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Sabrina Dahlheimer: Familie unter Verdacht

Cover Sabrina Dahlheimer: Familie unter Verdacht. Mechanismen und Folgen medialer Skandalisierungen von Kinderschutzfällen. transcript (Bielefeld) 2020. 490 Seiten. ISBN 978-3-8376-5465-3. D: 48,00 EUR, A: 48,00 EUR, CH: 58,60 sFr.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - 66.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit dem wichtigen Thema von Kindesmisshandlung und seiner öffentlichen Wahrnehmung bzw. seiner Skandalisierung in den Printmedien. Es beleuchtet die stattfindenden gesellschaftlichen Mechanismen und analysiert diese. Zu Beginn richtet die Autorin den Blick auf die familialen Erziehungskompetenzen bzw. auf die familialen Erziehungs(in)kompetenzen als soziales Problem. Die Autorin schreibt, dass in den vergangenen Jahren die familiale Erziehung vermehrt in den Fokus des medialen, wissenschaftlichen und politischen Interesses gerückt ist. Dies liegt sicher auch an den zahlreichen öffentlichen Debatten und Enthüllungen über Defizite und Skandalen um familiale Erziehungskompetenzen. Insgesamt ist ein gesteigertes Interesse an der Berichterstattung über Kindeswohlgefährdungen zu beobachten. Die Autorin untersucht dieses Phänomen mit dem Instrument der Diskursanalyse.

Autorin und Entstehungshintergrund

Sabrina Dahlheimer, geb. 1981, forscht und lehrt am Institut für Kindheit, Jugend und Familie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Ihre Arbeitsschwerpunkt liegen in der empirischen Familien- und Kindheitsforschung, im Bereich der Wissens- und Kultursoziologie sowie der Qualitäts- und Evaluationsforchung sowohl im Bereich der Familienbildung als auch in Förderung der Qualität durch Weiterbildung in Kindertageseinrichtungen.

Ein Schwerpunkt ihrer bisherigen Veröffentlichungen liegt im Bereich der Weiterentwicklung bei Kindertageseinrichtungen, in Fragen der Bildungsgerechtigkeit und nach der Veröffentlichung ihrer Dissertation (2021) in der Beschäftigung mit der medialen Aufmerksamkeit und Skandalierung von Kinderschutzfällen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch unterteilt sich in fünf Kapitel mit sehr unterschiedlichen Umfang. Es umfasst 487 Seiten einschließlich der Auflistung der Verzeichnisse; die Anlagen umfassen alleine fast 100 Seiten.

Im ersten Kapitel stellt die Autorin fest, dass in den vergangenen Jahren die familiale Erziehung vermehrt in den Fokus des medialen, wissenschaftlichen und politischen Interesses gerückt ist. Sie geht näher auf diese Entwicklung ein und stellt im weiteren Kapitel ihr Erkenntnisinteresse sowie den Aufbau und die Genese ihrer Arbeit näher dar. Sie schreibt, dass es ihr Ziel ist die Kohärenz der unterschiedlichen Prozesse u.a. der Ambivalenzen, Dynamiken und Beharrungstendenzen im Hinblick auf Familie und Erziehung und Erziehung in medialen Inszenierungen und Alltagspraxen entlang sozialer und kultureller Differenzen sichtbar zu machen, zu reflektieren und an gegenwärtige Fachdiskurse und familienpolitische Diskurse anzuschließen.

Die Einführung in das Kapitel endet mit dem Vermerk, dass aus Gründen der besseren Lesbarkeit zudem an mehreren Stellen lediglich die männliche Form verwendet wird. „Insofern nicht explizit vermerkt, beziehen sich die jeweiligen Ausführungen jedoch immer auf Angehörige beider Geschlechter“ (S. 27). Diese Entscheidung erstaunt doch sehr, da die Arbeit im Jahre 2021 veröffentlicht wurde und diese Begründung doch eher längst vergangener Zeiten entspricht.

Im zweiten Kapitel geht die Autorin genauer auf die Anlage und die Durchführung des Forschungsprogramms ein. Dazu entwickelt sie einen theoretischen-methodologischen Rahmen, indem sie u.a. die diskursive Verfasstheit von Familie und Erziehung aufzeigt. Sie betont die Rolle der Massenmedien, beschreibt die von ihr getroffene Auswahl der Printmedien und zeigt die Anhäufung von Negativberichten im Kontext familialer Erziehung in der zweiten Hälfte der 2000 Jahre genauer auf. Sie bezeichnet diese Entwicklung im Rückgriff auf Foucault (1983) als diskursive Explosion. Deutlich wird von ihr die Fokusverschiebung d.h. die Wendung von der Gefahrenquelle für Kinder außerhalb der Familie zur Gefahrenquelle innerhalb der Familie aufgezeigt. Wobei hier der Fall Kevin als Schlüsselereignis und Ausgangspunkt für weitere Analyseschritte gesehen wird. Im Rahmen dieses Kapitels erfolgt die genauere Darstellung der wissenssoziologisch orientierten narrativen Diskursanalyse mit Verweisen auf Foucault und u.a. dem symbolischen Interaktionismus.

