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Ulrich Voderholzer, Fritz Hohagen (Hrsg.): Therapie psychischer Erkrankungen

Cover Ulrich Voderholzer, Fritz Hohagen (Hrsg.): Therapie psychischer Erkrankungen. State of the Art. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2021. 16. Auflage. 686 Seiten. ISBN 978-3-437-24913-6. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
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Thema

Das Werk veröffentlicht Beiträge aus den State-of-the-Art-Symposien, die fester Bestandteil der von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) alljährlich veranstalteten Kongresse sind. Es bietet „leitlinienorientiertes Wissen zur Therapie von psychischen Erkrankungen“ (Geleitwort) an und erscheint in der „auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse“ (Vorwort) überarbeiteten 16. Auflage.

Herausgeber

  • Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer ist ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.
  • Prof. Dr. med. Fritz Hohagen ist Chefarzt des Zentrums für Integrative Psychiatrie – Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck

Aufbau

Die kompakten und auf das Wesentliche konzentrierten Aufsätze des Sammelbands wurden von 89 Autorinnen und Autoren bearbeit. Die Mehrzahl der 41 Kapitel ist einzelnen psychischen Erkrankungen gewidmet:

  • Demenzielle Syndrome und andere organische psychische Störungen (Kapitel 1)
  • Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit, Benzodiazepinabhängigkeit, Tabakabhängigkeit (Kapitel 2, 3, 4 und 5)
  • Internet- und Computerspielabhängigkeit (Kapitel 30)
  • Pharmakotherapie der Schizophrenie, psychosoziale Therapie der Schizophrenie, therapieresistente Schizophrenie, wahnhafte und schizoaffektive Störungen (Kapitel 6, 7, 8 und 9)
  • Unipolare Depression – Pharmakotherapie und Psychotherapie, chronische und therapieresistente Depressionen (Kapitel 10 u. 12)
  • Anhaltende Trauerstörung (Kapitel 11)
  • Bipolare Störungen (Kapitel 13)
  • Angststörungen (Kapitel 14)
  • Posttraumatische Belastungsstörung (Kapitel 15)
  • Zwangsstörungen (Kapitel 16)
  • Somatoforme Störungen (Kapitel 17)
  • Dissoziative Störungen (Kapitel 18)
  • Essstörungen (Kapitel 19)
  • Schlafstörungen (Kapitel 21)
  • Sexuelle Störungen (Kapitel 22)
  • Persönlichkeitsstörungen (Kapitel 23)
  • Borderline-Persönlichkeitsstörungen (Kapitel 24)
  • Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (Kapitel 25)
  • Autismus-Spektrum-Störung im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (Kapitel 26)
  • ADHS im Erwachsenenalter (Kapitel 27)
  • Tic-Störungen und Tourette-Syndrom (Kapitel 28)
  • „Burnout-Syndrom“ (Kapitel 34)
  • Orthorexie (Kapitel 38)

In der Bearbeitung gehen die jeweiligen Autorinnen und Autoren auf ein breites Spektrum relevanter Aspekte ein, wie z.B. Diagnostik, Epidemiologie, Ätiologie, Prävalenz, Genetik, Neurobiologie, Risikofaktoren, Komorbiditäten, Prävention, Pharmakotherapie, Psychotherapie. 

Weitere Kapitel des Werkes sind Themen gewidmet, wie

  • Adipositas und psychische Störungen (Kapitel 20)
  • sexueller Missbrauch und psychische Erkrankungen (Kapitel 36),
  • Suizid und Suizidprävention (Kapitel 31),
  • Therapie im Maßregelvollzug (Kapitel 29),
  • Psychotherapieverfahren und Methoden (Kapitel 33),
  • Internetbasiere Interventionen bei psychischen Erkrankungen (Kapitel 39),
  • Fremd- und Selbstbeurteilungsverfahren bei psychischen Erkrankungen (Kapitel 35),
  • Kennzahlen und Fakten zu psychischen Erkrankungen in Deutschland (Kapitel 37),
  • Angaben zu Psychopharmaka und – erstmals mit dieser Auflage – methodische Kritikpunkte psychopharmakologischer Studien (Kapitel 32).

Erstmals werden in diese Auflage auch die Themen „Psychische Erkrankungen und Schwangerschaft“ (Kapitel 40) und „Psychiatrische Notfälle“ (Kapitel 41) aufgenommen. Zudem wird eine Übersicht über die Leitlinien für psychische Erkrankungen in Deutschland (vgl. 667 ff.) geboten.

