socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heiko Kleve, Steffen Roth u.a.: Lockdown

Cover Heiko Kleve, Steffen Roth, Fritz B. Simon: Lockdown. Das Anhalten der Welt : Debatte zur Domestizierung von Wirtschaft, Politik und Gesundheit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 215 Seiten. ISBN 978-3-8497-0367-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Systemische Horizonte.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Dieses Buch betrachtet die Ereignisse rund um die Coronavirus-Pandemie aus der Perspektive der Systemtheorie. Heiko Kleve, Steffen Roth und Fritz B. Simon zeigen auf, wie der Disput um Covid-19 Wirtschaft, Politik und Gesundheit domestiziert habe – oder eben nicht. Ihre Ausgangsfrage nach dem Verhältnis von Politik und Wirtschaft in pandemischen Zeiten führe unweigerlich auch zu Fragen von Moral und Amoral, von Intervention oder Laissez-faire und zum Verhältnis von theoretischer Ausrichtung und praktischer (Nicht-)Einmischung.

Die Autoren debattieren ihre Erkenntnisse auch mit Gästen aus Wirtschaft, Sozialwissenschaft, Organisationsberatung, Kunst und ökologischer Forschung. Deren mitunter provozierende Zwischenrufe bringen die Debatte in weitere relevante Kontexte.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die drei Koautoren Heiko Kleve, Fritz B. Simon und Steffen Roth sind durch überaus zahlreiche Publikationen und vielfältige wissenschaftliche Tätigkeiten bekannt.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt dieses lebendigen und dialogischen Buches sind Diskussionsbeiträge, die zuerst im Internet auf der Webseite des Carl-Auer-Verlages als Blog publiziert wurden. In diesem Prozess stießen die Beiträge auf recht viel Resonanz in unterschiedlicher Form.

Aufbau

Das Buch mit seinen 215 Seiten ist – neben einem Vorwort von Matthias Ohler, Geschäftsleiter des Verlages und einem Nachwort von Bernhard Pörksen, Univ.-Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und Herausgeber der Reihe – in 20 Diskussions-Artikel untergliedert. In deren Zentrum „stehe der besondere Wertesystem theoretischer Perspektiven auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Krisen“ (S. 11).

Die Gliederung innerhalb der Diskussionsbeiträge ist wie folgt: Heiko Kleve eröffnet das Thema mit einer oder mehreren Fragen an die beiden Protagonisten Fritz B. Simon und Steffen Roth, die sodann ihre gegensätzlichen Positionen aufeinanderprallen lassen. Die Rolle von Heiko Kleve ist es, zu moderieren, die Positionen zuzuspitzen, um damit die Diskussion zu befeuern.

Nach den ersten Beiträgen kommen neben den drei genannten auch weitere renommierte Personen von der Seite mit ihren Zwischenrufen zu Wort, als da sind Stefan Blankertz, Franz Hoegl, Michael Hutter, Claudia Kemfert, Günter Lierschof, Peter Pantuček-Eisenbacher, Birger P. Priddat, André Reichel, Antje Tschira.

Inhalt

Mithilfe der Systemtheorie nach Niklas Luhmann und vielen anderen werden in dem Buch verschiedene Thesen und Hypothesen, Herangehensweisen und Schlussfolgerungen diskutiert hinsichtlich der Entstehung der Pandemie, dem Umgang mit Steuerungsambitionen und – allgemein – den strukturellen Folgen für das Verhältnis der Teilsysteme und ihrer Kopplungen untereinander.

Durch die unterschiedlichen Perspektiven, die durch Heiko Kleve moderiert und kanalisiert werden, entsteht ein Spektrum an Reflexionen, Erkenntnissen und Einsichten, die durch Argumentation und Gegenargumentation ein geschärftes, systemtheoretisch inspiriertes intellektuelles Bild der gegenwärtigen gesellschaftlichen und teilsystemischen Situation hervorbringen.

Ein Augenmerk der Beteiligten richtet sich auf das Verhältnis der Teilsysteme von Wirtschaft und Politik, insbesondere rund um die Pandemie und der Eindämmung ihrer Folgen. Simon argumentiert beispielsweise, dass die Deregulierung der Märkte zu einer Verabschiedung des Staates aus der Verantwortung für überlebensnotwendige Infrastrukturen geführt habe.