Im dritten Kapitel stellt die Autorin die Narrationslinien familialer „Erziehungs(in)kompetenz“ näher dar und beschreibt diese als Anerkennung und Institutionalisierung eines sozialen Problems. Drei Narrationslinien werden herausgearbeitet:

  • die Ausgangsnarration: der Fall Kevin als Teil einer sich ausweitenden Katastrophe familialer „Erziehungsinkompetenzen“
  • die Gegennarration: der Fall Kevin als Wegbereiter einer gefährlichen Entmachtung familialer „Erziehungskompetenzen“
  • die Alternativnarration: der Fall Kevin als Symbol eines unterentwickelten (Risiko-)Managements familialer „Erziehungs(in)kompetenzen“.

Im weiteren Verlauf des sehr umfangreichen Kapitels (S. 108–229) werden diese drei unterschiedlichen Narrationslinien dargestellt. Bei der Narration einer „sich ausweitenden Katastrophe familialer Erziehungsinkompetenz“ reicht der Spannungsbogen der erarbeiteten Punkte von der Dramatisierung und Skandalisierung familialen Versagens bis zu Institutionalisierung und Stabilisierung eines Policing Parenthood. Hier wird u.a. Bezug auf den Ausbau eines Frühwarnsystems im Kinderschutz genommen.

Unter der Gegennarration: Der Fall Kevin als Wegbereiter einer gefährlichen Entmachtung familialer „Erziehungskompetenzen“ wird deutlich, wie die erste Narrationslinie mit Hilfe der sogenannten strategischen Nihilierung zurückgewiesen wird. Dadurch werden Fälle wie Kevin als Einzelschickschale kleiner Minderheiten ausgewiesen und als unangenehme, kaum abwendbare, aber seltene Ereignisse deklariert. Diese Narrationslinie setzt stark auf die familiale Erziehungskompetenz als natürliches Glück. Betont wird, dass das familiale Einzelversagen Schicksal und Folge sozialen Wandelns ist. Dazu gehört auch die Sicht auf die Kinder- und Jugendhilfe als eine gefährliche und illegitime „Kinderklaubehörde“ (S. 158) und das Familien insgesamt zur Erfüllung ihrer Aufgaben der (wohlfahrtsstaatlichen) Absicherung des familialen Schutzraumes bedürfen.

Die dritte Narration umfasst „Kevin als Symbol eines unterentwickelten (Risiko-)Managements familialer 'Erziehungs(in)kompetenzen'“.

Unter dieser Narrationslinie werden die (ökonomischen) Grenzen einer repressiven Überwachung thematisiert. Der Blick richtet sich auf die Indikatoren und Marker, die frühzeitig auf riskante Entwicklungen u.a. die Vielzahl kindlicher Störungen hinweisen sollen. Hierher gehören die unterschiedlichsten Unterstützungsangeboten (z.B. das Modellprojekt Pro Kind, die Gründung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen 2007, koordinierenden Kinderschutzstellen) sowie Initiativen der Stadt Dormagen aber auch der enormene Zuwachs an (populär-)wissenschaftlicher Ratgeberliteratur.

Die Autorin betont, dass die drei geschilderten Narrationslinien nicht nur linear nebeneinander verlaufen sondern sich auch durchaus überschneiden können. Sie stellt fest, dass durch den Fall Kevin der Wandel im gesellschaftlichen Denken über familiale Erziehung im Kontext von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung sehr deutlich geworden ist.

Im vierten Kapitel (S. 231–355) werden die festgestellten Wissensbestände und Infrastrukturen insbesondere auf ungleichheitsrelevante und disziplinierende (Wissens-) Strukturen und Machtwirkungen in der Vernetzung mit anderen Diskurssträngen hin untersucht. Die Autorin beginnt mit der Auswirkung des Begriffes „Kindeswohl“ als Differenzierungslinie und als Maßstab familialer Erziehungs(in)kompetenz. Familien erleben diskursive Akte des Ausgrenzens und des Unterdrückens, da sie mit Normalitätsvorstellungen konfrontiert werden, denen sie oft nicht entsprechen können. Sie spricht von einem Generalverdacht gegenüber Familien und wie sehr die „intakte Kleinfamilie“ als idealisierte sozialstrukturelle Norm etabliert wird. Letztendlich werden in diesen Prozess „Risiko- und Problemfamilien“ in einem Prozess der Hierarchisierung als Unterschichtsfamilien identifiziert. Hierzu zählen auch die Familien, die sich aufgrund biographischer Erfahrungen (z.B. Sucht und eventuelle Krankheiten der Eltern) in dieser Lage befinden.

