Nimm dir 20 bis 30 Minuten Zeit, um dich mit deinen tiefsten Gefühlen und Gedanken auf ein Ereignis in deinem Leben zu fokussieren, das dich belastet oder aufwühlt. Welches Ereignis du auch immer aussuchst, es ist entscheidend, dass du deine Erwartungen loslässt und wirklich deine ehrliche Gefühle und Gedanken erforschst. Schreib kontinuierlich, ohne Unterbrechung und kümmere dich nicht um Rechtschreibung, Grammatik oder Stil“ (224). Hierzu gibt es dann ebenso weitere vielfältige Arbeitsmaterialien.
  • Schreiben in und mit Gruppen und Paaren – Der Einsatz von Schreibübungen in der Arbeit mit Paaren oder Familien kann bislang unbekannte „Gemeinsamkeiten entdecken lassen und die Freude am besseren (schriftlichen) Ausdruck untereinander fördern“, zum Beispiel durch Wiederbelebung des Verschickens von Familienpost aus dem Urlaub oder zu Festen (250).
  • Comic-Strips – Einerseits ist das Zeichnen eine das Schreiben ergänzende Methode, andererseits ist es auch wie hier in Form von Bilderserien eigenständig einsetzbar. In kleinen Geschichten können sich Helden und Lieblingsfiguren mit den Klient*innen (und das betrifft nicht nur Kinder/​Jugendliche) zusammentun, um gegen „das Böse“ anzugehen.

Nach einer Aufforderungen an die buchnutzenden Therapeut*innen resp. Sozialpädagog*innen, selbst auch zum Stift zu greifen (Und jetzt sind Sie dran!) folgen ein Schlusswort und der Verweis auf weiterführende Fachliteratur.

Diskussion

Die Liste der Publikationen zum Thema Schreibtherapie – in all ihren Facetten von „Poesietherapie“ bis zum „Kreativen Schreiben“ – ist inzwischen beinahe unüberschaubar geworden. Auch Abhandlungen zum Wissenschaftlichen Arbeiten greifen das Problem „Schreibblockaden lösen“ oft auf.

Das hier vorliegende Werk hebt sich ab durch seine im handlichen Format angebotene Kompaktheit. Zum einen bietet es interessantes Hintergrundwissen zu den Ursprüngen bestimmter Arbeitstechniken, um dann zugleich mit vielfältigen Übungen deren Anwendungsmöglichkeit darzustellen. Es beginnt mit einfachen Einstiegsübungen, dem immer abstraktere Herausforderungen an die Probanden folgen, mit denen diese sich selbst kennenlernen können und aus ihrem individuellen Problemkreis ausbrechen können. Dieser Erfolg bleibt zwangsläufig dem Geschick von PädagogInnen oder TherapeutInnen überlassen, die von Gräßer, Martinschledde und Hovermann mit dem vorliegenden Therapie-Tool eine sehr gute Arbeitsgrundlage gestellt bekommen. 

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert für Berufsanfänger*innen ebenso wie für erfahrene Praktiker*innen, die Methoden der Selbsterfahrung durch Schreiben einsetzen wollen. Auch Studierenden bietet es einen guten Einblick, um gegen Schreibblockaden anzukämpfen. Dem Nutzenden werden zahlreiche Vorlage angeboten, die zudem als elektronische Variante zur Verfügung stehen.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 26.05.2021 zu: Melanie Gräßer, Dana Martinschledde, Eike Hovermann: Therapie-Tools Therapeutisches Schreiben. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-621-28730-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27886.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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