Nach Steffen Roth allerdings geben die Daten der empirischen Forschung keine dominante Stellung des Wirtschaftssystems her, vielmehr würden sich das letzte Jahrhundert als ein politisches Jahrhundert zeigen (Seite 16).

Später dreht die Diskussion von der Ebene der gesellschaftlichen Funktionssysteme ab hin zur Ebene der Organisationen. Hier würde sich nach Simon anhand der vorliegenden empirischen Daten zeigen, dass aufgrund der Anzahl an Wirtschaftsministerien gefolgert werden könne, dass die Wirtschaft inzwischen die Politik übernommen habe (Seite 22 ff.).

Steffen Roth besteht auf der Diagnose einer sogenannten politischen „Überbeobachtung“ von Wirtschaft und es läge nahe, gewissermaßen daraufhin eine „Therapie“ in weniger staatlicher Beobachtung von wirtschaftlichen Interessen zu sehen (Seite 24).

Bei der Frage nach dem passenden Umgang mit der Pandemie argumentiert Steffen Roth, dass die Corona-Krise auch auf Fehleinschätzungen von politischer und wissenschaftlicher Kommunikation beruhe. Gerade die Einsicht in dieses Kommunikationsproblem könnte eine „goldene Brücke“ für den Weg aus der Krise sein (Seite 39).

Weiterhin werden verschiedene Kopplungen zwischen den Funktionssystemen thematisiert.

In anderen Beiträgen behandeln die Protagonisten Verschwörungstheorien, ihre Funktionen und ihren Sinn. Auf Seite 67 meint Simon, dass in Verschwörungstheorien im Gegensatz zu wissenschaftlichen Theorien „Täter-Opfer-Beziehungen“ konstruiert werden, in denen die Täter gegenüber den Opfern Böses im Schilde führen, was bei sozialwissenschaftlichen Hypothesen und Theorien eben nicht der Fall ist.

Die systemtheoretische Standardfrage, wer wen oder was steuert bzw. wie sich die Gesellschaft oder der Umgang mit dem Corona Virus angemessen gestalten bzw. steuern lasse, wird ebenfalls ausführlich diskutiert.

Unter „Weisheit der Vielen“ würde, so Fritz B Simon, häufig verstanden, dass möglichst viele Menschen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Doch diese Rationalität beschränkt sich auf Situationen, in denen Wissen verteilt ist und nicht klar ist, wo es zu finden ist, wenn es um konkrete Akteure (Experten) geht. Anders ist jedoch die Situation, wenn es um Entscheidungen geht, deren Richtigkeit oder Falschheit sich erst in der Zukunft herausstellen wird. Es sei demnach der Faktor Zeit, der die Rationalität hierarchischer Strukturen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt.

Stellvertretend für die Perspektive der Beitragenden bzw. des gesamten Buches betont Steffen Roth, dass die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit sozialwissenschaftlicher und nicht naturwissenschaftlicher Natur seien (Seite 190). Damit stellt sich für Simon die Frage, wie diese Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden können. Systemtheoretisch würden sich autonome Systeme gegenseitig irritieren und somit in ihrem Freiraum begrenzen. Die „Verneinung“, also die direkte Negation stelle möglicherweise die naheliegendste Irritation dar.

Die Diskussion läuft weiter durch das Thema Moral mit der Unterscheidung zwischen „Moralkommunikation“ und „Kommunikation über Moral“ (Simon, Seite 128). Heiko Kleve stellt auf Seite 134 die Frage, ob die herkömmliche Form der politischen Kommunikation über Werte für eine funktional differenzierte Gesellschaft ausreicht. Lässt sich im politischen System oder von diesem System aus tatsächlich die gesamte gesellschaftliche Wertedebatte führen?