Inhalt

Soziale Arbeit/​Sozialpädagogik werden in den verschiedensten Aufgabengebieten und Praxisfeldern mit Problem- und Fragestellungen psychischer Erkrankungen konfrontiert. Aufgrund der Fülle der vorliegenden State-of-the-Art-Berichte ist es nicht möglich, auf alle Themen einzugehen. Meine Rezension beschränkt sich daher auf einzelne Aspekte, die mit Blick auf die Sozialpädagogik/​Soziale Arbeit vielleicht von beispielhaftem Interesse sein könnten.

Ulrich Voderholzer und Barbara Barton konstatieren in ihrem Beitrag „Psychotherapieverfahren und Methoden“ (Kapitel 33), dass über 500 Metaanalysen auf die Wirksamkeit von Psychotherapie bei der Mehrzahl psychischer Erkrankungen hinweisen, welche „z.T. auf allgemeine und spezifische Wirkfaktoren (Hervorhebung im Original) zurückgeführt werden“ (585) kann. Wie diese Wirksamkeit nun genau zustande kommt, ob „durch unspezifische, spezifische oder unspezifische und spezifische Wirkfaktoren zusammen“ (578/579), ist bislang aber weitgehend ungeklärt. Im Vergleich mit einer Nichtbehandlung zeigt Psychotherapie bei den meisten psychischen Störungen deutliche kurz- und mittelfristige Effekte (Linderung oder Remission der Symptome sowie das Erlernen von Bewältigungsstrategien) (vgl. 575). Ein Carry-over-Effekt aber ist weder für die Psychotherapie noch für die Pharmakotherapie ausreichend erforscht (vgl. 576).

Im Kapitel zur Alkoholabhängigkeit (Kapitel 2) beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren (Falk Kiefer, Rilana Schuster, Christian A. Müller, Karl F. Mann und Andreas Heinz) u.a. mit Prävalenz und Folgen der Alkoholabhängigkeit, diagnostischen Kriterien, neurobiologischen Grundlagen, Früherkennung und Frühintervention sowie mit der pharmakologischen Behandlung zur Rückfallprophylaxe und zur Trinkmengenreduktion für solche Betroffenen, „die Abstinenz als primäres Behandlungsziel nicht bzw. noch nicht anstreben.“ (59)

Die Qualifizierte Entzugsbehandlung gilt als State of the Art stationärer Entzugstherapie (vgl. 52). Der körperliche Entzug wird dabei als Chance gesehen, bei den Patientinnen und Patienten eine hinreichende Krankheitseinsicht zu erreichen. Über psychoedukative und psychotherapeutische Verfahren wird der Aufbau einer Motivation zur Verhaltensänderung angestrebt. Auf abwehrende Aufnahmeprozeduren oder abwertende Konfrontationen wird dabei verzichten (vgl. 52).

In der psychotherapeutischen Behandlung erweisen sich Strategien als evident, die auf Basis der kognitiv-behavioralen Theorie ansetzen, wie Motivationssteigerungsansätze, verhaltenstherapeutische Bewältigungsstrategien, soziales Kompetenztraining und Paar- und Familientherapie usw. (vgl. 53).

Das Kapitel zur Drogenabhängigkeit (Kapitel 3) hat sechs Unterkapitel, welche sich mit Störungen durch Opioide (Norbert Scherbaum), Kokain (Scherbaum), Stimulanzien des Amphetamintyps (Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank), Cannabis (Gouzoulis-Mayfrank), Halluzinogene und neue psychoaktive Substanzen (Gouzoulis-Mayfrank) sowie mit Komorbiditäten (Gouzoulis-Mayfrank) auseinandersetzen. Dabei wird auf das jeweilige klinische Bild, die Diagnostik und Behandlung eingegangen.

Wir erfahren, dass Drogenkonsum häufig soziale Randgruppen betrifft. Bestimmte Konsummuster sind aber auch mit speziellen Szenen (Partyszene, Modeszene, sexzentrierte Subkulturen) verbunden (vgl. 76).

In den meisten Fällen ist bei Substitutionspatienten eine ergänzende psychotherapeutische Behandlung angezeigt und auch wirksam (vgl. 66).

Komorbiditäten mit Alkoholerkrankungen und psychischen Störungen (z.B. Angst, Depression, Persönlichkeitsstörungen, PTBS, Psychosen und bipolare Störungen) sind verbreitet (vgl. 76). Gouzoulis-Mayfrank weist darauf hin, dass Modelle zur Erklärung der hohen Komorbiditätsraten „unterschiedlich gut“ (76) empirisch abgesichert sind. Die Wechselwirkungen sind komplex. Für die Diagnostik erweisen sich daher die „zeitlichen Zusammenhänge (Hervorhebung im Original) zwischen Konsum und Auftreten der psychischen Symptome“ (77) als entscheidend.

Kay Uwe Petersen und Bert Theodor te Wildt verstehen Internet- und Computerspielabhängigkeit (Kapitel 30) mit Pies (2009) als Unfähigkeit von Menschen „ihre Computer-, Smartphone- bzw. sonstige Internetnutzung zu kontrollieren, wenn dies zu bedeutsamem Leiden und/oder der Beeinträchtigung der Funktionalität im Alltag führt.“ (514)

Mit der Aufnahme in Kategorisierungssysteme (wie in das 2022 in Kraft tretende ICD-11) besteht eine Grundlage dafür, dass die Internet- und Computerspielabhängigkeit durch Fachgesellschaften, Kostenträger und Politik als eigene Krankheit eingeordnet wird. Hierin sehen Petersen und te Wildt auch eine wichtige Voraussetzung für die Prävention (vgl. 520).

Die Behandlung einer Internet- und Computerspielabhängigkeit sollte unbedingt als mittelfristiges Ziel die „Abstinenz von individuell problematischen Internetanwendungen“ (524) ansteuern, nicht aber bereits zu Beginn einer Therapie erwarten. Das Ziel einer kontrollierten Nutzung abhängigkeitsrelevanter Inhalte kann in Erwägung gezogen werden, erweist sich aber als prognostisch ungünstiger. In der Therapie haben sich „manualisierte, kognitiv-behaviorale gruppentherapeutische Ansätze als wirksam gezeigt“ (524).

Das Kapitel zur Unipolaren Depression (Kapitel 10) umfasst zwei Aufsätze, nämlich Ausführungen zur Pharmakotherapie (Max Schmauß) und zur Psychotherapie (Elisabeth Schramm und Mathias Berger)

Psychotherapeutische Ansätze gehören neben der Pharmakotherapie zur„First-line-Behandlungsstrategie depressiver Störungen“ (204). Studienergebnisse weisen auf eine „längerfristige Überlegenheit von Psychotherapie“ – auch in Kombination mit Pharmakotherapie – „im Vergleich zu alleiniger Pharmakotherapie“ (208) hin. Ebenfalls schnitten psychotherapeutisch Behandelte in Bezug auf Lebensqualität und psycho-soziale Anpassung besser ab (vgl. 209). Psychotherapeutische Nachhaltigkeit zeigt sich in der „Erhaltungstherapie bei rezidivierenden und chronischen Depressionen“ (211) und, verglichen mit Pharmakotherapie, in höheren Carry-over-Effekten.

Katharina Domschke und Jürgen Hoyer referieren in Kapitel 14 über Angststörungen. Diese zählen mit einer Jahresprävalenz von 14 % zu den „häufigsten neuropsychiatrischen Erkrankungen in der Europäischen Union sowie Schweiz, Island und Norwegen“ (281).

Die Entstehung von Angsterkrankungen ist multifaktoriell. Biologische, umweltbedingte und psychosoziale Risikofaktoren spielen eine zentrale Rolle. In der aktuellen Forschung werden mit steigender Tendenz epigenetische Prozesse in den Blick genommen (vgl. 282). In Zusammenhang mit psychosozialen Risikofaktoren sind maladadaptive kognitive Schemata (vgl. 282) in der Diskussion. Eine überängstliche Informationsverarbeitung ruft langfristig maladadaptive Bewältigungsreaktionen (überzogenes Sicherheitsverhalten, Gedankenunterdrückung, Vermeidungsverhalten) hervor.

Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften sind „relativ eng mit Angststörungen assoziiert“ (283), vor allem mit Neurotizismus, aber auch Gewissenhaftigkeit und Extraversion. Kausalbeziehungen sind aber nicht nachgewiesen (vgl. 283).

Diesen Größen liegen Ursachen zugrunde, die in Zusammenhang mit Gen-Umwelt-Interaktionen zu verstehen sind. „Die familiäre Transmission von Angststörungen erfolgt dabei auch wesentlich über Erziehungsstile, insbesondere Überbehütung, und Lernen am Modell“ (Hervorhebungen im Original) (283).

Bei allen Angststörungen liegt „der höchste Evidenzgrad (Ia) für die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) vor.“ (292) In der Akuttherapie verspricht eine Kombination aus kognitiv-verhaltenstherapeutischen Verfahren und einer Pharmakotherapie die besten Wirkungschancen (vgl. 292).

Im Kapitel 15 beschäftigen sich Ulrich Frommberger und Andreas Maercker mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der Entwicklung einer PTBS geht ein schweres psychisches Trauma voraus (z.B. ausgelöst durch Katastrophen, Kriegserleben, sexuelle Gewalt) (vgl. 294). Dieses ist dann auch die unabdingbare Voraussetzung für die Diagnose einer PTBS (vgl. 296), deren Entwicklung als „vielfältiger, multikausaler Prozess“ wechselseitiger Beeinflussung“ (Hervorhebung im Original) (298) zu verstehen ist.

Als bedeutendster Risikofaktor für die Ausbildung einer anhaltenden PTBS wird eine mangelnde soziale Unterstützung genannt. Protektiv wirken u.a internale Kontrollüberzeugungen, soziale Unterstützung, Selbstwirksamkeitserwartungen usw. (vgl. 297).

Verhaltenstherapie und Eye Movement Desensitization and Reprocessing weisen „die höchsten Effektstärken“ (300) auf. Jedoch ist ein „vollständiges Verschwinden der Symptome … häufig weder durch Psycho- noch durch Psychopharmakotherapie zu erreichen.“ (303)

In ihrem Beitrag zu Suizid und Suizidprävention (Kapitel 31) unterscheiden Manfred Wolfersdorf und Barbara Schneider zwischen Suizidversuch und Suizid. Suizidalität verstehen sie nicht als Krankheit, sondern als „eine ureigene menschliche Denk- und Verhaltensmöglichkeit“ (Hervorhebung im Original) (525). Diese kann allerdings durch Risikofaktoren (z.B. schwere Erkrankungen, psychosoziale Krisen, einschneidende negative Lebensereignisse, Non-Compliance mit Therapiemaßnahmen) verstärkt und auf die Selbsttötung hin fokussiert werden (vgl. 525). Frühere Suizidversuche, konkrete Suizidvorbereitungen und eine aktuelle Hoffnungslosigkeit gelten als Hochrisikofaktoren (vgl. 526 u. 531).

Die Erkenntnis, dass in professionellen Kontexten bei „Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in psychosozialer Not und existenziell bedrohlicher Situation immer nach Suizidalität“ (531) gefragt werden sollte, ist gewinnbringend. Dieses Nachfragen würde nämlich keine Suizidgefahr auslösen, sondern Chancen eröffnen, „offen über suizidale Not zu reden.“ (531)

Im Kapitel 36 beschäftigen sich Ulrich Voderholzer, Barbara Barton und Rita Rosner mit sexuellem Missbrauch und psychischer Erkrankung. Die Autorinnen und der Autor weisen darauf hin, dass sexueller Missbrauch „ein starker, unspezifischer Risikofaktor für die Entstehung verschiedener psychischer und physischer Erkrankungen“ (623) ist, wobei in Bezug auf psychische Erkrankungen dieser Zusammenhang im Jugend- und Kindesalter stärker ausgeprägt zu sein scheint (vgl. 617/618).

Darüber hinaus stellen sie fest, dass es „kein Missbrauchsyndrom im engeren Sinn“ (623) gibt. Eine „explizite Traumaanamnese“ ist daher unverzichtbar, „um Zusammenhänge zwischen unspezifischen Beschwerden und erlebtem sexuellen Missbrauch“ (621) erfassen zu können.

Psychische Störungen, die mit sexuellem Missbrauch verbunden werden, bedürfen einer entsprechend angepassten Standardbehandlung resp. neuer Behandlungsprogramme. Die Themen „Schuld, Scham, Ekel, Kontrolle, Coping“ (623) sollten dabei im Mittelpunkt stehen.

Die Validität späten Erinnerns wird kontrovers diskutiert. Dieses sollte keinesfalls dazu führen, dass den Opfern nicht geglaubt wird (vgl. 623). Aber „jenseits der eigentlichen Therapie“, dann, wenn eine Vortäuschung positive Folgen haben könnte, „ist dies zu bedenken“. (vgl. 623)

Martina de Zwaan und Beate Herpertz-Dahlmann leisten in Kapitel 19 einen Beitrag zu Essstörungen (Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN), atypische Essstörungen) Dabei gehen sie auch auf die Binge-Eating-Störung („Essattacken“) (BES) ein, welche in der kommenden ICD-11 und im DSM-5 „erstmals als eigenständige Essstörung gelistet“ (353) werden. Hinsichtlich der atypischen Essstörungen stellen die Autorinnen eine steigende Inzidenz fest (vgl. 353).

In der Behandlung der AN bei Jugendlichen besteht eine „gute Evidenz für familienbasierte Therapie.“ (369) Allgemein zeigen kognitiv-verhaltenstherapeutische Programme bei BN und BES evidente Wirkungen. Zudem erweisen sich bei einigen Patienten kognitiv-verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Selbstbehandlungsansätze als vorteilhaft (vgl. 369). 

Das Kapitel 23 zu Persönlichkeitsstörungen beinhaltet zwei Aufsätze, die sich mit der Ätiologie und Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, aus einer psychosozialen (Peter Fiedler) und einer neurobiologischen (Sabine C. Herpertz) Perspektive befassen. 

Die „neue“ ICD-11 verzichtet (mit Ausnahme der Borderline-Störung) in der Diagnostik auf eine Typenkategorisierung (vgl. 410). Vielmehr definiert sie fünf übergeordnete Persönlichkeitszüge (negative Emotionalität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung, Zwanghaftigkeit) (vgl. 410), die für eine Behandlungsperspektive als relevant erachtet werden. Das Stabilitätskriterium wird aufgegeben und „durch eine Mindestdauer der Symptome von zwei Jahren ersetzt.“ (410).

Es wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung und Reifung der Persönlichkeit ein kontinuierlicher und lebenslanger Prozess ist (vgl. 411), in welchem sich persönliche Lebensstile ausprägen. Diese Stile können sich zu Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wenn es den Individuen nicht gelingt, diese „situations- und kontextangemessen funktional einzusetzen.“ (411) Die Entwicklungspfade von Stilen zu Störungen unterliegen vielfältigen Einflüssen (Kombination erblicher, biologischer, psychologischer und sozialer Risikobedingungen) (vgl. 411).

Nicht nur lebensgeschichtlich frühe Erfahrungen, auch Phasenübergänge im Lebensverlauf (z.B. Pubertät, Adoleszenz) sind für die Ausbildung von Persönlichkeitsstörungen relevant (vgl. 413). Fiedler hebt hervor, dass es von Vorteil wäre, statt in Kausalrelationen „zukünftig stärker in komplexen Zusammenhängen und Entwicklungspfaden zu denken.“ (416)

Beate Eusterschulte, Sabine Eucker und Birgit von Hecker leisten einen Beitrag zur Therapie im Maßregelvollzug (Kapitel 29). Die in Rede stehenden Maßnahmen beziehen sich auf die Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus (nach § 63 StGB) und in einer Entziehungsanstalt (nach § 64 StGB).

Die Autorinnen gehen u.a. auf den rechtlichen Rahmen, epidemiologische Fakten, Besonderheiten der Behandlung sowie auf Grenzen und Herausforderungen ein. Beachtenswert ist besonders die Darstellung der empirischen Basis einer State-of-the-Art-Behandlung im Maßregelvollzug. Die Autorinnen beziehen sich hierbei auf Charakteristika psychisch gestörter und suchtkranker Delinquenten, die Genese von Kriminalität, kriminalpräventive Behandlungsmethoden und Rehabilitationsmodelle.

Neuester Stand im Maßregelvollzug sind „multimodale, kognitiv-behaviorale Ansätze, die Techniken des sozialen Lernen nutzen“ und „Methoden verwenden, die dem Lebensstil der Klienten entsprechen und auf Klientenmerkmale zielen, die empirisch gesichert kriminogene Faktoren sind“ (511). Bei psychisch kranken Insassen könnte eine Straftäterbehandlung Rückfälle reduzieren, eine gezielte Nachsorge diese gar verhindern. Strafrechtliche Sanktionen wirken hingegen negativ (vgl. 503).

Die Autorinnen konzedieren, dass selbst „die besten derzeit verfügbaren Behandlungstechniken … nur begrenzt wirksam sind“ (511). Sie beklagen das Fehlen einer bundesweit einheitlichen Versorgungsforschung, die u.a. dazu beitragen könnte, die Behandlungsergebnisse zu verbessern und für politische Entscheidungen eine Grundlage zu bieten (vgl. 512). Die Neufassung des § 63 StGB, welche den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz stärkt, stellt die forensische Psychiatrie zudem vor besondere Herausforderungen.

Diskussion

Die DGPPN verfolgt das Ziel, „langfristig eine optimale, an den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtete, wissenschaftlich fundierte medizinische (Hervorhebung G.K.) Versorgung in Deutschland zu erzielen.“ (Geleitwort) Das in Rede stehende Buch ist mittlerweile zu einem „Standardwerk in der Vorbereitung zur Facharztprüfung Psychiatrie und Psychotherapie“ (Geleitwort) avanciert. Dieser Umstand sollte aber nicht den Eindruck erwecken, dass Psychotherapie ein Aktionsfeld allein von ärztlichen Psychotherapeuten ist.

Die breite Palette der im vorliegenden Buch behandelten Inhalte ist auf das Wesentliche verdichtet. Die Sätze sind nicht selten elaboriert. Im Grundsatz geht das in Ordnung, ist das Werk doch an Sachkundige gerichtet. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass verschiedentlich von der Wirkrelevanz multiprofessioneller Teams und einer Vernetzung mit externen Versorgern und professioneller Sozialarbeit die Rede ist (vgl. z.B. 138; 158; 159). Die gestiegenen Anforderungen an das Versorgungssystem machen die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen zwingend. Die sprachliche und inhaltliche Ausführung von State-of-the-Art-Berichten sollte dies unterstützen und für solche ein Tick zugänglicher gestaltet werden, die nicht vertieft in das Gebiet psychischer Erkrankungen eingearbeitet sind.

Die besondere Verantwortung den Betroffenen und ihren Lebensschicksalen gegenüber gebietet aus Gründen der Berufsethik begründete und abgesicherte theoretische Wissensbestände, Methoden und Verfahren. Evidenz ist in der Psychotherapie ein legitimer Anspruch (so auch in der Sozialen Arbeit).

In ihrem Bestreben um Verwissenschaftlichung behauptet sich in der Medizin (nicht unangefochten) die „Evidenzbasierte Medizin“, welche empirisch gewonnene Wissensbestände, individuelle fachliche Erfahrungen sowie Werte und Wünsche der Patientinnen und Patienten zwar integrieren will, der aber „Parteinahme“ für die empirische Evidenz vorgeworfen wird.

Im vorliegenden Werk meine ich eine solche „Parteinahme“ auch in der Beschäftigung mit psychotherapeutischen Verfahren feststellen zu können.

By the way: Irritiert hat mich übrigens, mit welchen Eigenschaften hier Evidenz belegt wird. So ist beispielsweise von „geringer“, „begrenzter“, „ausreichender“, „moderater“, „guter“, „schwacher“ Evidenz die Rede. Sind diese „Qualitäten“ als standardisierte Kategorien (analog den Evidenzklassen) zu verstehen oder umgangssprachlich gemeint?

In einigen Aufsätzen werden methodische Probleme empirischer Evidenzstudien und Metaanalysen reflektiert. Metaanalysen spielen gerade in der Medizin, zunehmend aber auch in der Psychotherapieforschung eine große Rolle. Methodische Probleme (z.B. Verzerrung zugunsten signifikanter Ergebnisse) dieser Analysen definieren ihre Grenzen. Unzulänglichkeiten (vgl. 579) einzelner Studien (z.B. mangelnde Manualtreue, Veränderung von Wirkfaktoren im Zuge des Therapieprozesses, Dominanz korrelativer Daten, Placeboproblem, Selbst- und Fremdratings) schlagen auf die Qualität von Metaanalysen durch.

Diese können also nicht das „letzte Wort“ eines Forschungsgebietes sein. Die knackige Kürze der Aufsätze des in Rede stehenden Buches ist attraktiv und in jedem Fall konstruktiv, muss aber gerade daher eine vertiefende Reflexion der zugrunde liegenden Studien und Analysen vernachlässigen. Das erschwert die kritische Mitarbeit der Leserinnen und Leser.

Für „Intensiveinsteiger“ böte allerdings die Bibliographie einen guten Ausgangspunkt für Hintergrundrecherchen. Das Buch selbst verfügt aber leider über eine solche nicht. Diese sollte sich via QR-Code oder Internetadresse (https://else4.de/voderholzer-literatur) aus dem Internet beziehen lassen. Leider war es mir nicht möglich (Zugriff am 25.04. 19:00 Uhr), auf diesem Wege an die Quellennachweise zu gelangen.

Wie aber ist State of the Art überhaupt zu verstehen, welche Erwartungen an die Berichterstattung sind damit verbunden, was ist Anspruch und was die Relevanz? Wir wissen, dass in der Psychotherapie die Klient-Therapeut-Beziehung eine sehr bedeutende Wirkgröße ist, die sich nur begrenzt manualisieren lässt. Jede/jeder Professionelle entwickelt einen zur eigenen Persönlichkeit passenden und von den Erfolgen her beeinflussten therapeutischen Stil. Das Therapiegeschehen ist immer Interaktion und hängt nicht unwesentlich davon ab, welches Verhältnis die Protagonisten zueinander finden können. Sie „grooven“ sich glücklichenfalls ein, und die Frage ist, inwieweit alltägliche Praxisbedingungen es erlauben, im wissenschaftlich-kollegialen Spiegel die eigene Praxis zu reflektieren.

Was der aktuelle Stand wissenschaftlicher Erkenntnis ist, ist das eine, wie im therapeutischen Alltag gearbeitet wird, aber das andere. Ich denke, dass eine Reflexion des aktuellen Entwicklungsstandes alltäglicher Praxis in der Fläche zusätzlich gewinnbringend und unabdingbar ist. Weiterführend ist in jedem Fall, dass Voderholzer und Barton fordern, Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie zu beachten und weiter zu erforschen (vgl. 585).

Die State-of-the-Art-Berichte bestätigen den Trend, kognitiv-behavioralen Ansätzen in der Psychotherapie den Vorzug zu geben. Erfreulich ist, dass es nicht versäumt wird anzumerken, dass sich bei Anwendung von Placebo-Behandlungen als Vergleichsbedingung die Effekte dieser Therapierichtung, z.B. bei Angststörungen, nur noch als moderat oder gering bis moderat (vgl. 289) erweisen. Und so lässt der Vermerk aufhorchen, dass auch für „moderne manualisierte Varianten der psychodynamischen Psychotherapie“ (283/284) zwar wenige, aber doch gute Wirkungsnachweise vorliegen.

Die Hinweise auf die Bedeutung der Gruppenpsychotherapie, welche leider bei vergleichbarer Wirksamkeit nur selten eingesetzt wird, sind äußerst interessant. Nach meinem Eindruck zeigt sich in der Sozialen Arbeit/​Sozialpädagogik in Bezug auf Gruppenmethoden ein ähnliches Bild. Dies aufzuklären wäre eine empirische Studie wert.

Die in Zusammenhang mit Internet- und Computerspielabhängigkeit getroffene Feststellung, dass „das sukzessive Erlernen von alten und neuen Kulturtechniken neurobiologisch wie entwicklungspsychologisch für die psychosoziale Entwicklung sinnvoll, wenn nicht sogar elementar notwendig (Hervorhebung G.K.) ist“ (521), bestätigt klassische sozialpädagogische Ansätze.

Fazit

Das Buch besticht mit seiner kompakten Fülle und Breite behandelter Themen und Aspekte. Mit ihm konnte die Expertise von 89 renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erfolgreich gebündelt werden.

Ein attraktives Layout, viele informative Graphiken, Tabellen und „Merke-Kästchen“ sowie knackige Zusammenfassungen der „Essentials“ oder wichtiger Behandlungsgrundsätze machen das Werk zusätzlich attraktiv.

Das Buch eignet sich hervorragend für die wissenschaftliche Lehre, klinische Praxis, das Selbststudium sowie die fachliche Fort- und Weiterbildung.


Rezension von
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 10.05.2021 zu: Ulrich Voderholzer, Fritz Hohagen (Hrsg.): Therapie psychischer Erkrankungen. State of the Art. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2021. 16. Auflage. ISBN 978-3-437-24913-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27904.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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