socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten

Cover Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie – Praxis – Berufsfelder. UTB (Stuttgart) 2020. 246 Seiten. ISBN 978-3-8252-5143-7. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Public History – Geschichte in der Praxis.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

„Geschichte in Gedenkstätten“ befasst sich mit vielen Facetten des unscharf abgegrenzten gesellschaftlichen Bereiches des Gedenkens und seinen Bezügen in vielfältigen, staatlichen sowie zivilgesellschaftlichen Institutionen und Projekten. Sowohl das Bemühen um eine Systematisierung und eine wissenschaftliche Begriffsbestimmung als auch die dem Gegenstand selbst innewohnende Vielgestaltigkeit kommen zur Rede.

Autor

Der Autor, Prof. Dr. Habbo Knoch, war von 2008 bis 2014 Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle und Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Seit 2014 ist er Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln.

Entstehungshintergrund

Der Autor kann aufgrund seiner Berufsbiografie sowohl die wissenschaftliche Seite als auch die institutionellen Herausforderungen des Gedenkstättenwesens und auch die „konfliktreichen Prozesse“ (S. 2) seit den 1980er Jahren, die zum jetzigen Stand der Diskussion und vor allem auch zu einer Professionalisierung des Gedenkstättenwesens geführt haben, vermitteln. Daraus ergibt sich das Ineinandergreifen von Wissenschaft und Praxis als Spezifikum dieser Publikation.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation untergliedert sich in die folgenden, auch argumentativ aufeinander aufbauenden Abschnitte:

  • Definitionen
  • Grundbegriffe
  • Entwicklungen
  • Themen
  • Praxis

Der Begriff der Gedenkstätte wird sowohl im Alltag wie auch in der Wissenschaft auf sehr unterschiedliche Formen und Orte der Erinnerung angewandt. Deshalb ist es verdienstvoll, dass der Autor zunächst den Begriff diskutiert und die wesentlichen Merkmale für eine Gedenkstätte herausarbeitet, dabei aber nicht der Versuchung erliegt, die manifeste und begrüßenswerte Vielfalt von Gedenkstätten durch eine rigide Definition einzuschränken. Nach der Definition des Autors zeichnet sich eine Gedenkstätte durch einen multiperspektivischen Zugang aus, der auf einer „Trias aus den primären Zeugnissen der Verfolgten, den sekundären Zeugen […] sowie einer moralischen Kultur“ (S. 25) fußt.

Anschließend werden die Paradigmen vorgestellt, die den Diskurs über Gedenkstätten prägten und prägen. Dazu gehört auch eine Befassung mit der Einwicklung des Gedenkstättenwesens seit 1945 mit ihren „Konjunkturen des Vergessens und Erinnerns“ (S. 7). Besonders instruktiv ist dabei eine Infragestellung der Einordnungen in Opfer- und Täterorte. Knoch merkt zu Recht an, dass auch die als Opferorte titulierten Stätten – wie zum Beispiel die Konzentrationslager – Orte der Täter sind. Dieser Hinweis ist einerseits verdienstvoll, weil er hilft, die lange in der Gedenkstättenlandschaft anwandte Unterscheidung der Opfer- und der Täterorte zu überwinden, da auch die spezifischen Täterorte Opfer – nur nicht am selben Ort – gefordert haben, andererseits schließt er Orte wie die nationalsozialistische Heeresversuchsanstalt und die Erprobungsstelle der Luftwaffe in Peenemünde auf Usedom aus dem Spektrum der Gedenkstätten aus.

Unter „Entwicklungen“ wird der Bogen der Diskussion um Gedenkstätten von dem öffentlichen Totenkult vor 1945 bis zur Globalisierung des Gedenkens gespannt. Dazu gehören auch die Auseinandersetzungen um eine angemessene Einbeziehung der Erinnerung an das Unrecht in der DDR nach 1990 in den Kodex des Erinnerns in Deutschland. Die lange Auseinandersetzung um die Errichtung des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ wird dabei als Paradigma der Erinnerungspolitik vorgestellt. Instruktiv ist der Abschnitt „Gedenkstätten in Europa seit 1990“ (S. 94–101), der einerseits parallele Entwicklungen in anderen Staates aufzeigt, andererseits aber auch die ambivalente Lage der Gedenkstätten in Europa zwischen Opferstatus und Mittäterschaft deutlich macht sowie das in Osteuropa oftmals zu Tage tretende Spannungsverhältnis zwischen einer wissenschaftlich verantworteten Gedenkarbeit und dem staatlich verordneten Geschichtsbild ausleuchtet.

