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Günter G. H. Gutsche: Beiträge zur Soziologie der Persönlichkeit

Rezensiert von Dr. phil. Ralph-Elmar Lungwitz, 22.02.2022

Cover Günter G. H. Gutsche: Beiträge zur Soziologie der Persönlichkeit ISBN 978-3-339-12036-6

Günter G. H. Gutsche: Beiträge zur Soziologie der Persönlichkeit. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. 2. Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-339-12036-6. D: 74,80 EUR, A: 76,90 EUR.
Reihe: Soziologische Themen zur Diskussion - 10
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Hintergrund

Das Buch von Günter G.H. Gutsche stellt in zusammengefasster Form das wissenschaftliche Lebenswerk des Autors vor. Es handelt sich um ein engagiertes und kompetentes Plädoyer für eine soziologische Persönlichkeitstheorie als eine spezielle soziologische Theorie, zu der er „Bausteine“ liefern will.

Autor

Günter G.H. Gutsche hat seit den 1970er-Jahren als Soziologe und Kriminologe in Lehre und Forschung verschiedener Institutionen mitgewirkt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem Vorwort sowie aus elf Kapiteln und einem Anhang. In den ersten vier Kapiteln begründet der Autor zunächst die Notwendigkeit einer soziologischen Persönlichkeitstheorie. Es gehe ihm darum, das Thema Persönlichkeit nicht allein der Psychologie oder Pädagogik zu überlassen, sondern er sieht sich dem Leitbild von Durkheim verpflichtet, Soziales durch Soziales zu erklären. Gesellschaftliche Entwicklungen wie bspw. die Digitalisierung vieler Lebensbereiche sowie die zunehmende Bedeutung sozialer Bewegungen machen nach Meinung des Verfassers eine soziologische Persönlichkeitstheorie nicht nur theoretisch sinnvoll, sondern zunehmend erforderlich.

Im Kapitel 5 befasst sich der Autor mit der theoriegeschichtlichen Einordnung des Begriffs Persönlichkeit. Für ihn ist Persönlichkeit das Individuum als Subjekt seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt sowie seiner selbst (S. 33). Die soziologische Persönlichkeitsforschung befasse sich mit der Entwicklung von Kompetenzen des Individuums für das Verhalten und vor allem für das soziale Handeln in sozialen (politischen, wirtschaftlichen, kulturellen) Strukturen. Sie untersuche, wie sich die Individuen die gesellschaftlichen Verhältnisse aneignen, wie sie die Verhältnisse, unter den sie leben, mit tragen bzw. reproduzieren oder umgestalten. Analytisch unterscheidet der Autor zwischen zwei Komponenten, zum einen die sozialisationstheoretische Komponente, zum anderen die handlungstheoretische Komponente. Bei der ersten geht es um die Herausbildung und Entwicklung individueller Kompetenzen und um die Instanzen und Prozesse die dabei als Vermittler wirksam werden, bei der zweiten geht es um die Frage, in welcher Form diese Fähigkeiten und Einstellungen des Individuums bei der Gestaltung und Umgestaltung der sozialen Verhältnisse zum Einsatz kommen (S. 39).

Im Kapitel 6 setzt sich der Autor mit der Theorie sozialer Rollen auseinander, da sich nach seiner Einschätzung viele Arbeiten aus den Bereichen der allgemeinen Soziologie und der Sozialstrukturforschung implizit dieses Konzepts bedienen, auch wenn sie den Begriff soziale Rolle bzw. Rollentheorie nicht ausdrücklich erwähnen. Dabei geht es ihm darum, sowohl die Grenzen als auch das Erkenntnispotenzial dieses Ansatzes herauszuarbeiten (S. 40 ff.).

Eine Stärke des Buches besteht zweifellos darin, dass es der Autor nicht allein bei theoretischen Reflexionen bewenden lässt, sondern dass er seine theoretischen Fragestellungen mit der Diskussion empirischer soziologischer Untersuchungen verbindet, an deren Konzipierung und Durchführung er selbst maßgeblich beteiligt war und zu denen er wissenschaftliche Publikationen vorgelegt hat. Dazu gehört die Untersuchung „Lebensweise Ost“, die ca. 1980 an der Humboldt-Universität Berlin durchgeführt wurde (S. 46 ff.). Dass die Rollentheorie trotz aller Kritik auch ein nützliches Instrument zur Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen sein kann, verdeutlicht der Autor an einer empirischen Untersuchung zu der veränderten Rolle der Polizei im Rahmen des in Ostdeutschland abgelaufenen Systemwechsels 1990 (S. 52 ff.).

