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Ullrich Kamuf: Ungiftige Leidenschaften!

Cover Ullrich Kamuf: Ungiftige Leidenschaften! Kurt Hahn und die Erlebnistherapie, die Schule Schloss Salem und der Wehrsport. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2020. 141 Seiten. ISBN 978-3-8340-2040-6. 16,00 EUR.
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Thema

Im Erscheinungsjahr des vorliegenden Buches feierte die Schule Schloss Salem ihren 100. Geburtstag, zu dem sie eine prächtige Festschrift herausbrachte (Schule Schloss Salem, 2020; vgl. Heekerens, 2021). Man könnte also in einer ersten Näherung, die durch den doch recht diffusen Titel nicht eben erleichtert wird, sagen, das Buch möchte anlässlich des 100. Geburtstages einen Beitrag zur Geschichte der Schule Schloss Salem liefern. Ein zweiter Versuch, für den der Buchinhalt wenig Hilfe bietet, so etwas wie „das Thema“ dieses Buches begrifflich zu fassen, kommt von ganz anderer Seite: Der Autor möchte Kurt Hahn als einen weiteren Pädagogen der Weimarer Republik darstellen – auch im Vergleich mit Leonard Nelson und Otto Rühle. Aber vielleicht ist der „wahre“ Titel des Buches auch ein ganz anderer und könnte „Zum Gedenken an Josef Kamuf“ heißen. Zur Begründung dieser Vermutung muss man etwas ausholen (s.u., Diskussion).

Autor

Ullrich Kamuf, Jg. 1946, hat – lt. Angaben auf der Buchrückseite – nach Studien des Maschinenbaus, der Politik- und Literaturwissenschaften sowie der Pädagogik als Werkzeugmacher, Ingenieur und Lehrer gearbeitet. Sein publizistisches Interesse galt in seinen beiden bisherigen Publikationen zwei Männern, die in der Weimarer Zeit durch bis heute modern und progressiv erscheinende Beiträge zur Pädagogik der Kindheit und Jugend aufgefallen sind, weshalb interessierte „68er“ sie später wieder lasen: Leonard Nelson und Otto Rühle. Über sie hat er publiziert in der Abhandlung „Die philosophische Pädagogik Leonard Nelsons“ (Kamuf, 1985) sowie in dem fiktiv-biographischen Text „Ella U. – Eine Jugend in Plauen 1919 -1929“ (Kamuf, 2018).

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat zwischen drei hinführenden Passagen und dem Literaturverzeichnis drei Buchteile: Dokumente, Versuche der Einordnung und Epilog. Zu den hinführenden Passagen gehört eine Vorbemerkung, in welcher der Autor – ohne sachliche Begründung – auf einer halben Seite den Salemer Wehrsport von 1932/33 nicht in eine Reihe gestellt sehen möchte mit der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ der 1970er/​1980er Jahre. In der knapp vierseitigen Einleitung unternimmt der Autor den Versuch einer „Horizonteröffnung“ und unter Jugendertüchtigung mit 15 Seiten gibt er Hinweise zur Situation der Weimarer Republik, die kein Jugendwehrgesetz erlassen hat, in der es aber – gleichsam „kompensatorisch“ – von privater Seite, so auch in Salem, Maßnahmen der militärischen Ertüchtigung von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen gegeben hat.

Der erste Hauptteil enthält, wie die Überschrift Dokumente anzeigt, die Wiedergabe einzelner Schriftstücke, die meist aus dem Salem der frühen 1930er stammen. Im einzelnen werden hier als Elemente geboten:

  • Kommissar Furtwängler: Bericht über das Kriegsspiel im Herbstsemester
  • Salemer Einzelheiten, Semesterbericht
  • H.N.: Kriegsspiel
  • A.R.: Hermannsberg, Trimesterbericht
  • Exkurs: Peter Weiss: Abschied von den Eltern
  • An die Eltern unserer Kinder!
  • Die Gefahren der gegenwärtigen Wehrsportorganisation in Salem
  • Exkurs: B. Zimmermann: Geländesport

Der zweite Hautteil ist mit Versuche der Einordnung überschrieben und enthält sieben Versuche der theoretischen („ideologischen“) und/oder zeitlich-räumlichen Kontextualisierung des Salemer Wehrsports:

  • Charakterbildung: Kurt Hahn und Leonard Nelson
  • Rettungsdienst
  • Spähen und Streifen. Führer
  • Wehrsportliche Kurse
  • Erlebnispädagogik
  • Erlebnistherapie: Salemer Regeln als Elemente der Heilung
  • Kurt Hahn und die Pädagogik

Eine abschließende synthetisierende Gesamtschau unterbleibt.

