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Marianne Rauwald (Hrsg.): Vererbte Wunden

Cover Marianne Rauwald (Hrsg.): Vererbte Wunden. Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 2., überarbeitete Auflage. 194 Seiten. ISBN 978-3-621-28756-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 45,02 sFr.

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Thema

Das Buch widmet sich den Spuren, die traumatische Erfahrungen wie Krieg, sexuelle Gewalt oder schwere körperliche Misshandlungen bei den Opfern hinterlassen. Diese Traumata können unbewusst auch an die nächste Generation weitergegeben werden. 

Die Autor*innen machen deutlich, dass nicht integrierte elterliche Traumatisierungen zu problematischen Mustern in der Eltern-Kind-Beziehung führen und die kindliche Entwicklung beeinträchtigen können. Das Buch zeigt die Dynamiken dieser Prozesse auf, ebenso wie Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten.

Herausgeberin

Marianne Rauwald ist Leiterin des Instituts für Trauma-Bearbeitung und Weiterbildung Frankfurt, Psychoanalytikerin (DPV). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Transgenerationale Weitergabe psychischer Traumata, Bindung und Trauma, Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten und internationale Projekte in Krisenregionen (Verlagsangaben).

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei der Veröffentlichung um die zweite, ergänzte Auflage.

Aufbau

Das Werk umfasst drei Teile mit nachfolgenden Schwerpunkten:

  • Teil I: Einblicke in die Traumaforschung mit den Unteraspekten: Traumata, psychische Entwicklung von Kindern und frühe Traumatisierung, die Weitergabe von traumatischen Erfahrungen von Bindungspersonen an die Kinder sowie biologische und neurobiologische Hintergründe der Traumatisierung.
  • Teil II richtet das Augenmerk auf die Weitergabe von Traumatisierungen und thematisiert die therapeutischen Herausforderungen, die Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe elterlicher Traumatisierungen, die Folgen der Shoah in der Zweiten Generation, die Bewusstmachung der transgenerationalen Weitergabe in der Therapie; Flüchtlinge und ihre Kinder; sowie die Themen Ich-Spaltung bei der transgenerationalen Übertragung von Traumata, tradierte Flucht vor Täterschaft und Schuld und die Reaktivierung transgenerationaler Traumata im Alter.
  • Teil III nimmt insbesondere die Intervention und Forschung in den Blick und akzentuiert die transgenerationale Traumaweitergabe im Kinder- und Jugendhilfesystem. Es wird ein mentalisierungsbasiertes Training zur Prävention transgenerationaler Weitergabe von Traumatisierungen vorgestellt und beispielhaft die Kriegskindheit im Hamburger Feuersturm beschrieben. Außerdem werden die Folgen der Arbeit mit traumatisierten Klient*innen erörtert.

Inhalt

Beispielhaft wird hier das Kapitel 4 aus Teil 1 vorgestellt. In Kapitel 4 stellt Autorin Natascha Unfried aktuelle Erkenntnisse der biologischen und neurobiologischen Verarbeitung traumatischer Erfahrungen vor. Anliegen ihres Kapitels ist es, deutlich zu machen, dass die unter traumatischen Bedingungen veränderte Informationsverarbeitung zu einer Behinderung einer differenzierten Speicherung führen kann und damit eine bleibenden Präsenz der Traumaerfahrung bewirken kann, die das Leben auch in der aktuellen Gegenwart immer wieder belasten kann. Die Autorin führt zunächst in Anlehnung an Fischer und Riedesser (1998, 79) einen Begriffsklärung für ein psychisches Trauma ein: „Ein psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“. Sie schließt Ausführungen zu traumatischem Erleben an und verdeutlicht, dass solche Erlebnisse – vor allem im wiederholten Falle – zur Bildung eines neuronalen Traumanetzwerks führen kann. Diese Erfahrungen können auch zur Entstehung von Zeitfusion und Handlungsabrissen führen. Die Betroffenen können diese in ihrer Selbstwahrnehmung und in ihrer Wahrnehmung von Anderen stören und ein gemeinsames Zeiterleben mit Anderen beeinträchtigen. Die Autorin betont, dass seitens der Traumaforschung mit unterschiedlichen Forschungsrichtungen reagiert wird: durch die moderne Gehirnforschung einerseits und die Forschungen zum kulturellen Gedächtnis.

Die Autorin führt in das Thema „Traumatisches Erleben“ ein und vertieft nach einer kurzen Einführung drei Aspekte:

  • die neurobiologische Abläufe bei der Traumatisierung,
  • die Epigenetischen und
  • die Mechanismen der transgenerationalen Traumaweitergabe.

Die Autorin beschreibt Traumata als Phänomen, das außer zu emotionalen auch zu physiologische Veränderungen führen kann, z.B. in Bezug auf das Gedächtnissystem und die limbischen Strukturen des Nervensystems. Traumatische Erlebnisse der Mutter können sich sogar schon während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind übertragen. Traumatische Informationen – so die Autorin – können sich in dysfunktioaler Weise abspeichern und sich dadurch negativ beispielsweise auf die Amygdala oder auch die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse auswirken. Auch kann sich eine Funktionsverschiebung zwischen linker und rechtshemisphärischer Informationsverarbeitung zugunsten der rechten Hemisphäre einstellen. Bestimmte Traumata können sogar komplette Veränderungen der Hirnarchitektur und Hirnfunktion bewirken.

Traumata sind darüber hinaus vererbbar. Unter transgenerationaler Weitergabe von Traumata wird verstanden, „dass die Elterngeneration an die Generation der Kinder und Enkel ihre Vorstellungen, Verhaltensweisen, Scham- und Schuldgefühle, aber auch ihre Geheimnisse und unverarbeiteten Traumata weitergibt.“ (51) Dies ist auch über mehrere Generationen hinweg möglich. Damit, so stellt die Autorin fest, kann potentiell durchaus auch ein positiver Impact verbunden sein, denn neben den Traumata wird auch das Wissen über Bewältigungsstrategien und Kompensationsmuster vermittelt. Die Autorin spricht in diesem Zusammenhang von einem epigenetischen Weitergabemechanismus. Die Autorin schließt die offene Frage danach an, danach, welche Folgen diese für die Empfänger*innen dieser Traumata hat und kommt zu der eindeutigen, aber unbewiesenen Feststellung: „Durch das Nicht-Vergessen und unbewusste Aufbewahren werden sie in ihrer Entfaltung blockiert bzw. früh in der emotional-sozialen Entwicklung fehlgeleitet, es entwickeln sich z.B. extremes Essverhalten vs. Hunger, Vermeidung von Neuerfahrung vs. kreative Neugier, Fluchttendenzen vs. Anstrengungsbereitschaft bei Belastungen usw., die nicht traumatisch sind.“ (54).

Diskussion

Das Buch ist kenntnis- und facettenreich und entwirft ein großes durchaus spannendes Gesamtbild. Schade ist, dass häufig Schlussfolgerung sehr ultimativ, rigide und verallgemeinernd formuliert werden. Einige Beispiele:

„In unserer aktuellen kulturellen Entwicklung wird versucht, ein Gefühl persönlicher Schwäche zu kompensieren, indem man Machtpositionen anstrebt und damit andere Menschen dominieren und demütigen kann.“ (47) oder „Wenn Kinder früh beginnend lieblos begleitet bzw. durch die Bezugspersonen traumatisiert werden und Schmerz als Schwäche benannt wird, kann das Kind nur kompensieren, indem es sich mit dem Aggressor identifiziert, wie es bereits Sandor Ferenczi (1984) und Anna Freud (1987) beschrieben.“ (ebenfalls 47).

Problematisch, weil hier Annahmen zu Tatsachen stilisiert werden.

Beispiel: „Dieser Entwicklungsweg führt in eine fatale Richtung, die Hilflosigkeit wird überwunden, indem das Kind bereits frühzeitig den Schmerz nach außen verlagern muss. Die Kinder, die selbst Erniedrigung und Schmerz am eigenen Leib erfahren haben, eigene Gefühle abspalten mussten, um zu überleben, geben diese grausamen Erfahrungen weiter an die nächste Generation.“ (47-48)

oder

„Im Trauma kommt es zur Schockreaktion, in deren Folge ein Prozess der Abschaltung und Blockierung der Wahrnehmung unterschiedlichen Ausmaßes entsteht. Somit geht die Ganzheit im Raum-, Zeit- und Selbsterleben für die Situation verloren und der Inhalt der traumatischen Episode und ihres Ablaufs bleibt ab dem Zeitpunkt des Schockerlebens im Zustand der Dissoziation.“ (48)

oder

„Traumatische Ereignisse werden als subkortikal repräsentierte, dissoziierte sensomotorische Erfahrungsmuster implizit gespeichert. Die Inhalte können nicht bewusst werden.“ (50)

oder

„Solch ein [ungewolltes] Kind wird stetig versuchen, durch hohe eigene Leistungsfähigkeit von den Bezugspersonen geliebt und nicht abgelehnt zu werden. Es entwickelt sich eine Leistungskompensation, die das Leben des Kindes extrem be- stimmt und einengt, das Traumaschema bleibt lange Zeit unerkannt, kann aber jederzeit getriggert werden durch vermeintliche Ablehnung.“ (52)

Fazit

Das Buch geht der Frage nach, wie sich traumatische Erfahrungen wie Krieg, sexuelle oder schwere körperliche Gewalt nicht nur auf die unmittelbaren Opfer auswirken, sondern auch auf nachfolgende Generationen übertragen können. Die Autor*innen erläutern die zugrundeliegenden Dynamiken und zeigen Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten. Eine anregende Lektüre zu einem hoch bedeutsamen Thema, das allerdings an vielen Stellen zu verallgemeinernd und attribuierend formuliert.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 31.08.2021 zu: Marianne Rauwald (Hrsg.): Vererbte Wunden. Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-28756-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27909.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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