Der diskursanregende Impetus des Bandes manifestiert sich bereits in den Überschriften der Unterkapitel des Abschnitts „Themen“, die alle als Fragen formuliert sind. Dabei sind vor allem die Hinweise zu „Sind Gedenkstätten Lernorte?“ (S.140–150) für die Reflexion wie auch für die Praxis von großer Relevanz. Das inzwischen voraussetzungslos zum Allgemeinplatz für alle Aspekte der Bildungsdebatte gewordene Schlagwort des Lernortes wird zwischen „Überwältigungsverbot“ und „Holocaust Education“ kritisch eingeordnet. Wünschenswert wäre allerdings noch ein Hinweis auf die Relevanz des Gedenkstättenwesens für den Kulturtourismus – ein Aspekt, der nur in Bezug auf nicht westliche Länder auftaucht (S. 107) – gewesen. Die Hinweise zu der (rhetorischen) Frage „Sind Gedenkstätten politische Orte?“ (S. 151–162) greifen noch einmal die Gratwanderung zwischen der erfreulichen Professionalisierung der Gedenkstätten und der damit meist einhergehenden Verdrängung des bürgerschaftlichen Engagements auf. Sehr überzeugend ist auch der Hinweis, dass die Gedenkstätten weit über ihren eigentlichen Themenbereich hinaus zu „einem festen Bestandteil des Modells der deliberativen Demokratie“ (S. 159) geworden sind. So hätten beispielsweise die Gedenkstätten durch das Thematisieren der Verfolgung homosexueller Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus „zur wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz und Sichtbarkeit von Homosexualität nach 1945 in der Bundesrepublik“ (S. 159) beigetragen. In den Ausführungen zu der Frage „Sind Gedenkstätten universale Orte?“ (S. 162–174) wird auf die doppelte universale Dimension des Gedenkstättenwesen in einem europäischen und globalen Kontext hingewiesen: Ausgehend von der multinationalen Herkunft der Häftlinge liegt der im europäischen Vereinigungsprozess von Anfang an deutlich gewordene Bezug bereits historisch vor – vom Schwur von Buchenwald bis zur Gründung der EU. Darüber hinaus spielen die Gedenkstätten aber auch eine immer wichtiger werdende Rolle im Prozess der Integration von Zugewanderten in die diversifizierte Gesellschaft. Das Diktum von Navid Kermani, er habe „noch nie so deutsch gefühlt wie in Auschwitz“ ist dafür ein beredter Ausweis.

Das letzte Kapitel befasst sich mit den institutionellen Rahmenbedingungen des Gedenkstättenwesens. Der Hinweis auf die Vorteile einer Trägerschaft in Form einer Stiftung ist mehr als gerechtfertigt, allerdings kommen diese Vorteile erst dann zum Tragen, wenn es sich um eine „echte“ Stiftung mit einem eigenen Kapitalstock handelt und nicht um eine Zuwendungsstiftung, die wie andere Formen der Trägerschaft ausschließlich von Zuwendungen von außen abhängig ist. Sehr zu Recht weist der Autor unter „Gedenkstätte als Beruf: Voraussetzungen“ (S. 205–208) darauf hin, dass es einen „Studiengang, der zielgerichtet auf Tätigkeiten in einer Gedenkstätte ausgerichtet ist“ (S. 206) in Deutschland nicht gibt. Allerdings könnten an dieser Stelle die Angebote der Universitäten in Bereich des Kulturmanagements ins Spiel gebracht werden.

Im Anhang finden sich Hinweise auf Weblinks zu Portalen, Plattformen und Linksammlungen sowie ein Register der Namen und Orte, das auch Institutionen aufführt. Außerdem schließen zusätzlich zu dem Literaturverzeichnis am Ende die Hauptkapitel jeweils mit einem Hinweis auf weiterführende spezifische Literatur ab.

Diskussion

Bereits die Einführung beschreibt die Ambivalenzen in der Gedenkstättenthematik: Der Imperativ des Erinnerns ist in der Gesellschaft – inzwischen und immer noch – weithin präsent, er ist aber auch mit einer Institutionalisierung verbunden, und er sieht sich mit neuen Hausforderungen der Diversität konfrontiert. Gleichzeitig spielt sich die Arbeit der Gedenkstätten in einem ephemeren Feld zwischen unerlässlicher Wissenschaftlichkeit und einem „emotionalen Resonanzraum“ (S. 4) ab.

Der Praxisbezug des Bandes wird insbesondere auch durch die immer wieder in den Text eingestreuten Beispiele, die geographisch und chronologisch sehr breit angelegt sind, deutlich. Dies gilt auch für die 18 Abbildungen.

Fazit

Der Band ist eine hilfreiche Bestandsaufnahme, eine pointierte Standortbestimmung und ein anregender Spiegel der Reflektionen vieler Aspekte der Diskussionen im Gedenkstättenwesen. Gerade deshalb kann er aber immer auch nur eine Momentaufnahme sein, einerseits weil die Arbeit in Gedenkstätten in der Tat immer ein dynamisches „demokratisches Projekt“ (S. 214) sein wird, andererseits aber auch angesichts der neuen Herausforderungen, die gerade durch neue Diskursfelder aufkommen wie das der Dekolonisierung und den vor diesem Hintergrund durch die Beiträge von Michael Rothberg, Achille Mbembe, Dirk Moses und anderen ausgelösten sogenannten zweiten Historikerstreit um Holocaust und Kolonialverbrechen.

Das besondere Verdienst dieses Buches ist, dass der im Zusammenhang mit der Befassung mit dem Nationalsozialismus begriffsprägend gewordene Buchtitel „Die zweite Geschichte“ (Reichel u.a. 2009) hier auf das Gedenkstättenwesen angewandt, analysiert und einer Reflexion ausgesetzt wird.

Quellenverzeichnis

Reichel, Peter (Hg.), Der Nationalsozialismus. Die zweite Geschichte. Überwindung, Deutung, Erinnerung, München: Beck 2009.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard M. Hoppe
Hochschule Mittweida und Technische Universität Kaiserslautern
E-Mail Mailformular


Alle 6 Rezensionen von Bernhard M. Hoppe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Bernhard M. Hoppe. Rezension vom 28.07.2021 zu: Habbo Knoch: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie – Praxis – Berufsfelder. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5143-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27887.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht