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Bastian Becker, Tanja Ewering: Kooperatives Lernen und Heterogenität

Cover Bastian Becker, Tanja Ewering: Praxisleitfaden Kooperatives Lernen und Heterogenität. Aktivierende Klassenführung für Inklusion und gemeinsames Lernen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 232 Seiten. ISBN 978-3-407-63203-6.

Große Methodensammlung für gelingenden Unterricht.
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Thema

Wie können Lehrkräfte Heterogenität und Inklusion im Schulalltag meistern? Es bedarf konkreter Werkzeuge und Hilfsmittel, um dieser Herausforderung bereits heute gewinnbringend und konstruktiv zu begegnen. Die vorliegende Monografie eignet sich als vielfältiger, praxisnaher Methodenkoffer, um den eigenen Unterricht weiterzuentwickeln. Schwerpunkte bilden ausgewählte Verfahren und Prinzipien des Kooperativen Lernens und der aktivierenden Klassenführung. Die dargelegten Reflexionen, Umsetzungsbeispiele und Anleitungen inspirieren die eigene Unterrichtsplanung und Lehrtätigkeit. Auch unterstützen sie dabei, die aufgeführten Methoden im eigenen Praxisfeld einzusetzen. Ein kommentiertes Literaturverzeichnis am Ende bietet zielführende Möglichkeiten der Vertiefung.

Autor:innen

Bastian Becker ist Fachleiter für das Fach Deutsch für Gymnasien und Gesamtschulen. Tanja Ewering ist Lehrerin für Sonderpädagogik und Fachleiterin für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

Die elf Kapitel dieser Monografie setzen verschiedene Methodenschwerpunkte. Daneben behandeln sie grundsätzliche Themen wie den Umgang mit Heterogenität, das Leben und Arbeiten in der Schulgemeinschaft und die Teamzusammensetzung der Lehrenden.

Zu Anfang wird die Aufmerksamkeit auf die theoretische Basis der nachfolgenden Methoden gelenkt (S. 12–21). Lernen und die Lernenden werden ganzheitlich betrachtet. Schüler:innen sollen durch das Kooperative Lernen die Möglichkeit zum Denken, Reflektieren, gemeinsamen Diskutieren und Präsentieren ihrer Ergebnisse erhalten, um ihre fachlichen und überfachlichen Kompetenzen weiterentwickeln zu können.

Im Zuge dessen bietet sich laut dem zweiten Kapitel das Denken-Austauschen-Vorstellen (DAV) an (S. 22–58). Die erste Phase, das Denken, ermöglicht den Lernenden, in Ruhe Lerninhalte zu erarbeiten und zu vertiefen. In der nachfolgenden Partner- oder Gruppenarbeit werden die eigenen Gedanken zur behandelten Thematik reflektiert und erweitert. Zuletzt stellen die Schüler:innen ihre Lernergebnisse vor (S. 23). Diese Methodik wird nicht nur in ihren Grundzügen dargestellt. Zudem erhalten die Leser:innen Methoden und Praxistipps an die Hand, um diesen Dreischritt in der eigenen Lehrtätigkeit in vielfältiger Weise umsetzen und mögliche Herausforderungen erfolgreich meistern zu können.

Im dritten Kapitel (S. 59–68) folgt der erste Methodenschwerpunkt: Verabredungspartner/​innen im Gemeinsamen Lernen (S. 59). Dieses Verfahren dient dazu, die Interaktionen zwischen den Schüler:innen strukturiert zu steigern, um die Zusammenarbeit und Selbstständigkeit aller Lernenden schrittweise auszubauen, sowie potenzielle Kooperationshemmnisse unter den Heranwachsenden abzubauen. Neben dem dahinterliegenden grundlegenden Prinzip thematisieren Becker und Ewering mögliche Varianten der Methode, Aspekte der Unterrichtsplanung, Praxistipps für die Einführung und Durchführung dieses Verfahrens sowie Hinweise für den Umgang mit Herausforderungen.

Das vierte Kapitel widmet sich komplexeren Varianten des Denken-Austauschen-Vorstellen (DAV) (S. 69–79). Erste Erfahrungen mit der Methodik und erweiterte überfachliche Kompetenzen der Lernenden in der individuellen Arbeitsweise und Kooperation in Gruppen werden hier vorausgesetzt.

Das fünfte Kapitel (S. 80–104) thematisiert das Kooperative Lernen im Zusammenhang mit Inklusion. Die Autor:innen gehen eingangs auf die Kernelemente kooperationsfördernder Arbeitsaufträge und Umsetzungsstrategien der Kooperation unter besonderer Berücksichtigung der Inklusion ein. Ein für Gruppenprozesse relevanter Aspekt bildet die positive Abhängigkeit voneinander, welche das Verantwortungsgefühl der Lernenden für sich selbst und die Gruppe stärkt (S. 85). Welche Schritte zu beachten sind, welche Rollen die Schüler:innen einnehmen können und welche didaktischen Mittel die direkte Interaktion zwischen den Gruppenmitgliedern stärken, wird praxisnah aufgezeigt. Nach dem Austausch folgt das Vorstellen der Gruppenergebnisse. Damit verbundene vorgestellte Vorgehensweisen und Feedbackregeln bieten wertvolle Hinweise für die eigene Lehrtätigkeit. Ausgewählte Empfehlungen und Hinweise zur Gestaltung einer Unterrichtsstunde runden das Kapitel ab.

Neben der Vielfalt der Lernenden sollte ebenfalls die Vielfalt der Lehrenden genutzt werden (S. 105–112). Das sechste Kapitel zeigt auf, wie dies erfolgen kann und welche Mechanismen sich in der Praxis bewährt haben. Ein Lehrtandem aus dem allgemein- und dem sonderpädagogischen Bereich kann in verschiedenen Formen kooperieren. Eine gelingende Teamarbeit erfordert Austausch, Zeit, Offenheit und Rollenklarheit. Als Lehr-Tandem können sich Lehrkräfte gegenseitig unterstützen und diese anspruchsvolle Arbeit gemeinsam meistern. Ihre eigene Diversität bietet zudem selbst eine eigene wertvolle Lerngelegenheit, von der Lehrkräfte und Schüler:innen gleichermaßen profitieren.

Danach wird aufgezeigt, wie Lehrende mit Heterogenität und Vielfalt im Unterricht didaktisch umgehen können (S. 113–151). Grundsätzlich wird die Balance zwischen der individuellen Einzigartigkeit und der Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls in den Fokus gerückt. Die damit einhergehende inklusionsorientierte Didaktik kann natürlich nicht in ihrer Gänze vorgestellt werden. Der dargebotene Einblick zeigt jedoch erste Handwerkszeuge und Inspirationen für die Durchführung in der eigenen Lehrtätigkeit auf.

Daran schließt der zweite Methodenschwerpunkt an, welcher die Differenzierung nach dem Lerntempo in den Blick nimmt (S. 152–183). Aufeinanderfolgende Wechsel zwischen Einzel- und Partnerarbeit/​Gruppenarbeit ermöglichen es den Heranwachsenden, im eigenen Tempo arbeiten zu können, „ohne warten zu müssen oder sich gehetzt zu fühlen“ (S. 152). Dabei können unterschiedliche Differenzierungsstufen helfen, der Heterogenität der Schüler:innen gerecht zu werden. Wie die Motivation der Lernenden gestärkt werden kann und wie Herausforderungen bei dieser didaktischen Methode begegnet werden kann, wird anhand verschiedener Beispiele thematisiert. Als hilfreich erweist es sich laut Becker und Ewering, mit der Partnerarbeit zu beginnen und im Zuge zunehmender Erfahrung mit der Methode die Anzahl der Gruppenmitglieder auf bis zu vier Kinder schrittweise zu erweitern.

Wie kann die Grundhaltung, jeder arbeitet mit jedem, innerhalb einer heterogenen und vielfältigen Klassengemeinschaft implementiert werden? Wie können Schüler:innen hierbei unterstützt werden? Diesen Fragen widmet sich das neunte Kapitel In der Gemeinschaft leben und arbeiten (S. 184–195). Soziale Lerneinheiten, Teambuildingprozesse oder erlebnispädagogische Instrumente sind nur eine kleine Auswahl der praktischen Themenfelder, welche dieses Kapitel bereithält.

Ein neues Konzept zu implementieren bedarf neben eines Methodenkoffers einer gelingenden Argumentation für Veränderungsprozesse. Das zehnte Kapitel bietet hier eine Fülle schlüssiger Argumente für Lehrkräfte, welche Inklusion innerhalb ihres Unterrichts verwirklichen möchten. Dies erfolgt in einer Gegenüberstellung des traditionellen Unterrichts und des Gemeinsamen Lernens (S. 196–197).