Für Steffen Roth schwingt in der Frage von Heiko Kleve, wie die Integration des Unterschiedlichen (Werte) gelingen könne, bereits deutlich eine normative Position mit und er wolle die Frage deshalb nicht beantworten (Seite 137). Er plädiert eher moralabstinent dafür, in Zeiten der ständigen wechselseitigen Beobachtung in einer durch den technischen Fortschritt geschaffenen „gläsernen Welt“ eine größtmögliche moralische Indifferenz als Schlüssel zu begreifen, um aus dem sogenannten panoptischen Käfig herauszutreten (Seite 138).

Im 16. Diskussionsartikel dreht es sich um die Existenz des Todes, so der Titel. Hier zitiert Heiko Kleve Fritz B. Simon, um mit ihm davon auszugehen, dass autopoietische Systeme, die von außen tendenziell unsteuerbar sind, dann eine vermeintliche Steuerbarkeit zeigen, wenn sie in ihrer Existenz bedroht sind. Da uns nun die aktuelle Krise mit der Grundunterscheidung biologischer Systeme, mit Leben und Tod, konfrontiere, wirft das die Frage auf, wie wir mit dem Unvermeidlichen am besten umgehen könnten (Seite 145).

In den folgenden Beiträgen geht es um in verschiedenen Facetten die Frage, ob strukturelle Veränderungen bereits eingetreten sind, ob wir es mit neuen Normalität zu tun bekommen und inwieweit die „soziologische Position“ Einfluss auf die soziale Welt haben kann.

Im letzten Beitrag mit dem Titel „Die Verantwortung der Systemtheorie“ argumentiert Steffen Roth zunächst mit dem bekannten ethischen Imperativ von Heinz von Foerster „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird“. Andersherum sei ein Mehr an Alternativen systemtheoretisch betrachtet nicht zwangsläufig gut, so Steffen Roth, und würde bei einer Reihe von Beobachtern regelmäßig Überforderungserfahrungen erzeugen. Die spezielle Einzigartigkeit der Systemtheorie sei nach Steffen Roth ihre thematische Unbestimmtheit, die dafür sorgt, dass mit dieser Theorieplattform andere Sozial- und Gesellschaftstheorieprogramme simuliert werden können.

So bleibt als programmatische Hauptaufgabe verantwortungsvoller Systemtheorie die „digitale Transformation von Sozialtheorie“ (Seite 187). Systemtheorie gewänne nach Simon ihren praktischen Wert erst, wenn ihr abstrakter Rahmen mit konkreten Inhalten gefüllt werden kann (Seite 189). Die Verantwortung für kollektiv bindende Entscheidungen hat die Politik, nicht die Wissenschaft und schon gar nicht eine Theorie. Die Regierenden müssten sich dafür mit unentscheidbaren Fragen beschäftigen und diese beantworten, denn nur in Fragen, deren Antworten nicht berechenbar sind, kann überhaupt entschieden werden.

Im Nachwort gibt Bernhard Pörksen unter anderem seinem Erschrecken wohlgeformt Ausdruck, dass in diesem Buch der Analyse in mehreren Beiträgen die These einer „Gesundheitsdiktatur“ auftauche. Er grenze sich explizit von Vokabeln ab, die seines Erachtens „den verschwörungstheoretischen Milieus oder einem zündelnden Populismus“ zuzuordnen sind.

Diskussion

Hiermit lässt sich die Diskussion des Buches eröffnen. Bernhard Pörksen bringt einen Vorzug dieses Buches auf den Punkt: „hier wird tatsächlich einmal diskutiert, hart in der Sache gerungen, polemisiert und dann wieder mit einer Leichtigkeit und einer stilistischen Eleganz nur lanciert und differenziert, die mir Bewunderung abnötigt“ (Seite 195).

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass das Buch verschiedene Formen der Systemtheorie zu erkennen gibt, mitsamt einer stärkeren politischen Seite von Systemtheorie überhaupt. Richtig für mich ist ebenfalls die Auskunft auf Seite 202 von Bernhard Pörksen, dass es bei Fragen nach dem Sinn, der Bedeutung und der Relevanz und für Fragen der sozialen bzw. gesellschaftlichen Entwicklung „keiner primitiven Rezeptologie“ bedarf.