Der letzte Haupteil trägt die Überschrift Epilog und enthält die Abschnitte „Zeugnis“ und „Spruch“.

Diskussion

Einleitend war die Rede von Josef Kanuf. Besagter Mann taucht an unterschiedlichen Stellen des Buches auf. So in der Wiedergabe des Rundschreiben „An die Eltern unserer Kinder“ aus dem Salem von 1932, wo die Rede ist von einem Zeltlagerkurs mit dem „ehemaligen Reichwehrfeldwebel Kanuf“ (S. 44) als Co-Leiter. Und in einem der Salemer Hefte aus den Jahren 1932/1933 heißt es (exakte Quellenangabe fehlt): „Ende August fanden sich ungefähr 20 Jungens zum ersten Wehrsportkurs der Schule zusammen. Die Leitung hatten Herr Kommissar Furtwängler und Herr Kamuf übernommen“ (S. 47). Im Kapitel „Epilog“ ist dann nur noch von ihm die Rede. Da wird einmal ein „Zeugnis“ für den „Feldwebel a.D. Josef K.“ referiert, das am 12. Oktober 1933 ausgestellt wurde und sich auf dessen Tätigkeit in Salem ab dem 4. Juni 1932 bezieht. Unterzeichnet ist es vom Leiter der Schule Schloss Salem, der hier „Dr. M“ (S. 129) genannt wird; bei „Dr. M.“ dürfte es sich um Günther Mittelstraß handeln. Das „Zeugnis“ führt aus: „Er hat hier den Wehrsport eingeführt, die Leichtathletik, die Gymnastik und den Schießsport der Jungen geleitet und war für den Ordnungsdienst verantwortlich“ (S. 129). Einen Fundort für dieses Zeugnis gibt Ullrich Kanuf nicht an.

Ebenso wenig für den Text, aus dem er auf den beiden nachfolgenden Seiten unter der Überschrift „Spruch“ Aussagen des „Josef K.“ referiert, die jener im Rahmen eines Entnazifizierungsverfahrens im Januar 1948 getätigt haben soll. „Soll“, weil die Leser(innen) hier nur glauben können oder nicht, weil sie für eventuelle Nachprüfung wie schon im obigen Falle keine Angabe über den Fundort bzw. heutigen Aufbewahrungsort genannt bekommen. Aber die Geheimnistuerei geht ja noch weiter. Obschon offensichtlich ist, dass es sich bei der hier in Frage stehenden Person nur um Josef Kanuf handeln kann, wird dieser gleichsam zu „Josef K.“ anonymisiert. Und das bis hin zur Verfälschung der Wahrheit: Kein Salem-Leiter hätte in einem offiziellen Zeugnis von einem „Josef K.“ gesprochen, sondern stets nur von einer Person in vollem Vor- und Nachnamen. Aber vielleicht wollte Ullrich Kamuf mit seinem Sprachgebrauch andeuten, dass er Franz Kafkas „Prozess“ gelesen hat; der dortige Protagonist wird „Josef K.“ genannt.

Der Familienname „Kamuf“ ist sehr häufig, er findet sich heutzutage auch in Salem/​Baden. Es könnte sich bei Josef Kamuf also gut um irgend ein Mitglied der großen Kamuf-Sippschaft handeln, es könnte aber auch sein, dass besagter Josef Kamuf ein mehr oder minder direkter Vorfahre des Autors sein könnte. In diesem Falle könnte man das Buch auch lesen als eine besondere Form von „Familienerinnerung“, wie das die intergenerational orientierte Familienforschung und -therapie seit den 1970ern nennt.

Zum Inhalt: Das erste, was den mit Kurt Hahns Leben und Werk vertrauten Leser verwirrt, ist der Haupttitel des Buches: „Ungiftige Leidenschaften!“. Gleichsam als Beleg für diese Redeweise führt der Autor auf der Titelseite (S. 3 des Buches) in Anmerkung 1 aus: „Ungiftige Leidenschaften: 'die Lust am Bauen, die Sehnsucht nach Bewährung im Ernstfall, auch in der Gefahr, den Forschungstrieb, die Seligkeit des musischen Schaffens, die Freude an einer Kunstfertigkeit, die Sorgfalt und Geduld erfordern.' (Hahn, Verantwortung, S. 73)“ Wenn man sich den Originaltext anschaut, wobei einem der Autor mit seiner Art der Quellendokumentation wenig hilft, dann spricht Kurt Hahn in „Erziehung zur Verantwortung“ von 1954 (Hahn, 1954; 1958) allerdings nicht von „ungiftigen Leidenschaften“, sondern von „giftlosen Leidenschaften“ (Hahn, 1954; 1958, S. 73). So auch an anderer Stelle, nirgendwo aber von „ungiftigen Leidenschaften“.

Nun kann man die Ersetzung von „giftlosen Leidenschaften“ durch „ungiftige Leidenschaften“ ja als „künstlerische Freiheit“ ansehen. Man kann sie aber auch bewerten als Indikator dafür, wie wenig genau der Autor Kurt Hahns Schriften gelesen hat und/oder sie verstanden hat. Man muss dazu nur den Text lesen, der unmittelbar vor der von Ullrich Kamuf an o.g. Stelle referierten Stelle steht: „Man kann die Kinderkraft erhalten, ungebrochen und unverdünnt, den unbesiegbaren Lebensmut, das Mitgefühl, die lebhafte Neugierde, die Bewegungsfreude – all diese Schätze der Kindheit; unter einer Bedingung, dass man an der Schwelle der Pubertät die giftlosen Leidenschaften entzündet […]“ (Hahn, 1954; 1958, S. 73). An der Schwelle der Pubertät! Die aber haben doch all diejenigen längst überschritten, ja die Pubertät insgesamt ganz oder weit(est)gehend hinter sich, die als Akteure sowohl des Salemer Wehrsports am Ende der Weimarer Republik als auch der Erlebnistherapie in der jungen Bundesrepublik auf die Bühne treten.

Auch die frühste Ausführung von Kurt Hahn zu den „giftlosen Leidenschaften“ macht klar: Für die Zeit nach der Pubertät oder wenn deren Zenit bereits überschritten ist, ist dieses „sexualpädagogische“ Konzept nicht gedacht. Ich zitiere aus seinem Referat auf der Besprechung mit einigen Leitern von Landerziehungsheimen im Jahr 1928. Dort findet sich als 2. Punkt unter der Überschrift „5. Was können die Landerziehungsheime tun?“ dies: „Der 'Bruch' in den Entwicklungsjahren läßt sich vermeiden. Durch die Entfachung von giftlosen Leidenschaften wird in der Pubertät die Alleinherrschaft der erotischen Antriebe verhindert“ (Hahn, 1928; 1958, S. 34).

Nehmen wir ein zweites Beispiel, das ich als Indikator dafür werte, dass dem voriegenden Werk kein systematisches Verständnis von Kurt Hahns Leben und Werk zugrunde liegt, sondern nur angelesene Schnipsel präsentiert werden. Da schreibt der Autor auf S. 107: „Die Erlebnispädagogik ist eine Nach-Hahnsche Erfindung. Hahn spricht nie von Erlebnispädagogik.“ Wie wahr – und wie gänzlich ohne Sinn! Zunächst einmal: Kurt Hahn konnte schwerlich von „Erlebnispädagogik“ sprechen. Die früheste Belegstelle für den Begriff „Erlebnispädagogik“ findet sich in einer Publikation von 1978 unter dem Titel „Soziales Lernen und Aktion – zur erlebnispädagogischen Konzeption außerschulischer Jugendbildung an der Kurzschule Berchtesgaden“ (Mantler & Schneider, 1978). Im Jahr 1978 war Kurt Hahn bereits seit vier Jahren tot.

Der o.g. Aufsatz wurde verfasst vom damaligen Leiterduo der Kurzschule Berchtesgaden, die damals am stärksten die Modernisierung der konzeptionell auf Kurt Hahns „Erlebnistherapie“ basierenden Kurzschularbeit betrieb. Zu dieser Modernisierung gehörte auch – und dies vor allem auf die „Kundschaft“ zielend – ein veränderter Sprachgebrauch. Dafür gibt es ein zweites Beispiel: Ab den 1970ern präsentierten die Kurzschulen ihre Arbeit nach außen auch durch den Gebrauch des Wortes „Outward Bound“ – zunächst den Begriff „Kurzschularbeit“ ergänzend, ihn später ersetzend. Aber der Sache nach fand hier keine „Erfindung“ statt; vielmehr wurde die konzeptionell auf Kurt Hahns „Erlebnistherapie“ basierende Kurzschularbeit fortgeführt (Heekerens, 2019). Ullrich Kamuf hat ein falsches Geschichtsbild.