Ein besonderes Augenmerk richtet der Verfasser auf die Frage, wie Individuen gesellschaftliche Verhältnisse verändern, was mit der oben erwähnten handlungstheoretischen Komponente seines Ansatzes verbunden ist. In diesem Zusammenhang müsse die soziologische Persönlichkeitsforschung über die Sozialisationsforschung hinausgehend den Prozess der Herausbildung neuer Ideen, Bedürfnisse und Ansprüche der Individuen bzw. Persönlichkeitstypen untersuchen (S. 57). Neben Bildung und Qualifikation zähle der Arbeitsinhalt zu den stärksten Einflussfaktoren bei der Herausbildung von Persönlichkeitseigenschaften wie Wertorientierungen und Einstellungen (S. 63).

Der Autor assoziiert die sich gegenwärtig vollziehenden Änderungen der (industriellen) Arbeitswelt (Automatisierung, Digitalisierung) mit einer Entwicklung hin zu immer qualifizierteren und mehr Freiräume bietenden Tätigkeiten und verweist auf das Marx'sche Leitbild von „disposable time“ und Persönlichkeitsentwicklung.

Der Autor befasst sich relativ ausführlich mit der Typenanalyse von Persönlichkeit und verbindet auch hier theoretische Überlegungen mit der Diskussion empirischer Forschungsergebnisse (S. 71–93). Der empirisch forschenden Soziologie gehe es um die Frage, welche sozialen Persönlichkeitstypen die Individuen der Gesellschaft repräsentieren, welche gesellschaftlichen Verhältnisse sie hervorgebracht haben und was sie für die weitere Entwicklung der Gesellschaft bedeuten können (S. 77). Er geht zunächst auf theoretische (Weber, Simmel) und empirisch-analytische Ansätze (Mead, Kardiner, Linton, Marcuse u.a.m.) zur Typisierung von Persönlichkeit in der Entwicklung von Soziologie und Sozialpsychologie ein. Sein Verständnis von Persönlichkeitstypen diskutiert der Verfasser nachfolgend vor allem in Verbindung mit den Ergebnissen des Forschungsprojektes „Sozialer Umbruch und Kriminalität (NBL)“, das Anfang der Neunzigerjahre von Soziologen und Kriminologen verschiedener Universitäten durchgeführt wurde. Ein Ziel dieser Untersuchung war die Analyse von Einstellungen und Bewältigungsstrategien angesichts einer stark gewachsenen Kriminalitätsbelastung in den neuen Bundesländern Anfang der Neunzigerjahre. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Ermittlung unterschiedlicher Persönlichkeitstypen auf der Basis individueller Wertorientierungen. Wertorientierungen sind nach Ansicht des Verfassers konzentrierter Ausdruck einer Persönlichkeit und bieten die beste Möglichkeit, die Gesamtstruktur einer Persönlichkeit abzubilden (S. 77/78). Mithilfe einer Clusteranalyse konnten im Rahmen dieser Untersuchung sechs Typen unterschieden werden, in einem weiteren Schritt wurden für jeden Typ bestimmte Reaktionsformen (Coping Strategien) hinsichtlich der wachsenden Kriminalitätsbelastung ermittelt. Der Autor stellt diese Befunde in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext und reflektiert darüber, inwieweit die hier ermittelten Typen als Akteure gesellschaftlicher Veränderungen in Frage kommen.

Inwieweit Persönlichkeitstypen das Potenzial für eine Akteursrolle besitzen, könne an ihren Wertorientierungen und sozialen Einstellungen festgestellt werden, ihre Wirksamkeit als Akteure hänge davon ab, wie sie ihre Absichten und Handlungen zum Bestandteil der Handlungen von Organisationen oder auch sozialen Bewegungen machen.