Genau wie Pörksen wird auch für den Rezensenten deutlich, wie die Perspektiven und Argumente von Position, der Rolle und der Person in einer je besonderen Situation abhängen. Immerhin zwei der Beteiligten, Fritz B Simon und Heiko Kleve, weisen cross-disziplinäre Karriereverläufe auf. Genau auch wie Steffen Roth verwenden sie unterschiedliche symbolische Codierungen und Handlungsorientierungen derjenigen Teilsysteme und Sozialsysteme, mit denen sie Kontakt hatten und sich dadurch – im systemtheoretischen Jargon – „irritieren“ ließen. Demzufolge wird kunstvoll zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Positionen innerhalb des Spektrums von Psycho- und Sozialwissenschaften mitsamt ihren Blickwinkeln, blinden Flecken und Bezugsproblemen changiert.

Fazit

Dies bleibt für das Buch selber nicht folgenlos. Einerseits bietet es in der Anwendung von theoretischen bzw. systemtheoretischen Mitteln eine intellektuelle Fundgrube – andererseits zeigt sich für den Rezensenten in der analytischen Vertiefung zu wenig Systematik und Präzision. Möglicherweise sagt das aber mehr über den Rezensenten als über das referenzierte Werk aus.

Die wissenschaftlich-analytische Schaffenskraft der Autoren steht wohl außer Zweifel. Es ist ihnen demnach nicht zuerst um die trockene und womöglich lebensfremde Analyse, sondern um den Widerstreit als Mittel der Erkenntnis gegangen. Damit praktiziert das Buch etwas, das insbesondere in der Gesellschaft in der Regel gefordert und postuliert, aber selten offen verwirklicht wird.

Ich mag an dem Buch, das es den Konsumenten, die Leserinnen, die Käufer nicht vom eigenen Denken versucht zu entlasten. Ganz im Gegenteil: ein Widerstreit, der über den Moment hinaus Sinn in der Sach- wie in der Sozialdimension zu erzeugen sucht, hat notwendigerweise ergebnisoffen zu prozessieren, sonst wäre er verschwenderisch mit einer Ressource, die lebenden Systemen ihre Vergänglichkeit vorführt: Zeit.

Die Leserinnen und Leser werden – wie der Rezensent – allen Beteiligten, insbesondere Fritz B. Simon und Steffen Roth, dankbar sein, ihnen gewissermaßen beim Beobachten der Beobachter ebenfalls beobachtend zuschauen zu können. Wortreichtum und Gedankenvielfalt sind zwei von vielen Seiten gelungener psychosozialer Kopplungen. Der durch Heiko Kleve achtsam und inspirierend moderierte dialogische Widerstreit hat – zumindest für den Rezensenten – das doch persönliche Ergebnis, sich erneut zu öffnen für die Positionen und Thesen der Anderen. Und darauf zu achten, wie subtil scheinbar selbstverständliche und normale Vokabeln Ausgrenzung und Entwertung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und außerhalb der Blickwinkel transportieren.

Insofern lässt sich sagen, dass der Sammelband die eigenen Gedanken schärft, Freude an Kommunikation vermittelt und Lust am wertschätzenden Streiten aufleben lässt. Zugleich werden Hoffnung und Kraft vermittelt. Wie das? Die Einführung von Unterscheidungen in Systeme bringt stets die Möglichkeit mit sich, auf neue, bisher ungewohnte Weise die nahe oder ferne Umwelt verändern zu können oder zumindest es zu versuchen. Wer dazu mehr wissen möchte, dem sei das Buch sehr empfohlen.


Rezension von
Prof. Dr. Jan V. Wirth
Studiendekan „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit" (M.A.) an der DIPLOMA Hochschule, Praxisberater / Supervisor (SYSTEAMS.ORG), Dipl.-Sozialpädagoge/-arbeiter (FH), Homepage www.systemisch-arbeiten.info
Homepage www.systemisch-arbeiten.info
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Jan V. Wirth anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jan V. Wirth. Rezension vom 04.01.2021 zu: Heiko Kleve, Steffen Roth, Fritz B. Simon: Lockdown. Das Anhalten der Welt : Debatte zur Domestizierung von Wirtschaft, Politik und Gesundheit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0367-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27893.php, Datum des Zugriffs 22.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht