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Gabriele Weiß, Jörg Zirfas (Hrsg.): Handbuch Bildungs- und Erziehungs­philosophie

Cover Gabriele Weiß, Jörg Zirfas (Hrsg.): Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. 1. Auflage. ISBN 978-3-658-19004-0.
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Thema

Das Handbuch spiegelt den aktuellen Diskussionsstand der zeitgenössischen Bildungs- und Erziehungsphilosophie im Hinblick auf relevante ausgewählte Begriffe ab. Die aufgenommenen Begriffe werden hinsichtlich ihrer historisch und systematisch bedeutsamen bildungs- und erziehungsphilosophischen Kontexten und Differenzierungen bezüglich der pädagogischen Theorie und Praxis präsentiert und erörtert. In den Diskursen wird explizit erkennbar, „dass Pädagogik nicht nur als praktische Handlungswissenschaft, sondern auch als philosophische Reflexionswissenschaft zu verstehen ist“ (Klappentext).

Herausgeber*innen

Gabriele Weiß ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Pädagogik an der Universität Siegen.

Jörg Zirfas ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Pädagogische Anthropologie an der Universität zu Köln (Verlagsangaben).

Aufbau

Das Handbuch umfasst eine Einführung in die Konzeption des Handbuchs und 10 weitere inhaltliche Teile: Anthropologie, Ästhetik, Erkenntnistheorie, Ethik, Kulturphilosophie, Metaphysik, Politische Philosophie, Sozialphilosophie, Technikphilosophie sowie Wissenschaftstheorie. 

Inhalt

Das Handbuch schließt eine Lücke, denn ein solches gab es für die Bildungs- und Erziehungsphilosophie im deutsch-sprachigen Raum bislang noch nicht. Der spezifische Anspruch dieses Handbuches ist es dann auch, ein Handbuch vorzulegen, das die Zusammenhänge und Interdependenzen von Pädagogik und Philosophie herausarbeitet und im Hinblick auf die Erziehungswissenschaften erörtert. Dabei verfolgen die Autor*innen zwei Stoßrichtungen. Sie erfragen einerseits, welche Erkenntnisse die Philosophie der Pädagogik anbieten kann und andererseits, welche Perspektiven der Pädagogik für die Philosophie erschlossen werden können (VI). Bewusst wurde dabei von einer alphabetischen oder historischen Bearbeitung zentraler Begriffe und Phasen abgesehen und den Autor*innen vielmehr die Möglichkeit eröffnet, ausgehend von philosophischen Teildisziplinen, die für die Pädagogik von besonderer Relevanz sind, ihnen besonders bedeutsam erscheinende Begriffe in den Diskurs einzubringen.

Exemplarisch sollen hier zwei Kapitel genauer beleuchtet werden. Zunächst das Kapitel Spiel von Gabriele Weiß. Die Autorin vertritt dabei einen umfassenden Spielbegriff: „Spiel wird dabei jedoch instrumentalisierend gedacht, es erfüllt Funktionen in der Wirklichkeit. Seine Möglichkeiten wären damit auf ein Hineinführen oder eine Integration in die Kultur beschränkt. Demgegenüber bietet Spiel vielmehr (Spiel-)Räume des Wagens von Neuem und Anderem und ermöglicht es gerade, das Vorgegebene zu überschreiten.“ (77). Der Autorin ist das Spiel aus pädagogischer Sicht in zweifacher Hinsicht wichtig: denn einerseits bietet das Spiel die Option „Selbst- und Weltverhältnisse“ zu wiederholen und dadurch zu bearbeiten, anderererseits laden Spiele dazu ein, kreativ zu werden. Durch diese Kreativität kann es zugleich gelingen, das Selbst und die Welt zu transformieren. Dabei fungiert das Spiel gewissermaßen als Schonraum und Erprobungsfeld. Nach der Einleitung in das Phänomen des Spiels und Spielens, schließt sich eine Erörterung des Themas in drei Kapiteln an: Die Autorin beginnt zunächst mit einem mit einem systematische Textteil über die Formen des Spiels. Nach einem historischen Abriss schließt sich eine Übersicht über die Strukturen von Spielen an. Abgerundet wird die Diskussion durch eine Auseinandersetzung mit aktuellen Trends: Gamification und Ludifizierung.

In ihrer Übersicht über historische Perspektiven auf das Spiel nimmt die Autorin insbesondere Bezug auf u. a auf Kant, Schiller, Huizinga, Caillois. Sie beschreibt deren jeweiligen Perspektiven auf das Thema und stellt sie darüber hinaus in Bezug zueinander. Weiß stellt zunächst Caillois Unterteilung der Spiele in vier Hauptkategorien vor:

  • Wettstreit
  • Zufall
  • Maskierung (Mimicry)
  • und Rausch.

In ihren Ausführungen geht sie insbesondere auf die Dimensionen Mimicry und Anerkennung (im Kontext von Wettstreit) ein. Sie diskutiert die pädagogischen Implikationen rauschhafter Spiele und geht sodann auf Glücksspiele ein.

Abschließend werden die beiden aktuellen Trends Gamification und Ludfizierung erörtert. Bei Gamification werden „einzelne Elemente oder bestimmte Merkmale von Spiel in Umgebungen eingeschleust werden, die üblicherweise sein Gegenteil bilden: Alltags- und Berufswelt.“ (85). Nach Auffassung der Autorin scheinen hier vor allem die Spielkategorien Mimicry und Wettkampf auf. Die Ludifizierung ist hiervon deutlich zu unterscheiden: „Spiel wird im Sozialen deshalb so interessant, weil es über den Modus des Als-Ob eine Freiheit in Gestaltungs- und Umgangsmöglichkeiten verspricht und dieses Versprechen zum und im Schein einlöst.“ (86).

Im Kapitel „Heiliges“ widmet sich Autor Friedrich Schweitzer der Erforschung dieses Phänomens in seiner Relevanz für die Erziehungswissenschaften. Friedrich Schweitzer ist Professor für Religionspädagogik/​Praktische Theologiean der Universität Universität Tübingen und richtet in seinen Forschungen sein Augenmerk auf religiöse und ethische Erziehung sowie Bildung, Unterrichtsforschung und pädagogische Anthropologie. Auch sein Kapitel gliedert sich in vier Abschnitte. Er definiert zunächst das Heilige; ein Begriff, den er als Konzept versteht, das sich keiner bestimmten wissenschaftlichen Disziplin zuordnen lässt, sondern vielmehr als ein Phänomen verstanden werden sollte, das Teil der gesamten Menschheitsgeschichte ist (379). Aus dieser Multiperspektivität leitet der Autor auch die bildungstheoretische Bedeutung des Heiligen ab, die er zum Gegenstand seines Kapitels gemacht hat, auch wenn die Thematik im erziehungswissenschaftlichen Bildungsdiskurs bislang noch kaum berücksichtigt wurde. Im ersten Abschnitt richtet der Autor sein Augenmerk auf das das Heilige als Phänomen und als Thema der Wissenschaft. Gleich zu Beginn macht er deutlich, dass sich das Phänomen in der gesamten Religionsgeschichte aufscheint und zugleich universal ist und somit, wenn auch in unterschiedlichen Erscheinungsformen für alle Religionen gilt. Er skizziert sodann das Heilige in der biblischen Tradition und schließt eine Darstellung der wissenschaftlichen Erforschung insbesondere ab dem 20. Jahrhundert an. Hier bezieht er sich vor allem auf die Konzepte der Autoren Emile Durkheim, Rudolf Otto und Mircea Eliade sowie Wilhelm Windelband. Während die drei ersten Autoren aus philosophischer Perspektive „das Heilige als eine Frage des Denkens und des Gefühls, aber auch der Handlungsorientierung und -motivation sowie des ästhetischen Empfindens“ beschreiben, skizziert Wilhelm Windelband das Heilige eher als eine Erscheinungsform des „Norm-“ oder „Normalbewusstseins“ (382). Aus bildungstheoretischer Perspektive betont der Autor ganz besonders das „göttliche Kind“ und das „Göttliche im Kind“ als für pädagogische Kontexte relevant (382). Im dritten Abschnitt seines Kapitels unternimmt der Autor den Versuch einer Systematisierung im Hinblick auf mögliche philosophisch-bildungstheoretische Orientierungen des Heiligen. Dazu fächert er fünf Betrachtungsweisen auf:

  • die Grundunterscheidung: heilig und profan
  • das Heilige und die Ordnung der Welt
  • das Heilige als Kategorie der Anthropologie
  • epochale Unterscheidungen: archaische und moderne Erfahrungen des Heiligen
  • Bildung angesichts des Heiligen: religiöse Bildung und Religion als Dimension aller Bildung.

Zusammenfassend betont er das Recht auf religiöse Bildung und sieht eine zentrale Herausforderung darin, „das Heilige als Dimension aller Bildung“ zu verstehen. Zugleich weist er auf den engen Zusammenhang zwischen dem Heiligen und dem Verständnis von Bildung hin. Bildung als Selbst- und Welterschließung ist bei Ignoranz der konstitutiven Kategorien der Weltordnung aus seiner Sciht gar nicht möglich. Zudem kann Bildung nur dann umfassend sein, wenn sie den ganzen Menschen im Blick hat. Zugespitzt formuliert Schweitzer die These, dass ein Bildungsverständnis, das sich nicht auch auf das Heilige bezieht, als unzureichend bzw. unvollständig betrachten werden muss (385). Vor diesem Hintergrund fordert der Autor im letzten Abschnitt seines Kapitels zu einer stärkeren Berücksichtigung des Heiligen aus bildungstheoretischer Perspektive auf. Für diesen Diskurs empfiehlt er folgende Aspekte stärker einzubeziehen:

  • im Bildungsverständnis
  • bei der Selbstdeutungen der Erziehungswissenschaft
  • bei der Begründung von Menschenrechten
  • als Element von Kinder- und Jugendkultur
  • und als gemeinsame Grundlage in Interkulturelle und interreligiöser Bildung.

Diskussion

Auf fast 700 Seiten diskutieren renommierte Autor*innen für sie zentrale philosophische Kernbegriffe in pädagogischen Kontexten. Ihnen geht es dabei darum, relevante Diskurse der aktuellen Erziehungs- und Bildungsphilosophie im deutschsprachigen Raum abzubilden, sowie entsprechende Kontextualisierungen und Differenzierungen zu dokumentieren. Zugleich wollen sie die Interdependenzen zwischen Pädagogik als philosophische Reflexionswissenschaft erörtern und zeigen, wie stark philosophische Problemstellungen von pädagogischen Vorannahmen und Implikation abhängen. Dabei ist vor allem um ein „philosophischer Aufriss pädagogischer Deutungs-, Orientierungs- und Handlungsmöglichkeiten“ intendiert (VIII).

Fazit

Das Handbuch bildet – orientiert an zentralen Begriffen – vielfältige aktuelle Diskurse zeitgenössischer Bildungs- und Erziehungsphilosophie ab. In ihrer Erörterung der ausgewählten Begriffe werden einerseits die historisch und systematisch bedeutsamen bildungs- und erziehungsphilosophischen Kontexte in den Blick genommen, aber auch die Konsequenzen für die pädagogische Theorie und Praxis herausgearbeitet. Pädagogik wird dabei nicht mehr nur als „praktische Handlungswissenschaft“, sondern auch als philosophische Reflexionswissenschaft verstanden. Das Spektrum der ausgewählten Begriffe ist breit gefächert und gleichermaßen aktuell wie zeitlos.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 28.06.2021 zu: Gabriele Weiß, Jörg Zirfas (Hrsg.): Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. 1. Auflage. ISBN 978-3-658-19004-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27910.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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