In den Kapiteln 8 und 9 (S. 103–112) geht es um das Verhältnis von Soziologie und Psychologie in der Persönlichkeitsforschung. Der Autor setzt sich zunächst kritisch mit Versuchen auseinander, soziologische auf psychologische Begriffe zu reduzieren (Homans, Opp, Hummell). Demgegenüber beharrt er auf der Notwendigkeit einer eigenständigen soziologischen Persönlichkeitstheorie. Soziale Einstellungen, Wertorientierungen und stabile Verhaltenstendenzen seien zwar Persönlichkeitseigenschaften, allerdings nicht auf der Abstraktionsebene der Psychologie, sondern der Soziologie. Die Soziologie untersuche nicht isolierte Persönlichkeitseigenschaften, sondern sozialtypische Konfigurationen (Persönlichkeitstypen). In der Untersuchung „Lebensweise (Ost)“, sei man beispielsweise zu dem Ergebnis gelangt, dass die Einstellung zur Arbeit in der Gesamtstruktur der soziologisch relevanten Bewusstseinseinstellungen eine zentrale Stellung einnahm. In anderen Gesellschaften, Gruppen oder Milieus seien auch andere Strukturen denkbar (S. 107). Leider wird dieser wichtige Gedanke nicht weiter ausgeführt, sodass es unklar bleibt, inwieweit dieser Befund mit der spezifischen DDR-Kultur zusammenhängt. Im Kapitel 10 (S. 113–116) beschäftigt sich der Autor mit einem Gesamtkonzept in der Persönlichkeitsforschung. Anders als in der Psychologie sei es in der Soziologie von vornherein ausgeschlossen, universell gültige Persönlichkeitsmerkmale zu finden, die als Dimensionen oder grundlegende Komponenten eines Gesamtkonzepts der Persönlichkeit gelten könnten. Dabei handele es sich vielmehr um inhaltlich konkrete soziale Einstellungen, die aus Qualitäten des sozialen Systems zu erklären seien (S. 115).

Im Kapitel 11 (S. 117–124) geht es um subjektive Indikatoren in der Persönlichkeitsforschung. Der Autor unterscheidet mehrere Gruppen derartiger Indikatoren, hebt aber die besondere Bedeutung von Indikatoren hervor, die eine individuelle Handlungsbereitschaft zur Gestaltung der gesellschaftlichen Umwelt im Kontext des sozialen Wandels zum Ausdruck bringen (S. 117). In den gängigen Surveys wie z.B. ALLBUS oder SOEP würden v.a. Indikatoren eingesetzt, die subjektive Befindlichkeiten zum Ausdruck bringen, Indikatoren, die sich auf eine konkrete Handlungsbereitschaft beziehen, würden demgegenüber weitgehend fehlen.

Das Buch schließt mit einer Art persönlicher gesellschaftlicher Zukunftsvision unter der Überschrift „Gesellschaft der individuellen Selbstverwirklichung“(S. 125–128). Dabei handele es sich um eine wissenschaftlich begründete realistische Perspektive, deren Realisierungschancen in dem Maße steigen, wie die Menschen sich dafür einsetzen. Individuen würden in der Gesellschaft der Zukunft eine höhere Rolle spielen als heute. Das wachsende allgemeine Bildungsniveau und die sozialen Medien sind nach Meinung des Autors wichtige Voraussetzungen für individuelle Selbstverwirklichung.