Den Fehlern im Inhalt gehen solche in der Form Hand in Hand zur Seite. Ich habe schon oben an zwei Beispielen gezeigt, dass Quellenangaben fehlen. Fehlende Quellenangaben oder solche, die nicht den Standards eines wissenschaftlichen Werkes entsprechen, finden sich auch anderswo. Ich beschränke mich hier auf zwei Beispiele, die bereits auf den ersten elf Buchseiten zu finden sind. Da wird auf S. 4 zu dem Umschlagfoto notiert: „Im Privatbesitz. Bearbeitet von Peter Mayer.“ Mehr interessiert Leser(innen) Antworten auf die Fragen: Wer ist auf dem Bild denn zu sehen? Wann und wo wurde es – ggf. vom wem – aufgenommen. Dazu keine Angaben. Leser(innen) dürfen rätseln.

Ein anderes Beispiel für eine Rätselaufgabe findet sich auf S. 11. Da wird ein Zitat geboten, aus dem die wohl bekannte hohe Wertschätzung Kurt Hahns für Hockey – faktisch ist das bei ihm Feldhockey – hervorgeht. Die Quellenangabe lautet: „Kurt Hahn nach Ingrid Warburg Spinelli“. Wer im Literaturverzeichnis nachschlägt findet unter „Warburg Spinelli, Ingrid“ eine Publikation von insgesamt 478 Seiten. Die darf man also, wenn man sich als Historiker mit Kurt Hahns Leben und Werk beschäftigt, durchlesen um das betreffende Zitat findet. Denn es ist zur Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Zitatangaben wichtig zu wissen, woher Ingrid Warburg Spinelli die Kurt Hahn zugeschriebene Äußerung denn hat. Hat sie diese aus dem Mund Kurt Hahns gehört, als sie 1927 – 1930 Salem-Schülerin war? Oder hat ihr das ihre Cousine Lola Nina Hahn-Warburg, Kurt Hahns Schwägerin, die dieser in Großbritannien traf, zugetragen? Oder etwa deren Bruder Eri(h) M. Warburg, der Kurt Hahn im Nachkriegsdeutschland bzw. der jungen Bundesrepublik mehrfach Kontakt hatte?

Zwei Bemerkungen noch zur handwerklichen Qualität des Buches. Zum einen: Das Literaturverzeichnis erfüllt nicht die Kriterien, die bei einem wissenschaftlichen Werk Standard und auch bei Sachbüchern üblich sind. Die Literaturhinweise im Text kommen abweichend von üblicher und sinnvoller Gepflogenheit ohne Jahresangabe aus. Beides in Kombination kann dann auf den Irrweg führen. Dazu nur ein Beispiel. Auf S. 101 wird als Literaturhinweis „Ziegenspeck, S. 81“ genannt. Im Literaturverzeichnis findet sich dann „Ziegenspeck, Jörg: Erlebnispädagogik. In Neubert, Waltraud: Das Erlebnis in der Pädagogik“. Verfolgt man die ausgelegte Spur weiter, findet sich „Neubert, Waltraut: Das Erlebnis in der Pädagogik. Mit einem Vorwort von Karl Sauter und einem Nachwort von Jörg Ziegenspeck. Lüneburg: Neubauer, 1990“. Jetzt glaubt man es zu wissen: Jörg Ziegenspeck hat ein Nachwort geschrieben zu der 1990 veröffentlichten Arbeit von Waltraut Neubert, die man vom Titel und Verlag(sort) her als Aktualbeitrag zur damals heftigen Diskussion in der deutschen Erlebnispädagogik begreifen darf, wenn nicht muss. Weit gefehlt: Waltraud Neubert ist eine Doktorandin Herman Nohls, die auf dessen Betreiben eine Dissertation geschrieben hat, die erstmals 1925 – da liegt kein Tippfehler vor – veröffentlicht wurde (Neubert, 1925).

