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Olivia Prauss, Maja Roedenbeck Schäfer: Betriebliche, kulturelle und soziale Integration ausländischer Pflegekräfte

Cover Olivia Prauss, Maja Roedenbeck Schäfer: Betriebliche, kulturelle und soziale Integration ausländischer Pflegekräfte. Nicht nur finden, sondern binden - wie ausländisches und einheimisches Personal nachhaltig zusammenfindet. WALHALLA Fachverlag / metropolitan Verlag (Regensburg) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-8029-7506-6. 19,95 EUR.

Reihe: Wissen für die Praxis.
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Thema und Entstehungshintergrund

Aufgrund des hohen Personalmangels in der Pflege werden Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben. Um einer hohen Fluktuation vorzubeugen, müssen diese Kräfte integriert werden. Das Praxishandbuch soll den Personalverantwortlichen in Pflegeeinrichtungen Methoden und Strategien zur betrieblichen, kulturellen und sozialen Integration an die Hand geben. Ergänzend wird durch Interviews mit Vertretern von Pflegeeinrichtungen, mit internationalen Fachkräften, mit Mentoren ausländischer Pflegekräfte und Coaches ein Einblick in die Integrationspraxis gegeben.

Autorinnen

Maja Roedenbeck Schäfer ist seit 2020 als Leitung Strategisches Recruitment bei den DRK Kliniken Berlin tätig. Von 2011 bis 2019 verantwortete sie als Projektleiterin das Personalmarketing und Recruiting der Diakonie Deutschland.

Olivia Prauss ist seit 2016 Geschäftsführerin eines Personal- und Dienstleistungsunternehmens und unterstützt Pflegeanbieter bei der Personalgewinnung von chinesischen und mongolischen Pflegekräften, Auszubildenden und FSJlern sowie bei deren Integration.

Aufbau

Das Buch ist als Beratungs- beziehungsweise Praxishandbuch in elf Fachkapitel untergliedert, welche durch eine Einführung sowie Quellen und weiterführende Informationen, ein Stichwortverzeichnis und Hinweise zu den Autorinnen ergänzt werden. Ergänzt wird der Text durch Abbildungen, Übungen und Fallbeispiele zum interkulturellen Verständnis der Mitarbeiter, Tipps und Hinweise zu Integrationsmaßnahmen sowie Checklisten, mit denen die Maßnahmen realistisch eingeschätzt und weiterentwickelt werden können.

Inhalt

Einführung: Im Grundsatz ist dieses Kapitel bereits ein inhaltliches Kapitel, in das auch ein Beispiel aus der Coaching-Praxis und ein ausführliches Fallbeispiel integriert sind. Zudem wird die Zunahme bei der Anerkennung von Zertifikaten beschrieben und auf die Auswirkungen der Corona-Krise eingegangen.

1. Vom Diversity Management bis zur betrieblichen Integration: Die wichtigsten Begriffe erklärt. Die ausführliche Überschrift zeigt bereits den Inhalt auf, wobei vielleicht nicht alle »wichtigsten Begriffe von A bis Z« wiedergegeben werden, sondern lediglich elf Begriffe von »Betriebliche Integration« bis »Willkommenskultur«. Es ist ein kurzer Thesaurus einiger Begriffe, die mit einem Fallbeispiel ergänzt werden.

2. Die eigene Kultur verstehen, um sich auf andere Kulturen einlassen zu können. Auch hier ist die Überschrift bereits Programm. Nach Definitionsansätzen werden kulturelle Determinanten wie Region, Ethnien, Religion, Geschlecht und Alter dargestellt. Übungen zum Kulturverständnis und ein Fallbeispiel runden dieses Kapitel ab.

3. Wie man sich von Vorurteilen löst und was das für die Integration bedeutet. In diesem Kapitel geht es um Vorurteile, Stereotype, Rassismus und Diskriminierung, wobei auch noch kulturelle Einflüsse hinzukommen. Daher gibt es »Übungen zur Sensibilisierung für Rassismus und Diskriminierung« – vielleicht ist diese Überschrift ungenau formuliert, da es wohl eher gegen Rassismus geht?

