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Klaus Günther: Sterben neurobiologisch betrachtet

Cover Klaus Günther: Sterben neurobiologisch betrachtet. Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 211 Seiten. ISBN 978-3-8474-2462-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Sterben ist Zeichen und Zumutung

Der Tod ist Teil des Lebens – und gleichzeitig sein Ende! Beim Nachdenken über das Leben haben Menschen immer wieder danach gefragt, was „thanatos“ (Θάνατος, griechisch; mors, lateinisch) für das menschliche Dasein bedeutet. Es sind Überlegungen, Akzeptanzen und Wütungen (Reiner Sorries, Vom guten Tod. Die aktuelle Debatte und ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/​19925.php); und es geht um die intellektuelle Auseinandersetzung um Unendlichkeit und Endlichkeit (Hans-Peter Waldhoff, Im Spannungsfeld von Eros und Thanatos. Eine psychoanalytische und erkenntniskritische Untersuchung, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​23350.php). Insbesondere in Zeiten und Erlebnissen des erlebten Sterbens im nahen Umfeld und beim sich ankündigenden eigenen Schwinden der Lebenskräfte kommt der Tod einem nahe! Die Reaktionen darauf sind wie das Leben: Besinnen, Nachdenken und existentielle Auseinandersetzung – oder Verdrängen, Ignorieren, Querdenken und Wirklichkeitsleugnung! Dass alles Leben endlich ist, lässt sich anthropologisch, psychisch und physisch erklären!

Autor und Inhalt

Der Politikwissenschaftler von der Universität Bonn, Klaus Günther, betrachtet mit seinem Buch das Sterben als individuelles und individualistisches Ereignis, das jedoch (im Allgemeinen) eingebunden ist in ein persönliches Umfeld: Familie, Bekanntschaften, Freundschaften, private und berufliche Zusammenhänge. Dem direkt Sterbenden sind die nahestehenden Nachlebenden zugeordnet. Es sind die Personen und Rollen, die beim Sterbeprozess Bedeutung haben: „Die Hauptrolle fällt dem Sterbenden zu. Nebenrollen spielen nahestend und distanziert Nachlebende“. Es stellt sich ein Rollenwechsel ein, bei dem das Wissen um das Sterben verbunden wird mit der Beschwichtigung und Relativierung, die der Autor als pazifizierend und heroisierend, als mitleidendes Verstehen und als kämpferisch, tapfer und opferbereites sich Ergeben in das Schicksal, bezeichnet.

In der Einführung in die Thematik stellt der Autor historische literarische und aktuelle Beispiele als „letzte Lebensphase(n) Sterbender“ vor. Er betrachtet die Erlebnisse und Vermutungen beim Sterben neurobiologisch, nämlich insofern, dass Sterbeerlebnisse bei den Nachlebenden neue Erfahrungen bewirken können: „Sterben als Lernprozess“, intellektuell und emotional. Diese Sichtweise auf Sterbende wird in vier Kapiteln erläutert:

  • Das erste Kapitel wird getitelt mit „Empirie und Methodologie kommunikativen Sterbens“.
  • Im zweiten werden „Lernstoffe des Sterbens in Geschichte und Gegenwart“ vorgestellt, und zwar als „lokale Netzwerke überwiegend pazifizierender Beschwichtigung“.
  • Im dritten geht es um „Lernstoff des Sterbens in der Gegenwart“, als „globale Netzwerke überwiegend heroisierender Beschwichtigung“.
  • Mit dem vierten Kapitel formuliert Günther Konsequenzen und Bedenklichkeiten, die er mit der Aufforderung verbindet, „vom lebenslangen Lernen zur letzten Lebensphase [möglichst unbeschadet, JS]“ zu gelangen.

Dabei gelangt er zu der interpretierbaren und durchaus auch relativierbaren Aussage: „Wir sterben so, wie wir lebenslang Sterben gelernt haben“. Insofern nämlich, dass Sterbe-Wissen und Sterbe-Information labil und brüchig, verlässlich und unzuverlässig sein können. Diese Möglichkeiten stellt der Autor in vier Exkursen zur Diskussion:

  • Im Exkurs A entwickelt er „(Forschungs-)Strategien gegen den Pseudo-Heroismus der letzten Lebensphase“. Er stellt den immer wieder, reflektiert, idealisiert oder allzu leichtfertig und unbedacht geäußerten Wunschvorstellungen vom „abrupten und menschenwürdigen Sterben“ die Alternative einer palliativen Sterbebegleitung gegenüber.
  • Im Exkurs B diskutiert er über die „Vereinbarkeit von verstecktem und veröffentlichtem Sterben“. Er zeigt die Fallen und Irrungen auf, verdeutlicht aber auch, dass „der neurobiologische Blick auf lokal und global interpretierte Sterbe-Ereignisse das Verständnis dafür (ermöglicht), dass verstecktes Sterben mit breit veröffentlichtem Sterben vereinbar ist und beide ineinander übergehen können“.
  • Im Exkurs C greift der Autor in den kontroversen Diskurs um Organspenden ein. Er plädiert für „palliative Intelligenz“, mit der gegenüber den Sterbenden medizinisch-pflegerische und menschliche Zuwendung und Verantwortung gefordert wird.
  • Im Exkurs D geht Günther auf die aktuelle Situation ein, dass es bei der Corona-Pandemie eines besonderen Umgangs mit Sterbenden bedarf: Es ist „die schwierige Gratwanderung zwischen Maßnahmen des Lebens- und Sterbeschutzes einerseits, ihrer Verträglichkeit und Verhältnismäßigkeit andererseits“, die auch in Krisensituationen zu beachten und einzuhalten ist.

Diskussion

Sterben ist ein natürlicher, unvermeidbarer Prozess des Lebens. Diese erst einmal richtige und realistische Aussage ist nicht leicht zu akzeptieren; sowohl für diejenigen, die das Leben lieben, als auch für die anderen, die am Leben zweifeln. Es ist der individuelle, persönliche Blick auf den Sterbeprozess, der für die Bewältigung dieser Wahrheit bedeutsam und hilfreich ist. Es ist aber auch die Aufmerksamkeit auf das Umfeld des Sterbenden, die Leben und Sterben als Kontinuum des Lebens verstehen und ertragen lässt. Wenn die Erfahrung stimmt, dass ein guter Tod nach einem guten, humanen Leben möglich wird, hilft der neurobiologische Blick sehr – weil er „das Interesse an den Sterbenden auf die Nachlebenden verlagert“.

Fazit

Der Tod ist Zumutung und Zustand – weder zu ignorieren, noch zu vergessen! Wenn das Sterben von Angehörigen und Personen, die im eigenen Leben Bedeutung gewonnen haben, als Prozess des Liebens und Lebens akzeptiert wird, kann man von einem „guten Tod“ sprechen! Neurobiologische Betrachtungen können dabei helfen, mit diesem Verlust zu leben!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.07.2021 zu: Klaus Günther: Sterben neurobiologisch betrachtet. Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2462-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27915.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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