Ich habe mich nach zweimaligem Durchlesen des Buches gefragt: Was ist das zentrale Anliegen Ulrich Kamufs? Will er uns aufklären darüber, dass es in Salem so etwas wie „Wehrsport“ gab und dieser gar auf Veranlassung Kurt Hahns eingerichtet wurde? Das weiß man doch, wenn man es denn wissen wollte, schon seit einem viertel Jahrhundert. Im Jahr 1996 veröffentlichte der frühere Salem-Schüler Ruprecht Poensgens in den Viertelsjahresheften für Zeitgeschichte, die (heute online verfügbare Abhandlung) „Die Schule Schloss Salem im Dritten Reich“, in der man dies lesen kann:

„Die Öffentlichkeit glaubte mitunter, zwischen bestimmten Auffassungen der Gründer Salems und einzelnen Forderungen der NS-Bewegung Berührungspunkte zu erkennen. Als Hahn z.B. im Jahre 1932 in Salem die verlorene staatliche Wehrpflicht durch eine 'freiwillige Wehrverpflichtung' ersetzen wollte – die Absolvierung zweier 14-tägiger wehrsportlicher Kurse sollte zur Vorbedingung für die Versetzung in die Oberprima werden –, reagierte das 'Berliner Tageblatt' irritiert. Unter der Frage, 'wer hört da nicht den Hitler tapsen', warf man Hahn vor, sich den 'Mächtigen dieser Welt' anbiedern zu wollen“ (Poensgens, 1996, S. 30).

Oder verfolgte Ullrich Kamuf noch ein tiefer liegendes Interesse? Etwa dies, uns vor Augen zu führen, dass Kurt Hahn – auch und gerade im Vergleich mit Leonard Nelson und Otto Rühle – in pädagogischer wie in politischer Hinsicht kein „Linker“, sondern tatsächlich ein „Rechter“ sei. Auch das weiß man, sofern interessiert und informiert, doch schon längst. Dazu muss man sich nicht in entlegener Spezialliteratur umgesehen, sondern lediglich allgemeine Darstellungen zur Kenntnis genommen haben. So findet man etwa im Tagebuch des Salem-Schülers und Historikers Golo Mann, aufbewahrt im Schweizerischen Nationalarchiv, im Tagebucheintrag vom 28. Mai 1933, in der kurzen zeitlichen Spanne zwischen Kurt Hahns Inhaftierung und seinem erzwungenen Gang ins Exil, Folgendes zu Kurt Hahn:

„Es hat etwas Tragisches und ungeheuer Bezeichnendes, diesen Mann, seit 20 Jahren den reinsten Formulator und Praktiker der nationalsozialistischen Ideen, Praktiker in Politik und Erziehung, der hundertfach nachweisen kann, dass seine Schule die ideale Hitlerschule sei, in dessen unterdrücktem, heimlich brennenden Judentum ein furchtbarer Widerspruch liegt, der sich nun rächt – diesen Mann verfolgt, in jeder Tätigkeit mit sadistischem Raffinement gelähmt, verbannt, ruiniert zu sehen“ (zitiert nach Lahme, 2009, S. 95).

Oder nehmen wir folgende Anmerkung von Georg L. Mosse, ebenfalls Salem-Schüler und Historiker, zur Salemer Spielart von „Disziplin“ und „Disziplinierung“:

„Das sind durchweg lobenswerte Grundsätze, die sich nicht allzu sehr von denen an vergleichbaren englischen Schulen unterschieden, und Hahn wollte ja auch in Deutschland ähnliche Prinzipien durchsetzen, wie die Engländer sie nach seiner Überzeugung praktizierten. In der Praxis wurde jedoch die Disziplin zur eigentlichen Oberlehrerin – so erschien es mir wenigstens. Wir wurden gedrillt, Selbstdisziplin zu entwickeln und zu gehorchen. Die Charakterbildung, wie sie in Salem praktiziert wurde, schloss die individuelle Initiative aus. Was gefördert und produziert wurde, war die konformistische Aneignung der Tugenden, die Salem für die wichtigsten hielt. Konformität ist ein Bestandteil des Gemeinschaftsgefühls, das sich an jedem Internat entwickelt. In Salem wurde jedoch Wert auf eine vermeintlich freiwillige Konformität gelegt, die dann aber zum integralen Bestandteil der Persönlichkeit werden sollte, die diese Schule durchlaufen hatten“ (Mosse, 2003, S. 94).

Eine Bemerkung noch zum Verlag. Ich schätze ihn sehr dafür, dass er auch Bücher veröffentlicht, die ohne ihn kein Publikum oder aber nur ein kleines fänden. Zuletzt und mit Gewinn gelesen habe ich das dort publizierte Werk „Sowjetpädagogik. Wandlungen, Wirkungen, Wertungen in der Bildungsgeschichte der DDR“ (Lost, 2000). Und mit großer Freude habe ich die beiden Arbeiten von und mit dem für deutsche (Un-)Verhältnisse unkonformistischen Unterrichtsforscher John Hattie rezensiert (Heekerens, 2013, 2014). Auch das vorliegende Buch ist vom Thema her ungewöhnlich, aber es ist allein schon von seiner handwerklichen Qualität her außerordentlich schlecht; ich weiß nicht, welches Lektorat beim Schneider Verlag Hohengehren dieses Buch „durchgewunken“ hat.