4. Die drei Dimensionen der Integration. Wer denkt, hier wird der Titel des Buches aufgenommen, irrt. Zwar wird von drei Ebenen gesprochen, allerdings folgen dann Abschnitte zur betrieblichen Integration inklusive Tipps, die kulturelle Integration im Team inklusive Übungen 6 und 7 sowie die soziale Integration mit einem ausführlichen Fallbeispiel.

5. Sprache und Kontext: Wie unterschiedliche Kulturen verbal und nonverbal kommunizieren. Es ist sportlich, auf so wenigen Seiten ein derart komplexes Thema darstellen zu wollen, wobei bereits die Definition und Abgrenzung von Kulturen äußerst schwierig ist. Erfreulich ist, dass auf die unterschiedlichen Kommunikationsformen mit hohem und niedrigem Kontextbezug eingegangen wird. Ob es aber mit so rudimentären Kenntnissen geschafft werden kann, der »unklaren Kommunikation adé zu sagen«, wie in den Tipps S. 110 f. postuliert, ist doch eher anzuzweifeln.

6. Was man bei der Wissensvermittlung beachten sollte. Dieses Kapitel beginnt mit der Plattitüde »Den Lernenden abholen, wo er steht«. Leider wird nicht erklärt, wie dieses geschehen soll, sondern lediglich auch mit Beispielen darauf verwiesen, dass Unterrichts- und Lernformen unterschiedlich sein können und Lernziele unterschiedlich definiert werden. Mit Bezug auf Hofstede et.al. wird geklärt, ob »Schummeln in Ordnung ist«. Einerseits beschreiben die Autorinnen, dass sich das Lernverhalten deutlich unterscheiden kann, andererseits gibt es aber nur wenig Hilfen dabei, wie die dadurch entstandenen Kompetenzlücken ausgefüllt werden können – wobei nicht übersehen werden darf, dass Migranten möglicherweise sogar über mehr Kompetenzen als ihre in Deutschland qualifizierten Kollegen verfügen.

7. Wie unterschiedliche Gesellschaften mit Hierarchie umgehen. In diesem Kapitel gehen die Autorinnen auf Hofstede et.al. ein und beschreiben Machtdistanz und Autorität. Der Hauptteil ist der Mitbestimmung und Übungen zur flachen Hierarchie gewidmet. Hiermit wird erstmals Bezug auf ein konkretes Integrationsmodell genommen und es stellt sich die Frage, warum nicht auch die anderem Kulturdimensionen von Hofstede et.al. in gleicher Weise behandelt werden.

8. Persönliche Bindung und Willkommenskultur. Auf das Thema Willkommenskultur wurde bereits in Kapitel 1 eingegangen. Hier nun geht es eher um die Emotionen und den Umgang mit ihnen. Abschließend wird darauf hingewiesen, dass auch Arbeitsmigranten unterschiedliche »Hauptprobleme« haben, was ob gewollt oder nicht unterstreicht, dass es nicht das »ausländische Personal« per se gibt, sondern unterschiedliche Herkunftsländer differenzierte Integration erfordern.

9. Was ist ein Kulturschock und wie lässt er sich lindern? Die Lebensumstände in Deutschland können zu Heimweh bis hin zum einem Kulturschock führen. Welche Phasen dieser durchläuft und wie man ihn mildern kann schildern die Autorinnen in diesem Kapitel.

10. Das Integrationskonzept: Sinnvolle Bestandteile und zu vermeidende Fehler. Im abschließenden Kapitel geht es um die Frage, wie ein professionelles Integrationskonzept erstellt werden kann. Dazu gibt es eine Umfrage zum Status Quo sowie einen Fragebogen für ausländische Mitarbeiter. Den Abschluss bilden 15 Hausaufgaben für Integrationsbeauftragte.