Anschließend folgt der dritte Methodenschwerpunkt „Direkte Instruktion“ (S. 198–211). Dieses Verfahren wird von den beiden Autor:innen als hilfreich für die Vermittlung von Basisinformationen und -fertigkeiten und bei Themeneinführungen anerkannt. Welche Schritte hierbei vollzogen werden sollten, wie sie mit dem Kooperativen Lernen verbunden werden kann, zeigt dieses Kapitel auf.

Zuletzt erhalten die Leser:innen Informationen zu weiterführenden theoretischen Aspekten, Hintergründen und Kernbotschaften des Kooperativen Lernens (S. 212–225). Eine Quintessenz bildet die Förderung der Inklusion durch das Kooperative und Gemeinsame Lernen. Dies erfordert eine offene und inklusive Haltung der Lehrkraft und berücksichtigt die Vielfalt der Klassenzusammensetzung. Die Strukturiertheit der zahlreich behandelten Methoden ermöglicht eine ganzheitliche Förderung der Schüler:innen und bietet abwechslungsreiche Lerngelegenheiten. Die Implementierung gestaltet sich als ein Prozess, welcher innerhalb des Kollegiums zudem die Wahrnehmung als Team stärkt.

Diskussion

Becker und Ewering zeigen auf, wie Inklusion bereits heute im Schulalltag gelingen kann. Die heterogenen Lernvoraussetzungen von Schüler:innen mit und ohne Beeinträchtigungen können mithilfe der vorgestellten Methoden berücksichtigt werden. Damit leistet dieses Werk einen bedeutsamen Impuls für die Gestaltung der eigenen Unterrichtspraxis, welcher im Schulalltag eine gleichberechtigte Teilhabe aller im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention fördert.

Es bedarf dazu eines Umdenkens der eigenen Rolle und Haltung sowie einer ganzheitlichen Sicht auf das Lernen. Die eigene Rolle wandelt sich hin zu einer Moderationsrolle, die aktivierende, reflektierende und soziale Lernumgebungen schafft. Dies erfolgt nicht willkürlich. Das Kooperative und Gemeinsame Lernen bieten eine hilfreiche Struktur. Dahinter steckt das Bild vom aktiven, kompetenten Lernenden, der seine Ressourcen gewinnbringend einsetzt und dadurch Selbstwirksamkeit erfährt. Dieses Bild vom Heranwachsenden erinnert an reformpädagogische Ansätze und die frühpädagogischen Bildungs- und Erziehungspläne der Länder. Die ganzheitliche Sicht auf das Lernen erlaubt es Heranwachsenden, Kompetenzen zu erwerben, die ihnen nicht nur im Schulalltag eine gewinnbringende Bereicherung bieten, sondern sie auch auf die Anforderungen der künftigen Arbeitswelt und Gesellschaft optimal vorbereiten. Damit wird über den Lebenslauf der Heranwachsenden eine Stringenz des aktiven Lernens forciert, die eine Modernisierung des Schulalltags im Sinne von Vielfalt und Heterogenität der Gesellschaft vorantreibt und ganzheitlich kompetente Schüler:innen hervorbringt, welche sich zukünftig den Herausforderungen der Gesellschaft kompetent stellen können.

Die Monografie ist für Lehrkräfte und Lehramtsstudierende ein hilfreicher Methodenkoffer, der zum Ausprobieren und zur Vertiefung der behandelten Themen einlädt. Die praxisbezogene Aufbereitung der Methoden ermöglicht es, sie in der eigenen Unterrichtsplanung und -durchführung zeitnah umzusetzen und sukzessive zu erweitern.

Fazit

Insgesamt bietet diese Fachlektüre einen praktischen Werkzeugkoffer, welcher Lehrkräfte unterstützt, bereits heute Heterogenität und Inklusion in ihrem Schulalltag umzusetzen. Wer sich hierzu genauer zu den theoretischen Hintergründen informieren möchte, erhält hilfreiche Impulse im Literaturverzeichnis. Dies ist ein Werk von Praktiker:innen für Praktiker:innen.


Rezension von
Dr. Susann Kunze
IUBH Internationale Hochschule, Bad Reichenhall/München, Kindheitspädagogik
Homepage www.iubh-fernstudium.de/die-hochschule/team/
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Zitiervorschlag
Susann Kunze. Rezension vom 23.07.2021 zu: Bastian Becker, Tanja Ewering: Praxisleitfaden Kooperatives Lernen und Heterogenität. Aktivierende Klassenführung für Inklusion und gemeinsames Lernen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-407-63203-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27916.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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