Fazit

Lesen auf eigenes Risiko! Die eine oder der andere mag bei der Lektüre des Buches Gewinn ziehen. Ich selbst habe das nicht getan, sondern mir bei Lektüre des Buches zunehmend mehr ausgemalt, zu welchen weiteren Falschmeinungen zum Leben und Werk Kurt Hahns, an denen es hierzulande wahrlich nicht mangelt, dieses Buch bei Leser(inne)n ohne tiefe Sachkenntnis beitragen könnte.

Literatur

Hahn, Kurt (1928). Die Aufgabe der Landerziehungsheime. Referat auf einer Heimleiterbesprechung 1928 in Frankfurt am Main. Erstveröffentlichung 1931: Die Eiche. Vierteljahresschrift für soziale und internationale Arbeitsgemeinschaft, 19(3), 319–334. Zitiertext 1958: Kurt Hahn, Erziehung zur Verantwortung. Reden und Aufsätze (S. 28–43). Stuttgart: Klett.

Hahn, K. (1956). Erziehung zur Verantwortung. Vortrag in Duisburg am 28. Oktober 1954. Erstveröffentlichung 1956: Die Sammlung, 10(11), 246–258. Zitiertext 1958: Kurt Hahn, Erziehung zur Verantwortung. Reden und Aufsätze (S. 70–81). Stuttgart: Klett.

Heekerens, H.-P. (2013). Rezension vom 12.06.2013 zu Hattie, J., Beywl, W. & Zierer, K. (2013). Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: http://www.socialnet.de/rezensionen/​15193.php.

Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 26.09.2014 zu Hattie, J. (2014). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: http://www.socialnet.de/rezensionen/​15009.php.

Heekerens, H.-P. (2019). 100 Jahre Erlebnispädagogik. Rück-, Rund- und Ausblicke. 2019. Goßmannsdorf: ZKS-Verlag. Verfügbar unter: https://zks-verlag.de/wp-content/​uploads/​FINAL-Heekerens_1.8PaperbackInnenteil.pdf.

Heekerens, H.-P. (2021). Rezension vom 06.05.2021 zu Schule Schloss Salem e.V. (Hrsg.), 2020. Schule Schloss Salem 1920–2020. Beständigkeit und Wandel. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-038006-6 [Rezension bei socialnet]. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: socialnet Rezensionen: Schule Schloss Salem e.V.: Schule Schloss Salem 1920–2020 | socialnet.de

Kamuf, U. (1985) Die philosophische Pädagogik Leonard Nelsons. Ein Beitrag zur Bildungstheorie. Königstein/Ts.: Hain.

Kamuf, U. (2018). Ella U. – Eine Jugend in Plauen 1919 -1929. Rekonstruktion (2.Aufl.). Norderstedt: Books on Demand.

Lahme, T. (2009). Golo Mann. Biographie. Frankfurt a.M.: Fischer.

Lost, C. (2000). Sowjetpädagogik. Wandlungen, Wirkungen, Wertungen in der Bildungsgeschichte der DDR. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Mantler, R. & Schneider, A. (1978). Soziales Lernen und Aktion – zur erlebnispädagogischen Konzeption außerschulischer Jugendbildung an der Kurzschule Berchtesgaden. Außerschulische Bildung. Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, 9(4), S. 85–89.

Mosse, G.L. (2003). Aus großem Hause. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Historikers. München: Ullstein.

Neubert, W. (1925). Das Erlebnis in der Pädagogik (Göttinger Studien zur Pädagogik Bd. 3). Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Poensgens, R. (1996). Die Schule Schloss Salem im Dritten Reich. Viertelsjahreshefte für Zeitgeschichte, 44(1), 25–54. Verfügbar unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/​1996_1_2_poensgen.pdf.

Schule Schloss Salem e.V. (Hrsg.) (2020). Schule Schloss Salem 1920–2020. Beständigkeit und Wandel. Stuttgart: Kohlhammer.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 03.06.2021 zu: Ullrich Kamuf: Ungiftige Leidenschaften! Kurt Hahn und die Erlebnistherapie, die Schule Schloss Salem und der Wehrsport. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2020. ISBN 978-3-8340-2040-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27919.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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