Diskussion

Der Wert des Buches besteht vor allem darin, dass der Autor durch vielfältige Argumente und empirische Befunde deutlich macht, dass die Analyse von sozialtypischen Handlungspotenzialen bezüglich einer gesellschaftlichen Subjektrolle von Individuen eine Notwendigkeit ist, um wesentliche soziale Prozesse verstehen und auch prognostizieren zu können. Er weist auch zu Recht auf Defizite und Einseitigkeiten in der empirischen Forschung hin, die aus dem Fehlen einer so verstandenen soziologischen Persönlichkeitstheorie resultieren. Es stellt sich allerdings die Frage, inwieweit es ihm tatsächlich gelungen ist, diesen Anspruch auch einzulösen und im gegebenen Zusammenhang Soziales durch Soziales zu erklären. Man erfährt wenig darüber, auf welche konkrete Weise bestimmte gesellschaftliche Umweltfaktoren Persönlichkeitsmerkmale wie Wertorientierungen und generalisierte Einstellungen beeinflussen. Nur andeutungsweise wird auf Arbeiten von Kohn und Habermas verwiesen, dass der liberalere Erziehungsstil in Mittelschichten zu einer stärkeren Kritikfähigkeit gegenüber dem kapitalistischen System führe (S. 60), dies wäre zumindest ein Erklärungsansatz für einen bestimmten Zusammenhang. Wenn z.B. mit Bezug auf empirische Untersuchungen wiederholt auf die Bedeutung von Bildung und Arbeitsinhalt für die Persönlichkeit hingewiesen wird, handelt es sich dabei zunächst nur um die Benennung einer statistischen Korrelation, eine wirkliche Erklärung dieses Zusammenhangs ist damit noch nicht geleistet. Der vom Autor formulierte Anspruch, „den Prozess der Herausbildung neuer Ideen, Bedürfnisse und Ansprüche der Individuen bzw. Persönlichkeitstypen zu untersuchen“ (S. 57) kann so kaum eingelöst werden. Ähnlich verhält es sich mit den von dem Autor relativ breit diskutierten und auch mit empirischen Befunden belegten Persönlichkeitstypen. Er verweist auf klassische soziologische bzw. sozialpsychologische Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen kulturellen und anderen sozialen Verhältnissen und bestimmten Persönlichkeitstypen bzw. sozialtypischen Verhaltensweisen herstellen (Weber, Mead, Kardiner, Fromm, Marcuse u.a.m.). Eigene Ansätze zur Erklärung der statistisch ermittelten Persönlichkeitstypen bzw. differenzierte Einschätzungen, was an diesen Konzepten auch für aktuelle Fragestellungen noch fruchtbar sein sind nur wenig vorhanden, es finden sich eher beiläufige Bemerkungen wie der Verweis auf die Situation in den neuen Bundesländern Anfang der Neunzigerjahre (Euphorie über neue Reisefreiheit, aber Ängste angesichts einer schnell steigenden Arbeitslosigkeit) (S. 80).

Die Exkurse des Verfassers zu Veränderungstendenzen der Arbeitswelt und zur Digitalisierung sind kursorisch und greifen allenfalls nur einige Elemente der Entwicklung heraus. Andere, seit Jahren ablaufende gesellschaftliche Prozesse wie z.B. die Herausbildung eines bedeutenden Niedriglohnsektors und das starke Wachstum einer akademischen Mittelschicht werden nicht diskutiert. Gerade diese Prozesse sind jedoch mit der Differenzierung von Lebenswirklichkeiten, sozialen Erfahrungen und einer daraus resultierenden Aneignungsbereitschaft gegenüber sinnstiftenden Erzählungen und tradierten Werten verbunden und dürften nicht ohne Folgen für die subjektiven Handlungspotenziale und -orientierungen von Persönlichkeiten sein.

Fazit

Das Buch enthält überzeugende Argumente für eine genuin soziologische Persönlichkeitstheorie, die über Sozialisations- und Befindlichkeitsforschung hinausgeht. Das eingangs vom Autor genannte Ziel, dafür „Bausteine“ zu liefern, wird in vollem Maße eingelöst. Als interessant und anregend ist insbesondere auch die Darstellung soziologischer Forschungsbefunde aus der DDR bzw. aus den Neunzigerjahren zu werten. Allerdings reicht die Erklärungskraft des vom Autor aufgezeigten theoretischen Rahmens noch nicht aus, um aus diesen Bausteinen wirklich ein Gebäude entstehen zu lassen.

Rezension von
Dr. phil. Ralph-Elmar Lungwitz
Soziologe, im Ruhestand
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Es gibt 1 Rezension von Ralph-Elmar Lungwitz.

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Zitiervorschlag
Ralph-Elmar Lungwitz. Rezension vom 22.02.2022 zu: Günter G. H. Gutsche: Beiträge zur Soziologie der Persönlichkeit. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-339-12036-6. Reihe: Soziologische Themen zur Diskussion - 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27914.php, Datum des Zugriffs 29.09.2022.


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