Diskussion

Das Problem von Handbüchern ist, dass mit ihnen versucht wird, Lösungen anzubieten, die direkt umsetzbar sind. Ohne einen theoretischen Rahmen mit der Einbindung in ein wissenschaftliches Modell lassen sich jedoch kaum allgemeingültige Erkenntnisse ableiten. Zitate von Professoren ersetzen die theoretische Fundierung nicht und sind auch nur selten als Beleg für Aussagen geeignet. Eine Folge sind elf Kapitel, die alle Bezug zum Thema haben, aber nicht stringent aufeinander bezogen sind. Die Kapitel stehen sowohl relativ beziehungslos nebeneinander als auch überschneiden sie sich teilweise. Praxiserfahrung allein kann kein fundiertes theoretisches Konzept substituieren.

Dieses »erfahrungsgeleitete Vorgehen« zeigt sich an verschiedenen Stellen. So werden zum Beispiel die Dimensionen der kulturellen Unterschiede nach Hofstede et.al. nur teilweise ausgeführt und geprüft. Dies wirft die Fragen auf, warum erstens gerade die Dimension »Machtdistanz« untersucht wurde und zweitens, wie es sich mit den anderen kulturellen Dimensionen bei der Integration verhält. Denn es wird nicht in Frage gestellt, dass interkulturelle Unterschiede es beeinflussen, wie Prozesse gelebt, Konflikte bewertet und Kommunikationsflüsse gestaltet werden. Warum wird nicht dargestellt, wie sich zum Beispiel Maskulinität und Femininität auswirken, gerade in den Pflegeberufen. Bleibt man in diesem Modell, dann ist es evident, dass es nicht »die eine Integration ausländischer Pflegekräfte« gibt. Je nachdem, aus welchem Kulturkreis die Pflegekräfte kommen, sind um Missverständnisse zu vermeiden unterschiedliche Maßnahmen zu konzipieren. Im angloamerikanischen Raum wird daher von einer cross-cultural integration gesprochen. Hofstede et.al. haben dazu differenzierte Ausprägungen ihrer sechs Kulturdimensionen für zahlreiche Länder erstellt.

Kennzeichnend für diesen »praktischen Fachratgeber«, wie der Verlag die Publikation bezeichnet, ist, dass beide Autorinnen an vielen Stellen auf ihre persönlichen »Erfahrungen« verweisen und sie nicht selten als Beleg für ihre Aussagen nutzen. Beispielsweise behaupten die Autorinnen, dass bestimmte Definitionen die Erfahrungen vieler ausländischer Pflegekräfte widerspiegeln. Eine empirische Evidenz hierfür wird aber nicht angegeben. Vieles von dem, was sie aussagen, findet sich im derzeitigen Mainstream der Medien und Politik wider. Aber gerade für ein Praxisbuch, das eine gewisse Allgemeingültigkeit einfordert, reicht dies nicht aus.

Fazit

Die »Arbeitshilfen« beziehungsweise der »praktische Fachratgeber« wird vom Verlag mit den Adjektiven »aktuell – verständlich – preiswert« beworben. Dem ist zuzustimmen. Die Publikation liest sich wie ein zusammengefasster »Blog«, ist also aktuell, mit vielen Beispielen, egal ob erlebt oder konzipiert und ist daher verständlich. Vom Leser werden weder Vorkenntnisse noch eine gedankliche Durchdringung der Integrationstheorie erwartet. Das Buch ist unterhaltsam und mancher Leser wird sich in den Beispielen wiederfinden. Doch ist der Ratgeber auch nützlich und hilfreich? Kann er wirklich dazu beitragen, die Integration ausländischer Mitarbeiter in der Pflege zu verbessern? Es bleiben viele Zweifel und diese Frage wird nur jeder für sich selbst entscheiden können.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 21.04.2021 zu: Olivia Prauss, Maja Roedenbeck Schäfer: Betriebliche, kulturelle und soziale Integration ausländischer Pflegekräfte. Nicht nur finden, sondern binden - wie ausländisches und einheimisches Personal nachhaltig zusammenfindet. WALHALLA Fachverlag / metropolitan Verlag (Regensburg) 2020. ISBN 978-3-8029-7506-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27901.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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