Die Arbeit schließt im fünften Teil mit einer Synthese der zentralen Ergebnisse sowie darauf basierende Schlussfolgerungen. Es wurde untersucht, ob und welche mögliche Implikationen sich für politische, sozialwissenschaftliche und mediale Felder sowie für verschiedene Bereiche der sozialen Praxis ableiten lassen. Die Autorin geht nochmals die drei unterschiedlichen Narrationslinien ein. Um den Diskreditierungen als kindeswohlgefährdend zu entgehen und nicht als erziehungsinkompetent bzw. kindeswohlgefährdend bezeichnet zu werden, müssen Familien sich innerhalb der handlungsleitenden Normalitätschematas bewegen. Die Autorin sieht u.a. als Ziel der Arbeit, „den Problemcharakter familialer 'Erziehungs(in)kompetenzen' als kulturelles Produkt für eine empirische Analyse fruchtbar zu machen“ (S. 372). Die Arbeit schließt mit einer Diskussion der methodisch-methodologischen Chancen und Grenzen des Untersuchungsdesigns ab.

Zielgruppen

Es fällt schwer Zielgruppen für dieses Buch zu benennen, da es sich um eine Veröffentlichung handelt die konsequent das Ziel der eigenen Qualifizierung im Rahmen eines Dissertationsvorhabens im Blick hat und sich in einer eigenen Welt der Sprache hinsichtlich von Diskursanalysen, Narrationen, Narrationslinien, Diapositive, Sprecherpositionen etc. bewegt. Für mich als Leserin wechseln sehr interessante Teile der Erarbeitung – beispielsweise im Kapitel III die Darstellung der unterschiedlichen Narrationslinien und die damit verbundene genauere Darlegung mit Teilen, die eher der Erarbeitung einer Dissertation geschuldet sind, ab. Natürlich gehören auch die Ausführungen zur Diskursanalyse dazu, aber eine kürzere Darstellung wäre für die Leserin angenehmer gewesen. Auch die Erarbeitungen des Kapitel IV vermittelt interessante Aspekte zur Thematik Kindeswohlgefährdung/​Kindesmisshandlung. Hier irritieren jedoch manche Überschriften. Beispielhaft nenne ich hier: Die Auflösung des Kindes in der Projektfläche unterschiedlicher Ordnungen, die öffentliche Vorführung als performative Praxis einer generalisierenden Stigmatisierung, biologistische Differenzierungslinien zwischen echten Vätern und bösen Stiefvätern, das weibliche Mängelwesen als mythologische (Re-)Souveränisierungsstrategie eines modernen Antifeminismus.

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit der Thematik Kindesmisshandlung/​Kindesvernachlässigung stellt ein sehr wichtiges Thema in unserer Gesellschaft dar. Die familiale Erziehung rückte in den vergangenen Jahren vermehrt in den Fokus des wissenschaftlichen, medialen und politischen Interessens. Die Skandalierung der Vorgänge um den Tod von Kevin in Bremen (2006) führte zu einer öffentlichen Debatte von Defiziten und Skandalen um familiale Erziehungskompetenzen bzw. um die nicht vorhandenen familialen Erziehungskompetenzen und hat den Umgang mit Familien seitens der Fachkräfte aber auch seitens der Politik und der Medien stark verändert.

Fazit

Es handelt sich um ein Buch, dass eventuell in Teilen interessant für Akteure sein könnte, die sich im Feld des Kinderschutzes bewegen. In Teilen könnte es auch interessant sein für diejenigen, die sich intensiver mit der Methode der Diskursanalyse auseinandersetzen möchten u.a. in Verbindung mit der Thematik Kindesvernachlässigung und -misshandlung. Letztendlich hat die Autorin ein sehr wichtiges gesellschaftliches Thema aufgegriffen. Die Erarbeitung ist interessant; zu bemängeln bleibt aber, dass sich die Aspekte der eigenen beruflichen Qualifizierung in der sprachlichen Darstellung so in den Vordergrund schieben und damit die Nachvollziehbarkeit sehr erschwert wird.


Rezension von
Prof. Dr. Christa Paulini
HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Christa Paulini. Rezension vom 27.07.2021 zu: Sabrina Dahlheimer: Familie unter Verdacht. Mechanismen und Folgen medialer Skandalisierungen von Kinderschutzfällen. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5465-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27911.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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